Reise-/ Expeditions Blog
Scoresbysund
In den Fjorden der Stille
18. Juli 2026
Vikingebugt / Bredning Hall / Scoresbysund
Bea und ich sind den zweiten Tag unterwegs.
Und ich weiss wieder einmal nicht, wo und wie ich anfangen soll - dieses Problem habe ich zu Beginn meiner Reisen immer wieder. Ich brauche Zeit, um Gedanken und Erlebnisse in Worte zu fassen, sie schriftlich fixieren zu können. Schreiben ist ein Prozess, der Zeit braucht - die ich in der Regel nicht habe.

Nach der Reiseleitung für Wikinger Ende Juni in Tasiilaq habe ich in Reykjavik vier Tage Zwischenstation bei saumässigem Wetter auf dem Zeltplatz. Es ist regnerisch, stürmisch und kühl. Mittwoch abend kommt Bea und tags darauf sind wir bei besten Wetter in Nerlerit Inaat (CNP): 15°C, blauer Himmel, 0% Luftfeuchtigkeit - ein Hochgenuss trotz der schwärmenden Moskitos.
16. Juli - Ittoquortoomiit

Ich war in den vergangenen Wochen eher skeptisch, ob alles funktionieren würde. Zuerst kamen unsere Fresspakete nicht Ittoquorttoomiit an. Nachfragen bei der schweizer & dänischen Post blieben unbeantwortet oder die Pakete konnten nicht lokalisiert werden. Dann die Info von Mette, dass wir unverzüglich den Container räumen müssten, da Royal Arctic Line diesen wieder benötige - und zwar schnellstmöglich. Charlotte hatte zwei Tage vorher geschrieben, dass sie mit Familie für einige Tage im Hjörnedal (im hinteren Scoresbysund, südlich der Roten Insel) seien - Urlaub. Und jetzt?
Aber wir dürfen einmal mehr feststellen, dass sich Probleme in Grönland grösstenteils von selber lösen. Alle Pakete angekommen. Die Kajaks bereits mit dem Radlader vom Container zur Pier gebracht. Charlotte noch in Ittoquortoomiit, der Wind war zu stark um mit den offenen Booten nach Hjörnedal zu fahren.
Als der Heli am späten Nachmittag in Ittoqurtoomiit aufsetzt werden wir von Bella mit dem Quad abgeholt. Wir werfen unser Gepäck in den Hänger und sind einige Minuten später von einer dicken Staubwolke begleitet beim Guesthouse. Bella und ich fahren gleich weiter, unsere Fresspakete sind bei Mette unter dem Haus - und alles muss heute noch kommissioniert werden. Der Aufenthaltsraum im Guesthause gleicht wenig später einem Schlachtfeld. Ausrüstung, Lebensmittel und Brennstoffe für 50 Tage stapeln sich. Wir müssen die ganzen Haufen splitten: einmal für 14 Tage - und den ganzen Rest für's Depot. Nachdem alles ausgepackt und durchgezählt ist streichen wir die Segel - Verpackt wird morgen früh. Ausserdem muss ich nochmals zum Container und nachschauen ob unsere Sachen wirklich alle draussen sind...

Nächster Punkt - Antrittsbesuch bei Charlotte. Martin ist am Nachmittag von der Jagd heimgekommen, er hat 14 (!) Robben geschossen. Die Hunde müssen gefüttert werden, wenn die Familie einige Tage nicht da ist... Auf dem Herd blubbert ein Topf Suasaat , der tradtionelle Robbeneintopf. Sofort fängt mein Magen zu knurren an - wir haben seit dem Frühstück nichts mehr zwischen die Zähne bekommen. Flugs stehen zwei Teller mehr auf dem Tisch und ich nage vergnügt an Robbenrippchen.
Vor uns liegt noch eine Menge Arbeit. Charlotte eröffnet uns, dass sie mit Martin & Familie endlich morgen nach Hjörnedal fahren werden - die Windprognosen sind günstig. Scoresby und Agi werden uns, die Kajaks und sämtliche Ausrüstung morgen Mittag mit zwei Booten zu unserem Drop (nach 2/3 der Strecke nach Hecla Haven) an der Südseite des Scoresbysundes bringen und im Anschluss die Lebensmittel & Brennstoff in der alten Hütte in Hecla Haven deponieren.
Wir fallen abends um 2200 mit vollen Bäuchen todmüde ins Bett - morgen früh um 0500 klingelt der Wecker.

17. Juli - Terassevig
Morgens um 0500 ist es bei Windstille bereits so warm, dass ich draussen nur im T Shirt Kaffee trinken kann. Frühes Aufstehen ist angesagt, wir müssen noch komplett packen und das Puff hier aufräumen. Mittags sollen wir alles am Pier haben und startklar sein. Auch das Problem der kommenden Überwinterung unserer Kajaks ist gelöst - nachdem wir Charlotte gezeigt haben, dass die Boote 3fach teilbar sind bekommen wir grünes Licht und dürfen einen Nebenraum des Kellers nutzen. Mit "normalen" - also nicht teilbaren Kajaks wäre das ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Gottseidank, damit steht auch einem Kajaksommer 2027 nichts mehr im Weg...
Martin fährt unser ganzes Gepäck noch zum Strand. Aber bis wir dann alles in den Booten haben und endlich starten ist es doch schon früher Nachmittag. Aber was soll's - das Wetter ist prächtig, wir haben Urlaub und es pressiert nichts. Scoresby hat uns dankenswerter Weise noch dicke Thermooveralls mitgebracht, die zwar beim Anziehen noch viel zu warm sind, uns aber auf der langen Bootsfahrt vor Auskühlung schützen werden.

Kap Hope fliegt an den beiden Booten vorbei; die Querung des Hurry Inlets ist gewohnt ruppig. Danach wird das Wasser ruhiger und die beiden Bootsführer können richtig aufdrehen. Die aktuellen Satellitenaufnahmen haben uns gestern gezeigt, dass die Hall Breding bis auf einige kleinere Alteisfelder so gut wie eisfrei ist; also auch von dieser Seite sollten wir keine Probleme haben. Nach gut 1 1/2 Stunden erreichen und queren wir die ersten Felder des sich auflösenden alten Wintereises - es ist märchenhaft (und ein bisschen Helikopterfeeling, wenn die Boote in voller Fahrt um die grossen Schollen kurven und dabei in Schräglage gehen). Zur Linken - also nach Süden - die gezackten, steil aufragenden und vergletscherten Bergketten der Volquart Boons Küste. Direkt vor uns schält sich Milne Land aus dem Dunst und wird mit jedem zurückgelegten Meter grösser, mächtiger und eindrucksvoller.

Nach NW können wir in weiter Entfernung die vergletscherten Spitzen des Renlandes ausmachen; dort beginnen der Fön- und Nordwestfjord, dort steht die Hütte am Sydkap, unser anvisiertes Ziel in einigen Wochen. Das flache Jameson Land am nördlichen Ufer ist nur zu erahnen. Nach fast drei Stunden biegen wir in den Terrassevig, einen relativ kleinen Fjord nach dem Solgletscher ein. Das Fjordende an der Abbruchkante des Gletschers ist noch vom Wintereis bedeckt. Letztendlich landen wir am Ostufer; die Westseite ist vom Höhenprofil nicht für ein Camp geeignet. Als die Boote nach Danmark Ö und Hecla Haven weitergefahren sind und sich die Wellen des Kielwassers verlaufen haben sind wir allein.
Es ist surreal.
Unser Zelt steht auf einem Schotterstrand, mit dem ablaufenden Wasser treiben Eisflösse hinaus in die Hall Bredining. Pflanzenbewuchs und damit Grün gibt es so gut wie nicht. Der Schotter ist grau / schwarz und gibt die Wärme der Sonneneinstrahlung ab. Einige Kilometer weiter südlich am Fjordende stürzt der Foldegletscher kaskadenartig vom Inlandeis herab. Das Rauschen von Schmelzwasser dringt über den Fjord. Und im Verlauf des Nachmittags kommt Bergwind auf, der immer stärker werdend vom Gletscher herabweht. Die Zeit verfliegt; wir müssen die Kajaks fertig machen und noch einige Reperaturen & Abänderungen an der Ausrüstung vornehmen, dazu sind wir in Ittoquortoomiit nicht mehr gekommen. Aber das ist nicht wichtig: wir sind froh, dass es mit dem Transfer letztendlich so schnell geklappt hat und wir nicht übers Wochenende in der Siedlung hängengeblieben sind. Der Wind nimmt im Laufe des Abends immer mehr zu und wird böig, setzt den Wellen im offenen Wasser sofort Schaumkronen auf und schüttelt das Zelt ordentlich durch. Wir gehen mit dem Gedanken in die Schlafsäcke, dass wir Annäherungsgeräusche von eventuellen Bären auf dem Schotter dementsprechend nicht hören werden...


18. Juli - Vikingebugt

Morgens ist es windstill, leicht bewölkt und kühl.
Aus der Bucht treibende flache Schollen alten Wintereises sind es entlang unseres Uferabschnitts auf Grund gelaufen und blockieren uns. Wir müssen Kajaks und unsere Ausrüstung gute 150m weit durch den Schotter tragen bevor wir die Boote beladen und zu Wasser lassen können. Und das heisst dann doch einige Male hin und hergehen zu müssen um alles zu traversieren. Dabei bleibt die Pumpgun beim immer kleiner werdenden Häufchen unseres Camps, während wir die .308 mit den ersten Packsäcken am Einsetzort deponieren. Mit blossem Auge sehen wir auf dem Eis am Gegenufer kleine Punkte, eigentlich Würmer auf dem Eis. Ein Blick durch das Fernglas zeigt uns, dass es Robben sind die ein Sonnenbad nehmen - und es werden immer mehr. Schlussendlich zählen wir gut 40 Stück. Und damit ist Vorsicht geboten: Wo sich Robben aufhalten, sind Eisbären in der Regel nicht weit.
Aber auch mit dem neuen Platz haben wir kein Glück. Wir bekommen die Kajaks zwar ins Wasser, aber das Eis ist immer noch zu dicht. Die tief im Wasser liegenden Eisschollen haben sich ineinander verhakt, sind brutal schwer und lassen sich kaum verschieben, da keine Lücken dazwischen sind. Es ist eine ziemlich kompakte Masse, die durchgängiger erscheint als sie es tatsächlich ist. Letztendlich müssen wir die Boote noch ein weiteres Stück treideln, bis wir endlich starten können.

Aber was für ein Start...
Bea ist das letzte Mal vor 7 Jahren im Kajak gesessen, ich selber 2024, also vor 2 Jahren. Nun gut, ich habe eben eine Kajaktour in Ostgrönland geleitet - aber mit einem Dickschiff von Prijon. Breit, behäbig, gutmütig, ohne Deckslast. Unsere NDK's sind reinrassige, schmale Seekajaks die auf Geschwindigkeit getrimmt und auf Länge gebaut sind. Dazu hat jeder von uns beiden eine 110l DuffleBag auf dem Achterdeck sitzen, zusätzlich das Gewehr auf dem Vordeck - also haben die Boote einen hohen Schwerpunkt. Wir brauchen beide unsere Zeit, um uns wieder an unsere Explorer zu gewöhnen. Bea vielleicht ein bisschen mehr als ich... Jedenfalls bin ich froh, dass wir ruhige Verhältnisse haben. Wir queren die Bucht nach W und halten uns parallel zu einem Steilufer.
Mittlerweile haben die Wolken aufgelockert, die Sonne wärmt uns den Rücken und als zusätzliches Plus hat leichter Ostwind eingesetzt, der von hinten schiebt. Wir gleiten unmittelbar unter titanisch anmutenden Steilufern dahin, die teilweise bis zu 1.100m hoch aufragen. Durch Erosion sind über Äonen hinweg gigantische Schutthalden dierkt am Ufer entstanden. Licht und Schatten wechseln sich ab, die Farbe des Wassers wechselt entsprechend zwischen türkis / flaschengrün zu dunkelgrau und schwarz. Teilweise sind in den Uferwänden wunderschöne Basalteinschlüsse mit den typischen Orgelpfeifenformationen zu sehen.


Mittagspause machen wir am östlichen Ende des Vikingebucht. Was für ein Panorama, als wir in den Fjord eindrehen! Schon an der Mündung der Vikingebucht zur Hall Bredning ist das Eis relativ dicht. Eisberge und Brucheis wechseln sich mit grossen Flössen alten Wintereises ab. Die Ufer sind eine einzige riesige Schutthalde, Schneewächten ziehen sich der Flutkante fast ohne Unterbrechung am Ufer entlang. Humus oder gar Pflanzen sucht man hier vergeblich. 30km am Fjordende wälzt sich der Bredegletscher über 1.500m zum Wasser herunter. Zwecklos der Versuch, dort hinein zu kommen - aber einige Kilometer wollen wir doch in den Fjord hinein.
Und einmal mehr Grönland wie aus dem Bilderbuch: Eis satt, blauer Himmel, Sonne, das Bizzeln + Zischen des freiwerdenden, aus dem auftauenden Eis freigesetztem Sauerstoff im Ohr. Als wir einen kleinen, nach SO abzweigenden Nebenfjord queren und uns einen Weg durch das immer dichter werdende Eis suchen kommt eine kleine Insel in Sicht - nett für ein Camp, aber bereits von nistenden Küstenseeschwalben als fuchssicherer Brutplatz auserkoren. Keine Chance zum Anlanden. Wer sich schon mal Küstenseeschwalben genähert hat, weiss wovon ich spreche... Dementsprechend drehen wir bereits vorher ab und halten weiter Kurs auf das Südufer. Auf einer grossen Schotterbank werden wir fündig; wir können unsere Kajaks sogar ebenerdig auf den Schneewächten anlanden, da gerade Fluthöchststand ist.

Abends machen wir noch eine kurze Wanderung auf den südlich gelegenen, nächsten Höhenzug: wir wollen wissen, wie es dahinter in Richtung Gletscher aussieht. Auf 300HM angekommen bleibt uns wie in einem Comic der Mund offen stehen: wir stehen am Rande eines Steilabbruchs und sehen hinunter auf ein Eischaos, das sich unter uns bis zum weit entfernten Gletscher ausbreitet. Wintereis in unregelmässig geformten Schollen - manche davon so gross wie ein Tennisplatz, andere in der Grösse von LKW's - wechseln sich ab mit kantigen, ungeschliffenen, bizarr geformten Eisbergen. Die kantigen Formen rühren daher, dass die Eisberge noch relativ jung sind und deren Schmelzprozess erst begonnen hat. Die Abbruchkante des Bredegletschers ist gute 20km weiter entfernt im Süden; aus unserer Perspektive könnte man über die Schollen trockenen Fusses dort hin gelangen. Die tief stehende Abendsonne illuminiert die steilen, fast senkrecht abfallenden Bergflanken in ocker, verschiedenen Brauntönen, rostrot und gelb. Zwei Schneehühner fühlen sich durch unsere Anwesenheit sichtlich gestört und fliegen laut quarrend vor unseren Füssen auf; sie landen etwas überhöht von unserer Position und behalten uns im Blick.
Und natürlich wird das Licht beim Rückweg immer schöner - ich turne letztendlich fast 1 1/2 Stunden mit der Kamera auf den Schotterbänken beim Ufer herum und versuche mich an Serienaufnahmen und Timelaps mit der GoPro. Der leichte Wind hat abgestellt, im glatten Wasser spiegelt sich das Bergmassiv auf der anderen Seite der Bucht.

19. Juli - 12 km SW von Kap Stevenson
Frühstücken, Camp abbauen, packen, umziehen und die Kajaks beladen klappt schon ganz ordentlich - gegen 1/2 10 sitzen wir bereits in den Kajaks. Zugegeben - viel zu packen haben wir aktuell nicht, da wir nur Proviant für 14 Tage mit uns führen. Die Eislage in der Vikingebugt hat sich über Nacht dramatisch verändert: ein Menge Eis ist in den letzten Stunden aus dem Fjordinneren herausgekommen und liegt jetzt beinahe undurchdringlich vor uns. Eine direkte Querung im Zickzack über den Fjord hinüber zum Kap Stevenson - wie gestern Abend angedacht und von erhöhter Position machbar erschienen - ist definitiv nicht möglich. Das Eis ist durch Strömung und eventuell einsetzenden Wind permanent in Bewegung; ich möchte nicht riskieren, irgendwo in der Mitte eingeschlossen zu werden - und es sind immerhin 10 km Luftlinie. Wir probieren zunächst, uns zur Vogelinsel durchzukämpfen und uns von dort aus weiter durchzumogeln. Aber auch hier erweist sich das Eis als zu dicht, sodass wir gezwungen sind uns wieder ans östliche Ufer zurückzuziehen wo erheblich weniger Eis liegt.
Für die Querung benötigen wir letztendlich 3 1/2h. Luftlinie gute 10km, gefahrene Strecke ca. 15km durch eisgefülltes Gewässer in einer einmaligen, surreal anmutenden Landschaft. Direkt am Kap passieren wir noch einige grosse Eisberge, danach haben wir offenes Wasser vor uns. Eigentlich wollen wir jetzt raus aus den Booten, uns die Füsse vertreten und eine längere Pause machen. Eine kleine Schotterbank unterhalb der Steilwände, eingerahmt von Schneewächten erscheint uns ideal zum Anlanden. Aber leider setzt leichter Ostwind ein, der uns die niedrigen Temperaturen spüren lässt - schnell sind wir wieder in den Kajaks, es ist zu kalt zum sitzen. Letztendlich fahren wir vor dem Wind eine gute Stunde weiter, bis wir eine Mikrobucht finden die uns sowohl Windschutz als auch einen Platz zum Anlanden bietet.


Seit wir Kap Stevenson passiert haben laufen wir Kurs SW und befinden uns im südlichsten Teil der Hall Bredning; in einigen Kilometern beginnt der Gasefjord. Die Steilwände der Taenderne ragen meist etwas zurückgesetzt vom Ufer schroff und zerissen bis auf 1.500m auf. Die Ufer sind kaum begehbar: riesige Schutt- und Blockhalden, übersät und durchzogen von grossen Findlingen ziehen sich an der gesamten Küste entlang. Dauernd poltert irgendwo Steinschlag die Wände herunter, lange Staubfahnen hinter sich herziehend. Plätze für Pausen oder gar ein Camp sind rar gesät.

Es wird warm. Der Wind hat abgestellt, unsere Arme werden gefühlt immer länger. Schliesslich erreichen wir einen breiten und tiefen Schotterstrand, der den steilen Felswänden ein Stück vorgelagert und daher relativ sicher vor Steinschlag ist. Hinter dem flachen Strand öffnet sich eine kleine, eisbedeckte Lagune. Wunderschön, übersichtlich und gut gegen potentiell neugierige Eisbären zu sichern - wenn nicht ein grosser, vielfach gezackter Eisriese ca. 60m vor dem Strand auf Grund liegen würde. Das Risiko einer Flutwelle, die bei einem eventuellen Kollaps dieses Riesen über den flachen Strand fegen würde ist nicht zu unterschätzen. Ein Blick in die nächste Bucht zeigt allerdings keine Stellmöglichkeit für unseren Tunnel. Auch für einen Geodäten wäre der Platz zu wenig. Da wir auf den nächsten Kilometer wegen des Höhenprofils auch keine Alternativen ausmachen können, kehren wir schlussendlich zum Strand zurück.

22.30
Bea ist KO und bereits im Schlafsack. Ich sitze noch in der tiefstehenden Abendsonne an einen Felsblock gelehnt und rauche eine letze Pfeife. Die scharf abgestuften Drachenzähne der Bergketten hinter mir liegen satt im warmen Licht; die unterschiedlichen Gesteinsarten, die die Flanken in Bändern durchziehen sind gut zu identifizieren. Vor Milne Land - 30km nördlich von uns - liegt ein Dunstschleier über dem Wasser, der orange-golden im Licht glüht. Ab und zu knallt es hinter mir: dann poltert wieder Steinschlag die steilen Hänge herunter und endet in grossen Staubwolken in den Schutthalden. Allenthalben auch ein dumpfes Rumpeln, Grollen und Rauschen, wenn ein Eisberg draussen im Fjord kentert und sich in seiner neuen Lage stabilisiert. Einige Minuten später rauschen dann die Kalbungswellen den Schotterstrand herauf. Von unserem Hauseisberg klingt das permanente, leise Rauschen des Schmelzwasser herüber, das mich in den Schlaf begleiten wird.

20. Juli - zwischen Kap Stevenson und dem Sydbrae
Die Nacht war unruhig. Beinahe im Stundentakt donnert Steinschlag die über 1.000m hohen Wände herunter - und jedesmal stehe ich senkrecht im Schlafsack. Zusaätzlich hat die Mitternachtssonne das Zelt so aufgeheizt, dass ich Mühe mit dem Einschlafen habe - obwohl ich den Schlafsack nur als Decke benutze. Mein letzter bewusster Blick auf die Uhr ist um 0219.
Prompt haben wir den Wecker um 0700 verschlafen und sind erst gegen 0900 aufgewacht. Nachdem die gesamte Küste bis weit in den Vormittag im Bergschatten liegt ist das Zelt angenehm kühl geblieben. Auch unser Hauseisberg hat gehalten; wir sind also von einer eventuell grösseren Katastrophe verschont geblieben.
Frühstück, Abbau und Stauen der Kajaks geht heute bewusst schnell vonstatten, was der fehlenden Sonne und dem leichten Wind bei nur wenigen Grad über 0°C geschuldet ist. Angenehm wird es erst, als wir einige 100m vom Ufer entfernt sind und vom Schatten ins Licht kommen. Bea ist von gestern immer noch ziemlich platt, sodass wir bald eine Pause an einem kleinen Schotterstrand machen; sogar Frischwasser finden wir hier. Leichter Rückenwind macht die Paddelei heute erheblich einfacher - aber es ist erschreckend warm. Trotz des Backwinds läuft uns der Schweiss in Strömen innerhalb des Trockis herunter.
Wir hangeln uns von Eisberg zu Eisberg, immer öfter muss ich auf Bea warten. Gut 1 1/2h später erreichen wir am Ende der Taenderne ein Quertal, das in den Fjord mündet. Darin kommt ein namenloser Gletscher von 1.750m in mehreren Stufen bis auf 300m herab. Aus dem Gletschertor tost schlammbraunes Wasser, angereichert mit Sediment und Steinen zum Fjord herab. Das Rauschen ist bereits kilometerweit davor zu hören. Auch die farbe des Wassers ändert sich schon weit vor der Einmündung: blau/gtün wird zu hell- und dunkelbraun. Je nach Windrichtung und auf -/ ablaufendem Wasser verändert, verschiebt sich der sichtbare Eintrag bzw die untescheidlich gefärbten Wassermassen.. Ein kleines Stück nach der Mündung des Flusses kommt ein Schneefeld bis zur Wasserkante herunter; aber wieder gibt es keine Möglichkeit unser Zelt aufzustellen, das Ufer ist zu schmal. Also Zähne zusammenbeissen und weiter. Eine Stunde später werden wir dann fündig als wir eine kleine Bucht mit steilem Schotterstrand erreichen. Sogar Frischwasser gibt es in unmittelbarer Nähe. Aber zuallererst sind wir grottenfroh, dass wir unsere Trockeanzüge endlich loswerden. Es ist immer nich so warm, dass ich bis in den Abend hinein mit kurzen Hosen herumlaufe. Und das auf 71°N...

21. Juli - Paradisdal

Allzuviel haben wir heute nicht gemacht - zum einen da Bea den Muskelaufbau noch nicht hat, zum anderen da der nächste Platz für ein Camp erst gute 20 km weiter ab unserem aktuellen Platz gewesen wäre.
Durch einen Einschnitt im Höhenprofil des Gletschers in unserem Rücken bekommen wir schon sehr früh Sonne aufs und damit Wärme ins Zelt. Bis wir allerdings aus den Schlafsäcken sind, das Wasser für den Kaffee kocht und wir vor unserem Müsli sitzen sind wir schon wieder im Schatten. Folgerichtig sitzen wir mit Mütze und Fleecejacke da und halten uns nicht lange auf; Bewegung tut nit damit wir uns warmhalten können. Warm wird es erst, als wir im Trocki sind und die Spritzdecken unserer Explorer schliessen können. Aber ein Gutes hat der Bergschatten doch: für die Mücken ist es morgens zu kalt - und man kann schaufeln, ohne gleich ins Schwitzen zu geraten... Wir begegnen einer ziemlich neugierigen, beinahe zutraulichen Robbe und erleben, wie in unmittelbarer Nähe ein Eisberg kollabiert und kentert. Wasser rauscht die aufgetauchten Flanken herab. Im Morgenlicht changiert die Farbe zu mint mit schwarzen Einsprengseln von Geröll und grösseren Steinen. Nach der Karte müssten wir bald ein gut 3km breites Tal erreichen - die letzte Lande- und Campmöglichkeit vor dem immer noch 20km entfernten Sydbrae.
Leises, mit jedem zurückgelegtem Meter lauter werdendes Rauschen kündigt dann auch bald einen reissenden, viel Wasser führenden Schmelzwasserfluss an. Die Wasserwucht wird durch hohe, stehend Widerwellen am Ufer angezeigt - die Stromzungen reichen gut 150 Meter in den Fjord hinaus. Das Tosen und Rumpeln erinnert nachdrücklich an die Wasserwucht: Steine rollen am Grund des Flusses in den Fjord. Und wirklich - als wir um eine weitere Nase herumkommen öffnet sich ein weites Tal: wir benennen es Paradiestal, da es das erste Grün seit Tagen für unsere Augen bietet.

Der schlammbraune Fluss mündet über eine Lagune und mehrere Arme in den Fjord. Altschneefelder ziehen sich die steilen Nordhänge bis zum Wasser herab; dort, wo Schmelzwasser fliesst oder versickert ist es grün. Wir landen nach den Einmündungen an einem schwarzen Sandstrand, der allmählich in Schotter und nach einer Kante schliesslich in Lössboden übergeht. Bergketten und Gletscher säumen die Szenerie. Unseren Tunnel bauen wir auf der SW des Tals auf, fliessendes Wasser ist gleich in der Nähe. Nachdem wir fertig sind gibt es für jeden eine Scheibe Käse und zwei Scheiben Schwarzbrot, dazu Salami und Kaffee. Brot & Käse sind kostbar und daher rationiert - wenn aus dann aus. Aber wenigstens 10 Tage sollte dieser Luxus reichen...


Nachdem es noch früh ist, schnüren wir unsere Stiefel und machen uns auf eine Wanderung in das weite Tal hinein. Zunächst folgen wie einem kleinen Bachlauf, bis wir auf einem ersten Kamm stehen. Von hier müssen wir über aufgetauten, schlammigen und teilweise abgerutschten Permafrostboden wieder ein Stück absteigen bevor wir einige Schneefelder queren einen zweiten Kamm erreichen. Hier schliesst sich eine weitger Geröllhalde an; die Steine sind alle fest im Boden verankert und daher gut zu begehen. Nach einigen 100m ist uns der weitere Weg leider durch ein steiles Quertal versperrt, durch das ein wasserreicher Fluss tost - eine Querung ist nicht möglich. Ich mache noch Station an einem kleinen Wasserfall, bevor wir dem Fluss ins Tal folgen, wo er sich mit einem noich grösseren Fluss vereinigt, der das Haupttal und damit die Gletscher weiter hinten erntwässert. Auf dem Rückweg zum Zelt bummeln wir barfuss über den weiten Sandstrand und entdecken dabei die ersten - nicht frischen - Bärenspuren. Von Stürmen angeschwemmtes Treibholkz ist auch reichlich vorhanden; somit lassen wir den Abend am Feuer ausklingen.
22. Juli - 10 km westlich des Sydbrae

Heute früh hatten wir wieder Bergschatten - und konnten entsprechend lang & gut schlafen. Bis zum Sydbrae sind es nur 12 km; die Frage ist, wie es im Anschluss mit Stellmöglichkeiten für's Zelt aussieht.
Wir starten wieder im Schatten; heute wird es allerdings dauern, bis die Sonne über die steilen Grate kommt. Allerdings ist die Temperatur gut auszuhalten, solange man sich bewegt. Landemöglichkeiten gibt es die ganze Strecke bis zur Abbruchkante des Gletschers keine. Die steilen Schuttkegel der Steilwände gehen übergangslos ins Wasser über. Wo kleine Kies- und Schotterstrände sind hängt auftauender Permafrostboden darüber, teilweise sehen wir ganze Böschungen in Zeitlupe lautlos im Wasser verschwinden. Dazu kommt der permanente Steinschlag. Kurz bevor wir die mehrere Kilometer breite Gletscherfront erreichen, machen wir auf einigen Uferfelsen eine kurze Mittagspause, die Kajaks bleiben dabei an der Bootsleine im Wasser.

Die Abbruchkante des Sydbrae ist zwar mehr als 5 Kilometer breit, sieht aus der Nähe aber eher unspektakulär aus. Das rührt daher, weil man den gewaltigen Eisstrom, der vom Inlandeis gespeist in mehreren Wellen von gut 2.000m Höhe herabkommt aus der Nähe - also wenn man wenige hundert Meter von der Abbruchkante entfernt ist - nicht mehr sieht. Die Abbruchkante hat dabei eine variierende Höhe zwischen geschätzten 25m und 40m. Am westlichen Ende machen wir nochmals eine Pause, bevor wir wieder zu Schaufeln beginnen. Steilhänge aus unterschiedlichen Gesteinsarten und Farbnuancen - braun, ocker, rostrot, grau, schwarz - leuchten in der Nachmittagsonne. Aber es gibt weiterhin keine Landemöglichkeit... Nach einigen Kilometern mündet ein Quertal von S in den Fjord. Aus dem engen Tal tost ein schlammbrauner Schmelzwasserfluss, verliert sich in einem weiten Delta und färbt in einem weiten Umkreis das klare Wasser dunkelbraun. Am Ufer sehen wir einen schwarzu/grauen Schotterstrand; nachdem wir in einigen Kilometern Entfernung aber eine grüne Landzunge erspäht haben, bleiben wir in den Kajaks und paddeln weiter.

Auf dem Weg dahin das Highlight des heutigen Tages: wir passieren einen gigantischen Eisberg (was nicht ungewöhnlich ist); mit der sich verändernden Perspektive öffnet sich ein Tunnel, der durch den ganzen Eisberg führt. Die Dimensionen sind nicht in Worte zu fassen, aber man könnte wahrscheinlich mit einem Segler in der Grösse der Tilvera durchfahren, ohne dass die Mastspitzen die Tunneldecke berühren würden. Ich bin hin und weg und kann mich von diesem Monster kaum losreissen.
Ich erwäge ernsthaft, die Passage durch den Tunnel zu wagen - lasse es aber vor allem aus Rücksicht auf Bea bleiben. Die letzten Kilometer bis zu der grünen Landzunge ziehen sich in der Nachmittagssonne. Wir sind komplett durchgeschwitzt, als wir nach der Landung aus den Trockis schlüpfen und werden sogleich von ausgehungerten Mücken heimgesucht.


23. Juli - selber Platz

Heute morgen sind wir bei Regen aufgewacht - ich hab' mich auf der Stelle umgedreht und weitergeschlafen. Nach gut einer Woche scheint dies der erste wetterbedingte Ruhetag zu werden. Als wir am späten Vormittag frühstücken, hat der Regen aufgehört; wir beschliessen dennoch hierzubleiben und machen nachmittags eine längere Wanderung um die Gegend zu erkunden. Wir sitzen auf einer grossen Halbinsel, die sich über 20 KM unterhalb der steilen Bergflanken am Gasefjord entlangzieht. Ich möchte vor allem auf die Hügelketten, um wegen der Eislage einen Blick in den Fjord werfen zu können. Unser Zelt steht oberhalb einiger Felsrippen mit Blick nach NO. In Richtung W / SW sind wir durch dier Bergketten geschützt. Daher bemerken wir den steifen Westwind, der aus dem Gasefjord bläst erst, als wir nach 50, 60HM auf der ersten Kuppe stehen.

Der Wind nimmt weiter zu und ist in Böen sogar stürmisch. Als wir einen kleinen See umrunden, haben die Wellen bereits wenige Meter nach dem Ufer Schaumkronen aufgesetzt. Über kleine, windgeschützte Quertäler steigen wir weiter auf um den höchsten Kamm zu erreichen, der den Blick auf den Fjord versperrt. Dabei queren wirmehrere Feuchtwiesen mit neongrünen, dicken Moospolstern und richtiggeghenden Niviaqfelden. So massiert habe ich Niviaq noch nie gesehen... Als wir auf ca. 250HM den Kamm erreicht haben flattern unsere Hosenbeine im Wind. Der Himmel ist aufgerissen, Quellwolken steigen an den Bergkämmen der anderen Fjordseite in den Nachmittagshimmel. Durch den Wind ist es aber so frisch, dass wir umgehend Fleece und Goretex rauskramen.
Gefühlt ist erheblich mehr Eis auf dem Wasser als gestern. Das ist aber dem starken Wind geschuldet, der das ganze Eis aus dem Fjordinneren in Richtung Hall Bredning schiebt. Der Gasefjord zieht sich von hier noch gute 80 KM, aufgesplittet in mehrere Arme, nach W / SW und hat mehrere aktive Gletscher, die grosse Mengen Eis kalben. Ein wunderschöner Anblick - wir haben die Musse, dem Eis beim Treiben zuzusehen. Ich aber werde nachdenklich, da ich nicht mit solchen Mengen Eis gerechnet habe. Aktuell planen wir, noch 1-2 Tage weiter in den Gasefjord vorzudringen, dann ans Nordufer zu queren um dann Kurs auf Danmarks Ö zu nehmen wo in Hecla Haven unser Depot auf uns wartet. Unser Proviant reicht noch für 8 Tage; spätestens dann sollten wir dort eintreffen...

Auf dem Weg zurück füllen wir unsere Wassersäcke an einem kleinen, beinahe trocken gefallenen Bach - es gibt kein Wasser in Campnähe. Zurück am Zelt sind wir wieder im Lee - und sofort sind die Mücken wieder da. Wieder einmal treiben uns die Plagegeister alsbald ins Zelt.

24. Juli - Gaseland

Heute morgen ist es wieder wolkenlos und warm - die Sonne knallt vom Himmel. Um uns vor den Mücken zu schützen, ziehen wir die Hardshelljacken über die T Shirts - und schwitzen. Aber da können die Biester wenigstens nicht durchstechen... Als wir das Camp abgebaut haben und in die Trockis steigen wird es besser. Was für eine Wohltat, dann endlich wieder auf dem Wasser zu sein und die Mücken hinter sich zu lassen! Das ist auch so ein Aspekt, den ich am Kajakfahren in arktischen Gefilden so sehr schätze.
Das Vorland auf der Südseite des Gasefjords - eine Halbinsel unterhalb der Bergketten mit einer Ausdehnung von 5 x 20km) - ist relativ flach; die Uferfelsen leigen leuchtend in ocker, orange, rostrot und braun im Morgenlicht.

Als wir um ein kleines Kap herumkommen und nach Westen eindrehen dann die böse, aber bereits befürchtete Überraschung: der gestrige Starkwind (Föhnsturm?) hat extrem viel Eis aller Grössenklassen aus dem inneren Gasefjord verfrachtet. Wir sind gezwungen, ab dem ersten Meter Zickzack zu fahren und kommen dementsprechend nur langsam voran. Aber - es ist unwahrscheinlich schön, ich könnte schreien vor lauter Glück. Nullwind. Jede kleinste Eisscholle, jedes Detail der Eisberge spiegelt sich im Wasser. Liegen wir gestoppt können wir zusehen, wie das Eis vom ablaufenden Ebbwasser bewegt wird. Ein Traum in Zeitlupe. Nach einigen Kilometern murmelt Süsswasser in einer engen Schlucht dem Fjord entgegen. Das Fjordwasser wechselt allmählich von blau/schwarz zu türkis und schliesslich schlammbraun. Die Farbunterschiede sind strömungsbedingt wie mit dem Messer gezogen. Lauter werdendes Rauschen kündigt den nächsten Schmelzwasserfluss an, der ein enges Tal herunterdonnert und viel Sediment mit sich führt. Die Eislage verschärft sich über die Stunden zusehends. Das Eis liegt immer dichter, teilweise sind grosse Schollen Wintereis dabei. Wir müssen vermehrt viel zu dicht an grossen Eisbergen vorbei, um überhaupt noch vorwärts zu kommen. Die Mittagspause verbringen wir auf einer kleinen Felsbank, die Kajaks verbleiben an den Bootsleinen im Wasser. Die heutige, bis jetzt zurück gelegte Distanz fällt nach 4 wunderschönen Stunden schwerer Arbeit eher kläglich aus. Bea spricht aus, aus mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf geht: macht es Sinn, bei diesen Eisverhältnissen tiefer in den Fjord vorzudringen? Auch wenn es nach der Engstelle in einigen Kilometern vielleicht wieder auflockert?

Wir entscheiden uns abzubrechen. Aber nachdem es noch relativ früh am Tag ist, wir einen paddelfreien Tag hinter uns haben und das Wetter weiterhin ruhig ist nehmen wir die Querung des Knaekket in Angriff. Das Knaekket ist die engste Stelle des Gasefjordes; das Nordufer wäre auf direktem Weg nur 6 km entfernt. Wir aber müssen diagonal nach NO queren, da die steilen Ufer der Engstelle eine Landung, geschweige denn ein Camp, nicht zulassen. So haben wir mindestens die doppelte Distanz vor uns. In Höhe unseres letzten Camps - nur eben auf der anderen Seite - liegt eine grosse Bucht. Mehrere Täler aus dem Hochland kommen dort herunter - und da wollen wir hin.

Die Querung beginnt zunächst ziemlich entspannt. Wir suchen uns einen Weg durch dichte Eisfelder, vielfach durch- und unterbrochen von grossen Eisbergen. Die Eisbedeckung schätze ich dabei auf 7/10 - bis 8/10. Wir kommen gut voran, ohne gross zirkeln oder grössere Umwege machen zu müssen. Immer wieder öffnen sich Gassen, die für uns nutzbar sind; und ohne dass wir dabei grössere Risiken eingehen müssten. Ich bin in meinem Element, mir macht die Sache riesig Spass. Bea allerdings ist kräftemässig ziemlich am Anschlag. Das ständige Abbremsen, enge Kurven, Haken schlagen und wieder Beschleunigen schlaucht sie zusehends. Aber - wir kommen gut voran. Schliesslich wird das Eis lichter; an eine kleine Scholle angedockt machen wir nochmals eine längere Pause, bevor wir die letzten paar hundert Meter zum Nordufer zurücklegen und dann die letzten Kilometer zur Bucht in Angriff nehmen.
Wenige 100 Meter vor der Bucht setzt wie aus dem Nichts kommend plötzlich Wind aus NO - also Gegenwind - ein und erreicht innerhalb weniger Minuten beinahe Sturmstärke. Das Eis kommt in Bewegung. Auf den Freiflächen bilden sich sofort Wellen mit Schaumkronen. Scheisse, da sind wir wieder einmal die berühmten 5 Minuten zu spät dran... Grosse Eisblöcke nehmen plötzlich Fahrt auf und pflügen mit 6, 7 km/h durchs Wasser, gehen durch Brucheis und kleinere Schollen wie ein Messer durch warme Butter. Jetzt nur in keine Sackgasse kommen, sich nicht festnageln lassen. Ich mache mir Sorgen um Bea ob sie das packt - kräftemässig und nervlich. Schollen stauen sich an einem auf Grund gelaufenen Eisberg. Es knarzt, rumpelt, donnert, scharrt und knallt - dazu kommt der Wind. Verständigung ist nicht mehr möglich. Das nur gut 100m vor uns liegende Kap staut das Eis nochmals zusätzlich auf. Von der Hall Bredning hereintreibendes Eis läuft hier auf wie eine Horde ungebremster LKW auf ein Stauende.
Letztendlich hat sich auch Bea nach bangen Minuten durch den letzten Eisverhau gearbeitet. Wir laufen parallel zu den hohen, kabbeligen Wellen um das kleine Kap herum und drehen in die Bucht ein, wo uns ein weiteres Problem erwartet: der stürmische Wind drückt in Verbindung mit den Wellen das ganze Kleineis in die Bucht hinein. Das mag jetzt harmlos klingen - Kleineis. Aber hier macht es einfach die schiere Masse aus: die Strände sind bereits mit einem Eisteppich von 20m und mehr Tiefe belegt. Alle 3 Minuten kommt ein weiterer halber Meter hinzu. Die Schollen und Bruchstücke werden vom Wind in- und übereinander geschoben, komprimiert & verpresst. Am vernünftigsten wäre es, die Bucht jetzt bei Gegenwind bis zum anderen Ufer ins Lee zu queren, ein hartes Stück Arbeit am Ende eine langen Tages. Damit hätten wir aber morgen früh das Eis nicht im Weg wenn wir weiter wollen. Aber keine Chance, Bea ist schon längst am Limit. Wir kämpfen uns also durch die Eisbarriere - Sicherheit geht vor. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wie wir hier wieder wegkommen sollen...
Das Zelt bei den Windbedingungen aufzustellen war auch zu zweit als Team ein Kunststück.


25. Juli, gleicher Platz
Der Wind dreht über Nacht und bläst am nächsten Morgen stürmisch aus SW - das muss Föhn sein. Der Wind verunmöglicht auch unsere Weiterfahrt: das ganze Eis, das gestern im Laufe des späten Nachmittags und Abends in den Gasefjord gedrückt wurde ist jetzt wieder in Bewegung - aber in der Gegenrichtung. Zwei Dinge aber sind positiv zu bewerten: die Mücken haben Startverbot und das gestern abend an unserem Strand aufgelaufene Eis ist wieder verschwunden. Wir entscheiden aufgrund der Windgeschwindigkeiten und der Wellenbildung draussen auf dem Fjord, den Tag hier zu verbringen und eine längere Wanderung über die Bucht und die Vorberge hinein zu unternehmen.

An dieser Stelle ein paar Wort zu Wetterbericht bzw. Wetterdaten. Dieses Jahr benutze ich erstmalig ein InReach. Dessen Nutzen habe ich vor zwei Jahren erkannt, als ich mit Klaus, Jörg & Co unterwegs war. Per kostenpflichtiger Satellitenverbindung lassen sich auf den Punkt genau Wetterdaten abrufen. Fasziniert hat mich damals bereits die Prognosegenauigkeit - erwartetes Schlechtwetter traf mit einer zeitlichen Abweichung von maximal 2-3 Stunden ein. Und das vereinfacht die Planung von längeren Unternehmen natürlich erheblich. Wenn ich z.B. weiss, dass einige Tage mit viel Niederschlag & hohen Windgeschwindigkeiten ab morgen Nachmittag auf uns zukommen kann ich mich entsprechend einrichten, was die Wahl eines geschützten Platzes für das Camp und auch die Wasserversorgung angeht. Das einzige, was bei dem System leider nicht so richtig funktioniert ist die Prognosegenauigkeit von Windstärke und -richtung. So waren für den heutigen Tag Wind für 10 - 15km/h vorausgesagt - tatsächlich werden es um die 40km/h gewesen sein, in Böen sogar deutlich darüber.

Bevor wir die Bucht erreichen queren wir ein leicht ansteigendes, trockenes Plateau . Kurz vor dem Sattel kommt ein kleines Feuchtgebiet, das auch unsere Trinkwasserquelle darstellt. Wasser müssen wir hier mit einer mitgebrachten Tasse in die Wassersäcke füllen - aber erst auf dem Rückweg. Vom Sattel geht es dann steil zum Tiefland hinunter. In die grosse, nach SO offene Bucht mit einem Radius von 3-4 km münden mehrere Täler aus den Bergen. Die Bäche teilen sich jeweils in mehrere Arme auf und mäandern über über die Schotterebene dem Fjord entgegen. Niviaq, die Nationalblume Grönlands, überzieht die weite Eben in wahren Feldern. Ich bin ergriffen, begeistert von diesem Anblick. Es ist das erste Mal, dass ich Niviaq in dieser Fülle und Opulenz sehe. Der Wind pfeift über die Fläche, die pinken Blüten beugen sich und stehen wieder auf.
Nach der halben Bucht steigen wir an einer geeigneten Stelle in die Hügelketten auf. Es ist staubtrocken, jeder Schritt wirbelt Staub auf. Es muss wochenlang keinen Niederschlag mehr gegeben haben. Auf ca. 350 HM suchen wir uns ein windstilles Plätzchen und machen eine ausgedehnte Rast. Mein Gleitschirm? Den habe ich schweren Herzens im Packsack bei den Kajaks gelassen. Auch wenn die Bucht eine ideale Landeebene wäre - bei diesen Windverhältnissen bleibt der Schirm defintiv am Boden. Es kommen hoffentlich noch andere Tage..

26. Juli - nur 5km weiter
Der Wind kommt nach wie vor aus SW, aus dem Gasefjord - ist aber heute deutlich schwächer als gestern. Wir beschliessen, den Versuch zu wagen mit dem immer noch starken Rückenwind Strecke zu machen. Abgebaut, gepackt und gestaut ist schnell - wir haben nur noch Lebensmittel für wenige Tage. In den Kajaks lassen wir uns zunächst als Päckchen über die Bucht treiben. Das ist schnell passiert, der Wind drückt und die Wellen haben sämtlich Schaumkronen aufgesetzt. Nach wenigen Minuten sind wir auf der anderen Seite und am nächsten Kap vorbei.
Als wir uns trennen, geraten die Kajaks unmittelbar danach ins Surfen. Ich merke schnell, dass sich Bea bei den Verhältnissen nicht wohlfühlt. Sie schlägt sich wacker - hat aber weder die Skills noch die praktische Erfahrung, um in diesen Verhältnissen Spass haben zu können. Und - hier geht es nicht um einen Vorwurf; das ist eine ganz sachliche, nüchterne Feststellung. Schliesslich sind wir als Team unterwegs - und ich bin glücklich, dass ich in Bea eine Partnerin habe die mich nicht nur ziehen lässt sondern mit mir unterwegs ist. Und das ist viel mehr, als ich mir vor Jahren noch erträumt habe.
Eine gute Stunde später steuern wir bereits den nächsten Strand an, ziehen die Kajaks ein Stück hinauf und ziehen uns um - wir warten erst mal ab, was der Wind weiter macht. Die nächste grössere Bucht ist zu queren, wir müssten aktuell fast parallel zu Wind und Wellen laufen. Und einmal falsch Aufkanten oder Stützen kann schnell zu einer Kenterung führen - und das möchte ich nicht riskieren.
Während eines Strandspaziergangs sehen wir, dass einige 100m weiter Trinkwasser aus den Hügeln kommt, aber bereits vor Erreichen des Fjordes versickert. Angeschwemmtes Treibholz liegt oberhalb der Flutgrenze und lädt zum Sammeln & Feuermachen ein. Einige Stunden später entscheiden wir uns zu bleiben. Als das Zelt steht schläft schliesslich der Wind ein... Abends machen wir ein Grossfeuer aus richtigen Treibholzstämmen mit Blick auf den Sydbrae.


27. Juli - Hecla Havn

Überraschenderweise haben wir es heute bis zu unserem Depot auf Danmarks Ö geschafft: die alte Hütte in Hecla Havn, die schon 2024 ein Zufluchtsort für uns war.
Heute morgen herrschen perfekte Bedingungen: leichter Wind aus dem Gasefjord - also SW. Der leichte Backwind und die Wellen schieben kräftig von hinten als wir starten, die Kajaks fressen die Kilometer förmlich. Ein schöner Strand reiht sich an den anderen - so viele Plätze, die wir nicht nutzen werden... Um die Mittagszeit haben wir bereits die östliche Spitze von Gaseland - Gasepynt - passiert. Leichte Altdünung von 60, 70cm macht sich zunehmend von der Hall Bredning kommend bemerkbar, wir haben immer noch leicht Wind aus SW. Danmark Ö liegt 7km entfernt nördlich von uns - wir müssen nur noch einen Sund, den südlichen Arm des Fönfjords queren; die Hütte in Hecla Havn ist durch das Fernglas bereits erkennbar.

Auf meinen Vorschlag hin nehmen wir die Querung in Angriff, auch wenn das gar nicht das heutige Ziel war. Aber wir sind gut in der Zeit, der Rückenwind hat unsere Kräfte geschont. Die Verhältnisse passen - wer weiss, wie es morgen wieder aussieht? Die ersten 2/3 läuft alles Bestens. Schwache Altdünung von 50, 60cm aus O, flache Gegenwellen aus NW aus dem Fönfjord heraus. Schliesslich setzt Wind aus WNW ein, der schnell zunimmt. Das ölig erscheinende Wasser kräuselt sich zunächst, die ersten Wellen bilden sich. Dann fegen die ersten Böen heran, gut zu erkennen durch das Riffelmuster auf dem Wasser. Die ersten Wellen bekommen Whiteheads - Schaumkronen, werden grün und brechen. Schnell haben die Wellen eine Höhe von einem knappen Meter erreicht. Fjordwellen, wohl bemerkt. Während Dünung von 2m Höhe und mehr durch die langen, langsamen Amplituden völlig unkompliziert ist, haben Fjordwellen eine viel schnellere Taktung und sind noch dazu kurz und steil. Die Wellen können nicht abgeritten werden; der Bug bricht durch die Welle und klatscht in das nächste Wellental. Das verschlingt viel Energie - und kostet entsprechend Kraft. Dazu kommt der Wind, der versucht das Paddel aus der Hand zu drehen und einem die Gischt um die Ohren fliegen lässt. Wir müssen die Kajaks schliesslich in den Wind drehen und versuchen, uns im Seilfährenprinzip mit Hilfe des Windes ans nördliche Ufer drücken zu lassen, das noch 1,5 km entfernt ist. Alles andere funktioniert nicht. Bei den Verhältnissen parallel zu Wellenkämmen & Wind zu laufen möchte ich nicht einmal mir zumuten, geschweige denn Bea. Das Risiko dieser Situation besteht darin, dass wir ablandigen Wind haben. Eine Notsituation - Kenterung o.ä. - würde bedeuten, dass uns der Wind in die offene Hall Bredning hinausbläst.

Bea ist im roten Bereich. Ihr fehlt schlichtweg die Kraft, das Kajak gegen Wind und Wellen zu einem anvisierten Eisberg zu bringen, der uns im Lee kurzfristig Schutz und damit eine Verschnaufpause verschaffen kann. Eine gefühlte Ewigkeit später sind wir im Lee des Eisbergs; nach einer kurzen Pause drehen wir die Kajaks um 180° und laufen mit dem Wind nahe dem Ufer, bis wir die die Einfahrt in das geschützte Becken von Hecla Havn erreichen. Und hier kommen Erinnerungen bei mir hoch. In der Hütte haben wir vor 2 Jahren am Ende unserer Tour 4 Tage schlechtes Wetter abgewettert, bevor uns die Jäger Anfang September nach Ittoqurtoomiit zurückholen konnten. Der Zustand der Hütte hat sich in den letzen zwei Jahren leider weiter verschlechtert. Die Terrasse auf der Südseite ist eingebrochen, mehrere Fenster sind geborsten. Fensterläden sind kaputt - ob durch Sturm oder Eisbär ist nicht nachvollziehbar. Aber - man kann immer noch die Tür hinter sich schliessen und hat ein Dach über dem Kopf... Und das allerwichtigste: Unser Depot ist komplett da und unangetastet. Das ist immer so ein kleines Restrisiko bei unversperrten Hütten: sind meine Sachen noch alle da, wenn ich komme?
Es ist früher Nachmittag, auf uns wartet noch ein ein umfangreiches Programm: Wäsche waschen, Wasser holen, baden bzw Ganzkörperwäsche - und dann müssen wir noch Lebensmittel für 34 Tage kommisionieren und vor allem in die Packsäcke bekommen. Aber zunächst nehmen wir uns die Zeit für einen wohlverdienten Kaffee, etwas Schwarzbrot und ein Stück Käse. Bea gibt die erste Statusmeldung bei ihrer Schwester ab; ich melde mich bei Charlotte, damit sie weiss dass wir in Hecla Haven sind und unser Depot aufnehmen. Abends bin ich total am Ende - aber es ist vollbracht: alles verpackt und eingetütet. Interessant wird es morgen beim Stauen in den Kajaks: bekommen wir alles unter Deck oder müssen wir Packsäcke noch zusätzlich aufs Deck schnallen? Bea hat noch einen kurzen Brief verfasst, der auf dem Seesack mit den Leftovers bzw nicht benötigten Lebensmitteln befestigt wird - mit der Bitte an jedermann, den Sack nach Ittoquortoomiit zu nehmen und dort bei Charlotte abzuliefern. Ob das funktioniert? Wir werden sehen. Der Wind hat während des Nachmittags nicht nachgelassen, unsere frisch gewaschene Unterwäsche war im Wind binnen einer Stunde trocken. In der Nacht schlafen wir trotz unserer Erschöpfung nur schlecht und etappenweise. Die Entscheidung, ob wir morgen nach Westen in den Fönfjord aufbrechen oder hier noch einen Tag dranhängen haben wir auf morgen Früh verschoben.


28. Juli
Westkap Danmark Ö - Eingang Fönfjord

Heute morgen nach dem Frühstück haben wir erst einmal alles von der Hütte zu den Kajaks am Ufer hinunter gebracht - Probe stauen auf dem Trockenen ist angesagt. Und Voila - passt, wackelt und hat Luft; wir haben alles unterbekommen, kein Packsack muss aufs Oberdeck geschnallt werden. Nun gut, mein Gewehrfutteral hat einen dicken Bauch bekommen, da ich dort noch 12 Rationen Trek'n Eat reingestopft habe um einen weiteren Packsack zu sparen. Um 10.30 ist die Hütte wieder verschlossen, wir auf dem Wasser und queren die geschützte Bucht von Hecla Haven. An deren Ende gehen wir auf Kurs NW, entlang den Klippen der relativ flachen Dänemarkinsel in Richtung des Fönfjords. Leichter Rückenwind aus SO schiebt von hinten. Die Boote sind schwer geworden; geschätzt haben wir zusammen ca. 60kg oder mehr Last aufgenommen. Den Löwenanteil davon habe ich gebunkert, Bea hat mehr die leichteren & voluminöseren Dinge im und auf dem Kajak. Lebensmittel, Kalorien und Brennstoff für den Kocher für 5 weitere Wochen; darin ist bereits ein Sicherheitspuffer von einigen Tagen enthalten, falls der Transfer am Ende unserer Reise vom Sydkap zurück in die Zivilisation wetterbedingt verschoben werden müsste. Aktuell sind wir in Ufernähe unterwegs und halten einen Abstand von 30, 40m zu den Klippen. Der Fjord ist glatt, nur der leichte Wind kräuselt die Oberfläche. Der Blick ans andere Ufer auf die steilen vergletscherten Bergketten von Gaseland ist wunderschön.

Plötzlich treffen wir auf einen ganz dicht an den Klippen schwimmenden Bären, Bea sieht und erkennt ihn zuerst. Anscheinend wollte der Bär eben mit einer Querung des Fjordes beginnen als wir auftauchen. Die Frage ist jetzt, wer mehr erschrocken ist - der Bär oder wir? Anscheinend der Bär. Er ist neugierig, schwimmt in unsere Richtung; wir weichen weiter auf das offene Wasser aus darauf bedacht, beiden Parteien genügend Raum zum Manövrieren zu lassen. Der Bär folgt uns zunächst. Als wir den Abstand weiter vergrössern wird es allerdings immer schwieriger ihn im Auge zu behalten. Irgendwann können wir ihn auch mit dem Fernglas nicht mehr ausmachen.

Ein gutes Stück weiter machen wir eine grössere Pause in einer schönen, kiesigen Bucht. Da wir nicht genau wissen, wo der Bär abgeblieben ist nehmen wir zusätzlich zum Nico (Signalpistole) die Pumpgun vom Kajak, damit sie im Fall der Fälle griffbereit ist. Es ist warm in der Sonne, der gestrige Tag und die nicht gut durchschlafene Nacht stecken uns noch in den Knochen. Auch habe ich mich noch nicht wirklich an das zusätzliche Gewicht von 35kg plus gewöhnt. Wir stellen uns die Gretchenfrage - heute noch die Querung über den Rensund via Vogelinsel nach Milne Land? Das sind von hier aus nochmals 12km, und das in der Nachmittagssonne. Und dann wären wir an dem Platz, wo uns vor 2 Jahren die Bären attackiert haben; das weckt schlechte Erinnerungen... Letztendlich ringen wir uns zu einem Kompromiss durch. Wir legen die letzten Kilometer bis zum Westspitz von Danmark Ö zurück - und finden dort einen weiteren bezaubernden Platz fürs Camp. Und die Entscheidung dort zu bleiben ist uns nicht wirklich schwer gefallen. Als Ausgleich stellen wir den Wecker für morgen auf 06:00, damit wir Strecke machen können solange es kühl ist und wir nachmittags, wenn es warm wird, aus den Trockis können. Die Wetterprognosen für die kommenden Tage sind weiterhin gut.


29. Juli
Südküste Milne Land, ca. 5 km vor der Fönbucht

Das mit dem frühen Auftstehen war nichts - aber wenigstens war der Wille dazu da. Gegen 04:00 setzt NW Wind ein, der schnell stärker wird. Wellen krachen auf dem Geröllstrand der 15m unterhalb unseres Zeltes liegt. Ein Blick aus der Apsis zeigt flächendeckend Whiteheads - brechende Wellen - die aus dem Fönfjord und von Milne Land herüberkommen. Keine Chance bei diesen Verhältnissen zu queren. Wir drehen uns um und schlafen weiter, bis im Zelt zu warm wird. Und wieder geniessen wir, dass die Mücken Startverbot haben...
Irgendwann kochen wir Kaffee und suchen uns ein windgeschütztes Plätzchen zum Lesen. Später unternehmen wir eine ausgedehnte Wanderung zur Westspitze der Dänemark Insel. Es hat anscheinend wirklich seit Wochen in der ganzen Region nicht mehr richtig geregnet; der Untergrund ist staubtrocken, ebenso die Feuchtgebiete. Auch sämtliche Seen und Tümpel sind ausgetrocknet. Nur an den Nordhängen - also Schattenseiten - wo bis vor Kurzem noch Schneewächten lagen ist der Boden feucht und mit frischem Grün bedeckt. Von dort haben wir einen guten Blick auf die Vogelinsel, die auf halber Strecke nach Milne Land im im nördlichen Teil des Fönfjords liegt. Die Wellen brechen sich immer noch gischtend an den Uferfelsen, der Fönfjord ist grün/weiss aufgewühlt. Doch ganz gut, dass wir gestern hier Station gemacht haben - es gibt nämlich Wasser hier. Auf der Insel hat es mit Sicherheit nichts, dazu ist sie zu klein und es ist zu trocken. Und auf Milne Land treffen wir die ersten 15, 20 km auch auf kein Wasser - vor allem bei den Verhältnissen.


Wieder zurück beim Camp merken wir, dass der Wind nachgelassen hat. Sofort sind die Mücken wieder da, wir müssen trotz der Wärme unsere Hardshells wieder anziehen. Die Wellen branden aber immer noch laut und Gischt sprühend auf die Uferfelsen. Klar, das wird noch eine Weile dauern bis sich die Siruation wieder beruhigt hat. Wir beschliessen noch eine weitere Stunde abzuwarten. Wenn sich der Wind weiter abschwächt, sollte sich auch der Fjord bis in 2 Stunden soweit beruhigt haben dass wir heute eine Spät- / Nachtschicht einlegen können.
Um 17.30 haben wir bereits gegessen, das Camp abgebaut und die Boote beladen. Der Wind hat fast komplett abgestellt, wir steigen bereits schweissgebadet in die Trockenanzüge. Im Laufe des Tages hat es mehrere Eisberge, die hier in der Bucht und der Umgebung auf Grund gelaufen waren schlichtweg zerrissen; anders kann ich es beim besten Willen nicht ausdrücken. Ein ganz schönes Spektakel, wenn haushohe Eismauern zusammenfallen, Trümmer in der Grösse von Überseecontainern und Häusern ins Wasser stürzen und sich die Überreste dann neu auspendeln und ein neues Gleichgewicht finden. Die Bruch- und Kalbeismengen, die dabei entstehen sind beachtlich. Normalerweise ist so eine Show von einer entsprechenden Geräuschkulisse begleitet - nicht so heute. Durch den starken, ablandigen Wind wirkt alles wie im Stummfilm; wir hören nichts ausser Wind- und Brandungsgeräuschen.

Die ersten 2 km bis zur Vogelinsel sind noch etwas unruhig, da wir uns noch im Bereich des Rückwassers befinden, das von den brechenden Wellen kommt die auf Danmark Ö treffen. Aber es ist schön, wieder im Kajak zu sitzen und die Bootsbewegungen im unruhigen Wasser und den eigenen Körper zu spüren. Der Wind hat gedreht und kommt jetzt leicht aus OSO - Rückenwind! Angenehme Kühle liegt in der Luft. Und - keine Mücken, wenn man von einigen blinden Passagieren absieht, die sich auf dem Kajak niedergelassen haben. Wir laufen nach Westen, direkt in die Abendsonne hinein. Lichtreflxe tanzen auf dem Wasser und blenden uns. Nach der Insel bekommen wir wieder etwas Gegenwind, Wellen bauen sich wieder auf. Entsprechend queren wir nicht mehr diagonal sondern jetzt direkt nach Milne Land hinüber, um unters Ufer zu kommen. Im Wind- und Wellenschatten eines grossen Felsriegels machen wir eine erste grössere Pause. Der Fjord wirkt im ruhigen Abendlicht wie Quecksilber, die Wellen schlafen ein. Das Nordufer des Fjordes - also bei Milne Land - ist bereits komplett im Schatten. Das Südüfer - Gaseland - ist noch voll im Licht. Die hintereinander gestaffelten Bergketten und Kaps wirken wie Scherenschnitte in verschiedenen Grau- und Schwarzabstufungen. Bevor die Sonne hinter den Graten von Milne Land verschwindet, machen wir noch eine letzte Pause in den Kajaks. Dann können wir die Sonnenbrillen abnehmen und sehen wieder was...

Klippen, Steilufer, Granitabbrüche und Schuttkegel. So sehen die Ufer des Fönjords über weite Strecken aus. Keine Landemöglichkeiten, geschweige denn ein Zelt aufzustellen. Wenn es ganz dumm läuft, müssen wir heute Nacht bis zur Fönbucht durchbrechen - dort mündet ein breites Tal in den Fjord, das ich noch von 2024 in Erinnerung habe. Das wären dann gute 30km heute. Aber nach der nächsten Felsecke fällt mir eine grüne Rampe auf, die nach einigen Buchten zum Wasser herunterkommt - das sieht vielversprechend aus. Umweg brauchen wir deswegen auch keinen zu machen, wir kommen direkt dort vorbei. Und wirklich. Ich lande an und scoute den Platz: 50m über dem Wasser findet sich ein ebenes Plätzchen für's Zelt. Sogar Wasser hat's. Nicht viel - aber es reicht, dass wir morgen unsere Wassersäcke wieder füllen können.. Grossen Hunger haben wir keinen mehr. Wir sitzen einige Meter vom Zelt auf einem Felsplateau in der Blauen Stunde in den Fjorden der Stille. Für jeden gibt es noch einen Becher Suppe, ein Stück unseres kostbaren Käses und Schokolade. Luxus pur.
00:40 liegen wir im Schlafsack.

30. Juli - Im Fönfjord

Heute Nacht dasselbe Spiel wie gestern: gegen 03:00 setzt Westwind ein, der zunehmend stärker wird und das Zelt durchschüttelt. Der Wecker geht trotzdem um 07:00 - auch wenn ich mit noch schlafverklebten Augen den Kocher wegen des Windes in der Apsis laufen lasse damit wir zu unserem Kaffee kommen. Ein Blick von der Klippe auf den Fjord zeigt türkisfarbene, schaumgekrönte Wellen die schnell nach Osten laufen. Macht nichts, der Tag ist lang und wir stehen nicht unter Zeitdruck. Zuerst gehen wir hinunter zu den Kajaks und legen Trockis & Unterwäsche zum Auslüften und trocknen in die Sonne. Das war gestern Nacht nicht mehr möglich. Dann gibt es Frühstück; Bea geht anschliessend nochmals in den Schlafsack, ich verziehe mich mit Kaffee, Pfeife und Ebook in den Windschatten.
Am späten Vormittag schläft der Wind ein und dreht schliesslich auf Ost. Aber nachdem die Wellen noch hoch stehen und wir gestern nur wenig gegessen haben kochen wir erst einmal, wobei sich das "Kochen" auf diesen Touren ja darauf beschränkt, Wasser heiss zu machen und in zwei aufgerissene Tüten zu kippen. Dann Umrühren, je nach Gericht 5 - 10min warten und loslöffeln... Als wir am frühen Nachmittag in den Kajaks sind und nach der Felsnase nach Westen eindrehen ist es gleich angenehm kühl. Man merkt bereits nach den ersten Metern den Temperarurunterschied zwischendem wärmeren Festland und dem kalten Fjordwasser. Der Wind kommt immer noch leicht von Osten; zusammen mit der auflaufenden Flut können wir ein ordentliches Tempo vorlegen. Es ist unglaublich schön. Die Lichtreflexe auf dem Wasser, das Gleissen der Gletscher auf Gaseland auf der Südseite. Ich tue mir immer wieder schwer solche Eindrücke, Panoramen in Worte zu fassen oder zu schildern, habe einfach das Gefühl dafür keine oder nicht die richtigen Worte zu finden...


Relativ schnell erreichen wir die Fönbucht. Hier mündet von N her kommend ein ca. 5km breites Trockental in den Fjord. Das wäre auch einmal eine Erkundung wert, würde aber aktuell zu viel Zeit kosten. Das Ufer versteckt sich auch etwas, es ist von der Küstenlinie gut 5-6km entfernt. Wir queren die grosse Bucht direkt und fühlen uns einmal mehr wie Ameisen auf einem Fussballplatz - so klein fühlt sich Menschsein hier an. Veränderungen sind nur schwer warnehmbar, wenn man sich wie wir relativ langsam auf einer grossen, offenen Fläche bewegt. Eine weitere Stunde vergeht, in der wir an Steilufern vorbeipaddeln. Ab und zu schäumt ein Bergbach oder ein Schmelzwasserfluss durch enge Schluchten oder als Wasserfall in den Fjord. Das Gestein der Bergflanken hat überwiegend kräftige Farben, die in der Sonne leuchten: braun, ocker, gelb, rostfarben, orange. Einige Ecken später öffent sich eine weite Bucht. Zwei mündende Gletscherflüsse färben das vorher klare Wasser schlammfarben. Und - es gibt eine kleine Sandbank, die wir für eine Kaffeepause ansteuern.

Die nächsten Kilometer machen lange Arme. Es ist später Nachmittag, wir laufen direkt in die Sonne. Demenstprechend heiss ist uns. Ausserdem ist die Tide gekippt, wir fahren gegen das ablaufende Wasser. Glücklicherweise können wir mehrmals kleine Kalbeissplitter aus dem Wasser fischen. Das Eis löscht den Durst und kühlt vorzüglich. Als wir nochmals eine Pause einlegen wollen öffnet sich eine kleine Bucht - und ich erinnere mich wieder: hier haben wir schon 2024 gecampt. Das war einer der schönsten Plätze der gesamten Tour... Und wirklich, nach einigen 100m erreichen wir den schmalen Strand mit feinster Sandqualität. Die Farbe des Sandes changiert dabei zwischen elfenbein, rose und ochsenblutrot: wir nähern uns dem Rödefjord. Gleich nach dem Strand schliesst sich dichtbewachsener Tundraboden an, Trinkwasser gibt es 150m weiter - dort kommt ein Bergbach aus einem Quertal in mehreren Kaskaden weissschäumend herunter. Das Rauschen werden wir die ganze Nacht in den Ohren haben. Der einzige Nachteil des Platzes ist der frühe Bergschatten, bedingt durch die steilen Hänge. Gegen 18:00 haben wir die Boote aus dem Wasser, am Strand liegt viel von der Flut angelandetes Kalb- und Brucheis. Bis die Kajaks entladen und wir in trockenen Klamotten sind sitzen wir schon im Schatten. Also Trocki wieder feucht wegpacken. Anscheinend ist letzen Sommer niemand hier gewesen. Wir finden ohne viel suchen zu müssen eine Menge Schwemmholz; schon bald lodern in der alten Feuerstelle die Flammen empor und sorgen für wohltuende Wärme.

31. Juli
Kleine Bucht zwischen P950 und P790

Ein perfekter Morgen - windstill, klar, das Wasser ein Spiegel. Die Gletscher von Gaseland satt im Morgenlicht. Als das Kaffeewasser kocht, haben wir bereits Morgensonne am Strand und auf dem Zelt. Schnell die nassen Paddelsachen zum Trocknen ausbreiten... Dann - Bärenzaun abbauen, frühstücken, packen, Zelt abbauen. Kajaks ausräumen und zur Wasserlinie bringen. Packsäcke hinterher & stauen. Dazwischen fotografieren. Umziehen und die Wechselkleidung verpacken. Spritzdecke & Schwimmweste anlegen. Duffle Bags achtern verzurren, das Gewehr auf dem Vordeck. Trimm überprüfen und korrigieren.
Und dann endlich - los.
Aber zunächst stecke ich mir die zweite Pfeife des Tages an - das hat Tradition nach dem Einwassern.

Mittlerweile schweissgebadet starten wir in den neuen Paddeltag. Auf dem Wasser ist es wenigstens spürbar frischer, ein Hauch von Kühle weht heran. Mit der Sonne im Rücken gleiten wir flott an den farbenprächtigen Uferfelsen vorbei. Unterstützt werden wir dabei vom auflaufenden Wasser - die Flut drückt herein. Das pusht unser Tempo erheblich. Es ist unwahrscheinlich still. Nur das leise Plätschern der Bugwellen und das Geräusch fallender Wassertropfen von unseren Paddelblättern ist zu hören. Obwohl - das Rauschen von Wasser ist allgegenwärtig. Leise, aber unüberhörbar. Mal als Gluckern, Murmeln wenn ein Rinnsal über die Felsbänke herunterläuft. Lautes Rauschen, Donnern, Poltern wenn ein Gletscherfluss in seinem kiesigen Delta im Fjord mündet und das Geschiebe das Wasser braun verfärbt. Ein leises Rauschen vom Gegenufer, 5-6 km entfernt - unaufhörlich. Dort münden die Schmelzwasserflüsse der Gaselandgletscher - und die führen bei diesen Temperaturen viel Wasser.
Mittag machen wir auf einer kleinen Schotterbank, die uns vor den Bug läuft. Direkt daneben springt ein Bach über mehrere steile Felsrippen in den Fjord. Nachdem es wirklich warm ist (und windstill noch dazu) legen wir Schwimmweste & Spritzdecke ab und schälen uns aus den Trockenanzügen. Mücken hat es glücklicherweise keine. Schlussendlich sitze ich nackend in der Sonne. Ein FKK Strand auf 71°N - das glaubt mir jetzt keiner...
Als wir weiterziehen passieren wir den Brucheisgürtel eines gekenterten Eisbergs und sammeln dabei kleine und kleinste Eisstücke, die wir auf dem Oberdeck der Kajaks deponieren. Die sind prima zum Lutschen, stillen den Durst und kühlen dabei noch herrlich. Irgendwann setzt leichter Gegenwind ein, Schleierwolken ziehen von W her auf und schirmen uns von der Sonne ab. Bis zum nächsten geeigneten Platz für ein Camp haben wir meiner Erinnerung nach nochmals gut 1 1/2h zu schaufeln; da werden die Arme heute wieder lang werden. Da kommt die Bucht die wir eben queren wie gerufen: Frischwasser kommt aus den Bergen; der Bach mit klarem Wasser mündet an einem kiesigen Strand. Nach einem Absatz von 1,50m beginnt leicht ansteigender Tundraboden, durchsetzt von Steinen und Felsblöcken aller Grössen. Frischer Kot von Moschusochsen und Schneehasen zeigt Tierleben an. Mücken hat es - wie schon gestern - keine.

Als die Boote leer und auf höherem Grund abgesetzt sind und die Paddelsachen in der Sonne liegen gibt's erst mal Kaffee - und den letzten Rest des aus Island importierten Käses. Vollkornbrot ist schon lange aus (das war auch so geplant); der Käse war Luxus für uns - nach jedem Paddeltag gab es eine dünne Scheibe pro Person. Aber auch ein Kilo ist trotz sparsamster Verwendung irgendwann zu Ende. Dann folgt die nachmittägliche Lagerroutine: Zelt aufstellen und einrichten, Solarsegel aufhängen um die Powerbank zu laden, Schlafsäcke zum Lüften in die Sonne legen, Abendessen aus den Packsäcken herauskramen, Schwimmwesten mit neuen Riegeln für den kommenden Tag bestücken.
Jetzt - abends - hat es von Osten her zugezogen. Wunderschöne Streiflcihter liegen auf Gaseland. Die Wolkenbasis ist bei 2.000m, Ostwind hat eingesetzt - auf dem Fjord sind die ersten Schaumkronen zu sehen.

01. August - Hjörnedal

Wir sitzen satt und zufrieden an die sonnendurchwärmte Wand einer kleinen, grünen Hütte gelehnt mit unbezahlbarem Blick auf die rund 20km entfernte, nördlich von uns gelegene Rote Insel. Die Hütte gehört Martin und Charlotte aus Ittoquortoomiit - wir dürfen sie für einige Nächte nutzen. Ausser "unserer" Hütte stehen noch einige andere Häuschen in gelb, blau, rot und grau am südwestlichsten Punkt des Fönfjords; hier beginnt nach Norden der Rödefjord.

Hütte. Das darf sich der Leser jetzt bitte nicht wie ein Chalet in den Schweizer Bergen vorstellen - schön aufgemauert oder sogar aus Massivholz. Nein - das sind eigentlich Biwakschachteln. Grundfläche 3x3m, ein Raum, eine Tür, zwei Fenster. Kein fliessend Wasser, kein Strom. Nicht isolierte Sperrholzplatten von 5mm Stärke als Wand. Ein kleiner Tisch, 2 Stühle, eine Schlafplattform und viele Nägel in der Wand um Sachen aufzuhängen. Ein Ölöfchen zum Heizen wenn es draussen kalt und nass ist - im Winter kommt sowieso keiner her (über 200km einfache Strecke von Ittoquortoomiit entfernt ist es für Schneemobile zu weit). Ausserdem, was will man im Winter hier? Moschusochsen kann man auch in näher gelegenen Gebieten jagen. Es ist eine typische Jagdunterkunft, die von den Familien auch als Feriendomizil genutzt wird. Wasser gibt es an einem kleinen Bach, der unweit der Hütten dem Fjord entgegenmäandert. Am Strand und der näheren Umgebung liegen haufenweise Moschusochsen- schädel: es sind ergiebige Jagdgründe. Und weiter: trotz der einfachsten Bauweise ist man geschützt vor Wind, Wetter und Mücken. Ob die Hütte bärensicher ist, wage ich jetzt mal zu bezweifeln...

Heute morgen haben wir den Wecker schlichtweg verschlafen und sind erst aufgewacht, als die Sonne aufs Zelt kommt. Bei uns in der Bucht ist es windstill; draussen auf dem Fjord bläst wieder mal der Ostwind, vereinzelt sind Schaumkronen auf den Wellen zu sehen. Eigentlich perfekte Verhältnisse um Strecke zu machen - aber können wir, kann Bea die Querung zum Südufer bei diesen Verhältnissen machen? Wir werden sehen was uns der Tag bringt. Erst mal den Kocher für Kaffee und die Thermoskannen anwerfen, dann frühstücken, abbauen und packen. Als wir gegen 10:00 schliesslich in die Kajaks steigen hat sich der Wind fast gelegt; die Wolken von gestern Abend sind einem knallblauen Sommerhimmel gewichen. Die Querung unserer langgezogenen Bucht ist wegen des kabbeligen Wassers etwas tückisch, nach der nächsten Felsecke beruhigt sich das Wasser aber schnell. Im Moment haben wir perfekte Bedingungen: Backwind, auflaufendes Wasser und Wellen, die von hinten schieben. Wir machen vom Fleck weg ordentlich Tempo. 10 Kilometer weiter legen wir in der weiten Bucht beim Hermelintop eine erste, kurze Riegelpause ein. Dann die Gretchenfrage - queren oder nicht queren? Der Wind hat abgestellt, langhubige, angenehm abzureitende Wellen schieben immer noch von Osten. Kurze Beratschlagung mit Bea, ein Nicken von ihr - auf geht's. Da wir wirklich ruhige Verhältnisse haben machen wir eine Diagonalquerung von gut 9km anstatt direkt Kurs auf das 5 km entfernte Südufer zu nehmen. Dank der langhubigen Wellen von hinten sind wir bereits nach etwas einer Stunde auf der Südseite angelangt, queren noch einegrosse Bucht und machen dann auf einer einladenden Schotterbank Mittagspause.


Von hier aus sehen wir bereits, dass es nach W und NW in den Rödefjord brutal viel Eis haben muss, wenn auch noch weit entfernt: wir scheinen auf eine weisse Wand zuzufahren. Wahrscheinlich stammt das ganze Eis aus dem Vestfjord, der nicht weit entfernt ist und in den mehrere aktive Gletscher münden bzw. kalben. Einmal mehr färbt sich der Fjord schlammfarben; wir queren ein weites, von Süden kommendes Delta eines Flusses, der das zentrale Hochland und damit mehrere Gletscher von Gaseland entwässert. An den Ufern stehen überall Arktische Weideröschen in Vollblüte - es ist Hochsommer. Schliesslich biegen wir nach WSW in die Ankersvig Bucht ein. Hier stehen irgendwo einige Jagdhütten der Locals - wir dürfen die Hütte von Martin & Charlotte nutzen. Aber wir sehen keine Hütten und gleiten weiter in die Bucht hinein, passieren dabei wunderschön im Nachmittagslicht liegende Eisberge in skurrilen Formationen: türkis, weiss, hellblau, Klareis. Ich bin einmal mehr mit der Kamera zugange.
Als wir um die letzte Biegung kommen bevor die weite Bucht in den Talgrund übergeht, sehen wir die Hütten kleinen, farbigen Bauklötzen gleich in der weiten Landschaft stehen. Martins Hütte ist wegen der froschgrünen Farbe schnell identifiziert und gefunden - aber der Schlüssel? Nicht so wichtig für den Moment. Erst mal Kajaks ausräumen, Klamotten wechseln, ein Stück Trockenfisch essen und einen Kaffee trinken. Ein Blick nach Norden in den Rödefjord zeigt dichte Eisbelegung, der Vestfjordgletscher scheint ziemlich aktiv zu sein. Das wird übermorgen spannend, wenn wir da hinüberwollen. Aber zunächst - Schlüssel suchen. Den finden wir schlussendlich in einem alten Marmeladenglas unter dem Eingangspodest. Der nächste Punkt - Wasser. Das finden wir in einem kleinen Bach, der unweit der Hütten von einem Berg herunter kommt und trotz Trockenheit immer noch ausreichend Wasser führt. Eingerahmt von Niviaq (Arktischem Weideröschen) mäandert er dem Fjord entgegen. Als ich das sehe beschliesse ich sofort, meinen Trocki zu spülen um das ganze Salz herunterzubekommen: auf den Ärmeln und Handgelenken haben sich dicke Salzkrusten gebildet. Unterwäsche (und mich selbst) wollte ich sowieso waschen. Abends dann die wöchentliche Standardmeldung an Charlotte dass bei uns alles OK ist. So, morgen werde ich den ersten Hike & Fly dieser Tour machen. Berge hat's genügend, das Wetter ist / bleibt stabil. Interessant wird allerdings ob der Wind mitspielt. Aber schon der Blick von 1.000 Höhenmetern auf den eisgesättigten Rödefjord, die rote Insel und Renland ist die Wanderung schon wert. Der Flug wäre dann noch die Kirsche auf dem Kuchen...


02. August - Hjörnedal

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiss gesetzt - es hat geklappt, ich bin geflogen!
Heute Nacht bin ich durch ein Scharren und Klopfen an der Hüttenwand wach geworden. Ich musste erst überlegen was da los ist - bis ich draufgekommen bin, dass das an der Aussenwand aufgehängte Solarpanel vom Wind bewegt wurde. Am Morgen haben wir Sonne auf der Hütte, es wird schnell warm. Frühstück gibt es draussen. Den Rucksack mit Schirm und der übrigen Ausrüstung habe ich schon gestern Abend gepackt, ich brauche nur in die Stiefel schlüpfen und kann starten. Um es kurz zu machen: die Wanderung ist technisch anspruchslos, aber schweisstreibend und führt mich letztendlich auf knapp 950HM. Die anschliessende Pyramide (nochmals 350HM) zum Gipfel habe ich mir gespart. Ich merke, dass ich die letzten Wochen nichts bzw zu wenig zu Fuss gemacht habe; meine Kondition lässt zu wünschen übrig. Tundraboden ab den ersten Schritten von der Hütte weg: trockene Moose, Krähen- und Blaubeeren, Zwergbirken und Arktische Weide. Jeder Schritt federt nach, die Stiefel versinken teilweise bis zum Oberleder im zundertrockenen Pflanzenteppich. Ich stosse laufend auf alte und frische Losung von Moschusochsen, Schneehasen und Schneehühnern. Bereits nach den ersten Minuten ist mir so warm, dass ich mit blankem Oberkörper und kurzen Hosen unterwegs bin; der Schweiss läuft mir trotzdem in Strömen herunter. Nach den ersten 200, 250 Höhenmetern kann ich endlich die ersten Kämme nutzen: die sind vom Wind abgeblasen und ohne Pflanzenbewuchs. Der feste Untergrund lässt sich erheblich leichter und kraftsparender begehen.

Schon jetzt zeigen sich wegen der Trockenheit die ersten Herbstfarben: gold, braun, orange und rot. Nach den ersten drei Stunden mache ich die erste Kaffeepause - ich bin auf ca. 600HM. Das Panorama ist spektakulär: Die Hütten von Hjörnedal sind fingernagelgrosse Farbtupfer am Ufer der schlammbraunen Bucht - das Hjörnedal entwässert ebenfalls ein grosses Gebiet von Gaseland mit seinen Gletschern. Der dichte Eisteppich, der gestern Nachmittag noch in Richtung Vestfjord und der Roten Insel gelegen hat ist mittlerweile erheblich aufgelockert; ein Grossteil des Eises wurde von Wind und Strömung in den Fönfjord in Richtung Hall Bredning verfrachtet. Aber im Trichter hinter der Roten Insel - dem sogenannten Eisbergfriedhof - liegen einige kapitale Eisberge von titanischen Ausmassen auf Grund. Ebenfalls gut zu erkennen sind die dunkelroten Sandsteinhänge auf der Westseite des Rödefjords - 35 km entfernt. Der Blick reicht noch weiter bis zum Eingang des Harefjordes, streift die Gletscherkuppen von Stor Ö und bleibt schliesslich am Inlandeis am Ende des Rypefjordes hängen. 100 Kilometer Sicht - und Stille.

Nach der Pause steige ich über ausgetrocknete Bachläufe weiter nach oben, gehe bzw springe dabei von Stein zu Stein, von Fels zu Fels. Das ist kraftsparend, bringt mich schnell vorwärts und macht noch dazu höllisch Spass. Das Gelände steigt jetzt in Wellen an, bevor der letzte steile Anstieg auf den Vorgipfel beginnt. Nachdem ich hier eine passende Stelle zum Schirmauslegen finde beschliesse ich hierzubleiben. Das Gelände wird ab hier steil und zunehmend verblockt, Startplätze wird es bis zum Gipfelplateau keine mehr geben. Und welche Windbedingungen oben herschen weiss ich ebenfalls nicht - falls dort Abwind vom Gletscher herunterkommt kann ich dort nicht starten. Und - eben meine Kondition. Wobei - 1.000 HM ohne Weg dürften wohl 1.500HM in den Schweizer Bergen entsprechen...
Die Windbedingungen hier passen ebenfalls: laminare, also gleichmässige Anströmung aus Nord - perfekt. Auch das Leinensortieren muss akribischer erfolgen als daheim. Zum einen sind die Leinen des Single Skins nicht ummantelt (also anfälliger für Beschädigungen). Da sie extrem dünn sind bleiben sie gerne zwischen Steinen oder in Pflanzen hängen und reissen entsprechend schnell. Das hatte ich bereist vor 2 Jahren festgestellt. Aber irgendwann ist auch das erledigt. Ich steige ins Gurtzeug, mache mich flugfertig und klinke den Schirm ein. Aufziehen, 2 schnelle Schritte in den Wind und ich bin in der Luft. Was für eine Wohltat, den Wind um die Nase zu spüren - der letzte Flug ist ja leider schon wieder einige Wochen her. Ich geniesse den Flug und das Panorama aus der Luft. Nach der Landung am langen Sandstrand und dem Verpacken des Equipments nutze ich das gute Wetter und das fliessende Wasser, um mir den Schweiss vom Körper zu spülen. Danach gibt's Kaffee, Trockenfisch und etwas Süsses. Weitere Stationen des Nachmittags sind das Umhängen des Solarpanels und laden diverser Verbraucher, Abdichten meiner mittlerweile über die Jahre schon arg strapazierten Spritzdecke mit AquaSeal und die Reparatur des Bärenzauns. Ach ja - Fotos auf dem Natel habe ich auch nich editiert. Jetzt bin ich rechtschaffen müde und verhole mich in den Schlafsack.



03. August - Renodde

Ein weiterer wunderschöner Platz dieser Reise - wir sind am südlichen Ende des Vestfjordes in einer kleinen halbmondförmigen Bucht mit Blick auf das rund 20km entfernte Hjörnedal und die Gletscher Gaselands im Hintergrund. Etwas näher ist die Rote Insel und das dahinter liegende Milne Land im Osten. Die Bucht ist mit Eis in unterschiedlicher Grösse gefüllt; vom kleinen Growler und Brucheis bis hin zum auf Grund gelaufenen Eisberg sind alle Grössenklassen vertreten. Unser Zelt steht auf einem kleinen, bewachsenen Plateau oberhalb eines steilen Kiesstrandes.

Heute morgen hatten wir eine Gruppe Moschusochsen unmittelbar vor der Hütte; sie liessen sich durch unsere Anwesenheit nicht im mindesten stören und zogen gemächlich in Richtung des Sanders weiter. Viel vor hatten wir heute nicht - nur quer über die Bucht und dann immer dem Ufer entlang gute 15km nach Norden; dabei unser Tagesziel immer vor Augen. Dementsprechend viel Zeit lassen wir uns auch: fotografieren und machen ausgiebig Pause an einem schönen Schotterstrand. In den Berghängen entdeckten wir Moschusochsen am laufenden Band, die grösste Herde hatte 12 Tiere. Am frühen Nachmittag erreichen wir dann auch schon die Halbinsel Renodde. Ein unglaublich schöner Platz, den ich so gar nicht erwartet hätte. Renodde ist mit einer flachen Landbrücke mit Gaseland verbunden; der höchste Punkt liegt bei 100M. Steigt man von der Bucht auf den Höhenrücken, hat man einen wunderbaren Blick in alle Richtungen, aber vor allem tief in den mit viel Eis gefüllten Vestfjord hinein. Ein magischer Anblick im Gegenlicht des späten Nachmittags. Der Vestfjordgletscher ist sehr aktiv und hat den Fjord mit viel Grosseis gefüllt. Morgen wollen wir versuchen, einige Kilometer in den Fjord vorzudringen und eine Nacht dort zu verbringen.

Zurück am Zelt fangen wir mit den Vorbereitungen zum Kochen an. Ich bin entzückt - direkt neben dem Zelt haben wir einen kombinierten Koch-/ Sitzstein: ein gut hüfthoher Felsblock mit fast ebener Oberfläche. Heute ist rückenschonendes Kochen angesagt. Aber zunächst möchte ich die Sonnenbrille mit meiner normalen Brille tauschen. Ich öffne das Etui - aber das ist leer. Und dann erinnere ich mich, die Brille gestern Abend in der Hütte an einen Nagel gehängt zu haben. Und nachdem ich heute morgen gleich die dunkle Brille aufhatte habe ich sie schlichtweg vergessen. Damit hat Bea morgen einen Tag Pause: ich werde mit leerem Kajak nach Hjörnedal fahren, meine Brille holen und gleichzeitig die Wassersäcke nochmals füllen.


05. August - Kobberpynt
Der erste 1/2 Regentag dieser Reise
Gestern bin ich gleich morgens nach dem Frühstück mit dem leeren Kajak in direkter Linie zurück nach Hjörnedal aufgebrochen. Camp abbauen, packen und Boote beladen brauchten wir ja nicht. Es war windstill mit knallblauem Himmel; ich hab' im Morgenlicht noch einige schöne Aufnahmen machen können. 15km - das zieht sich. Noch dazu war wenig Eis auf dem Wasser, das lässt die Strecke gleich noch länger erscheinen. Die zurückgelegte Distanz ist nur schwer messbar und das Auge hat nichts zum festhalten, keine oder nur wenige Fixpunkte die näherkommen und so die zurückgelegte Strecke visualisieren. Nachdem ich die Wassersäcke gefüllt und meine Brille wieder habe mache ich noch kurz Pause bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache; nachmittags gegen 1400 bin ich wieder zurück. Zusammen mit Bea lassen wir uns auf den Uferfelsen zum Sonnenbaden und Lesen nieder, das Fernglas griffbereit - keine weiteren Vorkommnisse. Nachdem die Sonne hinter dem Punkt 100 verschwunden ist und es kühl wird, machen wir noch ein Feuer im Kiesbett des Ufers. Treibholz liegt ausreichend herum.


05. August
Heute morgen rufen wir nochmals eine detaillierte Wetterprognose über unser InReach ab; es hat sich zugezogen. Der Himmel in Richtung Osten sieht drohend aus, dunkle Wolken liegen über Milne Land. Nach Westen die letzten Flecken blauen Himmels, die schnell kleiner werden und schliesslich ganz verschwinden. Ab dem mittleren Nachmittag ist Regen prognostiziert; es soll aber morgen bereits wieder besser werden. Dementsprechend variieren wir unser Programm: anstatt in den Vestfjord zu gehen mit dem Ziel Fladpynt oder sogar Ispynt queren wir den Fjord nach NW in Richtung Kobberpynt, eine grosse Bucht auf der Nordseite. Auch wissen wir nicht, wie sich die Eissituation in den letzten 36 Stunden verändert hat, da wir von unserem Platz nicht in den Vestfjord blicken können. Das sehen wir erst, wenn wir die Halbinsel umrundet haben.
1/2 10 sind wir startbereit und lassen uns vom Westwind zum Ende der Landzunge treiben; danach drehen wir die Kajaks auf Kurs Nord. Wir sind im Vestfjord: Eisbedeckung 06/10 - 7/10, eine Mischung aus grossen Eisbergen, Schollen und viel Brucheis bedeckt das Wasser. Wir haben kein Problem mit dem Vorankommen, finden meistens genügend grosse Lücken um bei den Engstellen hindurchzuschlüpfen. Um die Mittagszeit sind wir in Kobberpynt. Die grosse Bucht sieht nicht sehr einladend aus: vor uns breitet sich ein weiter, flacher und steiniger Strand aus, dahinter sieht es nach buckeligen Feuchtwiesen aus. Am Buchtanfang auf westlicher Seite ist aber eine Erhebung, ca. 20m über dem Ufer. Ich springe schnell hinauf und schaue mich um - und was ich sehe gefällt mir: eine leicht abfallende Ebene kommt von den Hügeln herunter und ist von trockenem, überwiegend ebenem Tundraboden bedeckt. Hier bleiben wir. Bevor wir die Kajaks aus dem Wasser holen, schleppe ich noch einen grossen Eisblock ans Ufer. Das zerkleinerte Eis wird später in unserer Spülschüssel schmelzen und unsere Trinkwasservorräte aufstocken bzw wieder auffüllen: Fliessgewässer gibt es hier nicht.

Ein Blick nach NO zeigt uns, dass der Regen näher kommt; Stor Ö und Sorte Ö verschwinden bereits hinter Regenschleiern, auch in der Strömbugt im Osten renet es bereits. Weisse Sturmwolken ziehen auf halber Höhe an den Bergketten Gaselands entlang, der Wind hat auf NO gedreht, frischt auf und wird böig. Eine typische Kaltfront ist im Anmarsch. Kurze Zeit später steht das Zelt. Wir schlüpfen aus den Trockis, machen die Kajaks sturmfest und spannen das Zelt nochmals extra ab. Die ersten Tropfen fallen mit sattem Platschen aufs Zelt. Plong. Plonnggg. Dann ein Rauschen vom Rödefjord her: der Wind hat weiter zugenommen und treibt das Eis auf- und ineinander. Zusammen mit dem auflaufendem Wasser kommt jetzt alles in unsere Richtung. Als die Suppe in unseren Bechern dampft hat der Wind auch uns erreicht. Das Zelt beginnt zu arbeiten und zerrt an den Abspannungen. Es ist schön, jetzt geschützt in der Apsis zu sitzen und das Spektakel aus relativer Windstille beobachten zu können... Schliesslich setzt ergiebiger Landregen ein, der erste seit mehreren Wochen. Der Untergrund ist knochentrocken und hat jeden einzelnen Tropfen nötig.

06. August - Hike'n Fly II

Natürlich haben weder Bea noch ich gestern daran gedacht, warme Klamotten für's Zelt aus den Booten mitzunehmen. So war der gestrige Nachmittag dann doch irgendwann frisch bei Regenwetter und 4°C. Umso eher haben wir uns in die Schlafsäcke gekuschelt. Während der Nacht lässt der Regen allmählich nach und hört irgendwann ganz auf. Morgens wachen wir wegen der Wärme im Zelt auf : die Sonne ist durchgebrochen.
Der Blick aus der Apsis auf den Vestfjord, hinüber zur Roten Insel und die eisgefüllte Strömbugt ist der Blick in eine andere Welt. Nebelbänke hängen über dem Wasser und verschleiern die Konturen der Eisberge, Wolkenbänder ziehen an den Hängen entlang. Über dem Hochland von Milne Land und Gaseland liegen immer noch dunkelgraue, teils schwarze Schlechtwetterwolken. Aber - von NO macht es zusehends auf und die Wolkenlücken werden grösser; daher haben wir bereits Sonne auf dem Zelt. Als wir zum Zähneputzen aus dem Zelt kommen realisieren wir erst auf den zweiten Blick, dass sich eine Herde Moschusochsen nur 50m entfernt im Windscchatten eines Kammes zum Ruhen niedergelassen hat. Die Tiere lassen sich durch unser Erscheinen auch nicht stören. Aber zuerst mal Zähne putzen, Kafffee trinken und dann vor dem Frühstück mit der Kamera auf die Pirsch gehen. Wir jagen das Licht. Die Stimmung ist geheimnisvoll. Jeden Moment erwarte ich, dass von der gegenüberliegenden Bergflanken die Heerbanner auftauchen - Herr der Ringe Feeling zum Anfassen.

Unser Plan für heute: ab in die Bergstiefel; wir wollen auf den Bergrücken in Richtung Norden aufsteigen, der den Vestfjord vom Rolig Brae trennt. Der Sattel ist auf ca. 500m; wenn man vorn dort aus weiter nach Westen weitergeht, könnte man bis 1.800m aufsteigen: aber das ist nicht das Ziel. Nachdem es wettertechnisch ganz gut aussieht, packe ich den meinen Schirm und die Flugausrüstung mit in den Rucksack. Die Moschusochsen sind mittlerweile entspannt weitergezogen. Wir queren zunächst die Bucht und kämpfen uns dabei über unebenen Tundraboden. Der Regen der letzen Nacht ist bereits versickert, die Feuchtigkeit abgetrocknet; nur vereinzelt glänzen noch Tropfen auf Zwergweiden und Blaubeerpflanzen. Auch die Nebelbänke über dem Wassser lösen sich allmählich auf. Einzig die dunklen Wolken nach Osten und Süden hängen noch in den Bergketten und Gletschern.


Das Gehen ist mittlerweile angenehm: wir können wunderbar über terassenartig ansteigende, glattgeschliffene Granitrippen aufsteigen. Nach jeder Rippe kommt ein kleines Plateau mit Tundraboden und trockenen Feuchtgebieten. Wir stossen dabei auf viel frische Moschusochsenlosung und folgen dabei den Trampelpfaden, die die Tiere auf ihren Wanderungen über die Jahrhunderte gebahnt haben. Um die Mittagszeit erreichen wir den Sattel und können einen ersten Blick auf den Rolig Brae werfen, der langsam und flach vom Inlandeis herunterkommt. Auf dem Weg zu unserem Pausenplatz scheuchen wir einen Schneehasen auf. Rast machen wir aber mit Blick nach SW auf den Vestfjord und den gleichnamigen Gletscher. Der Wind kommt während unserer Pause schön laminar aus Süden, ist aber schon fast zu stark für den leichten Schirm. Zudem verdichtet sich die Bewölkung wieder; es wird frisch im Schatten. Bea wird es irgendwann zu kalt zum Sitzen, sie packt ihren Rucksack und macht sich an den Abstieg.


Ich bleibe noch - ich möchte versuchen zu fliegen. Einen guten Startplatz finde ich in der Nähe: eine glattgeschliffene, grosse Granitkuppe. Da kann schon mal keine Leine hängenbleiben. Bis ich dann aber den Schirm parat und die Leinen sortiert habe, hat der Wind abgestellt, wird unregelmässig und dreht immer mehr auf SO. Und das geht gar nicht, da ich mangels Alternativen nur nach S starten kann; ich habe nicht vor, mir bei einem halben Klippenstart eine Klapper einzufangen. Was folgt ist einmal mehr parawaiting - ein Geduldsspiel. Das Warten auf den richtigen Wind, in meinem Fall Windstille. In einem passenden ruhigen Moment ziehe ich den Schirm auf, drehe nach SO in den Wind und bin nach 2 Schritten in der Luft. Die Szenerie, das oben geschilderte Panorama des eisbedeckten Wasser und der vergletscherten Bergketten im Hintergrund ist surreal. Einige Minuten später setze ich punktgenau in der Nähe unseren Zeltes auf

Die Sonne ist im Lauf des weiteren Nachmittags leider nur noch sporadisch rausgekommen, dementsprechend frisch war es dann auch. Zudem hat der NO Wind wieder angestellt und erreicht in Böen gut 50 - 60km/h. Ich bin gespannt, ob sich die Prognosen für morgen bewahrheiten und wir gutes Wetter für die Abbruchkante des Rolig Brae bekommen...

07. August - Rödefjord

Heute sind wir bereits kurz vor 0900 in den Kajaks; zum Herumbummeln ist es bei bedecktem Himmel schlichtweg zu frisch. Als sich nach dem Umziehen die Luft in den Trockis erwärmt hat ist es schon deutlich angenehmer, vor allem spüren wir darin den leichten Wind nicht mehr. Zunächst müssen wir einige grosse Brucheisfelder queren, die der Wind angetrieben hat. Danach wird es spürbar einfacher.
Es schliesst sich das Higlight des heutigen Tages an: ein von Wasser und Sonne zerfressener Eisberg mit mehreren nach oben ragenden Dornen oder besser gesagt Türmen, die alle über eine unter Wasser liegenden Bodenplatte miteinander verbunden sind. Die Farben sind bei bedecktem Himmel nicht von dieser Welt, das Eis strahlt und leuchtet: türkis, grün, aquamarin, blau und weiss. Und mit genügend Platz zwischen den Türmen, um mit dem Kajak hinein- und hindurchzuschleichen... Und ja, ich habe gesündigt. Und ja, ich habe fast eine weitere halbe Stunde wie besoffen von Licht und Farben in unmittelbarer Nähe dieses fragilen Kolosses verbracht.


Die nächsten 12 Kilometer fahren wir ansteiler Felsklippen entlang, unterstützt von leichtem SW Wind. Bei Kap Langeneas biegen wir nach Westen in Richtung der Abbruchkante des Rolig Brae ab. Es ist immer noch bedeckt und kühl. Aber - die Sonne drückt durch eine kleine Wolkenlücke, die sich schnell vergrössert. Kalter Abwind vom Gletscher schlägt uns entgegen, als wir Langenaes umrundet haben. Und wir geraten leider bereits nach nur einigen hundert Metern in dichten Eisbrei, der das Vorankommen erheblich verlangsamt, erschwert und schliesslich verunmöglicht. Als wir auf die ersten frisch gekalbten Eisberge des Rolig Brae treffen ist definitiv Schluss, das Risiko steigt mit jedem zurückgelegten Meter. Wir machen noch einige Fotos und laufen dann in Richtung NO im spitzen Winkel zur fast 1.000m nördlichen Begrenzung des kleinen Fjordes ab. Bevor wir aber das nächste Kap umrunden können, müssen wir noch einige dichte Eisfelder queren. SO Wind hat eingesetzt, dadurch wird der ganze Eisbruch nach NW in Marsch gesetzt und trifft vor dem Kap auf mehrere grosse, auf Grund gelaufene Eisriesen. Dort bleibt der Eisteppich hängen, staut und verdichtet sich und macht uns das Leben sauer. Als wir die Felder endlich passiert haben kann der Wind jetzt ungebremst von Hindernissen ins Wasser greifen und in kurzer Zeit schöne, halbmeterhohe Wellen aufbauen; wir machen entsprechend Tempo und kommen gut voran.
Mit einer Pause sieht es allerdings schlecht aus. Linker Hand haben wir einen ockerfarbenen Steilhang, der sich ohne Landemöglichkeit noch lange hinzieht. Einige Kilometer weiter erkennen wir bereits die roten Sandsteinhänge des Rödefjords. Das Wolkenloch ist verschwunden, es ist wieder bedeckt und entsprechend frisch im Wind. Dann ein Einschnitte in der Wand, ein enges Couloir kommt steil die Bergflanke herunter und läuft in einem gewaltigen Schuttkegel aus. Dort landen wir, einigermassen geschützt von Wind und Wellen. Es gibt 2 Riegel, 2 schnelle Becher Kaffee - dann sind wir wieder unterwegs. Es ist zu kalt zum Sitzen. Ich helfe Bea noch ins Kajak und vergesse darüber prompt, meine Thermoskanne mit zunehmen. Gemerkt habe ich das aber erst abends nach der Landung.


Der Wind kommt weiter unvermindert stark aus SO, erste Schaumkronen bilden sich auf den Wellen. Die roten Hänge sind überraschend grün; nicht das staubige dunkelgrün, durchsetzt von braun und gelb das auf Wassermangel hinweist. Nein, frisches, leuchtendes Grün. Der Boden scheint hier eine gewissen Restfeuchte zu haben bzw das Wasser besser speichern können als noch vor einigen Kilometern. Wir müssen jetzt einen grossen, beinahe halbkreisförmigen Sander umfahren: das Schuttdelta eines grossen Tales, das aus den Bergen westlich von uns kommt. Das grosse Delta hat einen Radius von geschätzten 1,5 - 2 km, ist aber zu 95% trocken. Dort treffen wir wieder auf Moschusochsen, die am Ufer stehen und schauen. Was die hier wohl machen? Ausser Sand und Steinen gibt es nichts, Pflanzen sucht man im Sander vergeblich. Kajaks kennen die Tiere nicht. Wir lassen uns vom Schwung lautlos in Richtung Ufer tragen, die Kameras griffbereit in den Hände. Die Tiere lassen uns bis auf 15m herankommen, bevor sie unruhig werden und gemächlich abziehen. Wir gleiten weiter an der roten Küste entlang. Nach einem zweiten grossen Delta machen wir Camp - und treffen schon wieder auf Moschusochsen am Strand. Die Wetterprognosen für die kommenden Tage sind gut; ich werde morgen zum Fliegen gehen. Übermorgen ziehen wir dann weiter in den Harefjord.

08. August - Rödefjord

Der Hike heute war geil - und anstrengend. Als ich in der Früh den Kopf aus dem Zelt stecke und mich umschaue ist eine Gruppe Moschusochsen in unmittelbarer Nähe zum Zelt. Es ist bdeckt, Milne Land und Gaseland weiter im Südensind sind weiterhin von Wolken abgeschirmt. Von NO klart es allmählich auf, die Sonne spitzt durch die ersten Wolkenlücken. Unser Zelt ist auf der Nordseite eines grossen, kiesigen Mündungsdeltas plaziert, Trinkwasser finden wir nach einem 10 minütigen Spaziergang. Roter Sand, langgeschwungene Strände. Kleine Wellen laufen leise murmelnd im Sand aus. Es ist frisch, daher starte ich mit Fleecejacke.
Die ersten paar hundert Meterfolge folge ich einem trockeneme Bachbett, bis sich eine Schlucht öffnet. Hier wechsle ich auf federnden, nachgiebigen Tundraboden. Sofort wird das Vorankommen wieder anstrengend. Das Gelände steigt in sanften Wellen an, schon bald habe ich Fleece und schliesslich das T-Shirt ausgezogen. Ein Blick zurück zeigt mehrere Bachläufe im Delta des Sanders; einige erreichen den Fjord, andere versickern auf halber Strecke im kiesigen Untergrund. Und ich kann Bea als kleinen Punkt erkennen: sie ist unterwegs um unsere Wassersäcke zu füllen. Stor Ö und Sorte Ö auf der anderen Fjordseite kommen allmählich ins Licht, die Gletscherkuppen von Milne Land - gleich oberhalb der Steilwände auf 1.800m - gleissen in der Sonne. Es bestätigt sich, was ich gestern schon vermutet habe: der Boden in dieser Region ist erheblich feuchter als bei der Roten Insel oder in Hjörnedal, das Grün der Pflanzen ist frischer, kräftiger und wirkt nicht so staubig und vertrocknet. Ich arbeite mich am Rand der Schlucht weiter nach oben. An der Kante gibt es kaum Bewuchs, damit ist das Vorankommen erheblich einfacher. Nach der nächsten Bodenwelle bleibe ich verblüfft stehen: es sieht ähnlich aus wie in Kapadokien. Niederschlag und Erosion haben spitze Gesteinsnadeln in der Schlucht entstehen lassen, die von grossen Findlingen auf der Spitze gekrönt werden.
Ein bizarrer Anblick.
Einige hundert Höhenmeter weiter ist der Bewuchs zu Ende, ich bin oberhalb der Wachstumsgrenze auf ca. 750 HM. Vor mir öffnet sich ein leicht gewelltes Hochplateau: roter Sand mit eingebackenem Schotter. Hier ist es extrem gut zu Laufen, der Untergrund ist wie planiert. Aber höher komme ich leider nicht. An das Plateau schliesst sich ein weites Tal an, das ich queren müsste um dann steil weiter in Richtung Gletscher aufsteigen zu können. Aber um von dort aus starten zu können muss ich auf mindestens 1.400 Meter aufsteigen, da ich sonst mit der relativem schlechten Gleitleistung des Single Skins die weite Talquerung nicht schaffe. Das tue ich mir heute nicht mehr an, vielen Dank.


Lieber sitze ich lange Zeit auf einer Schotterkuppe und berausche mich an dem Ausblick auf den Röde Fjord. Nach Süden erkenne ich noch schemenhaft die Rote Insel und den davorliegenden Eisbergfriedhof; in der Strömbugt liegen immer noch dichtgedrängt einige kapitale Eisberge. Auch auf der gegenüberliegenden Fjordseite - am Eingang zum Snösund - erkenne ich grosse Tafeleisberge. Gletscherzungen hängen fast senkrecht über 1.500HM von Milne Land herunter in den Sund. Auf Stor Ö leuchten die roten Flusstäler und die grosse, rote Düne am Ufer in der Sonne - ich kann mich kaum sattsehen.

Der Wind ist laminar, aber schwach und kommt aus SO. Da es auf der Schotterkuppe keinen Pflanzenbewuchs gibt, ist der kleine Gupf ein idealer Startplatz. Kurze Zeit später steige ich ins Gurtzeug, klinke den Schirm ein und bin gleich darauf in der Luft. Es ist leicht thermisch, aber leider gelingt es mir nicht Höhe zu generieren. Ich sehe lieber zu, dass ich in Richtung Küste komme bevor ich zu viel Höhe verliere. Als die letzte Kuppe unter mir verschwindet, kann ich unser Zelt als kleinen, roten Punkt am nördlichen Ende des Flussdeltas ausmachen. Und - einen wunderschönen, fragil wirkenden Eiskoloss mit einem grossen Torbogen. Der SO Wind hat in Bodennähe aufgefrischt, ich komme gegen den Wind kaum noch voran. Also baue ich mit einigen schnellen Kreisen Höhe ab und lande auf dem langen Sandstrand bei unseren Kajaks.
Im Abendlicht bin ich wieder lange mit der Kamera unterwegs. Die Felswände von Milne Land liegen wundervoll im orange-roten Abendlicht. Wir lassen den kühlen Abend bei einem wärmenden Feuer am Strand ausklingen und können so schön aufgewärmt in die Schlafsäcke kriechen.

09. August - Harefjord

Heute früh zur Abwechslung mal keine Moschusochsen vor dem Zelt - aber der Eisberg mit dem Torbogen liegt immer noch in Strandnähe, wenn auch leicht gedreht. Und: zum ersten Mal seit Tagen ist es wolkenlos, wir werden von der ungewohnten Wärme im Zelt geweckt. Während wir frühstücken kommt leichter SO Wind auf, der kontiuierlich stärker wird. Als wir kurz nach 0900 die Spritzdecken schliessen, haben die ersten Wellen bereits Schaumkronen aufgesetzt.

Aber - ganz ehrlich: so macht's richtig Spass. Bug in die nächste Welle, Schub von Backwind und der nächsten heranrauschenden Welle, Gischt auf der Spritzdecke und im Gesicht. Nach einigen Kilometern queren wir ein breites, rund 4km breites Flusstal mit einem riesigen Delta. Hier entwässern mehrere Gletscher, die vom Inlandeis herunterkommen. Das Wasser ist durch das Geschiebe und den Gesteinsabrieb in grossem Umkreis rötlich-braun. Und wieder sehen wir Moschusochesn in der weiten Ebene. Allmählich kommen wir zum landschaftlichen Höhepunkt des Rödefjords - rote Sandsteinformationen, durchbrochen von engen, verwinkelten Canyons. Als wir kurz vor unserer Mittagspause sind, entdeckt Bea im Osten bei Stor Ö die Shilouette eines Zweimasters. Schwarzer Rumpf, weisse Decksaufbauten, Schonertakelung. Die Tilvera? Hektisch sprinte ich zum nächsten Strand, reisse das Satellitentelefon heraus und rufe Heimir an. "My friend, where are you strollin' around? Possible you're in Rödefjord?" Heimir freut sich sichtlich über meinen Anruf, verneint aber. Die Tilvera ist im Kong Oscar Fjord im Nationalpark unterwegs, ca. 300km nördlich von uns. Wir vereinbaren aber ein Treffen Ende August in Ittoquortoomiit, wenn wir zurück sind und die Tilvera zur letzen Tour der Saison nochmals in den Nationalpark aufbricht. Mich würde es tierisch freuen, Heimir nach zwei Jahren wieder einmal zu sehen und in die Arme zu nehmen.

Nach unserer Mittagspause haben wir nochmals 10 landschaftlich einmalig schöne Kilometer entlang der roten Sandsteinhänge vor uns, bevor wir nach Westen in den Harefjord einbiegen. Und dabei ändert sich das Landschaftsbild von einem Meter auf den anderen. Hatten wir die letzten Kilometer noch rote Felshänge ohne Bewuchs, durchbrochen von verwinkelten Canyons, ziehen sich jetzt sanfte, grün bewachsene Hänge bis zu den Ufern herab. Entlang des Ufers wechseln sich rote Sandstrände mit kleinen, kiesigen Deltas von Bachläufen ab. Trinkwasser ist nur vereinzelt zu finden, die meisten Bachläufe sind trocken. Daher haben wir immer zwei gefüllte Wassersäcke in den Kajaks. Mit den acht Litern kommen wir bei sparsamen Verbrauch ziemlich genau zwei Tage aus. Aber dennoch: in jedem zweiten oder dritten Bachlauf tröpfelt noch ein Rinnsal dem Fjord entgegen.

Camp machen wir nach so einer Bachmündung an einem breiten und tiefen Strand. Der hat im hinteren Teil gottlob etwas Humus und somit Pflanzenbewuchs, sodass wir das Zelt nicht im Sand aufstellen müssen. Ich hasse zelten im Sand... Und da der Bach weiter oben noch etwas Wasser führt, das auf dem weiteren Weg versickert und somit den Strand nicht erreicht können wir uns seit Tagen wieder einmal waschen. Der namenlose Gletscher, der weiter im Westen in den Fjord mündet ist noch über 20 Kilometer entfernt. Etwas näher - quer über die Bucht - tost ein gewaltiger Fluss in weiss gischtenden Kaskaden vom Hochland herunter; dort wollen wir morgen hin.
Aber zunächst möchte ich morgen früh noch einen Hike & Fly machen. Es genügt, wenn wir spätnachmittags in die Kajaks steigen; quer über die Bucht sind es maximal 1 1/2 Stunden. Dann können wir dort übermorgen eine Tageswanderung machen und dann via Gletscher weiter nach Ternevigerne gehen.


10. August - Harefjord

Der Hike heute hat funktioniert, der Flug nicht.
Ich bin gleich in der Früh' nach dem Kaffee in die Stiefel gestiegen und aufgebrochen - bei perfektem Wetter. Die ersten 150 HM geht es am Rande eines tief eingeschnittenen Bachlaufes steil hinauf. Das Gelände ist dicht bewachsen, ich komme nur langsam voran und habe schon nach einigen Minuten mein T-Shirt ausgezogen. An die erste Stufe schliesst sich eine sanft ansteigende schräge Ebene an, die gut zu begehen ist. Die Vegetation ist immer noch dicht, aber der Boden trocken. Und - ich kann auch heute wieder trockene Bachbetten mit steinigem Untergrund nutzen, die das Vorwärtskommen unheimlich erleichtern. Ab ca. 500 - 600 HM bilden sich wieder die für die Gegend typischen, tief ausgewaschenen Schluchten. Schmelz- und Regenwasser haben sich hier tief in den weichen, roten Untergrund gegraben und richtige Canyons zurückgelassen. Hier mache ich eine erste ausgiebige Pause und geniesse den Blick auf den bereits tief unter mir ligenden Fjord.

Was mich zu diesem Zeitpunkt bereits stutzig macht - ich habe Abwind. Der Wind kommt von Süden und damit den Hang herunter. Normalerweise sollte sich mit zunehmender Sonneneinstrahlung und Tagesverlauf Warmluft bilden und aufsteigen: Thermik. Was ist los? Nach der Pause setze ich den Aufstieg am abgeblasenen Rand einer Schluchtkante fort. Es wird steiler und windiger. Die letzten 150HM bis zum Hochplateau sind nochmals knackig. Oben bläst mir Südwind mit ca. 30 km/h entgegen, gelegentliche Böen sind noch deutlich stärker. Das war's dann für heute mit dem Fliegen... Ich bin jetzt auf 900HM; vor mir breitet sich eine weite Ebene mit kleinen Erhebungen nach Osten und Süden aus. Drehe ich mich um 180° und blicke nach Norden über den Harefjord ist das Bild ähnlich: rote Hänge, ein Anstieg auf ca. 800, 900m und dahinter ein aus der Ferne flach erscheinendes Hochplateau. Nach Westen geht es dann weiter auf einen Plateaugletscher, dessen Kuppe auf rund 1900 Metern liegt. Auch kann ich über die Hofmann Halbinsel bis weit in den Rypefjord hineinsehen. Nach Osten leuchtet Stor Ö mit seinen Gletschern im Mittagslicht. Da es im Wind unbarmherzig kalt wird mache ich mich schon bald an den Abstieg, wähle dabei aber eine andere Route als zuvor. Ausserdem habe ich noch die leise Hoffnung, dass der Wind vielleicht doch noch nachlässt bzw kehrt und ich noch zu meinem Flug komme: die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Die gewählte Route ist nicht ohne: ich erreiche einen schmalen Grat aus rotem Geröll und losem Sand. Viel Platz für Fehltritte oder Ausrutscher ist hier nicht. Aber dafür ist der Blick umso spektakulärer. 300HM weiter unten lege ich nochmals eine Pause ein, aber leider passt der Wind immer noch nicht. Zwar spüre ich immer mehr warmen Aufwind der von Norden den Hang hochkommt. Aber immer wieder wird dieser von einer Böe aus dem Süden, also Abwind, unterbrochen. Da ich das Risiko eines Fehlstarts bzw einer Frontklapper beim Start ausschliessen möchte und muss, bleibt der Schirm im Rucksack - auch wenn es mir schwerfällt. Schade. Kurz vor 1400 bin ich wieder zurück. Nach einem schnellen Kaffee verpacke ich meinen Krempel. Wir brechen das Camp ab und sind eine Stunde später auf dem Wasser.
Da wir es heute heute nicht weit haben lassen wir uns entsprechend viel Zeit. Aber da es wolkenlos und windstill ist, köcheln wir in unseren Trockis wieder dahin. Glücklicherweise können wir auch heute wieder Eis fischen: kleine Eisstücke, die beim Kollabieren oder Kentern von Eisbergen entstehen. Das Eis ist herrlich kühl im Mund, stillt den Durst, erfrischt und spart zugleich unsere Wasservorräte. Camp machen wir schliesslich ca. 300 nördlich des grossen Katarakts, der vom Hochland heruntertost auf einem kleinen Absatz unmittelbar am Steilufer. Anlanden können wir hier gut über Granitrippen, die eine natürliche Rampe bilden. Das einzige Nachteil an dem Platz ist der frühe Bergschatten: ab 1830 ist die Sonne weg und es wird entsprechend schnell kühl. Dafür ist das späte Abendlicht auf Stor Ö, den treibenden Eisbergen und den roten Hügelketten umso schöner.


11. August - Paradiesdal

Was für ein Tag...
Bei der Überfahrt gestern Nachmittag haben wir den Katarakt schon von Weitem gesehen und vor allem gehört, in dem sich der der Wildfluss aus dem Hochland die letzten 100 Höhenmeter zum Fjord herabstürzt. Wasserstaub hängt kühl in der Luft und leuchtet im Gegenlicht. Das Donnern der Wassermassen ist ohrenbetäubend, die Stromzunge reicht weit in das stille Wasser des Fjords hinaus.
Der Fluss entwässert ein ein Hochtal von knapp 15 Kilometern Länge und hat seinen Ursprung an einem Gletschersee beim Punkt 680. Heute wollen wir das Hochtal erkunden. Da das Wetter ist nach wie vor gut ist, packe ich in der Früh meine Flugausrüstung mit in den Rucksack in der Hoffnung dass es vielleicht heute mit dem Fliegen klappt. Heute kommt Bea mit, die mich ein Stück begleiten wird. Die ersten Höhenmeter habe es wieder in sich. Es geht steil hinauf, bei dichtem Bewuchs und nachgiebigem, teilweise feuchtem Boden. Unsere Füsse versinken bis zu den Knöcheln im Pflanzenteppich, Zwergweiden kratzen an den Unterschenkeln. Der Schweiss läuft mir in Strömen herunter. Glücklicherweise hat es auch hier so gut wie keine Mücken. Nachdem es flacher wird und das Gelände beginnt, wellenförmig anzusteigen halten wir uns in Richtung Süden: wir wollen zum Fluss und dessen Lauf weiter bergwärts folgen. Nach einer letzten Bodenwelle bleibt uns der Mund offen stehen - wir sind im Paradies gelandet. Etwas unter uns breitet sich eine etwa 2 km breite wie auch tiefe Hochebene aus. Der Fluss mäandert in mehreren Armen hindurch, das Wasser leuchtet türkis / hellgrün im Licht. An die Ufer schliessen sich ausgedehnte Feuchtgebiete an, danach kommt rötlicher Fels. Vereinzelt sieht man Stromschnellen, über die das Wasser Höhe abbaut, dann folgen wieder Sandbänke an beiden Ufern. Moschusochsen weiden in der Uferzone, bemerken uns - aber lassen sich von uns nicht stören. Am Ende der Hochebene eine Felsstufe: dort schiesst weissschäumend das Wasser über schräge Felsplatten herab, Wasserstaub glitzert in der Luft. Bei der Stufe machen wir eine erste grössere Pause. Das Wasser - obwohl Schmelzwasser von den Gletschern - führt nur wenig Sediment mit sich, ist eiskalt und gut trinkbar.

Wir gehen weiter nach Westen, folgen dabei aber nicht dem Fluss; der beschreibt einen weiten Bogen nach Süden in Richtung der Gletscher. Wir suchen uns einen Weg über sandige Hügelketten. Beim nächsten Katarakt stossen wir wieder auf den Fluss; hier machen wir Mittagspause. Anschliessend trennen sich auch unsere Wege: Bea wird im Anschluss einen ähnlichen Weg zurück nehmen und dabei noch die Wassersäcke füllen. Mich treibt es in die Höhe. Während der Pause habe ich eine mögliche Aufstiegsroute auf die Bergkette nördlich von uns ausgemacht - der Praedikestolen liegt auf 1.271m. Den Gipfel werde ich nicht schaffen, da er zuweit westlich liegt und die Gleitleistung des Schirms nicht ausreicht, um bis zum Camp zurückzufliegen. Aber auf den Höhenzug möchte ich hinauf. Der Wind passt aktuell, er kommt bereits den ganzen Tag aus S/SO. Zwei weitere schweisstreibende Stunden bin ich auf 900HM angekommen; der Blick von hier ist einmal mehr unbeschreiblich.


Aber als ich endlich den Kamm erreiche eine böse Überraschung: Windscherung (unterschiedliche Windrichtungen auf unterschiedlicher Höhe) . Hier ist die vorherrschende Windrichtung Nordwest. Das kann jetzt nicht wahr sein...
Aber zuerst einmal runter mit Stiefeln und Socken, die Füsse kühlen und trocknen lassen. Dazu den letzten Riegel, einen Kaffee und eine Pfeife. Und ich hätte so einen schönene Startplatz nach S/SO gehabt. Aber es hilft nichts. Der Wind kommt hier vom Inlandseis über den Gletscher am Ende des Harefjords herunter, wird dann durch das enge Tal kanalisiert und erreicht den Bergrücken als Aufwind. Ich gehe weiter und verschenke dabei kostbare Höhenmeter auf der Suche nach einem geeignetem Startplatz mit Ausrichtung nach Nordwesten. Endlich werde ich fündig: Purer Granit, ohne Schotter oder Steine, laminare Anströmung. Perfekt - bis ich den Schirm parat und die Leinen sortiert habe ist der Wind weg. Die ersten beiden Aufziehversuche schlagen fehl, ich bin zunehmend genervt. Viel Platz habe ich nicht, nach 4 Schritten kommt eine Kante. Darunter kommt dann längere Zeit nichts mehr. Also muss alles sitzen.

Beim drittern Versuch klappt es dann schliesslich, der Schirm steht schön über mir - 3 Schritte später bin ich in der Luft und bereits nach der Kante. Ich drehe sofor nach Osten in Richtung Öfjord ein - ich muss versuchen, den Bergrücken entweder in der Luft zu queren und über das Flusstal zurück zum Camp zu fliegen oder um das ganze Massiv aussen herum. Leider weiss ich nicht genau, wie weit aussen herum eigentlich ist bzw wie der Küsten- bzw Strandbereich aussieht. Strand? Felsen? Sumpfig? Das wird spannend. Es ist später Nachmittag, das Licht liegt phantastisch über der Landschaft, Wasser und den Eisbergen. Letztendlich fliege ich um das Massiv aussen herum; die Strecke ist glücklichweise kürzer als gedacht. Ich komme also mit einem gutem Polster an Höhenmetern über unserem Camp an und kann somit noch eine abschliessende Runde über einigen Eisbergen drehen und beenden bevor ich Höhe abbaue und an einem schmalen Sandstrand zur Landung ansetze. Leider mit etwas Rückenwind, den ich nicht bemerke. Die Landung fällt entsprechend hart aus, der Sand dämpft allerdings hervorragend.
Zu meinem Entsetzen stelle ich abends fest, dass ich vergessen habe vor dem Start die Helmkamera einzuschalten - es gibt also keine Bidler von diesem Flug...


12. August - Ternevigerne
Solar Eclipse und Kreuzfahrtwahnsinn

Der heutige Tag der Sonnenfinsternis beginnt mit blauem Himmel - und viel Wind. Und der Wind kommt aus der für uns falschen Richtung, nämlich aus N0rdosten. Bereits als wir unsere Kaffebecher in der Hand halten haben die Wellen Schaumkronen aufgesetzt und brechen sich gischtend an den Uferfelsen. Wir bekommen bei den Verhältnissen nicht mal die Kajaks ins Wasser, geschweige denn können wir 15km gegen Wind und Wellen ankämpfen - und dann noch eine Querung von 5km.
Wir verholen uns in den Windschatten des Zeltes und beobeachten in einer Mischung von amüsiert und geschockt die Ankunft diverser Kreuzfahrtschiffe. Die Leute sind alle hier wegen der Sonnenfinsternis - und das ist bei jedem Anbieter seit letztem Sommer kräftig beworben worden. Von kleinen über mittelgrosse bis zu ganz grossen Pötten ist alles vertreten. Glücklicherweise ist der Fjord gross genug für alle. Zum Schluss kommen wir auf 8 Schiffe mit Gästen von ca. 150 (klein) bis über 2.000 (gross). Ich schätze, dass sich heute hier gut 4.500 Leute tummeln - wenn nicht sogar mehr. Quark Expeditions ist gleich mit 2 Schiffen vertreten, Albatros, Oceanwide, Commandant Charcot und noch 3 weitere, die aber auch für das Fernglas zu weit entfernt sind um identifiziert werden zu können. Teilsweise wird mit Zodiacs getendert um den Leuten die Zeit zu vertreiben; die grossen schwarzen Schlauchboote sind mit bis zu 12 Gästen besetzt und flitzen wie fette, grosse Wasserkäfer herum. Auch wir werden besucht und bestaunt. Auf die Thematik "Kreuzfahrten im Scoresbysund" werde ich später nich einmal Stellung nehmen.

Der Wind wird schwächer, die Wellen aber bleiben vorerst. Wir warten weiter ab, lesen, trinken Kaffee und futtern Trockenfisch. Nachmittags stellt der Wind komplett ab, ein Lüftchen aus Süden kommt auf. Kurze Beratschlagung mit Bea - wir packen und gehen in die Kajaks. Kurz vor 1700 sind wir auf dem immer noch unruhigen Wasser. Das Wassern ist heute etwas kompliziert: Felsenstart bei Niedrigwasser... Ich versorge zuerst mal Bea, dass die sicher ins Wasser kommt; bei mir ist das ein bisschen komplizierter, weil ich mit dem Bug am Felsen hängenbleibe, nicht loskomme und stützen muss. Und da dauerte es dann natürlich lange, bis endlich eine Welle kommt und mich runterspült. Auf dem Wasser ist es in Ufernähe durch die Uferfelsen und das zurückschlagende Wasser ziemlich kabbelig. weiter draussen wird es erheblich angenehmer.

Seit dem frühen Nachmittag sind Wolken aufgezogen, Gipfel und Gletscher sind teilweise nicht mehr sichtbar. Als wir etwa eine halbe Stunde untewegs sind wird es spürbar dunkler - die Sonnenfinsternis kommt. Innerhalb kürzester Zeit verschwindet das Licht. Kanada- und Nonnengänse fangen zu schreien an. Von den Kajaks aus ist deutlich zu erkennen, wie der Mondschatten über den Fjord wandert und schliesslich die roten Hänge der Hoffmann Halbinsel erreicht. Es folgt Dämmerung, Zwielicht und dann Dunkelheit.
Es ist stockdunkel, wir sehen nicht einmal mehr den Bug unserer Kajaks. Es ist höchst ungewohnt, die seitlich ankommenden Wellen ausschliesslich über die Bootsbewegung zwar fühlen aber nicht sehen zu können... Nach einigen Minuten totaler Dunkelheit zieht Dämmerung auf - allerdings im Zeitraffer und von der falschen Seite: von NW nach SO.
Die anschliessende Querung des Harefjordes an der engsten Stelle kurz vor dem Gletscher ist unproblematisch: kaum Wind, die Wellen sind zusammengefallen. Wir passieren dabei mehrere wunderschön, bizarr geformte Eisberge. Kurz vor 2000 drehen wir in die Bucht von Ternevigerne ein; hier haben wir schon vor 2 Jahren Station gemacht. Aber - im Gegensatz zu damals ist Trinkwasser diesen Somme rar. Am Ende der Bucht kam damals ein rauschender Bergbach von einer Hochebene über mehrere schräge Rippen in die Bucht gerauscht. Jetzt ist kein Geräusch zu hören. Scheisse, wir haben nur noch 4,5 l und brauchen Wasser...
Also mache ich mit Wassersack, Trinkflasche und noch im Trockenanzug los, Wasser suchen und sammeln. Nicht mal ein leises Plätschern ist zu hören, als ich das trockene Bachbett entlang gehe. Nach 150m bleibe ich stehen und lausche. Da, ein leises Murmeln, Tröpfeln ist zu hören. Etwas Wasser kommt also noch, auch wenn es vor der Bachmündung im Untergrund versickert.

Ich folge dem Geräusch hangaufwärts und werde schliesslich fündig: ein Rinnsal läuft über eine Felsplatte und tröpfelt danach müde weiter nach unten. Bis der Wassersack voll ist, vergeht also eine gewisse Zeit. Bis ich bei Bea auf der anderen Buchtseite bin hat es sich komplett zugezogen. Nur weit entfernt auf Stor Ö und Milne Land liegen noch vereinzelte Lichtflecken. Überraschenderweise kommt wenig später die S/V Ocean Sherpa von Gerle ums Eck, läuft in die Bucht ein und lässt den Anker herunterrasseln. Nachdem Gerle nicht auf eine Plausch zu uns kommt, werden wir sie morgen entern - wenn wir früh genug in die Kajaks kommen. Für den obligatorischen Tee nach dem Essen ziehen wir ins Zelt um. Leichter Ostwind und bedeckter Himmel machen es draussen ungemütlich. Bea schaut mich ungläubig an - und ich schaue ebenso zurück. Ein leises Pling auf dem Zelt. Und noch eins: Pling... Regen? Echt jetzt? Das war gar nicht prognostiziert. Aber wir sind im Trockenen. Und ganz ehrlich: es gibt kein schöneres, beruhigenderes Geräusch beim Einschlafen als fallender Regen auf dem Zelt. Lassen wir uns überraschen, wie es morgen weitergeht...

13. August - Harefjord
Nordufer, 6 km zum Rypefjord
Die Nacht war unruhig, immer wieder ziehen Regenschauer durch. Ich bin immer wieder mal aufgewacht, was für mich ungewöhnlich ist. Heute morgen ist es bedeckt, aber trocken und gefühlt relativ warm - obwohl es nur 6°C hat. In Richtung Osten zum Rypefjord hin scheint es noch zu regnen. Die Wolkenbasis ist auf rund 1.500m, an den Berghängen ziehen langsam weisse Wolkenfetzen vorbei. Bevor wir starten, fülle ich nochmals die Wassersäcke - die Chance auf Fliessgewässer zu treffen, ist äusserst gering. Und mit 8l kommen wir 2 Tage aus. Zusätzlich können wir auch noch Kalbeis sammeln und in der Waschschüssel schmelzen um mehr Wasser zu generieren.

Aber bevor wir los können, müssen wir noch einen Plausch mit der Ocean Sherpa machen. Die Truppe dort hat bereits gefrühstückt und ist an Deck, Skipper Gerle hat gerade begonnen den Anker hochzuholen als wir den Heckspiegel passieren. Die Gäste sind natürlich neugierig, sie haben unser Zelt gestern abend aus der Entfernung gesehen: Woher - wohin - wielange - und wir erzählen. Und kurz bevor wir uns dann endgültig auf den Weg machen fragt Gerle (glücklicherweise) noch ob wir etwas benötigen oder vermissen. Well - Brot und Käse wären hoch willkommen, vielleicht noch 1 oder 2 Äpfel? Kurz darauf kommt Gerles Frau an die Reeling und lässt eine prallgefüllte Tüte zu mir herunter. Spritzdecke auf, Tüte zwischen die Beine geklemmt, Spritzdecke wieder zu. Nachforschen, was die Tüte enthält werden wir heute nachmittag... Ein Dankeschön an Gerle & Crew und ein Farewell zu den Gästen - unsere Paddel greifen ins Wasser und wir sind wieder unterwegs.
Durch den bedeckten Himmel leuchten die Farben des Eises viel intensiver als bei Sonnenschein. Türkis, kobalt- und gletscherblau, aquamarin und grün kommen viel kräftiger zur Geltung, leuchten von innen heraus. Der heutige Wermutstropfen ist aber wieder mal der Wind. Morgens hatten wir Nullwind, mittlerweile hat Wind aus O/NO eingesetzt. Der Wind ist nicht unbedingt stark, aber beharrlich und nachdrücklich. Wir versuchen zunächst, die grosse Bucht von Ternevigerne zu queren. Die Wellen kommen aus SO, der Wind dreht in dieselbe Richtung. Das heisst für uns - Wind & Wellen kommen 25 - 30° schräg zu unserem gesetzten Kurs und versetzen uns. Vereinzelt tauchen bereits die ersten Schaumkrönchen auf den Wellen auf. Bea kommt mit der Situation gut zurecht, hat aber nicht die Kraft um dauerhaft gegen Wind, Wellen und die Abdrift anzukämpfen. Daher verbleiben wir nach der Buchtquerung dichter unter dem Ufer. Langgezogene, rötliche Sand- und Schotterstrände wechseln sich mit steilen und unzugänglichen Uferpartien ab. Dort ist das Wasser auch wieder entsprechend kabbelig, da die Wellen von den Steilufern reflektiert werden und sich die Amplituden teilweise verdoppeln.

Kurzer Hand beschliessen wir, die Mittagspause entfallen zu lassen aber dafür heute eher aus den Kajaks zu steigen. Es macht keinen Sinn, bei bedecktem Himmel und Wind nur für einen Kaffee an Land zu gehen, da man blitzschnell auskühlt und zu frieren beginnt. Kurz darauf sehe ich schon einen Platz der passen würde: eine gut 5 m erhöhte, leicht schräge Ebene am hinteren Ende eines Sand-/ Kiesstrands. Im Anschluss daran kommt längere Zeit nichts mehr. Weitermachen wäre für mich schon noch eine Option, aber nicht für Bea. Sie muss raus aus dem Kajak. Nachdem das Zelt steht und die Kajaks versorgt sind spielen wir Topfgucker und schauen, was sich alles in der Caretüte findet: ein ZipLock Beutel mit 3l frisch angemachtem Kartoffelsalat. Vier grosse Stücke Schokokuchen. 1 Stück Käse und - wirklich - 2 rotwangige Äpfel. Danke Gerle!

Und während Bea ein Nickerchen macht, schnappe ich mir die grosse IKEA Tüte und gehe zum Holz einsammeln: der ganze Strandabschnitt ist voller Treibholz. Das gibt heute Abend einen richtigen Scheiterhaufen. Ansonsten verbringen wir den Nachmittag vor allem mit Lesen - und in die Landschaft schauen. Es klart immer mehr auf. Ein phantastisches Schauspiel, den dahinziehenden Wolkenschatten auf Bergketten, Gletschern und Eisbergen zu folgen. Und das alles nur für uns. Gegend Abend stellt der NO Wind ab, es ist wolkenlos und entsprechend frisch geworden. Wir lassen den Tag mit Schokoladenkuchen an einem grossen, wärmenden Feuer ausklingen. Morgen werden wir den Rypefjord erreichen.

14. August - Rypefjord

Das es hier im Rypefjord so idyllisch ist hätte ich nicht vermutet. Mit der Tilvera waren Bea und ich schon 2023 in der Gegend - aber nur am Fjordeingang an der Ostseite um Wasser zu bunkern. Das Wetter war damals auch nicht gut. Am selben Platz waren wir 2024 mit Klaus, Jörg und Co. Von diesem Platz aus sieht man in 40km Entfernung den flach einmündenden Gletscher samt Abbruchkante am Fjordende; aber eben nichts von der landschaftlichen Schönheit des Fjordes. Dazu muss man schon weit hineinkommen - so wie wir jetzt. Die Hofmann Halbinsel mit dem höchsten Punkt 550 auf der Westseite (und dem Eingang zum Harefjord) läuft nach den ersten 10 km mit steilen Granitwänden nach einer letzten Felsnase in einer weiten Bucht aus. Roter Sand bedeckt die Ufer. Nach einer Stufe von bis 3m schliesst sich eine weite, von Bachläufen durchzogene Ebene an; nach Norden hin werden die Hänge dann wie im Hare- und Rödefjord schliesslich steiler und werden von den typischen schmalen Canyons durchzogen. Die Ufer der Bucht sind extrem flach und fallen bei Ebbe bis zu 500m in den Fjord hinein trocken. Nach Norden wird die Ebene durch den Stenpikkerelv begrenzt. Dieser Fluss mündet in einem grossen Delta und entwässert die grossen Gletschergebiete auf der Westseite des Rypefjords. Von der Ebene aus hat man einen guten, unverstellten Blick auf die immer noch rund 20 km entfernte Abbruchkante des Gletschers am Fjordende. Auf der Ostseite bei der Abbruchkante thront ein Massiv mit 3 Gipfeln auf rund 550m - dort wollen wir morgen hin und übermorgen hinauf. Vielleicht klappt's ja noch einaml mit einem Flug...


Heute morgen hatten wir viel Kondenswasser auf der Innenseite des Aussenzeltes; es schein kalt gewesen zu sein, aber immer noch über 0°C. Aber wir spüren, dass der Herbst mit jedem Tag näher rückt, ja eigentlich schon begonnen hat. Blaubeeren sind reif und süss, ebenso Krähenbeeren mit ihrem säuerlichen Geschmack. Die Verfärbung der Vegetation - wenn auch trockenheitsbedingt früher als gewöhnlich - weist ebenso darauf hin. Heute sind wir mal ohne Gegenwind unterwegs gewesen: Plaisirpaddeln war angesagt. Eine auf einem Eisfuss ruhende und die Wärme geniessende Sattelrobbe lässt mich bis auf wenige Meter herankommen, bevor sie sich beinahe lautlos ins Waser gleiten lässt und abtaucht. Die hohe Schleierbewölkung löst sich im Laufe des Vormittags auf, es wird warm. Ein Lufthauch kommt von Süden und verspricht Kühlung, vergeht aber leider wieder. Nach unserem Camp habe wir gute 1 1/2 Stunden zu paddeln, bevor wir den Rypefjord erreichen und auf Kurs Nord drehen können. Während dieser Zeit werden die Ufer immer steiler, vereinzelt eingestreut sind zauberhafte, kleine Buchten die hervorragende Plätze für ein Camp abgeben würden. Schliesslich fallen die rötlich-braunen Felswände fast lotrecht ins Wasser ab. Von der Topografie her wissen wir, dass wir in der nächsten Zeit keinen Platz zum Anlanden finden werden - wir rechnen in frühestens 10 km damit. So gehen wir auf einer Felsplatte, die wie festgeklebt unter einer Steilwand auf unserem Niveau ist in die Mittagspause. Da das Wetter gut und das Waser ruhig ist klappt das auch prima. Und als Abwechslung zum täglichen Süsskram können wir uns am gestern erbeuteten Kartoffelsalat richtig sattessen. Dazu gibt's Salami. Und das zusammen gibt ein prima Sättigungsgefühl im Bauch.
Kaffee gibts eine Stunde später in der ersten Bucht die wir nach der Steilwandpassage erreichen; dort können wir uns endlich auch die Füsse vertreten. Und wären wir dort in der Sonne sitzen kommt die S/V Opal von North Sailing vorbei. Wir packen zusammen, gehen wieder in die Kajaks und folgen ihr. Sie ist langsam unterwegs - vielleicht holen wir sie noch ein? die Opal biegt nach der Halbinsel Rypenaes nach Westen ab und verschwindet hinter dem kleinen Kap. Als wir einige Minuten später um die Felsnase kommen hören wir den Anker herunterrasseln. Wir gehen längsseits und halten ein Palaver mit dem deutschen Skipper. Ein halbe Stunde später machen wir uns daran, die weite Bucht zu queren. Mein Kajak ist wieder erheblich schwerer: Der Skipper hat uns einen Laib frischgebackenes Brot, Blauschimmelkäse und 4 Büchsen Bier vermacht. Eine Stunde später entladen wir die Kajaks an unserem heutigen Platz, der grossen Ebene.
Unser heutiges Abendessen ist ein unsagbarer Luxus, das wir andächtig und wertschätzend verzehren: Frisches Brot, Käse, Bier - und jeder einen 1/2 Apfel.


15. August - Terassepynt
Ein weiterer wunderschöner Morgen mit leichtem Wind aus Nordwest. Die Berge auf unserer Seite des Fjordes liegen im Licht - dunkelrot der Sandstein, ocker, dunkelgelb, magenta und orange die Ketten dahinter. Bis zur Abbruchkante des Gletschers sind es knapp 20 km. Ob wir wirklich bis ganz hinten wollen stellen wir einstweilen zur Disposition; richtig spektakulär ist der Gletscher nicht. Oder sind wir mittlerweile einfach nur zu verwöhnt? Das mag auch daran liegen, dass der Eisstrom aus einem Quertal aus Westen kommt und einige Kilometer vor der Abbruchkante ziemlich flach ausläuft.


Letztendlich lassen wir die Abbruchkante aus. Wir queren gut 5km davor direkt hinüber zum Ostufer. Bei Terrassepynt wollen wir eigentlich Station machen, um morgen eine Wanderung auf den dortigen Höhenzug zu machen (ich natürlich mit dem Hintergedanken ans Fliegen). Aber die weite, sandige Bucht stellt sich als so flach heraus, dass wir die Kajaks bei Ebbe sehr wahrscheinlich zumindest mehrere 100m treideln wenn nicht sogar tragen müssten um genügend Wasser unter den Kiel zu bekommen. Also steigen wir wieder in die Boote und paddeln weiter. Zwei oder drei Felsnasen später finden wir eine gute Möglichkeit zum Ausbooten, auch ein guter Platz für's Zelt ist vorhanden. Der Platz ist sogar hervorragend: wir haben lange Abendsonne und durch die flachen Bergrücken im Osten auch früh Licht & damit Wärme auf und im Zelt. Aber dem Blick auf das sanfte Hügelland auf der Westseite kann ich nur wenig abgewinnen; mir fehlt die Dramatik der engen Fjordtäler und steilen Hänge.

Auf dem Weg dorthin machen wir Station bei einem besonderen Eisbergexemplar: Klareis, durchmischt mit Verschmutzungen und einer gefährlich aussehenden Durchfahrt - ich bin begeistert. Mittagspause machen wir mit tierischer Begleitung: eine Gruppe Moschusochsen äst auf uns zu, ohne sich dabei von unserer Anwesenheit stören zu lassen. Wir verhalten uns dabei mucksmäuschenstill und rühren uns nicht vom Fleck. Die Tiere kommen bis auf 15m an uns heran bevor sie ausweichen.

16. August - Tilvera Bay

Heute ist es auf den Tag genau 2 Jahre her, dass ich mit Klaus, Jörg & Co. auf diesem Platz gezeltet habe. Warum Tilvera Bay? Ganz einfach: vor 3 Jahren haben wir mit der Tilvera nach dem Bunkern von Frischwasser 500m entfernt hier über Nacht vor Anker gelegen. Zwei kleine Sandstrände umschliessen hier eine kleine Landzunge. Die wiederum ist von grossen Granitbrocken am Ufer gesäumt. Nach NW hat man weite, uneingeschränkte Sicht bis zur Abbruchkante des Gletschers imRypefjord, nach S hin beherrsscht Stor Ö mit seinen steilen Hängen und dem alles überragenden Plateaugletscher den Blick. Man sieht weit in den Rödefjord; auch die knapp 100km weit entfernten Gletschern von Gaseland sind noch gut zu erkennen.
Die Wetterdaten für die kommenden Tage sind stabil. Wir werden heute bis zur Tilvera Bay, ca. 5km vor der Mündung des Ö Fjords paddeln. Morgen gibt es nochmals einen Ruhetag für Bea, ich werde einen Hike & Fly auf 1.100m machen. Kommendes Wochenende sollten wir dann das Sydkap erreichen.

Heute morgen ein Hoffnungsschimmer: leichter Nordwind setzt ein und verspricht Genusspaddeln mit Rückenwind. Aber bis wir in den Kajaks sitzen hat der Wind wieder abgestellt, kein Lüftchen regt sich mehr. Als wir starten haben wir die Sonne voll im Gesicht. Die Wärme staut sich in den Trockis und im Cockpit, mir läuft auf der Innenseite das Wasser herunter. Aber es hilft alles nichts, wir müssen Kilometer machen. Nach den letzen trockenen Wochen und vielen ausgetrockneten Bachbetten sind wir beide überrascht, dass einige der Bäche die von den Bergflanken herunterkommen überhaupt Wasser führen. Trinkwasser wohlgemerkt - kein Gletscherwasser mit Sediment. Das mag daran liegen, dass es im Hochland einige grössere Seen gibt, die das Wasser nach der Schneeschmelze abpuffern.

Von hier aus ist es nicht mehr allzu weit. Die beiden Wildbäche, die das Bergland entwässern und in die Tilvera Bay münden kündigen sich schon von Weitem durch ihr Rauschen an. Auch ihr Wasser ist kristallklar und eiskalt. Während Bea das Zelt aufstellt, fahre ich mit zwei leeren Packsäcken und leerem Kajak zurück zu Bachmündung. Die Wassersäcke haben wir in die Spülschüssel überführt - wir wollen heute nachmittag noch waschen. Letztendlich komme ich mit 25ltr Wasser zurück: mehr als genug für 2 Übernachtungen. Die vollen Wassersäcke können wir dann übermorgen gleich in die Kajaks packen. Der Rest des Nachmittags vergeht mit Sonnenbaden, Lesen & Faulenzen. Ich packe aber gleich noch mein Flugequipment und den Rucksack, damit ich morgen Früh nach dem Kaffee ohne Verzögerung starten kann.
Mittagspause machen wir an so einer Bachmündung. Das Wasser hier kommt aus einer kleinen Schlucht den Hang herunter und plätschert munter über mehrere Stufen, bevor es in einem kiesigen Delta den Fjord erreicht. Kaltes, klares Bergwasser in bester Trinkwasserqualität. Am liebsten würde ich mich hineinlegen. Wir füllen unsere Trinkflaschen und die Wassersäcke, trinken uns satt und kühlen unsere Gesichter.

17. August - Tilvera Bay
Spiel, Satz und Flug

Heute morgen ist es frisch als wir aufstehen, unsere Bucht liegt noch im Bergschatten. Kaffee gibts aber schon in der Sonne auf den grossen Granitfelsen am Ufer. Kurz darauf mache ich mich auf den Weg und durchsteige zunächst den sandigen, aber gut zu begehenden steilen Hang hinter unserem Zelt nach Osten: ich befinde mich auf der Seitenmoräne eines alten Gletschers. Ich habe mir heute viel vorgenommen: ich möchte versuchen, den Punkt 1.160 zu erreichen und dann wenn möglich wieder zur Küste zurück fliegen.
Nach dem ersten Steilanstieg folgt ein sanft ansteigendes, spärlich bewachsenes Plateau. Leichter Bergwind kommt von Osten und kühlt angenehm, trotzdem habe ich das T Shirt bereits in den Rucksack gepackt. Der Indian Summer schreitet weiter voran, auch wenn wir noch keinen Nachtfrost haben: die Farben werden jeden Tag kräftiger. Flauschige Weidensamen werden vom Wind davon getragen, taumeln in der leichten Brise. Ich kann mehrere steile Rampen nutzen um Höhe zu gewinnen und komme dadurch gut voran. Dazwischen kommen immer wieder kleinere flache Anstiege, eigentlich Plateaus, wo ich wieder Atem schöpfen kann. Aber irgendwann stehe ich vor eine Querschlucht, die aus dem Massiv südlich von mir in das enge Tal entwässert. Ich muss etwas suchen, bis ich eine geeignete Stelle für die Querung gefunden habe. Mittlerweile bin ich wieder im Bergschatten, es ist daher angenehm zu gehen.


Ich folge einer weiteren Rampe und muss oben angekommen feststellen, dass ich mich verstiegen habe. Vor mir ein Steilabbruch, nach oben geht es ebenfalls nicht weiter. Also zurück, 60HM absteigen und einem trockenen Bachbett wieder nach oben folgen. Das Tal wird enger und steiler; letztendlich folge ich dem kleinen Wildfluss an dessen Ufer weiter nach Osten. Es wird nun mit jedem Meter steiler und verblockter, ich muss zunehmend alte Schutthalden queren und dabei von Stein zu Stein springen. Das Gelände ist mittlerweile alpin geworden: kein Vergleich zu den Hikes der vergangenen Wochen, die zwar auch anstrengend, aber technisch anspruchslos waren. Als ich wieder ins Licht komme, mache ich bei einem Katarakt die erste grössere Pause. Gut 500HM liegen jetzt hinter mir, der Blick auf den Harefjord ist schon klasse. Aber noch kann ich über den Punkt 550 der Hoffmann Halbinsel auf der anderen Fjordseite nicht in den Harefjord schauen. Also - wieder in die Stiefel und weiter. Nach einem weiteren steilen Anstieg öffnet sich das Tal, wird erheblich breiter und beinahe eben. Ich bin auf 800m angekommen. Ich möchte unbedingt weiter hinauf um einen Blick in den Ö Fford und auf Stor Ö werfen zu können. Ausserdem gibt es hier keine erkennbaren Startmöglichkeiten.

Südlich von mir geht es über einen Schuttkegel steil hinauf in das nächsthöhere Quertal. Ich balanciere und springe wieder über Felsen und Schutt bergauf. 200HM weiter oben erreiche ich ein kleines Tal mit einem darin eingebetteten, türkisfarbenen See der von Schneewächten einrahmt ist. Und es geht immer noch weiter hinauf. Ich wende mich jetzt nach Westen und brauche mittlerweile beide Hände um noch vorwärtszukommen; mittlerweile bin ich mehr am Klettern als am Bergsteigen. Eines steht schon mal fest - falls ich nicht fliegen kann, muss ich mir einen anderen Weg ins Tal suchen. Runter geht's hier nur unter Lebensgefahr. 50 Minuten später stehe ich endlich schweratmend auf dem Kamm und kann weit in den Hare- und Rypefjord sehen. Aber ich bin immer noch nicht ganz oben, der Blick in den Ö und Rödefjord fehlen noch. Die letzten 100 Höhenmeter bringe ich aber schnell hinter mich, ich turne über sanft ansteigende, glatt geschliffene Granitrippen auf den Gipfel. Berg Heil - ich bin auf 1.150 Metern.

Die Aussicht ist phänomenal. Mir liegt die ganze Fjordlandschaft zu Füssen. Ich mache eine ausgiebige Rast und geniesse Kaffee, 2 Snickers und meine Pfeife, fotografiere und filme. Aber ich finde keine Startmöglichkeit. Kein Platz, um den Schirm parat zu machen... Oder? Die einzige Möglichkeit von hier zu starten wäre nach Süden in den Ö Fjord. Aber die Gleitleistung des Single Skins ist zu schwach, um das Bergmassiv zu umfliegen und im Rypefjord an unserem Strand zu landen. Landemöglichkeiten an den Steilufern gibt es keine. Aber damit habe ich gerechnet. Nach der Pause steige ich nach W 100HM in ein kleines Quertal ab und erreiche nach einem weiterem Anstieg einen flachen Nebengipfel. Dort spüre ich einen laminaren Aufwind von W und leichte Thermik - so weit so gut. Aber der Starplatz bereitet mir Kopfschmerzen. Die einzig mögliche Stelle reicht mal ebenso um den Schirm auszubreiten und die Leinen zu sortieren. Für den Startlauf habe ich nach dem Aufziehen eben mal 3 Schritte - danach geht es gute 150 m fast lotrecht nach unten. Für einen Startabbruch ist kein Platz. Keine Sicherheitsreserve wenn der Schirm nicht richtig hochkommt. Um die Sache zu überdenken brenne ich mir erstmal eine Pfeife an und beobachte, fühle den Wind. Ist die Richtung beständig? Windstärke gleichmässig? Kommen Böen dazwischen?

Zunächst wälze ich einige grössere Steine und Felsbrocken auf die Seite oder in den Abgrund, die sonst zur Stolperfalle werden könnten. Dann leere ich den Rucksack und lege den Schirm aus; die Entscheidung ist gefallen. Beim Leinensortieren muss ich weitere Steine entfernen, die sonst beim Aufziehen zu potientiellen Leinenkillern werden könnten. Dann - Anziehen. Schlauchtuch, Fleecejacke, Goretex, Gurtzeug, Rucksack. Notschirm einklinken, Helm aufsetzen, GoPro einschalten und ins Gurtzeug einklinken. Trockener Mund. Nochmaliger Kontrollblick ob wirklich alle Leinen frei liegen. Und dann Parawaiting: warten auf den richtigen Moment, in dem der Wind passt um den Schirm beim Aufziehen sofort hochzubringen - und man selber bereit ist. Tief durchatmen. 1x. 2x. Und beim dritten Mal einen beherzten Schritt nach vorne machen und gleichzeitig den Schirm aufziehen. 2 Sekunden und drei grosse Schritte später bin ich bereits in der Luft und habe die Kante hinter mir. Das Glücksgefühl und die Endorphine die mich durchströmen sind unbeschreiblich und nicht von dieser Welt. Der Flug ist der krönende Abschluss eines perfekten Tages; im wesentlichen folge ich dabei meiner Aufstiegsroute. Da die Luft ruhig und die Thermik schwach ist kann ich mich entspannen und den Flug und die Aussicht geniessen. Golden glitzernde Lichtreflexionen auf dem Wasser. Die vereinzelten Eisberge leuchten strahlendweiss tief unter mir. Aquamarin, türkis und hellblau deren Unterbau im Wasser. Ich erreiche die Küste mit einem grossen Höhenpuffer und kann es mir entsprechend erlauben, noch einen Abstecher auf die Nordseite des Tals zu machen. Dort kommt ein grösserer Fluss in einer engen Schlucht aus dem Hochland und stürzt als weiss gischtender Wasserfall über eine Stufe von über 50m herunter. Im Anschluss daran fliege ich noch auf den Fjord hinaus und mache noch einige schnelle Kreise um Höhe abzubauen. Dabei merke ich, dass mich der Wind nach Norden versetzt: Windrichtung also aus W / SW. Ich komme langsam gegen den Wind herein und mache eine schöne Punktlandung neben dem Zelt. Ich drehe mich, ziehe die Bremsen durch und lege den Schirm ab.
Nach etwas Groundhandling und dem Verpacken der Ausrüstung gibt es noch ein Landebier. Bea hat unsere beiden letzten Büchsen auf traditionelle grönländische Art gekühlt: in einem Berg von gesammeltem, am Strand angespülten Haufen Kalbeis. Morgen beginnen wir die letzte grosse Etappe durch den Ö Fjord zum Sydkap: dabei sind die Tageskilometer von den Steilwänden bzw möglichen Zeltplätzen vorgegeben: 30/28/18 Kilometer. Die ersten beiden Tage sollten wir nioch gutes Wetter haben, im Anschluss soll es windig & regnerisch werden. Genaueres sehen wir morgen Abend, wenn wir die aktuellen Wetterdaten abrufen.



18. August - Ö Fjord
Nordseite, Storhamrene

Heute haben wir den Wecker schon um 06:00 klingeln lassen: wir wissen nicht, was wind- und wellentechnisch auf uns zukommt wenn wir im Ö Fjord sind. Und da kann eine Stunde früher bei zunehmenden Wind eventuell matchentscheidend sein. Frühstücken müssen wir noch im Schatten; bis wir das Zelt abgebaut und alles am Strand haben sind wir bereits im Licht. Leichter Nordwind zeichnet feine Muster ins stille Wasser. Wir sind gespannt, welche Verhältnisse uns im Ö Fjord erwarten; bis dahin haben wir aber erstmal eine gute Stunde im Bergschatten zu paddeln.

Am Kap treffen vier grosse Fjorde wie bei einer grossen Strassenkreuzung aufeinander: von Osten der Ö Fjord, von Süden der Rödefjord, von Westen der Hare- und von Norden der Rypefjord. Überraschenderweise dreht der Wind auf W / SW als wir im Ö Fjord sind. Der Himmel ist wolkenlos, wir fahren direkt in die Sonne. Da können wir den leichten Wind, der angenehm kühlt und gleichzeitig von hinten schiebt gut gebrauchen. Und - die Landschaft ist nach den relativ sanften Hängen des Rypefjords wieder hochdramatisch: der ÖFjord ist rund 80km lang und zwischen 4 und 5 Kilometern breit. Begrenzt wird er im Süden von Stör Ö im SW und Milne Land im Osten. Auf der Nordseite befindet sich das unzugängliche Renland. An beiden Ufern steigen Granitwände teilweise senkrecht bis auf 1.800m auf, durchbrochen von steil abfallenden, aktiven Gletschern und engen Schluchten, durch die das Schmelzwasser donnert. Die Gesteinsfarben changieren dabei von braun über ocker zu mattem gelb, orange, grau und schwarz. Die Felswände mit den Farben im Morgenlicht sind ein wahrer Augenschmaus, an dem wir uns kaum sattsehen können. Ich persönlich empfinde es als eine Gnade, hier mit dem Kajak unterwegs sein zu können und zu dürfen. Vor allem - was für ein Unterscheid zu 2024! Damals hatten wir viel Regen, entsprechend waren Berge, Gletscher und Grate in den Wolken oder gar nicht zu sehen. Nebelbänke auf dem Wasser. Das war auch wunderschön und ergreifend - aber dieselbe spektakuläre Landschaft jetzt im Licht baden zu sehen macht einen, nein den Unterschied.


Der SW Wind wird kräftiger, die Wellen höher. Die relativ engen Fjordtäler sind windtechnisch nicht zu unterschätzen, da hier der vom Inlandeis herabwehende Wind kanalisiert und wie in einer übergrossen Schlucht verdichtet, komprimiert wird. Und das wiederum führt zu höheren Strömungs- ergo Windgeschwindigkeiten mit entsprechender Wellenbildung. 2 1/2 Stunden nach unserem Aufbruch passieren wir die Südspitze von Stor Ö und haben einen schönen Blick in den sich öffnenden Snösund auf der Südseite. Kurz darauf machen wir Mittagspause in einer kleinen Bucht mit Kiesstrand und rauschendem Süsswasserbach. An der Bachmündung haben wir auch 2024 Station gemacht; daher weiss ich, dass wir mittlerweile 15 Kilometer hinter uns haben. Auch wenn wir im Windschatten sitzen - der Wind treibt uns trotzdem weiter, lockt uns wieder aufs Wasser hinaus. So sitzen wir bald wieder in den Kajaks und lassen uns von hinten schieben. Aktuell hat es viel Eis in sämtlichen Grössenklassen und vielfältigen Formen im Fjord. Das meiste Eis, die meisten Eisberge dürften dabei aus dem Vestfjord stammen und über den Rödefjord und den Snösund hierher getrieben sein. Mächtige Wasserfälle donnern über steile, ockerfarbene Felsflanken in den Fjord: teilweise mit klarem Wasser, teilweise sedimentversetzt und braun durch den Gletscherabrieb. Wir kommen zu einem gewaltigen Eisberg mit Klareiseinschlüssen; nachdem ein grosses Teil weissgischtend abgebrochen ist, pendelt sich die Masse wie ein Jojo drehend aus um das neue Gleichgewicht zu finden. Dabei kommen die Flanken bei jedem Pendelausschlag 5-6 m aus dem Wasser. Danach verharrt der Koloss einen Augenblick, bevor er sich wieder in die andere Richtung wälzt. Ein irres Schauspiel, dem ich lange folge und mich nur schwer davon losreissen kann.


Aber der Wind frischt wieder auf und die ersten Wellen setzen Schaumkronen auf. Die Kajaks beginnen zu surfen, ohne dass wir viel dazu tun müssen. Im Nu haben die Wellen eine Höhe zwischen 60 und 80 cm ereicht. Ich bin stolz auf Bea, die souverän mit der Situation umgeht. Sie hat in den vergangenen Wochen deutlich an Kraft und Ausdauer zugelegt - und sie hat ihr Bootsgefühl und damit das Vertrauen in ihre Fähigkeiten wiedergefunden. Für den Leser der es nicht oder nicht mehr weiss: Bea hat das letzte Mal 2019 im Kajak gesessen, als wir von Tasiilaq zum Karale- und Rasmussengletscher unterwegs waren. Der Wind lässt nicht nach sondern legt eher noch zu. Als es anfängt ruppig zu werden erkenne ich in einiger Entfernung die kleine, leicht erhöhte Landzunge auf der wir heute bleiben werden. 1/2 h später laufen wir in die geschützte Bucht ein und sind damit im Lee.
Unser Zelt steht am selben Platz wie unser Camp 2024 - mit dem grossen Unterschied, dass der Himmel knallblau ist und die Sonne scheint. Nachdem das Zelt steht und die Schlafsäcke zum Lüften in der Sonne liegen geniessen wir das Panorama auf der anderen Seite des Ö Fjordes: Milne Land im Nachmittags- und dann Abendlicht. Von unserem Platz haben wir einen hervorragenden Blick auf vier Gletscher, die von knapp 2.000m steil in den Fjord herabstürzen. Der grösste von Ihnen ist ziemlich aktiv: fast stündlich grummelt es wie bei einem Gewitter und dröhnen Donnerschläge über den Fjord, wenn wieder Spalten im Gletscher zusammenbrechen oder Kalbungen statfinden. Der einzige Wermutstropfen im Moment ist der Wetterbericht. Das angekündigte Tiefdruckgebiet kommt einen Tag später als prognostiziert. Wegen mir könnte der Wetterwechsel bereits morgen abend stattfinden, am nächsten Camp hätten wir nämlich Wasser zur Verfügung. Wie werden sehen, ich rufe morgen abend nochmals aktuelle Wetterdaten ab. Und zuallererst müssen wir morgen früh schauen was der Wind macht...

19. August - selber Platz
Morgens
Wir haben eine unruhige Nacht hinter uns. Gegen Mitternacht setzt kräftiger Westwind ein der das Zelt durchschüttelt. In Böen dürften wir fast Sturmstärke gehabt haben. Trotzdem, unser Wecker geht wieder um 0600. Ich bin allerdings nicht sehr zuversichtlich was unsere heutige Planung angeht als ich den Reissverschluss der Apsis öffne und einen Blick nach draussen werfe. Die Gletscher auf Milne Land liegen bereits voll im Morgenlicht - und das Wasser des Ö Fjords erscheint grün/weiss im Wind. Sämtliche Wellen tragen Schaumkronen und brechen teilweise. Wenn Böen einfallen, nehmen sie Gischtwolken von den Wellenkämmen mit. Die Eisberge sind durch die anbrandenden Wellen in Gischtwolken gehüllt. Ich mache ein paar Aufnahmen und verziehe mich wieder in den Schlafsack: noch sind wir im Bergschatten, das möchte ich noch für ein Schläfchen nutzen bevor die Sonne das Zelt erreicht und es zu warm wird.
Am späten Vormittag dampft dann der Kaffee in unseren Bechern. Blauer Himmel über uns - und weiterhin kräftiger Wind aus West. Ich persönlcih würde starten; aber ich möchte Bea nicht in eine Situation bringen, die sie nicht mehr meistern kann. Vom fehlenden Spass bei den Verhältnissen ganz zu schweigen. Geschätzt haben wir aktuell 30 - 35 km/h Wind, bei einfallenden Böen entsprechend mehr.

Abends - keinen Paddelschlag weiter
Es war den ganzen Tag hindurch windig - mal mehr, mal weniger. Die Zeit haben wir mit Lesen und vor allem Schauen und Beobachten verbracht. Schauen, wie die Schatten auf den Berghängen wandern. Schauen, wie Eisberge in Zeit- oder Superzeitlupe durch Wind und Strömung verfrachtet an unserer Bucht nach Osten vorbeiziehen. Eiderenten mit ihren Küken zugesehen, die am Ufer auf Futtersuche sind. Weidensamen werden von Windböen aufgewirbelt und taumeln durch die Luft. Zeit für solche eigentlich banalen Beobachtungen und Eindrücke zu haben ist der wahre Luxus unserer schnelllebigen und durchgetakteten Zeit...
Als der Wind am späten Nachmittag nachlässt zieht von Westen her Schleierbewölkung auf. Wir beschliessen einhellig, hier eine weitere Nacht zu verbringen und unser Glück morgen zu versuchen.
20. August - Renland

Der Tag hat es in sich gehabt.
Unser Wecker geht wie auch gestern um 0600. Noch während wir die Schlafsäcke verpacken hören wir ein gedämpftes Donnern, dann Gepolter. Sehr nachdrücklich. Aber das ist nicht das typische Geräusch einer Gletscherkalbung oder eines kollabierenden Eisbergs. Ein prüfender Blick aus der Apsis zeigt zunächst nichts Aussergewöhnliches. Auf den zweiter Blick sehe ich am Südufer zwischen zwei Gletscherzungen eine braune Staubwolke aufsteigen die schnell grösser wird und sich durch den Wind verfrachtet ausbreitet. Und ich erkenne eine grosse, frische Wunde im Steilhang hinter der Staubwolke. Das war kein Steinschlag, kein Hangrutsch sondern der Abbruch einer ganzen Wand. Mehrere tausend Tonnen Gestein haben sich gelöst und sind zu Tal, besser gesagt zu Ufer gegangen und dort eingeschlagen.
Wir haben immer noch Westwindlage, aber der Wind ist erheblich schwächer als gestern. Schaumkronen sind auch von unserem erhöhten Standpunkt aus keine zu sehen - also los! Die kleine Bucht, in der wir vorgestern nachmittag gelandet sind liegt östlich von unserem Camp und damit im Lee (Windschatten) und ist komplett ruhig. Und das verleitet uns (besser gesagt mich) zu einer Fehleinschätzung. Wir queren die Bucht mit einigen Paddelschlägen. Als wir in die Nähe der Felsnase sind ist das Wasser schon ziemlich kabbelig, hervorgerufen durch das Steilufer und die zurückschlagenden Wellen. Auch hat der Wind wieder zugenommen, während wir unsere Ausrüstung zu den Kajaks gebracht und gestaut haben. Unbemerkt von uns, da wir im Lee waren. Der Wind hat auf SW gedreht und neue Wellen quer über die gesamte Fjordbreite aufgebaut. Ich merke, dass Bea schon auf den ersten Metern zu kämpfen hat und sich bei den Verhältnissen nicht wohl fühlt; aber zurück können und kommen wir nicht mehr. 20 Minuten später öffnet sich eine kleine Bucht. Nur Steilufer. Kein Strand, keine Landemöglichkeit. Aber am Anfang der Bucht eine hohe Klippe, die uns Schutz vor Wind und Wellen bietet. Hier können wir die Situation in den Kajaks verbleibend erst einmal aussitzen. Zudem kommt die Sonne durch die Wolken und wärmt uns - alles gut, wir machen erstmal eine Riegelpause. Gut 1 1/2 Stunden später ist es draussen auf dem Fjord wieder ruhiger geworden.

Die Whiteheads sind beinahe alle wieder verschwunden und die Wellen niedriger geworden - soweit wir das aus unserer Froschperspektive sehen können. Wir verlassen unsere Zuflucht und queren die Bucht. Aber wieder haben wir uns getäuscht und eine Fehlentscheidung getroffen. Kaum sind wir draussen briest es wieder auf; die Kajaks kommen bei einer Wellenhöhe von geschätzen 80cm und mehr sofort ungewollt ins Surfen. Teufel auch. Der Wind kommt immer noch aus SW und versucht uns zusammen mit den Wellen an die Steilküste zu drücken. Eben dort, wo das zurücklaufende (eher zurückschlagende) Wasser die Lage noch verschärft. Und wieder haben wir Glück. Eine weitere, nicht kartierte Bucht öffnet sich: ein toter, nicht mehr aktiver Gletscher endet 30 Meter über dem Fjord, zurückgezogen auf seine Endmoräne. Und die ist durchzogen von hausgrossen Findlingen, viel Geröll und einem Schmelzwasserfluss, der in einer schlammbraunen Stromzunge in die Bucht mündet.

Bea ist dicht hinter mir. Wir reiten auf den Wellen in die Bucht. Meine Augen suchen nach der besten Landemöglichkeit. Kein Strand, keine flache Zone. Neben der Flussmündung scheint das Wasser am ruhigsten zu sein. Ich laufe mit der Brandung auf das steile, von grossen Felsen durchsetzte Ufer zu: jetzt muss es schnell gehen. Beim Ausstiegen drücken mir die brechenden Wellen das Boot quer und schlagen das Cockpit voll. Aber bevor ich mich darum kümmern kann, muss ich Bea aus dem Wasser bringen. Mit einer einlaufenden, brechenenden Welle kommt Bea auf mich zu, ich packe den Bug ihres Kajaks und ziehe sie über die Felsen nach oben. Ein hässliches Geräusch - aber geschafft. Und das ganze bei blauem Himmel und Sonnenschein. Nachdem ich meinen Dampfer gelenzt habe schaffen wir beide Boote über eine Stufe etwas höher, damit sie auch bei auflaufender Flut ausser Reichweite des Wassers liegen. Nachdem wir hier wohl einen längeren Zwangsstopp einlegen müssen schälen wir uns aus den Trockenanzügen und ziehen normale Kleidung an. Die Situation müssen wir jetzt aussitzen. Es ist später Vormittag und wir haben eben mal 5 km geschafft. Der nächste Platz für ein Camp ist 23 km entfernt - und über Nacht soll das Wetter wechseln: wir bekommen für mindestens 2 Tage Sturm und ergiebigen Regen.


Letztendlich verbringen wir 4 Stunden auf dem Schuttkegel. Wir sind grottenfroh, aus den Wellen heraussen zu sein und in der Sonne sitzen zu können. Der Wind wird im Laufe der kommenden Stunden definitiv schwächer, die Whiteheads verschwinden und die Wellen werden kleiner. Kurz nach 1500 gehen wir wieder auf's Wasser und lassen uns durch die noch stehenden Wellen schieben. Der Wind flaut immer mehr ab uns ist irgendwann komplett eingeschlafen. Wir sind jetzt im landschaftlich schönsten Teil des Ö Fjords unterwegs, noch bevor der Fjord eine leicht Krümmung nach Osten macht. Noch sind der Fjordausgang und die südlich davon gelegenen Bäreninseln nicht zu sehen. Die Steilwände und Klippen - in ocker, braun, orange und dunklem Rot - die titanisch anmutend bis auf 2.000 Meter aufragen scheinen aus einer anderen Welt, von einem anderen Planeten zu stammen. H.P. Lovecraft fällt mir dazu ein, Tolkien mit dem Herrn der Ringe. Auf den meist flachen Plateaugletschern gleissen die Eispanzer in der Sonne. Alle 2, 3 Kilometer mündet ein steiler Gletscher in den Fjord. Eisberge in sämtlichen Formen, Farben und Grössen leuchten im Nachmittagslicht über den Fjord verteilt. Das Rauschen und Donnern von Schmelzwasser erfüllt die Luft. Ein Bild einer anderen Welt, das man so nur vom Kajak aus erleben kann.
Die Kilometer ziehen sich, ohne den Wind ist es heiss geworden. Glücklicherweise finden wir genügend Brucheissplitter, die - im Mund gelutscht - herrlich kühlen und zugleich den Durst stillen. Ab und an rollt ein Donner, Grollen und Rumpeln durch den Fjord: dann ist wieder ein Eisberg gekentert oder in Stücke gebrochen. Mit dem herannahenden Abend geraten wir zunehmend in den Bergschatten von Renland. Das Licht wird weicher und changiert mehr zu Orange- und Rottönen. Die gefurchten Steilhänge von Milne Land werden vom schräg stehenden Licht immer dreidimesionaler und plastischer hervorgehoben. Was das Abendlicht mit den Eisbergen macht, brauche ich nicht zu beschreiben. Wir sind unserem Arktischen Traum.


Ab & zu queren wir Lichtinseln, wenn die Sonne zwischen zwei Gipfeln eine breite Bahn in den Schatten schneidet; dann leuchtet das Wasser türkis. Wechseln wir wieder in den Schatten wechselt die Farbe zu schwarz. Längst haben wir den leichten Knick nach Osten hinter uns gelassen. Die Umrisse der Bäreninseln sind noch 40 km entfernt, aber bereits gut zu erkennen. Direkt vor uns auf der Nordseite des Ö Fjords beherrscht der markante Pfeiler der Grundvigskirken das Bild. Weit nach 1800 erreichen wir die weite Bucht, in der wir Station machen und das Schlechtwettergebiet abwettern wollen. Die Bucht ist so gross, dass wir eine weitere halbe Stunde mit müden Armen weiterpaddeln müssen bis wir das Ufer bei einem Bachlauf erreichen, der aus den Bergen kommt. Und der Tag ist damit noch lange nicht vorbei. Wir müssen Zelt, Ausrüstung und Verpflegung für drei Tage über eine Stufe von ca. 20 Metern nach oben schaffen, dort einen geeigneten Platz suchen und das Zelt aufstellen & einrichten. Wasser haben wir dank des Baches, der in der kleinen Schlucht neben uns dem Strand entgegenrauscht genügend. Die Kajaks müssen noch regen- und sturmsicher gemacht werden. Dann gibt es erstmal einen Becher Suppe, bevor wir richtig zu Abend essen. Nach dem heutigen Tag ziehen wir uns bald in die Schlafsäcke zurück, wir sind beide ziemlich erledigt.


21. August - gleicher Platz
Der Regen hat heute am frühen Morgen gegen 0500 Uhr eingesetzt wie prognostiziert. Nachts war es ziemlich windig aus Südwest, in Böen Sturmstärke. Gut, dass wir das Zelt entsprechend aufgestellt und die Ankerpunkte mit grossen Steinen beschwert haben. - so können wir jetzt beruhigt liegen bleiben und dem Wind lauschen, der am Zelt rüttelt. Entsprechend spät haben wir heute gefrühstückt. Wasser für 3 Tage steht in der Apsis - es gibt also (fast) keinen Grund, das Zelt verlassen zu müssen. Regenschleier wehen heran und trommeln mit grossen Tropfen auf die Zeltplane. Teilweise lässt der Regen für einige Minuten nach, sodass wir für dringende Erledigungen kurz nach draussen können ohne komplett nass zu werden. Die Temperatur ist auf 3-4°C gefallen, es ist feuchtkalt. Der Sommer ist vorbei; der Herbst steht nicht nur vor der Tür sondern hat bereits begonnen. Stürmischer Wind treibt grosse Wellen nach Osten durch den Fjord, Berge und Gletscher sind von tief hängenden Wolken verhüllt. Kleine weisse Sturmwolken jagen auf halber Höhe die Bergflanken entlang. Die Wolkenbasis ist auf knapp 500 Meter heruntergekommen. Da ist es nicht verwunderlich, dass der erste Schnee bis auf 400 Meter herunter gefallen ist. Nach den neuesten Wetterdaten soll es bis morgen durchregnen und erst am Sonntag Nachmittag besser werden. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass wir dann auch starten können: nachdem wir gestern erst so spät aus den Kajaks gekommen sind mussten wir Trockenanzüge und Unterwäsche nass wegpacken.
Aktuell haben wir bis zum Sydkap überschlagen noch 60km vor uns, unabhängig davon ob wir die Route über die Bäreninseln nehmen oder uns weiter am Nordufer des Ö Fjords nach Osten arbeiten und dann nach der Querung der Skillebucht den Nordwestfjord direkt queren. Demnach sollten wir bis Mittwoch das Sydkap erreichen. Ich habe eben mit Charlotte telefoniert und für kommendes Wochenende einen provisorischen Termin für unsere Rückholung nach Ittoquortoomiit vereinbart.

22. August - gleicher Platz

Heute Mittag hat der Regen endlich nachgelassen; ich weiss vor lauter Rückenschmerzen schon nicht mehr, wie ich noch liegen soll. Bea geht es ähnlich wie mir. Wir werden eben nicht jünger...
Nachmittags steigen wir fröstelnd in die Stiefel; wir wollen uns die Beine vertreten und unseren Kreislauf wieder in Schwung bringen. Die Wolken hängen immer noch tief, aber es hat zu Regnen aufgehört und der Wind hat weiter nachgelassen. Unser Zelt steht auf einer sanft abfallenden Ebene, die zum Fjord hin in einem Steilabbruch endet. Unmittelbar neben dem Zelt geht es in eine kleine Schlucht hinunter, die ein Bach in die alte Endmoräne des Gletschers gegraben hat. Der Untergrund ist von einer dünnen Humusschicht bedeckt, unmittelbar darunter wird der Boden sandig. Nach Norden öffnet sich ein weiter Talkessel, der von hohen, steil aufragenden Bergen abgegrenzt wird. Im Nordwesten schauen Gletscherzungen aus einem Hochtal, zu Fuss an einem Nachmittag unerreichbar. Wir haben die Kameras dabei und glücklicherweise auch unsere Mückennetze: wir stossen überraschenderweise auf ergiebige Blaubeervorkommen. Überraschend daher, weil die meisten Pflanzen die wir in den vergangenen Wochen gesehen haben wegen des Wassermangels keine oder nur vertrocknete Früchte trugen. Draussen auf dem Wasser sind die Lichtverhältnisse dramatisch. Die Wolkenbasis weiterhin tief, darunter ziehen immer wieder Wolkenbänder nach Osten. Das Eis leuchtet im diffusen Licht. Mit dem Regen ist der Herbst mit seinen Farben endgültig angekommen.


23. August
Am Fuss der Grundvigskirke

Wir sind wieder ein Stück weiter, wenn auch weniger weit als geplant. Aber dafür haben wir einen legendär schönen Platz gefunden: Hinter unserem Zelt schiessen die Pfeiler der Grundvigskirke lotrecht empor.
Heute Morgen macht es von Osten her langsam auf, für nachmittags ist nochmals Regen mit 30%er Wahrscheinlichkeit prognostiziert. Wir lassen es langsam angehen, frühstücken erst einmal und gehen dann zu den Kajaks hinunter, um Trockis und Unterwäsche auf den Felsen auszulegen - in der Hoffnung, dass sie bei Wetterlage auch trocknen. Am späten Vormittag werfe ich nochmals den Kocher an um die Thermoskanne zu füllen; für's Wohlbefinden gibt's auch noch ein Süppchen. Dann brechen wir das Zelt ab und sind eine Stunde später auf dem Wasser. Packen und Stauen geht mittlerweile ganz fix: zum einen sind wir ein eingespieltes Team, zum anderen wird unser Gepäck durch die schrumpfende Verpflegung ja jeden Tag um ca. 600g weniger. Aktuell haben wir noch für 10 Tage Futter & Brennstoff.
Auf dem Wasser ist es heute ungemütlich. Wind aus SW von der anderen Fjordseite, dadurch kabbeliges Wasser auf unserer Seite wegen des Rückwassers von den Steilwänden. Aber nachdem die Hauptwellenrichtung WSW ist kommen wir gut voran. Das Problem auch heute: die Wellen stehen mit 70, 80cm bereits ziemlich hoch. Der unregelmässige, böige Wind kann daher gut in dei Wellen greifen und setzt dann gleich Schaumkronen drauf. Nach 1 1/2 Stunden machen wir wind- und wellengeschützt in einer kleinen Bucht eine kurze Pause. Aber da wir mit feuchten Sachen gestartet sind und die Sonne nicht richtig durchkommt ist es mit ca. 6°C doch ziemlich kühl; dazu kommt der Wind der uns frösteln lässt.

Als wir wieder rausgehen frischt der Wind weiter auf. Nach der nächsten Felsnase können wir unser heutiges Minimalziel sehen: zwei kleine Felsinseln, eigentlich eher Schären in gut 8km Entfernung. Aber - es ist nass, wir sind ausgekühlt und die Wellen bekommen durch den immer mehr auffrischenden SW Wind vermehrt Whiteheads. Zwei Felsnasen weiter öffnet sich eine gute 300m breite und relativ tiefe Bucht. Endmoränenlandschaft, Schmelzwasserbäche rauschen zu Tal. Am östlichen Ende der Bucht - erst auf den zweiten Blick ersichtlich - kommt eine Granitrippe leicht ansteigend aus dem unruhigen Wasser. Und um 90° versetzt ein kleiner, kiesiger Naturhafen für Kajaks - perfekt. Wenige Minuten später liegen die Boote auf der Granitrippe und wir sind in trockenen Klamotten. Herrlich. Nach einem Kaffee mache ich mich auf die Suche nach einem Stellplatz für's Zelt. Theoretisch könnten wir auch auf der Rippe bleiben, dort gibt es einen beinahe ebenen Platz ca 1m oberhalb der Flutgrenze. Aber damit sind wir fast direkt an der Wasserlinie - und das wiederstrebt mir wegen eventuell neugierigen Bären. Ich bevorzuge einen (leicht) erhöhten Platz, an dem wir die Umgebung im Auge behalten können. Der erst Versuch scheitert mehr oder weniger - der Anmarsch zu einem geeigneten Platz ist zu lang und zu umständlich. Fündig werde ich ca. 60m über der Wasserlinie: unser Zelt steht auf einer kleinen Terrassse, fast einem richtigen Balkon in einem steilen Hang auf federndem Tundraboden mit prächtigem Blick auf den Fjord, das Gegenufer (Milne Land) und dem heutigen Highlight, der Grundvigskirken.

24. August - gleicher Platz
Was für ein Elend - wir sitzen immer noch hier. Wir haben mittlerweile seit Tagen eine stabile W/SW Lage, der Wind lässt einfach nicht nach. Die Wellen stehen hoch und steil im Fjord, wir kommen nicht weiter. Etwas frustriert beschliessen wir zu bleiben.
Wir haben den ganzen Tage Wind aus SW quer über den Fjord. Schaumgekrönte Wellen rauschen an die felsigen Ufer. Die Prognosen sagen für die kommenden Tage keine Änderung voraus: Temperaturen bei 2° / 6°C, Wind aus W bzw SW. Meiner Einschätzung nach haben wir heute permanent zwischen 25 und 30 km/h und in Böen leicht das Doppelte. Nachdem ich beide Wassersäcke am Bach gefüllt habe, der hinter den Kajaks in die Bucht mündet schnüre ich meine Bergstiefel: ich möchte über die hinter dem Zelt liegenden Terrassen und ein ein schmales Felsband zur Endmoräne des alten Gletschers aufsteigen. Den Gleitschirm lasse ich im Kajak - no way bei diesen Windverhältnissen.


Mit dem kalten Wind es es so frisch, dass ich im Aufstieg weder Fleece noch den Goretex ausziehe - und das heisst etwas. Erst als es steil und auch etwas windgeschützter wird, kann ich den Anorak ausziehen. Der Indian Summer ist kurz vor dem Höhepunkt, die Herbstfarben werden mit jedem Tag prächtiger. Aber - bis zur Endmoräne komme ich gar nicht. Hinter dem Sattel öffnet sich eine Klamm, die von unten nicht ersichtlich ist - und die kann ich nicht queren. Ich befinde mich auf "nur" 450HM, der Kamm der Moräne ist nochmals gut 150 Meter über mir. Schade. Ich hätte gerne gewusst, ob sich dahinter ein See oder die Gletscherzunge verbirgt... Aber schon von dieser relativ geringen Höhe ist der Blick in den Öfjord und Milne Land nur schwer in Worte zu fassen. Schroffe Pfeiler wachsen spitz in den Himmel, überzuckert vom Neuschnee der vergangenen Tage. Dazwischen zahlreiche Gletscher, die von den Plateaugipfel steil zum Fjord abfallen. Und das ganze unter einem dunkelblauen Spätsommerhimmel.
Mittags bin ich wieder zurück beim Zelt. Wir verbringen den Nachmittag mit Eisbergwatching und Lesen. Und immer wieder schweift unser Blick auf's Wasser - wird der Wind weniger, das Wasser ruhiger? Heute essen wir früh - nichtstun macht hungrig. Als die Käsenudeln fertig sind merken wir, dass der Wind eingeschlafen ist. Es ist 1800 Uhr. Sch... - das hatten wir so jetzt nicht auf dem Schirm. Die Schaumkronen sind verschwunden und die Wellen erheblich kleienr geworden. Auf der Südseite erkennen wir mit dem Fernglas glattes Wasser. Aber es ist zu spät um jetzt noch zu reagieren. Bis wir gegessen, gepackt und die Kajaks klargemacht haben wäre es schon nach 2000 - und bereits jetzt ist es bitterlich kalt im Bergschatten.

25. August - Bear Islands

Die Zeltplane knattert im Wind - wieder einmal. Heute Nacht gegen 0400 hat der Westwind wieder eingesetzt. Ein Wetterupdate bestätigt die gestrige Prognose: Westlage. Die Wellen im Fjord haben bereits wieder weisse Mützen aufgesetzt. Es ist kalt im Wind; als wir den Kaffee aufgiessen, bekommen wir Sonne aufs Zelt und es wird sofort spürbar wärmer.
Plan für heute: Füsse still halten.
Nachmittags 1430 / 1500 kochen, Thermoskanne auffüllen und darauf hoffen, dass es der Wind spätnachmittags oder spätestens abends wieder abnimmt. Wenn das der Fall ist, Camp abbrechen und den Öfjord auf die Südseite queren, dort nach Osten bis zum Ende von Milne Land ablaufen und vorbei an Jyttes Havn zu den Bäreninseln queren. Dann wären wir aus dem Fjord heraussen und damit im Lee vor der Westströmung. Innerhalb des Bären Archipels können wir dann auch bei windigen Verhältnissen weiterkommen - dort können sich zwischen den Inseln keine allzuhohen Wellen aufbauen.

Es hat funktioniert. Mittags machen wir noch ein Schläfchen; bei bedecktem Himmel und 3°C ist es bitterkalt im Wind. Im Anschluss kochen wir gleich um etwas Warmes in den Bauch zu bekommen. Der Wind ist am Abnehmen. Gegen 1600 verlassen wir die geschützte Bucht - und haben zum ersten Mal in dieser Saison warme Unterwäsche in den Trockis an. Und das ist unerlässlich, da wir in den Abend hineinfahren. Der Westwind hat sich gelegt, eine leichte Brise kommt von der Hall Bredning - also von Osten. Die Verhältnisse sind ruhig, wir nehmen unverzüglich die Querung nach Milne Land in Angriff. Eine gute Stunde später haben wir 2/3 der Strecke hinter uns und drehen nach Osten ein; damit haben wir die Abendsonne und Wellenrichtung im Rücken. Mit der Sonne kommt die Wärme zurück und wir sind froh, vereinzelt Brucheis auf dem Wasser zum Lutschen zu finden. Die spektakuläre landschaft gleitet in Zeitlupe an uns vorbei: Milne Land mit seinen schroffen Hängen im Abendlicht, Renland auf der anderen Fjordseite als Scherenschnitt im grösser werdenden Schatten.

Abends - irgendwo auf den Bäreninseln
Kurz nach 1800 passieren wir Punkt 482, den nördlichsten Punkt von Milne Land. Damit verlassen wir auch den Öfjord, der uns dieses Jahr so gefuchst hat. Nachdem wir das Kap passiert haben kommen steuerbord - also rechts - die Bäreninseln in Sicht. Eine weitere Querung über 7 km bringt uns zu unserem nächsten Peilpunkt P 250 hinüber. Vor einem grossen Eisberg treibend machen wir eine Riegelpause, bevor wir in das Gewirr kleiner Sunde eintauchen. Nach einigen Haken in Richtung Norden und Süden finden wir im Abendlicht eine nette Kiesbank zum Anlanden. Am Strand liegt viel Treibholz, unser Zelt stellen wir auf einer kleinen Kante ca. 10m oberhalb des Strandes auf. Die Stimmung muss man eigentlich schon kitschig nennen: die über den Zacken und Graten von Renland untergehende Sonne färbt die Wolkenbänder rose und orange und setzt die Gletscherkuppen von Milne Land in Brand und verzaubert uns.
Das Spezielle an diesem Ort ist die totale Stille, die nur ab und an von einem Vogelschrei oder dem Schnattern einer Gans unterbrochen wird. Es ist windstill, die Wasserfläche liegt vor uns wie ein Spiegel. Kein Geräusch von fliessendem Wasser. Kein Murmeln, kein Rauschen. Kein Tropfen, kein Dröhnen. Daran müssen sich unsere Ohren nach den letzten Tagen im Öfjord erst wieder gewöhnen. Jetzt gibt es noch eine schnelle Tasse Suppe, bevor wir den Tag mit einem Feuer am felsigen Ufer ausklingen lassen.

26. August - Sydkap

Jede meiner Reisen beginnt mit einem ersten und endet mit einem letzten Paddelschlag. Heute Nachmittag sind wir nach 41 Reisetagen am Sydkap angekommen - unsere Reise ist damit fast zu Ende.
Der heutige Morgen ist bei bedecktem Himmel, leichtem Südwind und einer Temperatur von knapp über 0°C ziemlich frisch. Das grösste Manko - durch unsere späte Ankunft gestern Abend hatten wir keine Möglichkeit, Unterwäsche und Trockis irgendwie getrocknet zu bekommen. Und die Stunde in der noch tiefstehenden Sonne heute morgen hat nicht wirklich viel genützt. Nachdem wir unterwegs sind, müssen wir zunächst innerhalb des Archipels einige Haken schlagen bis wir auf der Ostseite herauskommen. Und dann, nachdem wir ein letztes Kap passiert haben - Weite. Vor uns liegt die Wasserfläche der Hall Bredning, rund 7.000 km2. Würden wir jetzt weiter Kurs nach Osten halten, wären wir nach rund 150km bei Kap Tobin an der Mündung des Scoresbysundes. Leichte Dünung von einem 3/4m hebt und senkt unsere Kajaks. Der leichte Südwind hält immer noch an und legt 90° versetzt einen Schleier neuer kleiner Wellen über das ölig erscheinende Wasser. Monströs grosse Eisberge sind zu sehen, teilweise mehrere hundert Meter lang; sie kommen sehr wahrscheinlich aus dem Nordwestfjord. Wir gehen mit dem Wind nach Norden, zu unserer Linken die steil aufragenden Klippen der nördlichsten Insel des Archipels. Hier gibt es ebensowenig Landemöglichkeiten wie auf der Westseite der Insel. Der Wind hat etwas aufgefrischt, kommt aber immer noch laminar aus Süden. Die Wellen werden grösser und schieben von hinten, Downwind!


Es ist ein Segen für uns, dass es immer noch bewölkt ist, da wir heute 2 Lagen Unterwäsche angezogen haben. Bei blauem Himmel wären wir bereits durchgekocht. Um uns etwas Strecke zu sparen bleiben wir nicht parallel zu Insel, sondern setzen unseren Kurs direkt auf die Ingmikertaje Inseln, die inmitten des Mündungsgebietes des Nordwestfjordes zur Hall Bredning liegen. Über diese Inseln müssen wir sowieso wenn wir zum Sydkap wollen. Aber das heisst auch, dass wir fast 12km offenes Wasser vor uns haben. Das sind gute 2 Stunden zu paddeln, und in dieser Zeit kann sich viel ändern. Aber wenn wir jetzt direkt queren laufen wir mit dem Wind und haben die Wellen von hinten. Wenn wir die Route klassisch fahren - also ein Dreieck - hätten wir später Wind und Wellen über eine Distanz von 5 km direkt von der Seite. Es bleibt aber ruhig. Heute scheint nach Wind, Wellen und Regen der letzten Woche unser Tag zu sein. Kurz nach 1300 kommen wir mit ziemlich langen Armen an der grösseren der beiden Inseln an und finden sogar ein geschütztes Plätzchen, wo wir im Dünungsschatten anlanden und uns die Füsse vertreten können. Lange pausieren können wir aber trotzdem nicht. Wir sind bachnass und durchgeschwitzt in unseren Trockis und im leichten Wind wird es schlagartig kalt. Nach einem Sturzkaffee uns Salami schliessen wir die Spritzdecken und nehmen die letzten Kilometer unserer Tour in Angriff.


Der Wind - eingeschlafen. Die Wolken haben sich grösstenteils aufgelöst, die Sonne drückt mehr und mehr durch. Auf den letzten Kilometern und den ruhigen Verhältnissen können wir uns Zeit lassen und den Blick in den Nordwestfjord geniessen: dort treiben ebenso gigantische Eisberge mit mehreren 100m Kantenlänge wie in der Hall Bredning. Irgendwann wird ein stecknadelkopfgrosser, roter Punkt an der Küste Kjövelands erkennbar - wenn man weiss, wo man suchen muss. Ich weiss es, Bea braucht eine Weile bis sie die Hütte am Sydkap lokalisieren kann. Am Späten Nachmittag laufen unsere Kajaks auf den Schotterstrand unterhalb der Hütte; Bea reisst ihr Paddel in Siegerpose über den Kopf: wir sind angekommen, haben unser Ziel erreicht.
Nachdem wir in trockene Kleidung gestiegen, die Kajaks versorgt und das Gepäck in die Hütte verbracht haben gibt es auf der Terrasse auf der Südseite erstmal Kaffee. Hier ist es in der Nachmittagssonne so warm, dass ich schon bald mein T Shirt ablege. Abends melden wir unsere Ankunft bei Charlotte und fragen den Transfer zurück nach Ittoquortoomiit für das Wochenende an. Es ist ungewohnt, nach langer Zeit ohne Tisch und Stuhl - ganz zu schweigen von einer Arbeitsplatte - wieder in einer Küche zu stehen und sich beim Kochen nicht bücken zu müssen. Ungewohnt, beim Tagebuchschreiben an einem Tisch zu sitzen und dabei keine Kreuzschmerzen zu haben.
Die Blickrichtung vom Aufenthaltsraum durch das Doppelfenster geht nach Süden. Die vergletscherten Bergketten am Südufer der Hall Bredning (also unserem Startpunkt vor fast 6 Wochen) sind über 100 Kilometer entfernt und doch gut zu erkennen. Jetzt - kurz nach 2200 - dämmert es. Über dem Wasser liegt ein hellblauer Schimmer mit einem Schuss Rose. Der Eingang des Öfjords ist noch zu erahnen, die Gletscherkuppen von Milne Land orange im letzten Licht. Die hintereinander gestaffelten Inseln des Bärenarchipels gleichen Scherenschnitten in unterschiedlich gestuften Grau- und Schwarztönen.


In der Hütte herrscht Zwielicht, Bea liegt bereits im Schlafsack. Die gefundenen Teelichter spenden kaum genug Licht zum Schreiben. Als ich meine Stirnlampe herauskrame und dabei aus dem Fenster in die blaue Dämmerung werfe sehe ich über Ingmikertivargat den Mond aufgehen. Und es ist nicht nur der Mond - nein, es ist Vollmond.
27. August

Der Plan für heute: nochmals zum Fliegen zu gehen - aber das hat der Wind schlussendlich verunmöglicht.
Als wir morgens mit dem Kaffee auf der Ostseite der Hütte sitzen und beobachten, wie der Seenebel von der Sonne aufgelöst wird ist es noch windstill. Wir packen unsere Rucksäcke und folgen dem kleinen Tal nach Nordosten. Die Tundra brennt - und die Herbstfarben werden durch die Morgensonne noch intensiviert. Ich bin etwas am kränkeln; wahrscheinlich habe ich mir gestern durch die feuchte Unterwäsche im Trocki eine Erkältung zugezogen. Meine Nase läuft und meine Temperaturempfinden passt nicht, ich friere. Nach der ersten Stunde bleibt Bea zurück, sie möchte zeichnen. Wir machen eine längere Pause, bevor ich mich weiter auf den Weg nach oben mache. Bereits von 400m schweift der Blick weit ins flache , braun erscheinende Jameson Land hinein. In der Nordostbucht zu meinen Füssen liegen einzelne Eisberge. Etwas weiter entfernt mündet das weite Gurredal in die Bucht.


Der weitere Aufstige zum Gipfel ist harzig. Es geht über steile und teilweise überwachsene Felsbänder steil hinauf. Irgendwann komme ich nur noch auf allen vieren voran und löse teilweise Steinschlag aus. Runter komme ich auf dieser Route jedenfalls nicht mehr. Die grosse Überraschung erfolgt, als ich das Gipfelplateau erreiche und von strammen Wind aus Nordost empfangen werde. Während des Aufstiegs über die SO Flanke war es nämlich windstill. Der Wind ist so stark, dass meine Hosenbeine flattern. Um nicht auszukühlen ziehe ich Fleece und Hardshell an. Meine Schätzung: 35 - 40km/h, in Böen bis zu 60km/h. Und der Wind ist nicht laminar sondern böig. Keine Frage, der Schirm bleibt heute im Rucksack. Aber es ist trotzdem schade. Ich hätte gerne einen letzten Flug vom Hausberg mit Landung vor der Hütte gemacht. Für den Abstieg suche ich mir eine andere Route und bin am frühen Nachmittag wieder zurück.
Der Wind hat jetzt auch auf Seehöhe eingesetzt und wird stärker. Böen wühlen das Wasser auf bilden Schaumkronen auf den Wellen. Weiter draussen ist die vorherrschende Farbe des Wassers weiss. Der Wind kommt aus dem Nordwestfjord und wird durch das lange Talsystem kanalisiert und noch zusätzlich verstärkt. Meine ersten Worte zu Bea, als ich wieder zurück bin: "Was haben wir gestern für ein Schwein mit den Seebedingungen bei den Querungen gehabt..." Heute wäre das definitiv ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Bei dem Wind wären wir nicht einmal auf den Bäreninseln um das Kap der Hauptinsel gekommen. Über den Rest brauchen wir gar nicht erst zu reden. Nein, wir haben alles richtig gemacht. Nicht nur gestern, sondern während der gesamten Tour. Auch wenn wir durch das Aussitzen / Abwarten bei windigen Verhältnissen einige Tage verloren haben.

Aber was heisst schon verloren? Wir haben dadurch gewonnen, wir haben profitiert an Wanderungen, Erlebnissen, Tierbeobachtungen und hatten zudem die Möglichkeit, das Hinterland etwas besser kennenzulernen. Es ging bei dieser Tour niemals darum, eine bestimmte Anzahl Kilometer zu machen oder ein fixes Ziel zu erreichen. Sinn und Zweck war, mehrere Wochen mit den Kajaks im Scoresbysund zu verbringen - ohne exakte Routenplanung. An den Plätzen zu bleiben wo es uns gefällt. Unabhängig davon ob für eine längere Pause tagsüber oder für zwei Nächte. Die Natur gibt uns Fahrplan und Route vor und sagt uns was machbar ist und was nicht. Und all das haben wir akzeptiert und angenommen. Nachmittags erhalten wir auch die Bestätigung von Charlotte, dass unser Tarnsfer zurück nach Ittoquortoomiit morgen im Laufe des Tages stattfinden wird. Dann können wir am Samstag noch den Laden plündern und nach 6 Wochen Tütenmampf endlich wieder mal vernünftig kochen...


Ebenfalls am Nachmittag erfolgt die erste zivilisatorische Klatsche: ein Kreuzfahrtschiff hält Kurs aufs Sydkap und dreht schliesslich bei. Eine halbe Stunde später landet das Vorauskommando mit 12 Leuten unterhalb der Hütte am Strand. Die Silver Endeavour ist ein Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse. 200 Gäste werden von 350 Leuten Personal betreut. Auf Wunsch (und Aufpreis) gibt es eienn persönlichen Butler. Für die 15 tägige Grönland Exkursion sind in der Holzklasse - also der billigsten Kategorie - mindestens USD 50.000 zu bezahlen. Die Suiten beginnen ab USD 100.000. Das sind die Infos, die wir von den Guides bekommen. 8 Guides mit Gewehren gehen in sämtliche Himmelsrichtungen um eventuelle Eisbären aufzuspüren. Grosse Mengen Ausrüstung und Verpflegung werden angelandet. Wollen die Barbecue machen? Nein, werden wir belehrt. Es könnte ja sein, dass sich das Wetter während des Landgangs verschlechtert und die Gäste für einige Stunden nicht mehr an Bord zurückgebracht werden könnten. Und da gebiete es die Sorgfaltspflicht, Essen und Getränke griffbereit zu haben. Ja nun. Das Schiff hat in den Wind gedreht und die Mannschaft beginnt mit dem Tendern. immer 10 Gäste pro Zodiac. Für uns ist es ein Alptraum. Permanente Lärmbelästigung durch die Aussenbordmotoren, amerikanisches Kaugummi englisch dringt durch den Wind zu uns. Nachdem die diversen Gruppen mit ihren zugewiesenen Guides endlich abgezogen sind, wird es wieder etwas ruhiger und wir kommen mit einigen Zodiacfahrern ins Gespräch. Letztendlich sind wir aber heilfroh, als das letzte Boot 4 Stunden später ablegt und der Spuk damit vorbei ist - wir haben das Sydkap wieder für uns.
28. August - Ittoquortoomiit
Die letzte Nacht im Outback - in der gemütlichen Hütte am Sydkap - liegt hinter uns. In der Früh ist es kalt und sonnig, die Temperatur ist bei knapp über 0°C. Der Wind kommt nach wie vor aus Nordwest und wird seit dem frühen Morgen wieder stärker. Wir sind gespannt, wann die Boote kommen werden. Und wir sind gespannt, wer uns abholen wird. Wir versuchen, ein einigermassen windgeschütztes Plätzchen auf der Ostseite der Hütte zu finden, aber das ist gar nicht so einfach. Jedenfalls - unsere Taschen sind gepackt und stehen auf den Klippen unterhalb der Hütte. Wir sind startbereit. Nachmittags hören wir irgendwann zwei hochdrehende Aussenbordmotoren. Auch als wir die Boote sehen wissen wir noch nicht, wer uns abholen wird. Einige Minuten später erkennen wir Martin und Hjelmer. Ausser unseren Kajaks, den beiden Duffle Bags und den zwei Rucksäcken haben wir nicht viel, was in die Boote muss. Die Futtersäcke sind beinahe leer, wir haben noch Rationen für 5 weitere Tage.
Ich habe einen dicken Kloss im Hals. Immer wieder drehe ich mich zurück und blicke auf das gewaltige Panorama von Milne- und Renland, den Bäreninseln und den Eingang von Nordwest- und Ö Fjord im Abendlicht. Abschied nehmen nach langen Touren ist für mich immer emotional. Ich fühle mich mit dem Land verbunden, habe in Freiheit und ohne Verpflichtungen in, mit und von der Natur gelebt. Die Tränen, die ich auf den Wangen spüre kommen sicherlich vom Fahrtwind, der in den Augen beisst...
Das Licht wird immer weicher und rotlastiger, je weiter wir kommen und je später es wird. Mehrmals passieren wir kleine Herden von Moschusochsen, die in der flachen Hügellandschaft umherziehen. Als wir an der alten Wetterstation Gurredal vorbeikommen ist der Wind endgültig eingeschlafen und das Wasser glatt wie ein Spiegel. Dank der ruhigen Bedingungen geht auch die Querung des Hurry Inlets zügig vonstatten, die alten Häuser von Kap Hope fliegen an den Booten vorbei - und dann kommt Ittoqurtoomiit in Sicht. Martin und Hjelmer landen bei den Öltanks auf der Westseite der Siedlung und nicht wie erwartet am Pier. Dort steht nämlich seit letztem Sommer ein Kran, mit dem die Jäger ihre Boote eigenständig aus dem Wasser holen können. Sie sind also nicht mehr auf die Hilfe eines Laderfahrers angewiesen, der den Trailer mit dem Boot ins Wasser bringt bzw. zieht. Bella ist kurz darauf da und nimmt uns und das Gepäck mit hinauf zum Guest House - die erste Dusche seit 6 Wochen wartet auf uns.
Nachdem die Kajaks verzurrt sind queren wir die Bucht und machen im Lee von P 260, einer vorgelagerten Insel noch eine Kaffee- und Fresspause. Martin und Hjelmer haben durch den starken West- Nordwestwind einen kalten, anstrengenden Ritt von über vier Stunden hinter sich. Die beiden haben bestens für uns vorgesorgt und präsentieren einige Köstlichkeiten auf den Uferfelsen: Wienerli im Glas, Käse, Brot, Fruchtsaft, Chips und noch so einiges mehr. Gegen 1600 schlüpfen wir in die Thermooveralls, schliessen die Reissverschlüsse und machen die Boote los. Der Wind ist über die letzten beiden Stunden erheblich schwächer geworden und kommt für uns jetzt von hinten, ebenso die Wellen. Entsprechend ruhig laufen die beiden Boote. Wir passieren eine lange Eisbergallee: grosse Eisberge, die am flachen Ufer von Jameson Land bei der Nordostbucht und Schuchert Dal auf Grund gelaufen sind.




Ittoquortoomiit, o2. September

Wir sind jetzt seit letztem Freitag zurück. Aktuell verbummeln wir unsere Zeit bis zu unserem Rückflug und freuen uns, wenn wir morgen vormittag im Heli nach CNP sitzen. Es ist herbstlich geworden. Aktuell haben wir böigen Wind aus OSO, für den Nachmittag ist Regen prognostiziert. Die Temperatur ist im niedrigen, einstelligen Bereich, gefühlt ist es noch viel kälter. Windböen treiben lange Staubfahnen die Wege entlang, die Wellen draussen in der Rosenvinge Bay tragen weisse Köpfe. Demenstsprechend habe ich jetzt Zeit, die letzten Tage im Schnelldurclauf zu notieren bevor alles in Vergessenheit gerät...

29. August
Pünktlich zur Ladenöffnung um 0900 stehen wir mit leerem Rucksack parat und erledigen unseren Grosseinkauf: frisches Brot, Gebäck, Butter, Eier, Leberpastete, diverse Sorten Käse, Fleisch, Yoghurt und etwas Obst. Danach frühstücken wir erst einmal ordentlich und verbummeln den Tag in der Sonne. Kristoffer, ein junger dänischer Polizist den wir schon im Winter kennengelernt haben wohnt vis a vis vom Guest House und kommt nachmittags herüber um uns Willkommen zu heissen. Eigentlich habe ich mit ihm für heute eine Tagestour mit den Kajaks ausgemacht, aber es bläst aus SO und die Wellen tragen Schaumkronen. Nachdem der Wind über Nacht abflauen soll verschieben wir die Tour auf morgen.


30. August
Heute hole ich mit Kristoffer die versprochene Kajaktour nach. Als wir vormittags aufbrechen ist es bedeckt und kühl mit Wind aus SW. Kristoffer ist schon längere Zeit nicht mehr im Kajak gesessen und braucht entsprechend etwas Zeit, um sich an den ungewohnten Explorer und die etwas rauen Bedingungen zu gewöhnen. Für mich ist es purer Spass, mit dem leeren Kajak in den Wellen zu spielen. Aufgrund der Windverhältnisse ändern wir unseren Plan und paddeln in Richtung Walrossbay anstatt nach Süden zum Kap Tobin. Steile Wellen laufen schäumend an den langen rötlichen Stränden aus. Dahinter öffnet sich - vom Kajak aus nicht einsehbar - eine kilometerlang Lagune, die dem Küstenverlauf folgt. Da wir in den auflaufenden Wellen nicht landen wollen, paddeln wir weiter in Richtung Kap Hope bis wir eine Entwässerungsöffnung der Lagune finden und dort ruhiges Wasser vorfinden. Die Pause bleibt trotzdem kurz; es immer noch bedeckt, aber der Wind wird schwächer. Auf der Rückfahrt nehmen wir direkt Kurs auf Ittoquortoomiit. Die Wellen schieben von hinten; quer dazu kommt leichte Dünung von der offenen See herein und lässt die Kajaks tanzen. Als wir wieder in Sichtweite der Häuser sind sehen wir, dass die Fram der Hurtigruten auf Redee liegt und eben zu tendern begonnen hat. Binnen einer Stunde fluten 500 Schiffstouristen den Ort. Ebenfalls auf Redee liegt die Nanaoq Arctica der Royal Arctic Line. Das zweite Versorgungsschiff des Jahres ist gestern eingetroffen, die Ladung wird heute mit einer Pram gelöscht.
Wir sitzen derweil im T Shirt in der Sonne vor dem Guesthouse und lassen uns Brot, Tomatenfisch und Kaffee schmecken. Gestern hat uns Charlotte inoffiziell mitgeteilt, dass wir am Montag - also morgen - aus dem Guesthouse rausmüssen: alle Plätze werden für eine Delegation Politiker benötigt, die aus Nuuk kommen. Schade. Dienstag/ Mittwoch soll das Wetter kippen und ich habe definitiv keine Lust, die letzten Nächte wieder ins Zelt zu ziehen. Vor allem bei dem angekündigten Wetter: Wind bis 60km/h, Temperaturen tagsüber um 0°C und darunter und dazu Schneeregen. Von Kristoffer weiss ich, dass er das ganze Haus alleine bewohnt. Während unserer Kajakexkursion lasse ich das Thema anklingen und frage vorsichtig an, ob er uns für 4 Nächte Obdach gewähren kann. Kein Problem meint er grinsend. Also werden wir morgen früh unseren Krempel über die Strasse zu ihm verfrachten. Offizielle Info über unseren Ausquartierung von Mette oder Bella? De Nada, leider nicht. Spätnachmittags besuche ich Charlotte zwei Häuser weiter und helfe ihr, die alte Couch in zwei Teilen aus dem Haus zu schaffen. Auf der Nanoq Arctica sind die neue Couch und eine komplette Wohnzimmergarnitur gekommen.


31. August
Nachdem wir unseren Krempel zu Kristoffer verfrachtet haben gehen wir zum Dorfladen. ich weiss, was uns erwartet und werde nicht enttäuscht: auf dem staubigen Vorplatz ist fast der gesamte Fuhrpark Ittoquortoomiit's versammelt, ein Quad steht neben dem anderen. Der Laden ist brechend voll. Die Ankunft eines Versorgungsschiffes verheisst immer frisches Obst und Gemüse, Südfrüchte und aufgefüllte Regale. Und es hat solange es hat. Waren sind plötzlich wieder verfügbar, die zuvor wochen-, ja vielleicht monatelang nicht mehr am Lager und ausverkauft waren. Es herrscht Volksfestcharakter. Lange Schlangen an beiden Kassen, Gelächter, glückliche Gesichter. Die Einkaufswägen sind am Überlaufen, einige Leute führen sogar zwei Wägen mit sich: Weintrauben, Melonen, Ananas, Äpfel. Frische Kartoffeln, Weisskraut, Paprika, Zwiebeln. Es gibt wieder Yoghurt, sogar in mehreren Sorten - und Butter. Wildfremde Leute sprechen uns an und freuen sich dass wir wieder da sind, beglückwünschen uns zum erfolgreichen Abschluss unserer Tour. Wir geniessen den Trubel - und nach kaum einer halben Stunde sind wir in der Schlange soweit nach vorne gerutscht, dass wir unsere Einkäufe aufs Kassenband legen können. Letztendlich sind wir aber froh, als wir den überfüllten und überheizten Laden verlassen haben und unser Frühstück auf ein paar Steinstufen in der Sonne verzehren können.

01. September
Heute morgen ist die Rosenvineg Bay voller Masten. North Sailing hat am Montag nachmittag traditionell Gästewechsel in Nerlerit Inaat (CNP). Die Schiffe laufen dann abends bis Ittoquortoomiit und gehen dort für die Nacht vor Anker. Das wären als schon Mal die S/V Hildur, S/V Opal und die S/V Ocean Sherpa von Gerle. Zusätzlich ist noch die Rembrandt van Rijn - ein Dreimaster von Oceanwide - mit dem Heck in der Nähe des Piers und bunkert Dieselöl. Um die Mittagszeit höre ich einen grossen Radlader am Haus vorbeigrummeln: unsere Kajaks kommen und werden schräg gegenüber bei Charlotte abgesetzt. Leider bin ich zu langsam um das zu dokumentieren. Als ich schliesslich auf der Strasse bin bleibt mir nur noch übrig, den freundlichen Laderfahrer zu grüssen, der schon wieder auf dem Weg zu seinem nächsten Job ist. Mein Arsanerit findet dreigeteilt seinen Platz im Keller unter Charlottes Haus; Bea's Nuiaq bringen wir im Keller von Kristoffer unter. Mit ihm habe ich ausgemacht, dass er das Kajak die nächsten Wochen bei entsprechender Witterung noch nutzen kann.

02. September
Bevor das schlechte Wetter kommt möchte ich mich nochmals auslüften und mache eine Wanderung ins Hinterland von Ittoquortoomiit. Bea bleibt daheim und pflegt sich: sie hat sich gestern anscheinend einen Nerv in der unteren Wirbelsäule eingeklemmt und hat bei jedem Schritt höllische Schmerzen. Nur gut, dass das erst jetzt und nicht schon einige Wochen vorher passiert ist... Auch die stärksten Mittel helfen ihr nur ansatzweise. Prophylaktisch packe ich den Schirm mit in den Rucksack - man kann ja nie wissen ob's fliegt... Der Weg führt mich entlang der Trinkwasserzuleitung nach Norden. Was für ein Unterschied in der Vegetation, verglichen mit dem Sydkap oder den inneren Fjorden des Scoresbysundes. Dort herrscht weitab von der kalten Küste ein wärmeres Klima und lässt ein vergleichsweise üppiges Pflanzenwachstum zu. Hier dagegen - Steine, Geröllhalden durchsetzt von kleinen Seen und kleine Gletscher fast auf Meereshöhe. Der Pflanzenbewuchs ist spärlich und siedelt zumeist zwischen Steinen oder im Windschatten von grossen Findlingen. Nach einer Stunde ereiche ich den grossen See, der als Trinkwasserspeicher für die Ortschaft dient und rauche mir an einen grossen Stein gelehnt in der Sonne eine Pfeife an.
Es tut gut, nochmals aus dem Ort zu kommen und den Wind, die Kälte zu spüren bevor es heimgeht. VOn SO her ziehen Wolkenbänke über die Kuppen und werfen Schatten. Ich sollte mich wieder auf den Weg machen. Ich quere in ein weitees Hochtal nach NW, furte einen Bach und mühe mich im Anschluss gute 350HM über einen steilen, schuttbedeckten Hang nach oben in der Hoffnung, dort auf dem Rücken irgendwo einen einigermassen ebenen Platz zum vorbereiten des Gleitschirms zu finden - aber leider Fehlanzeige. Auch rücken die Wolkenbänke immer näher und der Wind ist ebenfalls erheblich stärker als im Tal. Alle Faktoren zusammen machen mir die Entscheidung leicht, den Schirm im Rucksack zu lassen. Der Abstieg ist durch das ganze lose Geröll ziemlich tückisch, ich komme nur langsam und tastend voran. Unten angekommen folge ich dem Talverlauf und komme wie geplant am Südende der Walrossbay an die Küste. Von dort führt eine Schotterpiste zurück nach Ittoquortoomiit.
2 Tage später sind wir zurück in der Schweiz.


Ein Winteraufenthalt in Ittoquortoomiit
April 2026

14/04 - Ittoquortoomiit
Nach 7 Jahren - und jetzt im zweiten Anlauf - haben wir es endlich wieder einmal im Winter nach NO Grönland geschafft und sind jetzt den ersten Tag mit Martin Madsen und seinen 14 Hunden unterwegs.
Letzen Winter noch die Pleite mit NUNA Travel und Mette - und daraus resultierend unsere Islandreise. Aber diesen Winter hat es geklappt: Spätwinter im Scoresbysund. Nach 2019 (Tasiilaq) ist das unser zweiter Winteraufenthalt.
Der Beginn bzw Vorlauf war kommunikationstechnisch wieder etwas holprig. Charlotte, die Frau von Martin, hatte unsere Anfrage bereits letzten Herbst bestätigt - 2 1/2 Wochen mit Hundeschlitten. Kurz darauf gleich eine Einschränkung: Leider sei nur eine Woche möglich; die Zeit, in der unsere zweite Woche fallen würde sei bereits verplant. Aber - der Kollege Scoresby könne uns übernehmen. Dieser sagt zuerst zu, zieht das Angebot im Februar aber leider wieder zurück, da er nach Nuuk ins Spital muss- er melde sich dann. Charlotte sagt uns zu, Ersatz zu organisieren falls Scoresby wirklich ausfallen sollte. Dann - bis 2 Tage vor unserem Abflug - Funkstille. Kein Update, trotz mehrmaliger Nachfragen. Auch Mette (sie betreibt mittlerweile das einzige Guesthouse im Ort) lässt leider nichts von sich hören. Sie hatte ich wegen verfügbarer Unterkunft in der zweiten Woche für den Fall angefragt, falls keiner der Jäger für uns Zeit haben sollte.

Windy sagt für unseren Flug mit Norlandair am 14. April nichts Gutes voraus. Ein Sturmtief liegt über der Küste von Nordostgrönland: die Farben changieren von Purpur bis Violett. Glücklicherweise liegt das Landefeld Nerlerit Inaat einige Kilometer von der Küste entfernt, fast am Ende des Hurry Inlets im Landesinneren. Ittoquortoomiit, das von dort noch einen 20 minütigen Flug mit dem Heli entfernt ist, schmiegt sich ins Lee der Küstengebirge. Aber aller Befürchtungen zum Trotz - der Flug wird nicht storniert. Die Kingair kämpft sich tapfer durch das ruppige Wetter. Der Anflug auf CNY ist allerdings ziemlich holprig und komplett im Whiteout; Wir stossen erst bei gut 700m durch die tiefhängende Wolkendecke. Blicke auf das vor der Küste liegende Wintereis oder in Richtung Milne Land bleiben uns also verwehrt. Die kleine 8sitzige Maschine kommt gut runter; der Windsack steht, stramm gefüllt, ohne zu flattern auf 90°. Durch die Stürme der letzten Wochen sind die Hänge fast komplett abgeblasen, die Farbe Braun dominiert. Radlader, Grader und Schneefräse sind beinahe im Dauereinsatz um das kleine Vorfeld und die Start-/Landebahn einigermassen frei zu halten. Ob wir heute noch weiterkommen? Ich bezweifle das aufgrund des böigen, beinahe stürmischen Windes. Schneeteufel tanzen herum, Triebschnee prasselt gegen die Fenster des Abfertigungsgebäudes. Und dazu ist es viel zu warm - es hat nur knapp unter 0°C. Mit meinem 66N° Daunenparka fühle ich mich aktuell overequipped...
Letzendlich fliegen wir Dank eines ambitionierten Piloten doch noch. Der kleine Chopper ist vollgestopft mit Postsäcken und Luftfracht; nur mit Mühe können wir uns auf die angewiesenen Plätze zwängen und die Gurte schliessen. Hurry Inlet ist eisbedeckt, ab Kap Hope sehen wir offenes Wasser bis zur Mündung des Scoresbyfjordes in die offene See; der stürmische Wind treibt Schaumkronen auf den Wellen vor sich her. Als wir einige Minuten in Ittoquortoomiit auf dem Helipad landen - Windstille. Wir betreten eine andere Welt.

Martin steht schon am Heliport und wartet auf uns - mit einem Schneescooter mit angehängten Frachtschlitten. Gefühlt ist es viel zu warm - und es hat meterhoch Schnee. Die Schneewände neben den Wegen sind bis zu 3m hoch; die Häuser sind durch die Windverfrachtung an den Leeseiten an den Süd-/ Südwestseiten teilweise bis zum Giebel eingegraben. Das Nachmittagslicht ist durch die tiefhängende Wolkendecke diffus, da die Wolken bis auf 200 - 300m heruntergekommen sind: Whiteout, durchbrochen durch durch die Farben der Häuser. Leichter Schneefall setzt ein. Nachdem wir unser Gepäck untergebracht haben machen wir noch eine Dorfrunde. Was für ein Unterschied zum Sommer! Die Landschaftskonturen sind noch runder.
Wenig später sind wir wieder zurück bei unserer Gastfamilie. Charlotte ist eben aus der Arbeit gekommen; sie arbeitet als Superviserin in der Kommunalverwaltung. In einem ersten Gespräch wird uns auch klar, warum die Kommunikation in den letzten Wochen so sporadisch war: die Patchworkfamilie hat 3 Kinder (17/15/10) und Charlotte arbeitet Vollzeit; da bleibt für die eigene Firma meistens nur am Wochenende Zeit.


Kap Hope, 15. April



Wir sind früh aufgewacht - unser Zimmer geht nach Osten - sind aber angehalten noch liegenzubleiben. Da es nur 1 Bad gibt und normaler Arbeitstag ist hat die Familie Vorrang: die Kinder müssen in die Schule und Charlotte sich für die Arbeit fertig machen. Wir sortieren und packen derweil unsere Duffle Bags um; nachdem wir für die Schlittentour noch Winteroveralls bekommen, können wir einige Dinge aussortieren und hier deponieren.
Am späten Vormittag türmen sich Schlafsäcke, Zelt, Verpflegung, Moschusochsenfelle, unser Gepäck und viel Kleinkram auf der Terasse vor dem Haus. Stück um Stück wandert auf den fast 6m langen Schlitten und wird von Martin fachgerecht verzurrt; Kleinkram, Gewehr und unsere Rucksäcke kommen in die grosse hintere Tasche am Schlittenende. Schlafsäcke, Taschen, eine zusammengerollte Matratze und die Schlafsäcke werden auf dem Schlitten verteilt. Die Felle werden als Sitzunterlage darüber gelgt, danach wird alles verzurrt. Die grosse Lebensmittel- und Küchenbox steht dabei ganz am Anfang und dient Martin später als Sitz. Mit dem vorgespannten Schneescooter geht es dann durch die Siedlung hinunter zur zugefrorenen Bucht, wo die Hundegespanne der Jäger - getrennt nach Besitzern - auf dem Meereis an der Kette liegen.
Als die Hunde das Schneemobil hören bricht die Hölle los. Heulen, Jaulen, Winseln, Kläffen; die Hunde springend vor lauter Vorfreude fortwährend in die Ketten und sind nicht zu beruhigen. Mit der Erlaubnis von Martin nähere ich mich den Hunden und mache mich mit ihnen bekannt. Es sind wunderschöne Tiere: schwarz, grau, braun/rot, mit weissen Pfoten und/oder Blessen. Wache, intelligente Augen blicken mich an. Die Tiere zeigen ihre Vorfreude und Zuneigung. Martin zieht 14 der 18 Hunde (noch an der Kette) die Geschirre über, danach kommt einer nach dem anderen an die Zugleine. Die Meute springt fröhlich durcheinander und verzwirbelt dabei innerhalb kürzester Zeit sämtliche Leinen zu einem meterlangen Knoten. Als beinahe alle 14 Hunde an den Zugleinen sind, steigert sich der Lärm zu einem Creszendo . Jetzt schnell auf den Schlitten; Bea ganz hinten am Schlittenholm, ich davor. Martin löst die Bremse, sprintet neben dem Schlitten her während die Hunde sofort anziehen und springt schliesslich auf. Währen die Häuser an uns vorbeigleiten werfe ich nochmals einen Blick in die Runde. Es schneit immer noch leicht, die Wolkenbasis ist auf rund 400m. Die bestimmende Farbe ist Grau in verschiedenen Abstufungen.
Unser heutiges Ziel ist die alte Siedlung Kap Hope, die 2005 aufgegeben wurde. Martin wurde dort geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. Leider sind die Wetteraussichten für die kommenden Tage nicht sehr gut; es sind weitere Schneefälle und windiges Wetter angesagt. Aber zumindest sind wir schon mal unterwegs.
Die Hunde tun sich mit dem vielen Neuschnee und dem (für unsere Begriffe) voll geladenen Schlitten sichtlich schwer. Martin hat gestern Abend noch Petroleum für Kocher und Ofen sowie Hundefutter mit dem Schneescooter nach Kap Hope gebracht um die Hunde heute zu entlasten. Somit haben die Hunde zumindest teilweise einen Track, dem sie folgen können. Nach kurzer Zeit haben wir die letzten Häuser hinter uns gelassen; das Geheul der anderen, an der Kette verbliebenen Gespanne wird zunehmend leiser und verstummt schliesslich. Stille senkt sich herab, stakkatoartig unterbrochen von den hechelnden Hunden und den Kommandos von Martin: Jupjupjupjup...

Während Martin den Ofen anheizt mach ich zusammend mit Bea einen kurzen Streifzug durch die alte Siedlung. Martin hat mir zur Absicherung noch einen alten Repetierer mitgegeben. Es schneit nach kurzer Unterbrechung wieder, der NO Wind hat aufgefrischt. Als wir zurückommen brummt bereits der Primus, der Schnee im grossen Topf ist bereits geschmolzen. Als das Wasser warm wird kommen einige grosse Brocken Fleisch samt Knochen und Fett hinein - es gibt Eisbär zum Abendessen. Während das Fleisch vor sich hinköchelt richten wir uns häuslich ein - wir werden hier voraussichtlich 3 Nächte verbringen bis das Wetter wieder besser wird. Die Moschusochsenfelle kommen als Schlafunterlage auf die Pritschen, darüber die Schlafsäcke. Jacken und Overalls werden an die Haken an den Wänden gehängt; die Innenschuhe kommen auf das Trockengestell über dem Ofen. Schon bald sind die Fenster beschlagen, Kondenswasser bildet Tropfen auf den kalten Wänden. Nach einiger Zeit kommen 2 Tassen Reis, ein Brühwürfel sowie eine Handvoll Salz in den Topf. Der Geruch von siedendem, ungewürztem Fleisch hängt ungewohnt und etwas unangenehm in unseren europäischen Nasen. Das rührt wohl daher, da bei uns Fleisch eher in der Pfanne, im Rohr oder auf dem Grill zubereitet wird und nicht gekocht. Es riecht wie bei einem Anlass zum Schlachtschüsselessen.
Schliesslich hebt Martin den dampfenden Topf auf den Tisch und fischt mit der Gabel für jeden mehrere Fleischbrocken heraus. Mit der Kelle kommen Brühe und Reis in Schüsseln. Ungewohntes Essen - Eisbär auf dem Teller: local food... Die Brühe ist durch den Zusatz von Knochen und Fett phantastisch, das Fleisch trotz der langen Kochzeit etwas zäh. Ich habe leider keine Ahnung ob das Tier eher alt oder jung war - aber Bär wird mit Sicherheit nicht mein Lieblingsessen...
Jetzt am Abend hat es richtig zu schneien begonnen; der Wind wirbelt die Flocken in Schwaden wild durcheinander. Allein in den letzten beiden Stunden haben wir schon 20cm Neuschnee bekommen. Die Hunde werden keine Freude damit haben. Dazu kommt noch dass es viel zu warm ist. Jahreszeitlich sollten es jetzt Mitte April tagsüber deutlich unter 0°C sein, in den Nächten bei -15 / -20°C. Gestern Nachmittag ist in Ittoquortoomiit das Schmelzwasser von den Eiszapfen heruntergelaufen. Heute waren es wieder um die 0°C herum; gefühlt geht der Schnee bald in Schneeregen oder sogar Regen über.


Die Wahrnehmung ist s/w mit wenig Kontrast, fast weichgezeichnet. Am Horizont nach Westen wird der Himmel dunkel - Schneeschauer oder Wasserhimmel? Zunächst sind wir auf dem Eis der zugefrorenen Bucht unterwegs bevor wir auf Land gehen und dem welligen Untergrund der Küste folgen. Teilweise ist der Schnee durch heraufdrückendes Salzwasser durchnässt und leuchtet türkisfarben im diffusen Licht. Von Norden her münden steile Hochtäler von den Plateaubergen kommend in den Fjord. Deren Kanten sind abgeblasen und bilden mit den dunklen, schwarz/braunen Tönen einen scharfen Kontrast zum weiss/grau der Schnee- und Eisflächen.
Nach 2 Stunden kommen die ersten Häuser von Kap Hope in Sicht: zunächst erahnen wir Umrisse, Silouetten in der Grösse von Streichholzschachteln, die Schatten wachsen zu Bauklötzen. Nach jeder Bodenwelle werden die Umrisse grösser und die Konturen schärfer, schliesslich können wir verblichene Farben ausmachen: rot, weiss, grau und gelb. Einige Zeit später bringt Martin den Schlitten vor dem ehemaligen Servicehaus zum Stehen. Gleich unterhalb ist eine lange Kette im Boden verankert; an der werden die ausgeschirrten Hunde festgemacht. Die Hunde sind nass, Schnee hat sich in Päckchen im Bauch- und Brustfell festgesetzt. Bea ist den Hunden gegenüber noch zurückhaltend; ich dagegen lasse mich voll auf die Tiere ein, kraule sie und habe sogleich ihre nassen Schnauzen und Zungen im Gesicht. Als alle Tiere an der Kett sind gehe ich langsam die ganze Reihe nochmals ab und knuddle jedes Tier.
Danach lösen wir die Verzurrungen des Gepäcks das noch auf dem Schlitten ist und bringen Ausrüstung und die Fresskiste hinein. Nach einem kleinen Windfang schliesst ein grosser Doppelraum an, davon zweigen 2 kleine Kammern ab. Man sieht gleich, dass das Gebäude früher als Servicehaus genutzt wurde: Die Leitungen und Anschlüsse für die grossen Waschmaschinen und Trockner sind noch vorhanden, auch die ehemaligen Dusch- bzw Waschräume sind auf den ersten Blick ersichtlich. Im hinteren Raum steht vor der umlaufenden Sitz- und Schlafbank ein grosser Tisch. An den Wänden sind grosse Nägel eingeschlagen um Ausrüstung und Kleidung aufzuhängen. Über dem Schiffsofen hängt ein handgefertigtes Trockengestell für Mützen, Handschuhe und anderen Kleinkram.




Kap Hope, 16. April


Nein, Eisbär wird definitiv nicht mein Lieblingsessen - zu zäh. Moschusochse oder Wal ist entschieden besser...
Gestern abend haben wir mit der Kamera noch einen Streifzug gemacht - in ohrenbetäubender Stille. Der Höhenwind schiebt dunkelgrau, fast schwarze Schneewolken von Süden heran. Am Ufer, das von meterhohen Schneewächten gerahmt ist bildet sich Neueis. Das - in Verbindung mit auf Grund gelaufenen, grossen Eisflössen und dem magischen Licht der Abenddämmerung über dem weiten Himmel ist atemberaubend.
Martin hat dicke Kunstfaserschlafsäcke in Winterausführung für uns dabei. Glücklicherweise haben die einen doppelten Reissverschluss, sodass ich meine Füsse heraushängen lassen kann. Obwohl der Primus nicht mehr brennt ist es viel zu warm, da der grosse Ofen über Nacht weiterläuft - wenn auch mit verminderter Leistung. Bea bekomt die mitgebrachte Matratze, Martin und ich nehmen die Moschusochsenfelle als Schlafunterlage. Ich schlafe tief und traumlos, wache nur in der Morgendämmerung kurz auf um den Reisverschluss meines Schlafsacks hochzuziehen: der Ofen ist ausgegangen.
Heute morgen gegen 0800 dringen die ersten Lebenszeichen von Martin und Bea in mein Bewusstsein. Schnell ist der Ofen angefeuert und als wenig später der Primus das Fauchen anfängt, zieht Kaffeduft durch die Hütte. Draussen ist es immer noch viel zu warm. Der Schnee ist in Regen übergegangen, von den Dachtraufen rinnt das Wasser herab; die Hunde sind nasse Fellbündel. Nach einem ausgedehnten Fühstück entscheidet Martin erst einmal abzuwarten und vertreibt sich die Zeit damit, neue Geschirre für die 3 Youngster zu nähen. Diese laufen mit 8 Monaten den ersten Winter im Gespann mit. Da sie immer noch wachsen, brauchen sie in regelmössigen Abständen eine neues, grösseres Geschirr. Martin hat sämtliches Material mit dabei: eine Rolle daumenbreites Gurtmaterial, Nadel und Faden. Und der Primus zum Absengen der Schnitte und Verschmelzen des Fadens gehört sowieo zur Grundausstattung eines jeden Jägers. Ein Massband ist ebenso Fehlanzeige wie eine Ahle. Martin hat die Masse im Kopf und Hornhaut an den Fingern, sodass er die Stiche scheinbar mühelos setzt. Nach gut 20min konzentrierter Arbeit ist das erste Geschirr fertig; Bea und ich lesen derweil oder schreiben Tagebuch.




"Nachmittags gehen wir rüber zum Hurry Inlet auf Robbenjagd" meint Martin und tischt für einen Mittagsimbiss eine halbe Speckseite mit Schwarzbrot, Butter und dem steinharten Schiffkeks auf. "Es sollte zu schneien aufhören. Aber da es morgen wieder viel Wind geben wird ist es besser, in der Nacht wieder hierherzurückzukommen." Und wirklich, gegen 1600 lässt der Schneefall nach. Martin bereitet den Schlitten vor und zieht den Hunden die Gurtgeschirre über. Aus einem Nebengebäude holt er ein kleines Dingi und verschnürt es auf dem Schlitten. Und ich wollte ihn schon fragen, wie er die Robben aus dem Wasser holt: in Kajak haben wir nämlich nicht mit dabei. Das Dingi ist eine selbergebaute Nussschale, hat weder Bug noch Kiel und sieht wie eine flache, rechteckige Badewanne aus. Von oben gesehen ähnelt es der Form nach einem Trapez: das Heck ist wesentlich breiter als der Bug. Die Spanten sind ebenso wie die Ruderdollen aus Sperrholz. Das Gerüst ist entweder mit LKW Plane überzogen und vernäht oder aus laminierten Glasfasermatten. Dieser schwimmende Untersatz dient dazu, die erlegten Robben aus dem Wasser zu bergen. Das Ding - anders kann ich es nicht nennen - ist so breit wie der Schlitten und wird von Martin mit unnachahmlicher Eleganz auf der vorderen Schlittenhälfte festgetüddelt. In den Rumpf kommen 2 kleine Ruder, die gute Flinte mit Zielfernrohr und klappbarem Zweibein sowie eine Tasche mit den Thermoskannen, Keksen und etwas Schokolade. Die Hunde sind schon unruhig, sie haben gemerkt dass sich etwas tut. Als Martin die Zugleinen entwirrt und ausgelegt hat und ein Geschirr in die Hand nimmt um den ersten Hund zu holen bricht ein Inferno los. Heulen, Jaulen, Kläffen, Winseln, Japsen, Hecheln. Obwohl die Hunde wissen dass sie gegen die Kette nicht ankommen, springen sie immer wieder gegen den Wiederstand an, erdrosseln sich dabei fast selber. Im selben Augenblick folgt mit Begeisterung der nächste Anlauf gegen den Wiederstand. Die Hunde, die bereits im Geschirr und an den Zugleinen sind halten natürlich auch nicht still. Bea und ich werden angesprungen, nasse Hundezungen lecken mir über Hände und Gesicht.


Hunderümpfe drücken sich gegen meine Beine, wollen gekrault und gestreichelt werden. Nebenbei werden noch Revier- bzw Stellungskämpfe ausgetragen; es gibt hübsche Beissereien mit viel Geknurre, die aber schlimmer wirken als sie tatsächlich sind. Schliesslich - Aufsitzen. Gerade noch rechtzeitig: Martin löst die Bremsen und der Schlitten schiesst sofort los. Die Hunde sind vor lauter Vorfreude auch gegen den Wiederstand der Zugleinen angesprungen, wohl in der Hoffnung, stärker als der hinter dem Schlitten befindliche Anker zu sein... Martin spurtet neben dem Schlitten her und wirft sich, unterstützt von unseren Händen mit einem beherzten Sprung in das oben befestigte Dingi.
Um zum Hurry Inlet zu gelangen müssen wir einen Höhenzug queren; der Pass liegt auf gut 300HM. Der Schnee ist schwer, nass und tief. Martin springt ab um die Hunde zu entlasten, ich folge. Aber im Gegensatz zu mir ist Martin über 20 Jahre jünger und damit im besten Alter. Als wir oben am Sattel sind bin ich bachnass - Martin schwitzt nicht mal wirklich. Und dabei hat er nebenbei noch die Hunde angetrieben...

Hurry Inlet - an der Eiskante
16. April, abends

Nach einer rasanten Abfahrt erreichen wir das gefrorene Hurry Inlet und folgen der Eiskante hinaus auf den Fjord. 20, 25m entfernt taucht eine Robbe auf - Martin bringt die Hunde zum halten, reisst die 30.06 aus dem Futteral, legt stehend an, feuert - und trifft. Das Wasser färbt sich rot. Leider kann das nicht tödlich getroffene Tier mit letzter Kraft abtauchen und kommt nicht mehr hoch. Wir aber bleiben, es scheint ein guter Platz für die Jagd zu sein.
Martin löst die Verzurrung und schleift das Dingi zur Eiskante, auf den letzten Metern immer prüfend ob das Eis noch trägt. Dann beginnt das Warten. Innerhalb der nächsten halben Stunde schiesst Martin wieder 2 Tiere. Die erste Robbe verlieren wir wieder; sie versinkt ehe Martin mit dem Dingi zur Stelle ist. Man muss sich das mal klarmachen. Temperaturen von unter 0°C, Wassertemperatur ebenfalls um den Gefrierpunkt. Keine Schwimmweste, kein Trockenanzug, keine Wechselkleidung dabei. Und so gehen die Jäger mit einem Fatalismus in diese Nussschalen und rudern unter Vollast zu dem Punkt, an dem sie die Robbe zuletzt gesehen haben - in der Hoffnung, sie bergen zu können um Fleisch für die Familie und die Hunde zu haben. Zusätzlich erschwert durch Schneefall (Sicht) und vielleicht noch ablandigen Wind, der das kleine und nicht seetüchtige Boot sofort packen und weiter hinaustreiben will...
Der zweite Schuss färbt das Wasser rot. Martin ist sofort im Dingi und rudert kraftvoll mit grosser Bugwelle auf den über 100m entfernten und sich schnell auflösenden Fleck zu. Es ist zu weit weg alsdass wir Genaueres sehen können. Hat er? Hat er nicht? Dann sehen wir, dass das Boot wendet und langsam zurückkommt. - mit einer Robbe im Schlepp.



At the Edge
Hier auf dem Eis dominieren bei dem Wetter drei Farbnuancen: weiss, hell- und dunkelgrau. Dazu kommt noch das schwarz erscheinende Wasser des Fjordes. Weiss der Schnee auf dem Wintereis des Fjordesund den Hängen. Hellgrau in unterschiedlichen Schattierungen die tiefhängenden Wolken, dunkelgrau der in Schwaden fallende Schnee und beinahen schwarz das offene Wasser. leichter Nordwind kräuselt die die Oberfläche und riffelt kleine Wellenmuster hinein.
Wir stehen wieder und halten weiterhin Ausschau nach weiteren Tieren. Martin versucht, mit seinem Beitel (Universalwerkzeug: eine Holzstange mit Eisenspitze) Robben anzulocken: er kratzt und schabt mit der Spitze in einem Loch in der Eisdecke. Die Geräusche sollen neugierige Robben anlocken. Als wir nach längerer Wartezeit ohne ein weiteres Tier zu sichten das Dingi zurück zum Schlitten ziehen (Martin möchte noch weiter an der Eiskante entlang in Richtung des westlichen Ufers) bemerkt Bea nochmals eine Robbe. Martin holt das Gewehr aus dem Futteral, feuert - und fehlt. Aber sie muss wieder auftauchen, sie braucht Luft. Derweil klappt Martin das Zweibein aus und legt sich in Schussposition in den Schnee. Ich schleife derweilen das Dingi wieder zurück zur Eiskante als es hinter mir schon trocken knallt - Treffer. Ein roter, konzentrischer Blutfleck breitet sich rund 150m entfernt aus. Schon sitzt Martin im Dingi und ist auf dem Weg um das Tier zu bergen.
Letztendlich lassen wir beide Tiere unzerlegt zurück und fahren parallel zum offenen Wasser weiter in Richtung Jameson Land. Aber erst, nachdem Martin den verknödelten Zugstrang der 14 Hundeleinen mühsam wieder entwirrt hat. Hei, was für ein Aufwand...Und derweilen laufen die Hunde munter kreuz & quer und sorgen munter für die nächsten Schlingen, Knoten und Schlaufen. Den Hunden sieht man an, dass sie Spass haben auf dem beinahe ebenen Meereis zügig voranzukommen; die Schwänze sind geringelt, die Spitzen nach oben gestreckt. Während er 10km Fahrt entlang der Kante sehen wir mehrere Robben. Martin stoppt den Schlitten schliesslich als wir schon fast das Gegenufer erreicht haben. Kaum haben wir das Dingi vom Schlitten herunter sehen wir schon den ersten Kopf auftauchen. Schuss - Treffer - und sie bleibt oben, die Lungen sind gefüllt. Also keine Hektik wie vorher. Einige Minuten später sehen wir das nächste Tier. Und wieder: Schuss - Treffer - sie bleibt ebenfalls an der Oberfläche. Da es mittlerweile windig ist, drohen die die Tiere jetzt aber abzutreiben. Martin hat gut damit zu tun um die Tiere zu bergen. Es ist weit nach 2200 und die lange arktische Dämmerung hat eingesetzt. Richtig dunkel wird es im April bereits nicht mehr, es herrscht eher eine verlängerte "Blaue Stunde" bis es wieder heller wird.




Routiniert zerlegt Martin die beiden Tiere im Zwielicht im Schein der Stirnlampe. Zuerst wird das Fell um die Brustflossen herum zerschnitten. Danach kommt der "Öffnungsschnitt" vom After bis zur Schnauze - vorsichtig, damit dabei die Innereien nicht verletzt werden. Dann ein weiterer Schnitt vom After zu den Heckflossen. Und Zack - Zack - zack, mit wenigen schnellen Schnitten ist die Robbe aus der Decke geschnitten. Ebenso schnell zerteilt und portioniert Martin das Fleisch, unsere Augen können kaum folgen. Routine für ihn, der seinen Lebensunterhalt damit verdient. Ungewohnt für uns Europäer, die wir unser Fleisch immer mehr abgepackt und vakuumiert dem Kühlregal entnehmen. Der Tod ist bei uns verdrängt, ausgelagert. Hier, in Grönland, gehört der Tod der Kreatur zum Leben und Überleben der Menschen dazu. Die Stücke kommen in einen grossen Plastiksack, das gewaschene Fell mit der dicken Speckschicht in einen anderen. Die Innereien bleiben auf dem blutigen Eis für Raben, Füchse und eventuell vorbeikommende Bären zurück. Während sich das Zwielicht weiter herabsenkt hat Martin schon das zweite Tier zerlegt. Danach kommt das Dingi wieder auf den Schlitten, dort hinein die Säcke mit Fleisch und den Fellen. Im zunehmenden Wind - und es ist mittlerweile richtig kalt geworden - entwirrt Martin dann die Gespannleinen, um aus dem vorhandenen verknäueltem, verknoteten 2m langen Strang wieder 14 fächerförmige Leinen zu bekommen...

Jetzt geht es die ganze Strecke entlang der Kante wieder zurück. Ob die beiden zurückgelassenen Robben noch da sind? Vielleicht hat sie sich ein Eisbär geholt - wir werden sehen. Der Schlitten kommt punktgenau bei den zurückgelassenen Kadavern zum Stehen. Martin zerwirkt im Licht seiner Stirnlampe eines der beiden Tiere; das zweite nehmen wir so auf den Schlitten. Noch mehr Gewicht für die mittlerweile müden Hunde - und wir müssen noch über den Pass, um wieder nach Kap Hope zu kommen. Wieder am Festland wird der Schnee wieder tief, die Hunde versacken teilweise bis zum Bauch. Bei jeder kleineren Steigung sinkt unser Tempo unter Schrittgeschwindigkeit. Wenn es jetzt längere Steigungen oder steile Absätze hinaufgeht laufen Martin und ich neben bzw hinter dem Schlitten her um die Tiere zu entlasten. Schlussendlich sind die Hunde so erschlagen, dass sie alle 40, 50m stehenbleiben und wir Mühe haben die Fuhre vor dem Zurückgleiten abzuhalten und das Gespann wieder in Marsch zu setzen. Schliesslich sind wir am Scheitelpunkt. Die Wolkenbasis hat sich etwas gehoben, wir sehen undeutlich die Lichter von Ittoquortoomiit in der Ferne schimmern. Und - wir sind auch wieder im Bereich der Funkzelle. Martin's Telefon beginnt zu dudeln und hört nicht mehr auf. Eine Nachricht nach der anderen rauscht über den Äther herein. Ich drehe mich zu Bea um und beginne schallend zu Lachen - Willkommen im Grönland des 21. Jahrhunderts!
Die Abfahrt mit dem vollgeladenen Schlitten im Schein der Stirnlampe ist eine Sache für sich - rasant über Stock und Stein, die Hunde dabei oftmals in Gefahr unter den Schlitten zu kommen und das trotz zweier unter die Kufen geworfenen Taue die als Bremsen dienen. Bis die Hunde ausgeschirrt, an der Kette und gefüttert sind ist Mitternacht schon lange vorbei. Für uns gibt es noch eine schnelle Nudelsuppe und Würstchen aus dem Glas bevor wir in die Schlafsäcke gehen.


Kap Hope, 17. April

Ich habe Martin heute nach einem späten Frühstück gefragt, ob ich unter seiner Anleitung die nächste Robbe zerlegen darf - ich möchte das unbedingt einmal ausprobieren. "Klar" sagt Martin und grinst mich dabei verschmitzt an, "das können wir gleich machen. Eine Robbe von gestern Abend liegt ja noch unter dem Schlitten."
Damit habe ich jetzt nicht wirklich gerechnet - Schluck. Draussen vor der Hütte Schmuddelwetter - Schnee vermischt mit Regen, Wind. Aber gut - ich hab' ja selber gefragt. Messer wetzen, Jacke und die gefütterten Gummihandschuhe anziehen, rein in die Stiefel. Martins Englisch ist leider nicht so gut, aber mit dänischen Brocken, vielen Gesten und noch mehr Lachen kommt Schwung in die Sache.


Zuerst wird der Kadaver auf den Rücken gewälzt - wegen der fehlenden Muskelspannung schon ein kleines Kunststück für meine ungeübten Hände. Dann wird das Fell um den Ansatz der beiden Brustflossen herum vorsichtig im 90° Winkel dazu aufgetrennt. Ein vorsichtiger Schnitt vom After bis zur Schnauze - Magen und Darm müssen intakt bleiben. Ein weiterer Schnitt vom After bis zu den Heckflossen. Darauf folgt das "Aus-der-Decke-schlagen": dabei sollen 80 - 90% der Speckschicht am abzulösenden Fell verbleiben und sowenig Fett wie möglich am Körper. Das Messer ist extrem scharf geschliffen; ich muss höllisch aufpassen nicht abzurutschen und dabei mich oder das Fell zu verletzen. Die Handschuhe sind aussen fettig, immer wieder glitschen mir der Kadaver oder das Fell aus den Händen. Ich beginne zu schwitzen, möchte es richtig machen. Martin lacht über meine Unbeholfenheit und zeigt mir, wo ich das Messer wie ansetzen muss um gute Resultate zu erzielen. Kleine, sacht ausgeführte Schnitte. Schicht um Schicht wird der Körper "entblättert" - anders kann ich es nicht nennen. Schliesslich sind Torso und Pelz mit der Speckschicht voneinander getrennt; der Pelz landet mit der Speckseite nach unten im Schnee. Nächster Schritt - Bauchhöhle öffnen. Vorsichtig, damit keine Organe beschädigt werden. Dann mit dem nachgeschliffenen Messer die Rippen zerteilen. Jetzt werden die Organe herusgehoben: Magen, Därme, Lunge, Herz. Abschliessend das Zerwirken des Körpers: hier brauche ich Hilfe von Martin, ich weiss trotz seiner Fingerzeige nicht genau, wo ich das Messer ansetzen soll. Hinterflossen mit Lende, die Rippenbögen und schliesslich der Kopf mit den grossen Kulleraugen - fertig. Wozu ich beinahe eine Stunde benötigt habe schafft ein Routinier wie Martin in weniger als 15 Minuten. Jetzt habe ich Kreuzweh vom gebückten Arbeiten und meine Oberschenkel brennen von der ungewohnten Arbeitshaltung. Martin steht daneben und lacht. Jetzt übernimmt Martin: er drückt die Därme aus und öffnet den Magen. Halbverdaute kleine Dorsche kommen zum Vorschein.



Zum Mittagessen gibt es Schlachtschüssel: Rippen mit viel Fleisch und Fett, Herz, Teile des in Stücke geschnittenen Magens sowie gute 2m des ausgedrückten Dünndarms kommen in den grossen Topf ins Wasser, nachdem genügend Schnee geschmolzen ist. Zusätzlich kommt einen gute Handvoll Salz dazu. Das beim Kochprozess austretende Blut wird abgeschöpft. Pünktlich zum Essen bekommen wir Besuch: 2 Jäger mit den Skidoos sind auf dem Rückweg von Nerlerit Inaat; sie haben 2 Gäste zum Flughafen gebracht. Der gestrige Flug nach Island ist wegen Schlechtwetter ausgefallen - und heute fliegt der Heli wegen des dichten Schneefalls nicht... Der eine der beiden Jäger ist ein (scheinbar) alter Mann von kleinem Wuchs; sein Gesicht, lebenslang Sonne und Wind ausgesetzt wirkt wie gedörrt. Ein Porträt in s/w hätte wie ein Gemälde gewirkt... Der Kollege von ihm hat ungefähr meine Grösse und ist korpulent, ja beinahe feist. Man stelle sich das klischeehafte Bild eines Metzgers vor - voila! Mit seinen Zügen, der Frisur und dem Bärtchen wirkt er auf mich wie Olli aus der früheren Klamottenkiste. Der Spitzname ist dann auch bei ihm hängengeblieben...
Nach 1 1/2 Stunden Kochzeit kommt der grosse Topf schliesslich auf den Tisch und Martin legt uns grosszügig vor. Robbenfleisch kenne ich bereits von früheren Aufenthalten; ich schätze den wildartigen Geschmack des dunklen, beinahe schwarzen Fleisches sehr. Das Fleisch ist zart im Biss, zu jedem Bissen wird ein Stück Fett dazu genommen. Innereien waren allerdings noch nie mein Ding - aber probieren müssen wir trotzdem. Herz kenne ich aus meiner Kindheit (wenn auch nicht von Robben) - schmeckt nach Herz. Darm ist neu für mich. Jeder bekommt von der langen Schnur ein grosszügiges Stück abgeschnitten. Vorsichtig nehme ich ein Stück in den Mund und beisse darauf - ein leicht säuerlicher Geschmack breitet sich auf der Zunge aus. Sehr ungewohnt - aber (beinahe) lecker. Der in Streifen geschnittene Magen hat eine zähe Konsistenz. Nach dem ersten Stück kapituliere ich. Das schmeckt nach überhaupt nichts und ist mit den Zähnen definitiv nicht kleinzubekommen. Schliesslich schlucke ich das Stück als ganzes hinunter.
Während Bea und ich eben mit unseren Portionen fertig sind und dabei mit Messer & Gabel hantieren haben die Jäger schon fast den zweiten Teller durch. Sie arbeiten ausschliesslich mit Messer und Fingern. Blitzende Augen, Wärme, Lachen am Tisch, fetttriefende Münder und Finger. "Mamara, das gibt Kraft!"
Nachdem es seit heute morgen ergiebig nass geschneit hat ist jetzt am späten Nachmittag zusätzlich kräftiger Wind aus Nordwest dazugekommen. Der Wind - in Böen auch stürmisch - fängt sich im Kamin und orgelt um die Hütte. Morgen solle es aufklaren. Dann will Martin mit uns auf dem Hurry Inlet nach Norden weiterziehen. Wir wollen an einem Süsswassersee Eisfischen.


Gubbedal, 18. April

Was für ein Tag - grönländischer Spätwinter aus dem Bilderbuch. Blauer Himmel, Sonne, hechelnde Hunde und frischgefangene Lachsforellen.
Heute morgen war es noch bedeckt, aber schon erheblich heller als in den letzten Tagen. Und als ich mit einen Kaffee in der Hand die Türe öffne und nach Süden über den Fjord blicke - BAAMM. Das Südufer des Scoresbysundes ist bereits voll im Licht. Gletscher, Grate und Schneefelder gleissen in der Sonne. Nach Osten in Richtung Ittoquortoomiit ist es noch verhangen, aber auch hier wird es mit jeder Minute heller. Ich verfluche mich einmal mehr, dass ich im warmen Schlafsack herumgetrödelt habe und damit das pastellfarbene Morgenlicht verpasst habe. Das Frühstück bringen wir heute schnell hinter uns, alle wollen los: wir, Martin und natürlich die Hunde. Der Schlitten wird noch höher bepackt als bei unserer Ankunft in Kap Hope: zusätzlich kommen noch ein grosses Hauszelt und ein Kanister Petroleum für Kocher und Petromax dazu. Während wir am Zusammenräumen und Packen sind ist leises, aber immer lauter werdendes Heulen zu hören, ab & zu ein Peitschenknall. Und dann kommt das Schlittengespann endlich nach der letzten Bodenwelle in Sicht: Hjelmer, einer der ältesten noch aktiven Jäger dieser Gegend stoppt die Hunde und kommt auf einen Schwatz zu uns. Er ist heute morgen in Ittoquortoomiit gestartet und auf dem Weg zur Eiskante am Hurry Inlet. Er geht auf Robbenjagd und möchte einige Tage draussen bleiben.
Glücklicherweise entscheide ich mich noch vor dem Aufbruch die Fleecejacke unter dem Overall auszuziehen. Mittlerweile kommt die Sonne durch, und vor uns und dem vollbeladenen Schlitten liegt der Höhenzug, den wir queren müssen um auf das Eis des Hurry Inlet zu gelangen. Der Schnee ist von der Nachtkälte noch gut verharscht, sodass die Hunde nicht einsinken und kraftvoll anziehen können als wir die letzten Häuser von Kap Hope hinter uns lassen. Als sich die Hunde den ersten Absatz hinaufarbeiten springt Martin vom Schlitten, ich folge fast zeitgleich. Und mit jedem gewonnen Höhenmeter wird der Blick fesselnder, eindrücklicher, phantastischer. Man sieht nach Osten Kap Tobin auf der Nordseite des Scoresbysundes. 45 Kilometer weiter südlich markiert Kap Brewster dessen südliche Mündung. Letzte Nebelschwaden ziehen unter uns über das offene Wasser bei Kap Tobin und verflüchtigen sich zusehends unter der Sonneneinstrahlung; vereinzelt sind grosse Eisberge auf der ruhigen Wasserfläch zu sehen. Über uns stahlblauer Himmel. Hjelmer ist uns einige 100m voraus und hat einen Track gebahnt dem wir folgen. Schweratmend erreichen wir schliesslich den Scheitelpunkt. Einzig Bea ist entspannt - aber die ist die Steigung auch auf dem Schlitten sitzend mitgefahren.





Wenige Minuten später sehen wir auf das Hurry Inlet hinunter - die weisse, menschenleere Weite ist berauschend. Von Weit vor Kap Hope bis ca 4 km in den Fjord ist das Wasser eisfrei und erscheint strahlend blau unter dem wolkenlosen Himmel. Dann kommt die Eiskante, die sich wie eine fast gerade Linie 10km hinüber zum Jameson Land zieht. Das komplette Inlet in Richtung Norden ist von hier oben eine einzige, durchgehende Eisfläche.
Aber zuerst müssen wir die Höhenmeter wieder abbauen bevor wir aufs Fjordeis können. Unser Gespann macht den Anfang, Hjelmer wartet oben bis wir unten sind. Schlitten & Hunde werden immer schneller, Schnee stiebt unter den Kufen hervor. Die Zugleinen der Hunde hängen durch obwohl Martin den Schlitten bremst: dazu werden über die Schlittenhörner je ein gut 1,5m langes, verspleisstes Tau geworfen. Die Taue rutschen unter die Schlittenkufen, bilden so einen Wiederstand und bremsen somit den Schlitten. Trotzdem laufen die Hunde teilweise Gefahr unter den Schlitten zu kommen - besonders, wenn sie sich in den durchhängenden Zugleinen verheddern und aus dem Tritt geraten. Unten angekommen warten wir noch auf Hjelmer - hier trennen sich unsere Wege. Die beiden Jäger halten noch ein Schwätzchen bevor wir auf dem Meereis Kurs nach Norden nehmen.
Der Schlitten gleitet leicht auf dem überschneiten Meereis dahin, wir halten uns mehr oder weniger parallel zur Uferlinie. Die Sonne brennt, leichter Nordwind kühlt angenehm. Ganz allein einsam ist es aber auch hier nicht, wir sehen viele Spuren von anderen Schlittengespannen wie auch von Skidoos.. Schliesslich sind wir noch viel zu nah an, besiedeltem Gebiet. Aber mir kommen zusehends die ostgrönländischen Jägergeschichten vom Autor Jörn Riel in den Sinn. Auch wenn dessen Schauplätze nochmals einige hundert Kilometer weiter im Norden liegen - so oder so ähnlich muss es früher gewesen sein. Das Hecheln der Hunde, das einschläfernde Geräusch der Schlittenkufen auf Firn, Eis und Harsch. Ab & zu eine würzige Duftwolke, wenn sich einer der Hunde während des Laufens erleichtert. In regelmässigen Abständen ein nachlässig ausgeführter, trockener Peitschenknall verbunden mit dem Jupjupjupjup von Martin um die Hunde zu dirigieren & anzutreiben. In regelmässigen Abständen liegen dunkle, wurmähnliche Gegenstände auf dem Eis: Robben, die im Halbschlaf Sonne und Wärme geniessen. Aber heute gehen wir nicht auf die Jagd. Ich brenne mir meine Pfeife an und geniesse das gleichmässige Dahingleiten und die Sonne im Gesicht. Die Bergketten am Westufer stiegen mit jedem zurückgelegten Kilometer mehr in die Höhe. Hier herrschen ähnlich wie in Spitzbergen Plateau- oder Tafelberge vor: steile, fast unbesteigbare Hänge, durchzogen von noch steileren Colouirs. Die Kuppen dagegen sind flach und sanft gerundet.




Um die Mittagszeit bringt Martin den Schlitten mit einem langgezogenen Hoooooooo zum Stehen - Kaffeepause! Die Hunde wälzen sich hechelnd im Schnee um sich abzukühlen und fressen Schnee gegen den Durst. "Es ist nicht mehr weit" meint Martin. "Das nächste Quertal nach Osten, zwischen den Hügeln hindurch. Dort ist ein grosser Süsswassersee, da werden wir zusammen Eisangeln." Nur Schade, dass die Strecke heute nicht länger ist, wir haben perfektes Reisewetter.
Eine Stunde später stoppt Martin den Schlitten auf der Kuppe eines aperen, abgeblasenen Hügels. Vor uns geht es ca. 50m steil zu einem langgezogenen See hinunter. In einigen Kilometern Entfernung mündet eine schmale Gletscherzungen aus einem engen Tal kommend in den noch komplett zugefrorenen See. Zuerst kümmert sich Martin um die Hunde. Die mitgebrachte Kette wird zwischen zwei Felsblöcke gespannt und verankert, die Hunde kommen aus dem Geschirr und an die Kette. Dann bauen wir zusammen das Zelt auf. Das Zelt ist für mich, der ich Hightechprodukte wie Geodäten oder Tunnelzelte nutze, gewichtsoptimiert und sturmfest, wie aus Zeit und Raum gefallen: ein Hauszelt aus heller Baumwolle mit einer Firsthöhe von über 2m (sehr angenehm & ungewohnt :-)) und schweren Stahlstangen, die ineinander gesteckt werden. Ein Zelt, wie es seit vielen Jahrzehnten bei Schlittenreisen in Grönland verwendet wird. Leicht reparierbar mit Nadel und Faden. Gewicht und Packvolumen sind eher nebensächlich, wenn die fast 10kg weder in den Rucksack noch ins Kajak müssen...


Nach einem Imbiss laufen wir die Schneefelder zum See hinunter. Es sind schon eine Handvoll Leute da, schliesslich ist Wochenende. Aber wir sind der einzige Hundeschlitten. Aus der Ferne wirken die Leute wie eine Kolonie Winkerkrabben auf der Balz: regelmässig wird ein Arm bis in Schulterhöhe gezogen um den Blinker an der Angelschnur zu bewegen, der durch ein ins Eis gestossenes Loch im Wasser hängt.
Um ein Loch durch das bis zu 1,5m dicke Eis zu bekommen gibt es drei Methoden:
- klassisch (Martin): mit einem an einer gut 2m langen Holzstange befestigtem Beitel (Standardwerkzeug, findet sich auf jedem Schlitten und Boot) wird ein Loch ins Eis gehackt. Der dabei anfallende Abraum wird mit der Hand abgeschöpft. Zeitaufwendig und schweisstreibend - aber ehrlich.
- einfach / gängig: Nutzung eines überdimensionierten Handbohrers von gut 1,5 Länge und 15cm Breite. Kann leicht auf Skidoo mitgeführt werden.
- für die ganz faulen Leute: Bohrer mit Motoraufsatz, entweder 2 Takt oder Elektro. Da viele Locals Transportschlitten hinter den Skidoos angehängt haben kommt es auf das zusätzliche Gewicht nicht mehr wirklich an...
Im Anschluss wird ein mittelgrosser Blinker an einem Stück Schnur von 3-4m befestigt und durch das Loch ins Wasser gelassen - und dann stehen alle über teilweise Stunden hinweg auf dem Eis wie die oben erwähnten Winkerkrabben auf Partnersuche. Das verblüffende an der Sache ist dass man nicht sagen kann, ob, wann, wo oder wieviel Fische beissen. Martin hat am selben Loch innerhalb von 3 Stunden 8 Forellen herausgezogen, Bea eine kleine und ich hatte keinen einzigen Biss. Dabei steh nur die wenigsten Leute - der Grossteil hat es sich auf dem Scooter bequem gemacht. Spätnachmittags wirde ein Teil des Fangs ausgenommen und zu Steaks geschnitten. Ein Transportschlitten beinhaltet eine komplette Küche; ein 20l Topf kommt auf den Primus und wird dabei mehrmals mit Schnee aufgefüllt, bis genügend kochendes Wasser darin ist - dann kommen eine handvoll Salz und die Forellensteaks hinein. 20 min später ist der für mich beste Speisefisch der Welt gar. Frischer & besser geht nicht. Gegessen wird mit den Fingern, der Sud in kleine Schüsseln verteilt und getrunken. Nach dem Essen machen wir uns wieder auf den weg hinauf zum Zelt, die Scooter fahren einer nach dem anderen wieder zurück nach Ittoquortoomiit. Aber bevor wir in den Schlafsack gehen muss ich nochmals bei den Hunden vorbei und alle 14 Tiere abknuddeln. Herrlich. Das Geheule. Feuchte Hundeschnauzen und nasse Zungen im Gesicht und dabei die Freude der Tiere zu spüren...


19. April

Wir beschliessen, den Tag nochmals mit Eisfischen zu verbringen und abends, wenn mit der Nachtkälte der Schnee wieder fester wird, das Camp zur Eiskante des Hurry Inlets zu verlegen. Es wird dank Windstille schnell warm - und voll. Gefühlt ist bis Mittag halb Ittoquortoomiit hier versammelt; schlussendlich zähle ich gut 25 Schneescooter. Die Leute kommen mit Kind und Kegel, teilweise sind in den angehängten Transportschlitten noch Kinder untergebracht. Kinderwagen und Zelte werden ausgepackt; es ist das erste schöne Wochenende seit mehreren Wochen und alle geniessen Licht und Wärme. Und wieder ähnliches Anglerglück wie gestern: eine ältere Frau zieht binnen weniger Minuten mehrere kapitale Forellen aufs Eis - am nächsten Loch, nur 2m entfernt beisst den ganzen Tag kein einziger Fisch.
Ich ziehe heute wenigstens einen Fisch heraus, Bea bleibt erfolglos. Martin hat über den Tag wieder 9 Forellen gefangen. Auch Martins Frau Charlotte ist heute wieder mit dem Scooter hier, diesesmal hat sie den jüngsten Sohn dabei. Nachmittags gegen 1600 werfen wir den Kocher an um Schnee zu schmelzen; ins kochende Wasser kommen mehrere Brocken Moschusochsenfleisch. Nach einiger Zeit kommen Salz, ein Würfel Bouillon und zwei Tassen Reis dazu. Deckel drauf und auf kleiner Flamme simmern lassen: 2 Stunden später sitzen wir mit grossen Stücken Fleisch am Knochen auf den Tellern und Suppe in den Näpfen in der Abendsonne uns lassen es uns schmecken. Im Anschluss daran bauen wir das Camp ab. Als die Hunde merken dass es weitergehen soll wird es wieder laut; Heulen, Jaulen und Kläffen schallt durch die kälter werdende Abendluft.


Im letzten Sonnenlicht ziehen die Hunde an, wir gleiten auf guter Schlittenbahn hinunter zum Fjordeis. Der schwere Frühlingsschnee ist mit dem niedrigen Sonnenstand wieder fest geworden; die Hunde haben somit eine gute Bahn auf dem Meereis. Bald ist die Sonne endgültig hinter Jameson Land verschwunden. Der Himmel wird zunächst goldorange und geht dann über purpur, magenta und rose zu einem rauchigen Blau über. Eine schier endlose Dämmerung setzt ein; richtig dunkel wird es um diese Jahreszeit sowieso schon nicht mehr. Bea und ich sind froh um die Thermooveralls, Martin sitzt derweilen mit leichtem Pulli und Windjacke auf der Futterkiste. Leichter Wind kommt auf und bringt abendlich Kälte mit - wir mummeln uns in unsere Kapuzen ein. Die Kälte beisst in die Nase - aber die Farben der Abenddämmerung auf den Bergketten auf der Südseite des Scoresbysundes sind magisch und nicht von dieser Welt. Hellorange und schliesslich rose leuchten die Hänge ehe sie immer mehr verblassen. Dazu die betäubende Stille und das Gefühl der Leere.
Kurz vor Mitternacht lässt Martin den Schlitten in der Nähe der Eiskante bei Hjelmers Camp auslaufen und wir beginnen unser Zelt aufzubauen.


Ich bin gespannt, wie Martin hier die Hunde sichern will. Schneeheringe für's Zelt hat er mit Sicherheit auch keine dabei. Aber ich kenne ihn mittlerweile so gut dass ich weiss dass er ein findiger, pfiffiger Kerl ist und er weiss was er macht. Und wirklich: um die Kette zu sichern, an die die Hunde kommen gräbt er zwei grosse Löcher ins den Schnee bis Wasser von unten durchdrückt. Am Schlitten fest gebunden sind zwei stabile, breite Bretter von gut 1m Länge. Je ein Kettenende wird an einem Brett befestigt und dieses dann quer zur Zugrichtung im Schnee versenkt. Dann kommt wieder Schnee darüber der festgestampft wird - fertig. Genial einfach. Mit dem Zelt ist es ähnlich. Der Schlitten wird quer zur Windrichtung gestellt und dient als Stütze für die Rückwand sowie als Ankerpunkt für die hinteren Zeltleinen. Die vorderen Ecken werden ebenfalls über eine Konstruktion mit kurzen Brettern im Schnee verankert; die Abspannung des Firstes erfolgt durch eine Leinenverbindung zum schräg ins Eis gerammten Beitel an der langen Holzstange, dem Allzweckwerkzeug.
Und auch hier hat Martin wieder Jagdglück. Bis das Zelt steht und die Hunde abgeschirrt sind hat er bereits wieder zwei Robben geschossen; nach einem mitternächtlichem Imbiss folgen nochmals 2 Tiere. Martin kann auch alle mit Hjelmar's Dingi bergen, kein Tier geht dieses Mal verloren.

20. April - Ittoquortoomiit
Die Nacht an der Eiskante ist unbeschreiblich schön.
Bevor wir in die Schlafsäcke gehen, scannen Martin und Hjelmer noch die Umgebung im Zwielicht der blauen Stunde mit ihren Ferngläsern nach Eisbären. Im Anschluss trinken wir draussen noch einen letzten Tee bevor wir im vom Primus geheizten Zelt in die Schlafsäcke steigen. Die einschläfernde Wärme des brennenden Kochers ist ungewohnt für mich. Unter dem Zeltfirst hat es sicherlich um die 30°C - aber es ist angenehm, sich nicht in der Kälte aussziehen zu müssen...
Die Hunde sind so hinter den beiden Zelten angekettet, dass von dieser Seite kein Bär durchkommen kann. Und auch wenn ein Bär entlang der Eiskannte kommen oder aus dem Wasser steigen sollte - schneller als die Hunde würden wir es nicht bemerken. Bärenwache gibt es also keine. Ab und zu melden sich die Hunde mit einem kurzen, verschlafenen Knurren oder Winseln. Einmal geht ein Heulkonzert los, in das beide Gespanne einstimmen. Aber es wird zu keiner Zeit aggressiv oder bedrohlich. Mein Morgenkaffee mit frischem Tabak in der Pfeife, in der Sonne und im Windschatten des Zeltes auf der Küchenbox sitzend ist ein Hochgenuss. Nach einem geruhsamen Frühstück wetzen Martin und Hjelmer ihre Messer und machen sich an die Arbeit: die Jagdbeute des gestrigen Abends muss aus der Decke geschlagen, ausgenommen und portioniert werden. Ein blutiges Geschäft, das den Schnee in weitem Umkreis rot färbt. Aber der Tod gehört hier zum Leben und ist nicht ausgelagert wie bei uns.



Wer von uns war jemals beim Schlachten dabei? Ich kann mich aus meiner frühen Kindheit noch daran erinnern, dass wir jedes Jahr im Herbst nach Niederbayern gefahren sind. Mein Grossonkel hatte dort eine Landwirtschaft mit Milchvieh und Schweinen. Und im Herbst wurde am Hof geschlachtet. Die geschossene Sau wurde mit der Ladegabel des Bulldogs nach oben gezogen und eine Blechwanne daruntergestellt um das Blut aufzufangen, das dabei ständig gerührt werden musste damit es nicht stockte. Därme mussten ausgewaschen werden. Der Dorfmetzger kam vorbei und zerlegte das Tier. Dann gab es frische Koteletts, Blut- und Leberwürste und wir fuhren am Tag darauf mit einer halben Sau im Kofferraum wieder nach Hause und hatten Fleisch für die Kühltruhe. Heute wird industriell geschlachtet. Auch die Aufzucht von Rind, Schwein und Geflügel ist industrialisiert - bis auf wenige Ausnahmen. Der Konsument nimmt sein Fleisch fertig portioniert & vakuumiert aus der Kühltheke und muss sich mit dem Tod der Kreatur und dem Zerlegen derselben nicht mehr auseinandersetzen.


Um die Mittagszeit sind die 6 Robben portioniert in grosse Klarsichtsäcke verpackt und auf beide Schlitten verteilt. Es ist warm geworden während wir das Camp abbrechen. Als sich die Schlitten endlich in Bewegung setzen ist der Schnee bereits sulzig und schwer geworden. Die Hunde haben auf der Steigung in Richtung Pass hinauf schwer mit dem zusätzlichen Gewicht der Robben zu kämpfen, die zusätzlich bei uns auf dem Schlitten verladen sind. Immer wieder bleiben sie im tiefen, weichen Nasschnee stecken. Martin muss sie ziemlich antreiben bis wir auf der Passhöhe angekommen sind. Dieses Mal bin nicht nur ich schweissgebadet, auch Martin atmet schwer. Die Abfahrt nach Kap Hope ist entsprechend rasant; Martin muss höllisch aufpassen, dass der Schlitten nicht die Hunde überrennt. Unten angekommen machen wir in der Nachmittagssonne erst einmal Kaffeepause.
Was mir hier zum ersten Mal richtig auffällt sind Hjelmers Hunde. Die sind ganz anders erzogen als die Rasselbande von Martin. Kaum steht der Schlitten, sitzen oder legen sie sich nach dem ersten Wort ab. Kein Durcheinander, keine chaotisch verknäuelten Leinen. Und sollte ein Hund meinen etwas anderes machen zu wollen genügt ein Blick - und dann ist sofort Ruhe. Das komplette Gegenteil sind Martins Hunde. Immer durcheinander. Ablegen nur nach einem scharfen Knall mit der Peitsche - nur um im nächsten Moment schon die nächste Rauferei anzuzetteln...


Am frühen Abend sind wir im Schein der tiefstehenden Sonne wieder zurück in Ittoquortoomiit. Die zwei Stunden von Kap Hope fuhren wir anfangs über Land und mussten dabei einige türkis in der Sonne leuchtenden Schneesümpfe queren. Ab der Walrossbucht hatten wir wieder genügend festes Eis, sodass wir die Bucht queren konnten. Wir sind so rechtzeitig gekommen, dass ich eine Fotoserie der bunten Holzhäuser im warmen Abendlicht machen kann. Martins Sohn hat den Scooter beim Hundeplatz abgestellt; nachdem die Hunde an der Kette und gefüttert sind, hängt Martin den Schlitten an und kurvt rasant und gekonnt die Eisrinnen durch das Dorf hinauf zu seinem Haus. Nach einer kurzen Dusche steht das Essen schon auf dem Tisch - es gibt Spaghetti mit Moschusochsenbolognese. Sogar geriebenen Parmesan hat's - was für ein Luxus!

21. April -Eiskante


Heute plant Martin, mit dem Boot zu Eiskante im hinteren Teil des Scoresbysundes zu fahren, dort mit uns auf die Pirsch nach Eisbären zu gehen. Die Nacht wollen wir wieder auf dem Eis verbringen.
Aber so einfach wie sich das anhört ist die Geschichte nicht, schliesslich ist die Bucht vor Ittoquortoomiit noch zugefroren. Martin trifft am Vorabend noch einige Vorbereitungen: zusammen mit seinem grossen Sohn zeiht er die 7m lange Jolle fast 6km mit dem Skidoo über das Eis bis in die Nähe des offenen Wassers. Dort lässt er das Boot über Nacht am Ufer zurück. Ausserdem hat beim Boot bereits 3 grosse Kanister mit 150l Sprit deponiert. Nach dem Frühstück beladen wir den Transportschlitten bis zum Rand und kurven durch das Dorf hinunter zum Laden. Martin komplettiert unsere Verpflegung - und kommt mit einem Eis am Stiel heraus. "Mir ist warm" ist sein Kommentar und lacht, als er meinen Blick bemerkt.

Bea sitzt hinten im Schlitten auf den Gepäckbergen, ich bin Sozius hinter Martin auf dem Skidoo. Nach kurzer, frischer Fahrt erreichen wir die Eiskante. Martin kuppelt den Schlitten ab und prescht zum Ufer, um das Boot zu holen. Als Martin mit dem Boot auf uns zukommt, sehen wir einen zweiten Skidoo mit Transportschlitten herankommen: Hjelmer - er wird uns begleiten. Martin zieht den Skidoo mit hohem Tempo in eine enge Kurve. Das am Seil hängende Boot schwingt dabei nach aussen, rutscht dabei beabsichtigt über die Eiskante und landet mit einem satten Platschen im Wasser zwischen den Eisschollen. Kaiserwetter - keine Wolke am Himmel. Wintereis, offenes Wasser und Eisschollen reflektieren unbarmherzig das harte Licht der Morgensonne. Ohne Sonnenbrille geht man wegen der Reflektionen kaputt.

Zusammen ist das ganze Gepäck schnell verladen; Martin und Hjelmer parken die Schlitten noch am Festland bevor wir aufbrechen. Versiert bringt uns Martin durch den dichten Eisgürtel vor der Eiskante. Als auch das dünne Neueis hinter uns liegt dreht er lachend den Hahn auf - das Boot wird von einem 150PS Aussenborder angetrieben und läuft 35 Knoten. Bereits einige Minuten später passieren wir Kap Hope und queren das Hurry Inlet. Es ist ein Tag wie aus dem Bilderbuch - stahlblauer Himmel, am Ufer hängen grosse Schneewächten. Die Berge sind schneebedeckt, beginnen aber an den Südhängen bereits aufzuapern. Ich habe ein breites Grinsen im Gesicht. Noch sind wir am nordwestlichen Ufer des Scoresbysundes: die Küstenlinie von Jameson Land zieht vorbei. Alte Jagdhütten bei Flakkerhuk und Kap Hooker liegen malerisch am Ufer, eingefasst von gigantischen Schneeverwehungen. Messerscharf zeichnen sich gegen den Himmel die Grate und Spitzen des südlichen Ufers ab - 35km entfernt, 1.800m hoch. Schneebedeckte Gletscherzungen leuchten. Nach einer weiteren Stunde Fahrt kommt allmählich die Eiskante in Sicht. Zunächst als feine weisse Linie, mit einem blendendem Gleissen dahinter - hervorgerufen durch die Reflektion des Lichts auf der schier endlos erscheinenden Eisfläche. Mittlerweile habe sich auch Martin und Hjelmer in dicke Daunenparkas gehüllt. Der Fahrtwind in Verbindung mit den niedrigen Temperaturen beisst sich durch bis auf die Knochen.


Als wir die Eiskante erreichen, stellt Martin die Maschine ab. Die Bugwelle fällt in sich zusammen und der Lärm verebbt - überwältigende, ohrenbetäubende Stille macht sich breit. Wir geniessen die Sonnenwärme während einer Kaffeepause, Kekse gehen herum. Hjelmer macht seine Flinte jagdbereit. Es ist ein überwältigendes, demütig- und kleinmachendes Gefühl, als ich vom Boot aufs Eis springe und den Blick schweifen lasse. Weite. Einsamkeit trotz unserer kleinen Gruppe. Die Eiskante beginnt kurz vor der Hall Bredning - im Hochsommer eine grosse, offene Wasserfläche in der Grösse des Bodensees. Hier münden die grossen Fjorde des hinteren Scoresbysundes: Gasefjord, Fönfjord, Nordwestfjord. Jetzt zieht sich eine endlos erscheinende Eisfläche, durchbrochen von klein erscheinenden Verwerfungen und Eisbergen über 100 Kilometer bis nach Milne Land. Die gut 2.000 m hohen Berge haben auf diese Entfernung gerade noch Daumengrösse. Das grelle, unbarmherzige Licht lässt sofort die Augen tränen, macht man den Versuch die Sonnenbrille abzunehmen. Notwendig ist es ab und zu trotzdem: Wir stehen auf dem Eis und halten mit den Gläsern Ausschau nach Eisbären. Und das ist nicht einmal einfach - die aufsteigende Luft flimmert. Teilweise steigen Spiegelungen auf. Da auf den weiten, offenen Eisflächen Referenzpunkte für die Grösse fehlen ist es schwer, etwas zu erkennen bzw zu bestimmen. Kleine Punkte liegen auf dem Eis - Robben, die sich sonnen oder Bären, die auf dem Eis liegen? Schliesslich folgen wir der Eiskante langsam nach Süden. Hjelmer möchte Bären jagen - er hat noch ein Restkontingent von 3 Stück für laufende Saison. Ab und zu lässt Martin das Boot treiben; dann spähen die beiden Jäger konzentriert aufs Eis und versuchen, Bären zu lokalisieren. Aber auch Robben leben gefährlich. Taucht ein Tier im Radius von 150, 200m um das Boot herum auf um Luft zu holen hat es keine Chance zu entkommen. Es wird geschossen, eingesammelt und mit dem Kopf über die Bordwand hängend im Boot verstaut. Innerhalb kurzer Zeit haben wir schon 3 Robben über die Reeling gezogen. Parallel zum Eis verlaufen Eisbärenspuren...

Eiskante - Bärenjagd


Nach einiger Zeit macht Martin einen Bären aus, gute 600m von der Eiskante entfernt bei einem kleinen, im Fjordeis festgefrorenen Eisberg. Traditionell gehört der Bär demjenigen, der ihn zuerst sieht. Aber - er darf ihn heute weder für sich reklamieren noch selber schiessen, da er heute als unser Guide tätig ist. Hjelmer fragt uns, ob es für uns OK ist wenn er den Bären erlegt. Wir sind überrascht von der Frage, verstehen aber sofort was er damit meint bzw andeutet. "Wir sind Eure Gäste" antworte ich. "Uns steht es nicht zu, zu beurteilen oder sogar zu urteilen. Wir sind mit Euch Jägern unterwegs - und ihr lebt von der Jagd. Ihr tötet nicht wegen den Trophäen, sondern um Fleisch zu bekommen. Aber danke, dass Du gefragt hast". Damit ist die Sache beschlossen. Hjelmer füllt das Magazin der 30.06, lädt eine Patrone in die Kammer und stopft sich noch zusätzliche Patronen in die Jackentasche. Er will versuchen, den Bären in einem weiten Bogen zu umgehen, beim Eisberg aufzuscheuchen und ihn in Richtung der Eiskante zu treiben. Somit muss die potentielle Jagdbeute nach dem Zerwirken im besten Fall nur eine kurze Strecke zum Boot geschleppt werden.


Es ist warm und windstill, die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel. Schon nach den ersten Schritten versinkt Hjelmer bis zu den Knöcheln im weichen, nassen Schnee. Die tragende Harschkruste der vergangenen Nacht ist längts angetaut und trägt nicht mehr. Seine Silhouette wird auf der Eisfläche schnell kleiner und schrumpft schliesslich zu einem Punkt in der weissen Unendlichkeit. Mit den Ferngläsern können wir gut beobachten, dass der Bär Hjelmar wahrnimmt; er weicht hinter den Eisberg zurück und ist damit für uns ausser Sicht. Hjelmer versucht, den Bären aufzuschrecken und in unsere Richtung zu treiben. Der Bär trabt um den Eisberg herum, Hjelmer in Gegenrichtung. Dann fallen Schüsse: das Echo rollt über das Eis, bricht sich in den entfernten Bergketten und kommt zurück. Stille senkt sich wieder herab. Wir sehen den Bären hinter dem Eisberg hervorkommen, er flüchtet mit einer stark blutenden Wunde an der Flanke in Richtung Eiskante. Hjelmer verfolgt ihn - das muss in dem tiefen, nassen Schnee furchtbar anstrengend sein. Nicht zu vergessen - er ist mit 68 Jahren auch nicht mehr der Jüngste. Nach einer wilden Hatz ist der Bär nahe am Wasser. Martin ist derweil mit dem Boot weitergefahren, um ihm den Weg abzuschneiden und den Fangschuss zu geben, sobald er die Kante erreicht hat.

Das Boot legt an, Martin springt mit seiner Waffe heraus und geht zum Bären um zu prüfen, ob er wirklich tot ist während ich das Boot sichere. Zuerst stupst er ihn mit der Stiefelspitze an - keine Reaktion. Er legt ihm eine Hand über die Lichter - keine Reaktion der Pupillen. 20 Minuten später ist Hjelmer Schwer atmend wieder bei uns und die beiden Jäger beginnen, den Bären aus der Decke zu schlagen und zu zerlegen. Während des Zerlegens werden vom Kadaver diverse Proben genommen, die nach Dänemark ins Labor gehen: ein Büschel Fell, Blut sowie Proben von sämtlichen Organen. Ferner wird das Tier vermessen, das Gewicht wird geschätzt. Mittels Laboranalysen wird der Gesundheitszustand des Tieres geprüft. Daraus können Schlüsse über die Population gezogen werden. Nebenbei erlegt Martin noch zwei Robben, die ebenfalls über den Bootsrand gezogen werden. Ich beobachte Hjelmer derweilen beim Aus-der-Decke-Schlagen und dem Zerwirken des männlichen, auf drei Jahre geschätzten Bären. Ein blutiges Geschäft, das so ganz anders ist als beim zerwirken von Robben. Bären haben schon mal 4 grosse Extremitäten - und vor allem hat dieser Bär nur eine sehr dünne Speckschicht. Entsprechend vorsichtig geht Hjelmer an die Arbeit, um das Fell nicht zu beschädigen.

Noch bevor der Bär fertig zerwirkt, verpackt und ins Boot geladen ist entdeckt Martin zwei weitere Bären, die aus den Tiefen der Hall Bredning zur Eiskante herauskommen. Wir sehen zunächst gar nichts, erst mit seiner Hilfe entdecken wir die beiden stecknadelkopfgossen Silhouetten. Und das auch nur, weil sie sich bewegen. Martins Augen müssen phantastisch sein - und sie sind über lange Jahre darauf trainiert worden. Das ist wieder einer der Momente, an denen ich bereue nur mit meiner "leichten" Kameraausrüstung unterwegs zu sein. Mit 600 oder 700mm Brennweite hätte ich jetzt die Bären formatfüllend im Sucher und phänomenale Aufnahmen - aber man kann im Leben nicht alles haben. Die beiden Jäger machen jetzt richtig Tempo um fertig zu werden und das Boot startklar zu bekommen. Unter Volllast rauschen wir einige Minuten später mit 35 Knoten an der Eiskante entlang, die Bären haben uns noch nicht aufgenommen. Ein kleineres Tier - wahrscheinlich ein Weibchen - ist vornedran. Im Abstand von gut 500, 600m hinter ihr ein grosser Bär - Martin spekuliert auf ein paarungswilliges Männchen auf Brautschau. Hjelmer macht seine Flinte wieder schussbereit und springt aufs Eis, um dem ersten Bären den Weg abzuschneiden und ihn in Richtung Kannte zu treiben.


Das gelingt ihm auch. Der Bär läuft einige Meter an der Kante entlang, springt schliesslich ins Wasser und versucht mit kräftigen Zügen zu entkommen. Natürlich hat er keine Chance. Er versucht Witterung aufzunehmen, dreht den Kopf und blickt uns an. Martin gibt uns die Chance, einige Fotos zu machen - leider steht das Licht gegen uns - bevor er den Bären mit dem Boot wieder näher an die Eiskante treibt. Der Bär ist mit einem Satz auf dem Eis und will loslaufen. Dann fällt ein Schuss und das Tier geht zu Boden.

Eiskante, 21. April abends

Wir beschliessen, gleich an Ort und Stelle unser Lager aufzuschlagen. Der zweite Bär muss verprobt, aus der Decke geschlagen und zerlegt werden - und es ist bereits später Nachmittag.
Noch während wir das Boot entladen und den Schnee für das Zelt verdichten, schiesst Martin nochmals drei Ringelrobben in kurzem Abstand. Alle drei Tiere treiben nach sauberen Kopfschüssen an der Oberfläche und können alle geborgen werden. Während Hjelmar den Bären aus der Decke schlägt und zerlegt, stellen wir das Zelt auf und setzen einen Topf mit Schnee auf den Kocher um Kaffee zu kochen. Wie sind immer noch in der Mitte von Nirgendwo. Bis zum Südufer des Scoresbysundes sind es geschätzte 7 - 8 Kilometer Luftlinie; die Gletscherzungen liegen gleissend im warmen Licht der Nachmittagssonne. Ich mache mich mit der Kamera in der Hand die Eiskante entlang auf den Weg, ich möchte das Licht für einige Aufnahmen nutzen.


Zum Abendessen gibt es Moschusochse - wie üblich gekocht, da das Fleisch gefroren ist. Ausserdem haben wir nur je einen grossen und kleinen Topf dabei - zur Wassergewinnung und zum Kochen. Die Sonne steht orangerot schon tief im Westen über Milne Land als das Fleisch gar ist. Unsere Silhouetten werfen lange Schatten im schrägstehenden Licht auf das Eis; es ist bereits merklich kühler. Unsere Teller dampfen in der kalten Luft. Nach dem obligatorischen Kaffee, Schokolade und einigen Keksen beginnen die beiden Jäger die Langleinen für den geplanten Heilbuttfang vorzubereiten. Dass die Arbeit hierzu so umfangreich und mühselig ist hätte ich nicht gedacht. Zuerst werden Köderfische - Ammassatt - zerteilt. An einer vorgefertigten, gekauften Rolle mit ca. 200m Länge sitzen im Abstand von ca. 60 - 70cm die Haken an Querträgern, die wiederum ca. 50cm lang sind. Die Haken müssen jetzt einzeln mit Ködern bestückt werden; die Leine wird dabei in grossen Schlingen auf dem Eis ausgelegt, damit sie sich beim Absenken ins Wasser nicht verheddern kann. Die Arbeitsschritte dauern in der langen Abenddämmerung und einsetzendem Wind eine gefühlte Ewigkeit. Die letzten Haken muss Hjelmer im Schein seiner Stirnlampe bestücken, im Zwielicht sind Einzelheiten beinahe nicht mehr auszumachen. An das Ende der Leine kommt jetzt ein Blechstück von 1m2 das beim Absenken als Treibanker dient - die Strömung nimmt die Köderleine mit sich und hält sie im schrägen Winkel straff in der Strömung. Damit wird gewährleistet, dass sich die Köder in einer Linie und nicht auf einem Haufen auf dem Meeresgrund ablegen: Heilbutt ist ein Grundfisch.


Martin steht als Scherenschnitt gegen das letzte Licht an der Eiskante und lässt die Leine langsam Meter für Meter absinken - immer leicht auf Zug haltend. Mit beinahe unhörbarem Knistern treibt die leichte Strömung Fladen sich bildenden Neueises an uns vorbei. Unser Atem kondensiert in der kalten Luft. Letze Orange- und leichte Grüntöne erhellen den Horizont nach Nordwesten. Als die Köderleine im Wasser ist wird eine weitere Leine von 500m daran geknüpft, um die Köder weiter bis auf den Grund absinken zu lassen. Das wird mindestens noch eine weitere Stunde dauern, wahrscheinlich länger. Bea und ich gehen derweil in die Schlafsäcke. Wir vereinbaren, dass wir zuerst schlafen sollen - die beiden Jäger übernehmen die erste Bärenwache. In vier Stunden wollen sie uns wecken - dann ist Schichtwechsel.
22. April

Bereits kurz vor 0500 werden wir von Martin unsanft geweckt. Wellengang ist aufgekommen, dadurch ist die Eiskante in Bewegung gekommen. Das Eis ist zwar per Se elastisch, aber besteht das Risko dass sich Spalten öffnen oder grössere Schollen abbrechen. Unser Zelt steht nur wenige Meter neben der Kante...
Fluchend arbeite ich mich aus dem Schlafsack. Sandpapier in den Augen - viel zu wenig Schlaf. Rein in die langen Unterhosen, Softshell, Thermostiefel, Overall. Raus aus dem Zelt, erst mal schauen was überhaupt los ist. Es ist windstill und kalt, die Sonne steht bereits 2 Handbreit über dem Horizont. Von Osten her kommen kurze, steile Wellen von 3/4m Höhe heran die das Eis tanzen lassen. Ich spüre, wie es unter meinen Füssen arbeitet. Ich höre das Stöhnen, Ächzen, Knarren und Reiben das von der Eisdecke kommt. Ab und zu ein Knall - dann reisst das Eis unter der Belastung und irgendwo öffnet sich wieder ein Spalt.

Aber - nachdem keine unmittelbare Gefahr droht - erstmal ein Kaffee und eine Pfeife. Martin und Hjelmer haben bereits begonnen, die Langleine einzuholen - eine abartige Schufterei. Vom Boot aus würde das mittels einer (Hand)Kurbel passieren, die auf der Bordwand montiert ist. Aber wir sind auf dem Eis. Martin wirft sich das Seil über die Schulter und geht nach Westen, weg von der Eiskante. Er muss somit das komplette Gewicht von mehreren hundert Metern Seil, Haken, dem gefangenen Heilbutt, Gegengewicht und das Ankerblech gegen den Wasserwiederstand und die Strömung heraufholen. Nach gut 100m stoppt er. Hjelmer fixiert jetzt das Seil und Martin kommt mit dem Seilende zurück zur Eiskante. Jetzt wechseln die beiden: Hjelmer zieht das Seil nach Westen herauf - währendessen Martin das Seil in einem grossen Bottich in Schlingen ablegt. Das ganze wird so oft wiederholt, bis die ersten Fische im klaren Wasser aufblitzen. Jetzt sind beide Jäger an der Kante um den Fang zu bergen. Schlussendlich liegen 31 mittelgrosse (50-70cm) Heilbutte sowie einige kleinere Rochen zappelnd auf dem Eis und setzen in der kalten Luft sofort Reif an. Der Wellengang hat sich auch wieder beruhigt, jetzt gibt's ers mal Frühstück. Die Jäger beschliessen, noch eine zweite Langleine zu präparieren und sich dann für einige Stunden hinzulegen um etwas Schlaf nachzuholen. Bea und ich übernehmen einstweilen die Bärenwache.


Am späten vormittag hören wir die ersten Lebenszeichen aus dem Zelt; wir haben derweilen die Fische mit Schnee bedeckt um sie vor der Sonne zu schützen. Kaum sind die beiden Jäger wieder auf den Füssen knallt es. Martin hat die nächsten zwei Robben geschossen... Mittags bekommen wir Besuch: Carsten Egevang (DK) und Stefan Forster (CH) kommen per Boot. 2 Profis untewegs: Carsten fotografiert für sein neues Buchprojekt, Stefan für seinen neuen Vortrag bei Explora. Beide wollen die kommende Tage auf Bärenpirsch gehen - aber ausschliesslich zum fotografieren. Nachmittags holen wir die zweite Langleine wieder herauf - leider nur mit mässigem Erfolg - 12 Heilbutte liegen später auf dem Eis. Ein Wahnsinn, wenn man den ganzen zeitlichen Aufwand berücksichtigt...
Abends sind wir wieder zurück in Ittoquortoomiit. Aber das funktioniert wiederum nur mit Stafettenverkehr. Martin manövriert das schwer beladene Boot langsam durch den Brucheisgürtel vor der Eiskante. Kurz davor reisst er den Hahn voll auf, das Boot nimmt Fahrt auf und schiebt sich aufs Eis. Nachdem Martin und Hjelmer die beiden Scooter mit den Lastschlitten vom Festland geholt haben laden wir die Säcke mit Robben- und Bärenfleisch und Heilbutt direkt vom Boot in die Schlitten um. Dazu kommen noch Zelt, Fresskiste, Schlafsäcke undundundund...


Kap Tobin, 23. April
Heute lassen wir es gemütlich angehen. Wir wollen mit Hjelmer für 2 Nächte mit den Hunden rausgehen. Nachdem wir aber gestern erst relativ spät nach Ittoquortoomiit zurückgekommen sind und die Jäger noch das ganze Fleisch und den Fisch verarbeiten müssen, verbleiben wir so dass wir erst am späten Nachmittag starten werden.


Dann ist der Schnee besser – und bis Kap Tobin ist e s ja nicht weit. Vormittags bummeln wir hinunter zum Laden, ums uns mit süssen Teilchen für’s Frühstück zu versorgen. Mittags gehen wir hinauf zur Wetterstation. Tauwetter bei knallblauem Himmel. Die Wege – besser gesagt Fahrspuren – sind zu Bächen geworden. Überall kommt Wasser herunter, und das nicht wenig. Sämtlich Radlader der Kommune, grosse wie kleine, sind schwer damit beschäftigt um die Wege freizuräumen und dem Wasser genügend Möglichkeiten zum Abfliessen zu geben. Die Schneewände entlang der Wege sind bis zu 3m hoch; die Situation, verbunden mit dem Licht und den bunten Holzhäusern ist eine Steilvorlage für mich als Fotograf. Mit Hjelmer haben wir 15:00 als Treffpunkt ausgemacht. Als wir zurückkommen wartet er bereits vor Martins Haus auf uns. Ich fahre mit ihm schnell in den Laden um für die kommenden Tage einzukaufen. Dann steigen wir wieder in die Overalls und Charlotte bringt uns samt Gepäck zu den Hunden, die auf dem Fjordeis liegen. Hjelmers Gespann ist mit 10 Hunden etwas kleiner als das von Martin. Aber nachdem wir weniger Gepäck dabei haben und auch nicht jagen wollen ist das kein Problem. Die knapp 10 km bis Kap Tobin sind leider viel zu schnell vorbei. Bei guten Verhältnissen kann man die Häuser der ehemaligen Aussensiedlung gut von Ittoquortoomiit aus sehen.

Kap Tobin lieg auf der Nordseite der Mündung des Scoresbysundes, etwas versteckt in einer nach Westen geöffneten Bucht und ist somit hervorragend gegen den Swell und Eispressungen aus dem Polarmeer geschützt. Die Siedlung wurde 2004 aufgegeben; die Häuser werden aber teilweise noch als Sommer- oder Ferienhaus genutzt. Hjelmers Sommerhaus ist ein langgestreckter, stark abgewitterter Holzbau. Betritt man das Haus über den Windfang von Westen, ist linker Hand das Wohnzimmer. Nach rechts geht der Flur ab, von dem ein Schlafzimmer abzweigt. Der Flur endet in der gemütlichen Küche, von dort geht es ins WC. In der Küche steht ein grosser Schiffsofen – und schon bald breitet sich bullige Wärme im ganzen Haus aus. Gekocht wir auf einem Gasherd und – welch Luxus – im Schuppen nebenan steht ein kleiner Generator für die Stromversorgung… Die Antenne für den Fernseher liegt verknittert am Boden an der Giebelseite des Hauses; ein Eisbärschaden wie Hjelmer lachend erzählt. Ausserdem haben 2 Bären vor einigen Wochen den Schuppen aufgebrochen und die darin befindliche Jagdbeute eines Tages – 4 Ringelrobben – gefressen. Aber zunächst werden die Hunde gefüttert. Als der erste Hund seinen Brocken Robbenfleisch bekommt verfallen die Tiere fast in Raserei. Hjelmer portioniert das Fleisch mit einer Axt und wirft jedem Hund seinen Anteil hin. Knochen und Knorpel knacken, die Lefzen sind voller Blut. Einige Tiere schlingen ihre Portion in zwei, drei grossen Happen hinunter – andere lecken ihren Brocken erst einmal - wie es scheint - genüsslich ab, bevor sie kleinere Stücke davon abreissen.
Ich habe mich nach Rücksprache mit Hjelmer schon heute nachmittag mit den Hunden bekannt gemacht. Ebenfalls wunderschöne Tiere – und der Leithund, Nanu, muss irgendwann mal einen Bären im Stammbaum gehabt haben. Nanu hat einen richtigen Quadratschädel, ein Stockmass von geschätzt beinahe 60cm und dürfte wohl fast einen Zentner wiegen. Dichter Pelz lässt seinen bulligen Körper noch massiger erscheinen. Ausserdem gibt es mehrere beinahe weisse Tiere mit Schlappohren und einen komplett schwarzen Rüden im Rudel. Intelligenz leuchtet aus den Augen, dankbar nehmen sie meine Streicheleinheiten an.


Aber bevor wir mit dem Kochen beginnen können muss ich erst einmal das Küchenfenster an der Giebelseite des Hauses ausschaufeln – eine Schneewächte reicht beinahe bis zum Dach hinauf. Zum Abendessen gibt es Heilbutt, den wir gestern an der Eiskante gefangen haben zusammen mit Püree. Bei Kaffee, Tee und Keksen beantwortet Hjelmer geduldig unsere Frage und erzählt Geschichten aus seinem Leben als Jäger.
Das Abendlicht ist unwirklich, verzaubert die Landschaft. Das Südufer des Scoresbysundes ist perfekt in Orange, zunehmend Rose illuminiert, eben verschwindet die Sonne hinter Jameson Land. Die Hunde liegen nach der Fütterung mit frischem Robbenfleisch zufrieden an der Kette vor dem Haus. Der Himmel im Osten geht von Malve über grün-blau schliesslich in Schwarz über. Fehlen nur noch die Nordlichter. Das letzte Licht auf den weit entfernten Graten erlischt – aber es wird bereits nicht mehr ganz dunkel.


Kap Swaison, 24. April

Ich habe schlecht & zuwenig geschlafen – es war einfach zu heiss in der Hütte. Irgendwann nach Mitternacht habe ich mich aus dem Schlafsack gequält und ein Fenster aufgemacht, danach war’s dann besser. Der erste Kaffee im Morgenlicht draussen vor der Hütte in Verbindung mit einer Pfeife und der prickelnden, kalten Luft war ein Hochgenuss. Der Schnee ist durch den strengen Nachtfrost komplett verharscht und so überfroren, dass ich nicht mehr durchbreche. Nach dem Frühstück machen wir uns zu Fuss auf den Weg zu den heissen Quellen, die einen 20minütigen Marsch nach Osten von der Siedlung entfernt sind. Heisses Wasser kommt dort mit 63°C aus dem Boden. Der auflandige Wind von Osten ist kräftig und bitterkalt, er bringt Packeis an die Küste. Es tut gut, sich zu bewegen.

Wieder zurück sehen wir, dass ein Boot zur Eiskante kommt: Martin, Gaba, Stefan & Carsten sind von ihrer Exkursion von der Eiskante des inneren Scoresbysundes zurück. Als die Hunde schliesslich sehen, dass wir unser Gepäck aus der Hütte bringen und auf den Schlitten laden kommt Bewegung in die Kette: ein heulender Chor beginnt, unterbrochen von Jaulen und Kläffen. Teilweise habe ich das Gefühl, dass die Verankerung der Kette das nicht mehr lange mitmachen wird… Zügig geht es dann unter stahlblauem, fast schwarzen Himmel in die Hügelketten hinein, der kalte Gegenwind lässt meine Augen tränen. Auf der Kuppe legt Hjelmer wieder «Bremskeile» unter die Schlittenkufen: zusammengenähte, alte Keilriemen sowie zusammengespleisste Schiffstaue. Damit wird der Schlitten bei steilen Abfahrten gebremst und so verhindert, dass die Hunde vom Schlitten überrollt werden und unter die Kufen kommen. Aus der erhöhten Perspektive der Hügel hat man einen phantastischen, weiten Blick auf die sich nähernden Treib- und Packeisfelder.


Mit dem Schlitten zu reisen ist eine Verlangsamung aller Prozesse – ähnlich wie beim Kajakfahren. Geist & Seele haben genügend Zeit, um die Eindrücke aufzunehmen, zu verarbeiten und mitzureisen. Reisen mit allen Sinnen. Das Knirschen der Kufen auf Schneegangeln, Harschkrusten und Eis, das Hecheln der Hunde, ab & zu ein Peitschenknall ; dazu das «Jujuju» von Hjelmar. Die kalte Luft zwickt in der Nase und lässt die Augen tränen. Dazu der Blick: die Landschaft gleitet langsam vorbei, verändert sich dabei unmerklich aber doch stetig.
Markante Punkte verschieben sich, wandern schliesslich aus dem Blickfeld. Und das bei einem Tempo, bei dem das Auge folgen kann. Die Ruten der Hunde sind erhoben, die Spitzen geringelt: ein Zeichen, dass es den Hunden gut geht. Und in jedem Gespann ist ein Schlitzohr dabei, dass die Zugleine durchhängen lässt in der Meinung, das das von Niemanden bemerkt wird. Dann knallt die Peitsche punktgenau – und alle Leinen sind für einige Minuten wieder straff gespannt, bis das Spiel wieder von Neuem beginnt.


Bea sitzt entspannt am Schlittenende angelehnt an den grossen Futtersack. Ich bin zwischen ihr und Hjelmer eingeklemmt – aber mit genügend Platz und Spielraum, um auch 90° versetzt fotografieren & filmen zu können. Langsam zieht die Landschaft an uns vorbei, wir erklimmen einen zweiten Höhenzug. Nach einer rasanten Abfahrt folgt Hjelmer der Küstenlinie am Ufer. Das Eis in der Bucht sei zu dünn, zu brüchig meint er – leider. Und die Küstenlinie ist anspruchsvolles Terrain zum Fahren. Frühere Stürme mit entsprechendem Wellengang haben hohe Uferwälle aus grossem, rauen Geröll aufgetürmt. An der Uferlinie geht es steil zwischen einem und drei Metern durch einen Eisbruch hinunter aufs Meereis. Wir fahren zeitweise oft parallel zu den Hängen. Dann müssen wir alle unser Gewicht auf die Bergseite neigen damit der Schlitten in der Spur bleibt und nicht abrutscht oder sogar kippt. Teilweise müssen wir abgeblasene Geröllfelder queren, der Schlitten rumpelt dabei über fast kindskopfgrosse Gesteinsbrocken – und nimmt das klaglos hin

Grönländische Schlitten sind ein Wunder der Handwerks- und Holzbaukunst, ohne Schraube oder Nagel. Sämtliche Verbindungen sind ausschliesslich verschnürt, gewickelt und schliesslich verknotet. So bleibt der Schlitten auch unter Last flexibel und passt sich sämtlichen Unebenheiten des Untergrundes an – Presseisrücken, Schneegangeln, Übergänge von Land zu Seeeis sowie Steine / Felsbrocken bis zu Kindskopfgrösse..
Irgendwann machen wir eine Pause – ich brauche dringend einen Fotostopp. Aktuell sind wir am Ufer einer grossen, eisbedeckten Bucht am Fusse von Hügelketten, die sich sanft vom Ufer nach W / NW erstrecken. Grosse Eisflösse sind auf der weiten Fläche eingefroren. Die Eisfläche ist nur partiell schneebedeckt – Blankeis herrscht vor. Hjelmer geht mit der langen Stange, an deren Spitze der Beitel befestigt ist aufs Eis hinaus und prüft dessen Dicke. Hält es? Es ist zumindest dick genug, dass wir die Bucht queren können. Rasend schnell kreuzen wir über die gut 2 km, das Blankeis bietet den Schlittenkufen sogut wie keinen Wiederstand. Ich höre nur den Wind, das Singen der Schlittenkufen auf dem Eis und das Klicken und Kratzen der Hundekrallen auf dem festen Untergrund. Zu schnell ist das Gegenufer erreicht. Die Hunde mühen sich mit dem Schlitten die Steile Uferböschung hinauf, bevor wir auf ein weite, sanft ansteigendes Schneefeld kommen. Wir sind mittlerweile am nördlich Wendepunkt unserer Fahrt angekommen und beginnen, einen weiten Bogen nordöstlich um ein Kap zu schlagen: Kap Swainson.


Kap Swaison, 24. April

Einige Minuten später kommt der Schlitten rumpelnd vor einer kleinen gelben Hütte zum Stehen: unser Nachtquartier. Boaaaaa, phantastisch. Blauer Himmel, die Sonne knallt und starker Wind aus NO. Eisfelder an der Uferkante soweit das Auge reicht. In Richtung SW sieht man die letzten Ausläufer von Kap Tobin und damit das nördliche Ufer der Scoresbysundes. Die Bergketten des Südufers, beinahe 50km weiter südlich erscheinen fingergross. Und vor uns in dieser unwirklich erscheinenden Landschaft ein Fangsthus, eine Jägerunterkunft.
Die Hütte hat eine Grundfläche von 5 x 5m mit 2 kleinen Räumen (eher Kammern) sowie einen angebauten Windfang mit Eingang an der SW Seite. In der Umgebung der Hütte fallen sofort viele Eisbärenspuren im verharschten Schnee auf. Das Interieur ist – wie bei solchen Hütten (Biwakschachteln) eher übersichtlich: in der ersten Kammer beherrscht eine Schlafplattform von 2 x 2m den Raum. In die Wände sind zahlreiche Nägel unterschiedlicher Dicke geschlagen, um Kleidung aufhängen oder trocknen zu können. Das einzige Fenster ist gebrochen, eine Sperrholzplatte ist in den Rahmen davor genagelt. In die Platte hat jemand eine Schiessscharte von 60 x 30cm geschnitten und mit Silikon eine Plexiglasscheibe davor geklebt um etwas Licht in den Raum zu lassen. Eine typische Reparatur im Greenlandic style: man kann nur verwenden was vorhanden ist – und etwas Erfindungsreichtum sollte man auch noch mitbringen… Der zweite Raum hat die doppelte Grundfläche sowie ein intaktes Fenster nach Osten. Vor dem Fenster ist über die gesamte Raumbreite eine Arbeitsplatte montiert, in der hinteren Ecke steht ein grosses, altes Bettgestell ohne Matratze. Über dem neuwertigen Petroleumofen hängt ein Trockengestell für Wäsche. Dazu gibt es noch einen alten Couchtisch, einen Hocker und einen Stuhl ohne Lehne – fertig.

Ich liebe es. Türe zu – und Wind, Wetter und Bären bleiben draussen. Hjelmer startet sowohl den Petroleumkocher als auch den Ofen und schon kurz darauf können wir unseren Nachmittagsimbiss in zunehmender Wärme – besser gesagt Hitze – einnehmen. Darauf folgt die Hundefütterung. Hjelmer hat bereits portionierte und abgezählte Brocken Robbenfleisch mit Speck und Knochen dabei. Sobald die Hunde realisieren, dass es Futter gibt wird es wieder laut. Die ganze Meute springt gegen die Kette, erdrosselt sich dabei wieder beinahe selber und kann trotzdem noch ohrenbetäubend Heulen und Jaulen, um ja nicht vergessen zu werden. Hjelmer geht routiniert die Kette entlang und wirft jedem Hund seinen Brocken, zu der meistens noch aus der Luft gefangen wird. Dann setzt gefrässige Stille ein; zu hören ist ausschliesslich das Reissen von Fleisch und das Knacken zerbrechender Knochen.

Im Anschluss daran brechen wir zu einer kleineren Wanderung auf den Hügel hinter der Hütte auf und folgen dabei zuerst beeindruckend grossen Bärenspuren. Hjelmer hat Gewehr & Fernglas dabei und sichert in alle Richtungen. Über ein kleines im Windschatten gelegenes Hochtal gelangen wir überraschend einfach auf gut tragender Harschkruste auf das geschätzt 200m hohe Gipfelplateau. Oben erwischt uns wieder der stärker gwordenene Nordwind. Es ist einer der seltenen Tage, an denen ich meine warme Spitzbergenmütze aus Merino und die gefütterte Kapuze aufhabe um mich vor den Temperaturen zu schützen…. Der Blick von hier ist berauschend. Von hier ist eine markante Eisbärenspur gut zu erkennen: sie kommt von Norden, folgt dabei immer der Wasserlinie bzw Eiskante und lässt keine auch noch so kleine Bucht aus. Dann schwenkt die Spur hinauf zur Hütte, umrundet diese und biegt weiter der Küstenlinie folgend nach Westen ab. Nachdem die Eiskante an der grossen Bucht südlich von uns erreicht ist, verlässt die Spur das Festland und folgt der Eiskante der gefrorenen Bucht weiter nach SW bis sie nicht mehr erkennbar ist.
Beim Abstieg über ein weiteres Quertal queren wir schliesslich diese Spur. Die Tatzenabdrücke sind beeindruckend gross – ungelogen beinahe doppelt so gross wie meine Schuhe. Auf dem Rückweg bummle ich noch mit der Kamera an der Eiskante herum, das Licht des späten Nachmittags ist einfach zu schön. An der Hütte angekommen muss ich nochmals alle Hunde abknuddeln bevor ich den Topf mit nach draussen nehme um ihn mit Schnee zu füllen.



Überraschenderweise bekommen wir noch Besuch. 2 Schneemobile kommen lärmend heran und zerreissen die Stille: Martin und Gaba kommen mit Stefan und Carsten. Schliesslich sitzen wir mit 7 Mann hoch auf 5qm und futtern Moschusochsenfleisch. Innerhalb kürzester Zeit ist das einzige Fenster der Hütte beschlagen und Kondenswasser läuft die Wände herab. Nach dem Essen stehen wir im Windschatten vor der Hütte, rauchen und suchen mit den Ferngläsern das Packeis nach Bären ab. Martin wird nach einigen Minuten fündig und Stefan lässt seine Drohne starten. Über das grosse Steuerungsdisplay können wir den Gang der Dinge gut mitverfolgen; Stefan kann den Bären aus der Luft spotten – so entstehen phantastische Aufnahmen im Abendlicht. Nachdem die beiden Scooter dann weg sind kehrt wieder Stille ein. Am darauffolgenden Morgen haben wir Eisblumen an den Fenstern.

Ittoquortoomiit, 25. April

Eiskalter, böige Ostwind springt mich am nächsten Morgen an, als ich die Aussentür des Windfangs öffne. Die Hunde haben sich zusammengerollt und liegen mit der Kehrseite im Wind, die Schnauzen unter den buschigen Ruten vergraben. Dicke Schneekrusten haben sich im Pelz gebildet, um jedes Tier hat es die typischen Schneeverwehungen. Der Wind ist böig und erreicht in Spitzen gut 60km/h, Triebschnee sticht in den Augen. Schneefahnen werden über den Untergrund getrieben. Wir beschliessen einhellig, erst einmal zu frühstücken und abzuwarten. Ab dem Mittag sollte sich das Wetter nach den Prognosen wieder beruhigen bevor es ab morgen wirklich ungemütlich werden soll. Aber auch wenn sich der Wind nicht legen sollte: für den gestrigen Tag nehme ich (fast) alles in Kauf. Bea sieht das allerdings etwas anders und hofft auf Wetterberuhigung.
Ich versuche derweil das vernachlässigte Tagebuch weiterzuführen – aber das ist ein zweckloses Unterfangen. Im Moment bin ich 5 Tage hintendran und habe schlichtweg Angst, dass ich nicht mehr alles zusammenbekomme. Ich komme nicht in den Flow, um am Stück flüssig und mit Spass zu schreiben. Zu viel ist passiert und ich werde laufend abgelenkt.

Und wirklich: am späten Vormittag ist die Windgeschwindigkeit merklich zurückgegangen. Hjelmer erzählt uns, dass Martin heute Nacht noch einen kapitalen Bären geschossen hat. Ich bewundere Martin für seine Kraftreserven und sein Durchhaltevermögen. Man muss sich das mal mittels Zeitstrahl vergegenwärtigen: vorgestern war Martin wieder über Nacht an der Eiskante im inneren Scoresbysund, Heilbutt fischen. Zum Schlafen ist er nicht gekommen, da sie in der Früh um vier das Camp abrechen mussten da durch Wind und Seegang einzelne Schollen abbrachen. Gestern abend war er mit dem Skidoo bei uns am Kap Swainson. Auf der Heimfahrt hat der den Bären gesehen – darf ihn aber nach dem Reglement nur vom Hundeschlitten aus jagen. Also fährt er weiter nach Ittoqurtoomiit und setzt er Stefan am Guesthouse ab, packt abends um 22:00 seine Jagdausrüstung, fährt runter auf’s Eis und schirrt seine Hunde ein. Dann den ganzen Weg zurück. Bis er wieder auf die Bärenspur trifft muss es bereits deutlich nach Mitternacht sein – Zwielicht. Den Spuren folgt er im Schein der Stirnlampe. Eine weitere Stunde vergeht, bis er den Bären einholt – der glücklicherweise nicht aufs Packeis weitergezogen ist, sondern sich immer noch auf dem Festland befindet. Dann den Bären aufscheuchen, stellen und erlegen. Und damit ist es ja noch nicht getan. Ein kapitaler Bär heisst 600 – 700kg Gewicht, vielleicht sogar etwas mehr. Er muss den Bären aus der Decke schlagen und zerlegen; am Stück bekommt er ihn allein nicht auf den Schlitten. Dann mit dem Gewicht mehrere Stunden wieder zurück in die Siedlung, und das bei dem Wetterwechsel der in der Nacht stattgefunden hat...

Die Rückfahrt nach Ittoquortoomiit war relativ ereignislos. Viel grau, etwas Schneefall – und ab der halben Strecke die Zeichen von Martins erfolgreicher Jagd: Bluttropfen im Schnee - in regelmässigen Abständen – weisen uns den Weg zurück wie ein Leitstrahl. Als wir am späten Nachmittag wieder zurück sind ist Martin eben aufgestanden.
Charlotte muss mit uns sprechen – es ist ihr sichtlich peinlich. Ob wir vielleicht ins Guesthouse umziehen könnten? Der älteste Sohn ist früher als erwartet aus Dänemark zurück – und wir wegen des prognostizierten schlechten Wetters ebenfalls früher da als erwartet. Der Platz reicht nicht – Ein Kinderzimmer wurde für die vergangenen Nächte für uns geräumt. Eine Nacht sei ja kein Problem – aber wir fliegen ja erst in einigen Tagen… Kein Problem für uns, wir wollen niemandem zur Last fallen. Ausgepackt haben wir auch noch nicht – und so zügeln wir mit Sack & Pack ins Guesthouese hinüber, das zwei Häuser weiter beheimatet ist.


26. April

Stürmisch aus NO bei blauem Himmel – Schneefegen vom Feinsten. Die Schneeverwehungen, die bei diesen Verhältnissen binnen kürzester Zeit entstehen sind phantastisch. Wenn die Böen heranfegen und man im Wind steht ist die Sich nahezu 0. Hinzu kommt, dass man ohne Schneebrille die Augen vor lauter Schmerzen kaum noch öffnen kann, die Schneekristalle bohren sich wie Nadeln in die Augen. Der feine Schnee dringt überall ein - Kapuze, Bündchen, Nase. Ja, er frisst sich sogar durch Reissverschlüsse. Aber mit Goretexhosen lassen sich die Windgeschwindigkeiten in Verbindung mit dem Windchill gut aushalten. Triebschneefelder breiten sich auf den Wegen aus, die Verwehungen im Lee der Häuser reichen bis zu den Dächern, ja sogar bis zu den Giebeln. Phantastische Motive für Kamera & GoPro.

Wir machen einen ausgiebigen Vormittagsspaziergang und lassen uns dabei kräftig durchlüften. Und natürlich machen wir auch Station im Dorfladen. Nachmittags haben wir uns bei Scoresby zum Kaffee eingeladen: das ist der Jäger, mit dem wir ursprünglich die zweite Woche unterwegs sein wollten. Scoresby hatte uns aber absagen müssen, da er wegen der Amputation zweier Finger ins Spital nach Nuuk musste – eine halbe Weltreise, da es keine Inlandsverbindung ab Nerlerit Inaat gibt. Also musste Scoresby zuerst nach Island fliegen und dann von Reykjavik weiter nach Nuuk. Scoresby ist ein jüngerer Bruder von Hjelmar und wohnt zusammen mit seiner Frau schräg gegenüber der Kirche. Wettergegerbtes Gesicht, grauer Vollbart und ein verschmitztes Lächeln im Gesicht – der Schalk blitzt ihm aus den Augen. Wir sitzen fast zwei Stunden zusammen und lassen uns Geschichten aus seinem Jägerleben erzählen.
Als wir abends wieder zurück im Guesthouse sind und eben zu kochen beginnen wollen, wird der nächste Bär unmittelbar an der Eiskante gesichtet. Stefan macht sofort die Drohne startklar und schiesst hinaus in den grauen Abend. Und wieder gelingen ihm betörende Aufnahmen – stahlgrauer Himmel im Süden gibt einen hervorragenden Hintergrund für einen grossen, an der Eiskante eingefrorenen Eisberg ab. Der Eisberg – ca 45-50m hoch - ist in mehrere Türme wie eine alte Festung unterteilt und leuchtet türkis / hellblau im diffusen Abendlicht. Kein Windhauch trübt das Wasser – dadurch werden wunderbare Spiegelungen vom Eisberg, der Eiskante und dem sich daran entlangbewegenden Bären im dunkel, fast schwarz erscheinenden Wasser möglich. Es sind Bilder aus einer anderen Welt – nur wenige Kilometer von der Siedlung entfernt.

Eine gute Stunde später ist der Bär erlegt – ein kapitales , erwachsenes Männchen von gut 3m und ca. 800kg.

27. April

Das Wetter ist richtig gekippt.
Bevor ich heute meine Morgenpfeife rauchen konnte musste ich erst einmal den Windfang freischaufeln um die Türe einigermassen aufzubringen…
Auch unser Fenster lässt sich nicht mehr öffnen. Die Fensterseite des Guesthouse - nach Süden gewandt – liegt im Lee. Dementsprechend haben die Schneewächten wie bei allen Häusern eine enorme Grösse und Höhe erreicht. Ich muss allerdings hinzufügen, dass die Fenster (dänischer Bauart) nach aussen öffnen.
Abends kochen wir gemeinsam mit Stefan und Carsten. Wir sind bei unserem Umzug ins Guesthouse von Charlotte ausreichend mit Lebensmitteln bedacht worden – darunter auch drei prächtige Forellen. Die machen wir zu Steaks geschnitten in der Pfanne, dazu gibt es Reis. Stefan steuert noch ein Moschusochsensteak bei, das grösser ist als alle verfügbaren Teller... Die Qualität und der Geschmack des Fleisches kommt durch das Braten in der Pfanne erst so richtig zu Geltung – was für ein Unterschied zu gekochtem Fleisch!



Winter vom Feinsten. Der Wind hat weiter zugenommen und erreicht in Böen über 90 km/h. Zum Schneefegen ist auch noch Schneefall dazugekommen, die Sicht beträgt nahezu null. Trotzdem machen wir uns zusammen mit Stefan auf den Weg zum Laden – zunächst bergab & mit Rückenwind – und versinken teilweise bis zu den Hüften im Triebschnee. Zimtschnecken und Puddingteilchen wollen schliesslich verdient sein! Das White Out ist perfekt, wir wissen teilweise nicht mehr wo oben und unten ist. Sämtliche Farben sind verschwunden und die Welt ist schwarz/weiss. Schneeräumung findet nicht mehr statt, was auch Sinn macht, da binnen Minuten wieder alles verweht wäre. Die ganze Siedlung liegt da wie ausgestorben. Ausser uns sind so gut wir keine Leute unterwegs. Dem Wetter fällt auch das für heute geplante Schlittenhundrennen zum Opfer.



28. April

Carsten und Stefan reisen heute ab. Ich hab’s sehr genossen, die beiden Fotografen unverhofft zu treffen; wir sind uns in den vergangenen Tagen oft über den Weg gelaufen. Vormittags waren wir kurz vor 1000 bei der Wetterstation, um einmal den Start des täglichen Wetterballons und die Vorbereitungen dazu mitzuerleben. Das war eigentlich schon für die letzten Tage geplant – aber bei hohen Windgeschwindigkeiten müssen die Starts abgesagt werden. Der Ballon steigt nach dem Start innerhalb von zwei Stunden auf eine Höhe von 35 km und sendet dabei Livedaten wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit zurück. Die Windgeschwindigkeit wird dabei über die Abdrift zum Startort ermittelt. Die Daten werden vor Ort aufbereitet und im Anschluss ans Dänische Meteorologische Institut (DMI) in Dänemark geschickt; dort fliessen sie in die Wettermodelle mit ein.


Von der Wetterstation ist es nicht mehr weit bis zum Container, in dem unsere Kajaks seit 2024 neben anderer Ausrüstung lagern. Den Schlüssel dazu haben wir gestern endlich von Age bekommen. Aber – eines der beiden Schlösser ist fest und lässt sich partout nicht öffnen. Dementsprechend frustriert stapfe ich zurück zur Wetterstation. Wir müssen für den Sommer wissen, ob Kajaks, Ausrüstung und Lebensmittel komplett und in gutem Zustand sind. Hoffentlich kann ich dort etwas Öl oder WD40 schnorren… Und – Bingo! Nach mehrmaligem Tränken mit WD40 und etwas Einwirkzeit versuchen wir es erneut, allerdings wieder vergeblich. Das Schloss will einfach nicht aufmachen. Ich bin zutiefst frustriert und trete einige Male entnervt gegen das widerspenstige Ding, das sich schliesslich mit einem hörbaren Schnappen öffnet. Sesam öffne Dich… Angespannt drehe ich die beiden Containerverriegelungen und ziehe die Türen auf. Beide Kajaks liegen in den Gestellen; eine gute Stunde später nach einer Inventur wissen wir, das alles komplett ist. Mir fällt ein Stein vom Herzen: unsere geplante Kajaktour im Sommer im hinteren Teil des Scoresbysundes ist hiermit gesichert…


Das Schlittenrennen der Männer ist für heute Nachmittag um 17:00 angesetzt. Nachdem ich nichts verpassen will drängle ich schon, ich möchte spätestens eine Stunde vorher auf dem Eis sein. Als wir viertel ab unten sind ist nichts und niemand zu sehen. Keine Startlinie, alle Hunde liegen an der Kette, keine Leute. Auch das ist Grönland… 17:00 Uhr heisst nicht unbedingt dass alle schon 10 Minuten vorher parat sind. Ich habe das schon oft so erlebt 😊. Kurz vor fünf sind schliesslich 7 Gespanne an der Startlinie. Jedes Gespann wird dabei von einem hinten angebundenen Schneescooter daran gehindert, sofort loszupreschen. Alle Leinen sind straff gespannt, die Hunde werfen sich gegen die Zugleinen. Sie wollen los und werden doch wieder zurückgerissen. Auf einen Schuss hin kappen die Scooterfahrer die Leinen und die Schlitten jagen los.
Es gilt, 20km zu bewältigen. Jedes Gespann umfasst maximal 10 Hunde, die Schlittenlenker sitzen während des Rennens auf Kurzschlitten von ca. 2m Länge. Die Strecke führt zunächst hinaus zum Kap Tobin. Nach der dortigen ersten Wendemarke geht der Kurs nach Nordwesten der Eiskante entlang. In Höhe der Walrossbay muss eine zweite Wendemarke passiert werden, danach geht es in Richtung Südosten zurück nach Ittoquortoomiit. Das Ziel ist bei der Tankanlage des Ortes.

Wir machen uns gemütlich auf den Weg über die Eisfläche; es wird vermutlich eine gute Stunde dauern, bis der Sieger das Ziel erreicht. Was uns ziemlich verblüfft: am Start sind so gut wie keine Zuschauer zu sehen. Das ändert sich allerdings eine Stunde später im Zielraum. Ein Schneescooter nach dem anderen taucht auf, teilweise mit mehreren Personen besetzt oder mit Lastenschlitten im Schlepp, der voller Kinder gepackt ist. Quads mit und ohne Schneekette, Fussgänger. Gefühlt findet sich ganz Ittoquortoomiit an der imaginären Ziellinie ein, die nur durch einen ins Eis gerammten Stab erkenntlich ist.



Und - Touristen sind daran erkennbar, dass sie zu Fuss unterwegs sind. Die Locals sind grundsätzlich motorisiert unterwegs, selbst für kürzeste Distanzen. Das merkt man aber auch an deren Leibesfülle… Martin gewinnt das Rennen souverän mit einer Zeit von 1:08. Der zweite Schlitten kommt mit grossem Abstand nach 6 Minuten ins Ziel. Wie die Hunde am Ziel zum Halten gebracht werden? Ganz einfach – indem von Hilfskräften, meist Familienmitgliedern, Hundefutter grosszügig an der Linie verteilt wird. Dementsprechend kommt es bei jeder Schlittenankunft zu einer wüsten Balgerei unter den Hunden. Bei dem Rennen geht primär nicht um den Sieg. Es geht um Identität, Gemeinsamkeit, Tradition, um Teilnahme wie auch Teilhabe. Jung und alt sind auf den Beinen. Jeder ankommende Schlitten wird frenetisch gefeiert, der Schlittenlenker samt Schlitten wird von 4-6 Männern auf die Schultern genommen, eine Grönlandfahne schwenkend in den Händen.


Grönland 2025
Alles läuft anders als geplant - Grönland live
Juli - September 2025


Disko Insel, Juli 2025
Der Plan, einige Tage auf die Disko Insel zu gehen und dort intensiv Hike & Fly zu machen ist per se eigentlich gut. Die Gegend um Qeqertarsuaq ist prädestiniert zum Gleitschirmfliegen: knackige Anstiege bis auf 1.200m auf teilweise vergletscherte Hochplateaus, die im arktischen Hochsommer viel Sonne bekommen und dementsprechend Thermik entwickeln sollten - aber dem war leider nicht so. Von den 10 Tagen, die ich dort verbringen wollte hatte ich schon mal nur neun, da die Schnellbootverbindung am Tag nach meiner Ankunft in Ilulissat wegen Schlechtwetter storniert wurde. Da der Carrier - wie in Grönland üblich - aber für meine Unterbringung sorgen musste war ich nicht mal unglücklich darüber - schliesslich hatte ich ein Dach über dem Kopf.
Bei meiner Ankunft auf Disko glücklicherweise eine Regenpause, sodass ich ich Zelt & benötigte Ausrüstung aus dem Container holen & trocken am Röde Elf aufbauen konnte.
Christof, ein Reiseleiterkollege, der mit seiner Tour bereits fertig war verbrachte ebenfalls noch einige Tage auf der Disko Insel - war aber trocken in einer Wohnung untergebracht.
Um es kurz zu machen - von den neun verbleibenden Tagen gab es leider nur 2 Tage mit flugfähigem Wetter. Viel Regen, starker Wind und niedrige Wolkenbasis machten es mir nicht eben leicht gute Laune zu behalten. Was jetzt aber nicht heissen soll, das ich nur herumgegammelt bin - Möglichkeiten zu diversen Wanderungen gab es durchaus, nur zum Fliegen bin ich leider nur beschränkt gekommen.
Über Christof bekomme ich Kontakt zu Arne, einem grönländischen Journalisten aus dem Ort der für die Wochenzeitung Sermitsiaq schreibt. Arne ist überrascht, einen Gleitschirmpiloten anzutreffen und möchte ein Interview machen... Nach der Landung vom Lyngmarksfjeld - dem Hausberg - sehe ich Arne bei bestem Wetter vor seinem Haus sitzen und bekomme ein Landebier angeboten. Das Interview machen wir auch gleich. Um Arne noch Fotomaterial anbieten zu können, lade ich ihn abends zum Camp ein. Der Wind ist passend zum Groundhandeln, ich kann Arne dabei einiges übers Gleitschirmfliegen erzählen und die Fotos entstehen nebenbei ganz von alleine.


Einige Tage später erscheint der Artikel (den ich nicht einmal lesen kann, da ich kein Abo für den Sermitsiaq habe) und ruft prompt Reaktionen hervor. Über meinen Messanger meldet sich der Vorsitzende des Grönländischen Verbandes und teilt richtig aus. Ob ich noch nicht von den neuen Regulatorien für Veranstalter gehört hätte? Haftpflicht und Bergekostenversicherung? Eine ganze Gruppe von Gleitschirmtouristen ohne Anmeldung im grönländischen Luftraum? Das gehe wohl überhaupt nicht... Ich schreibe ihm kurz zurück, dass ich lizensierter Pilot und ausserdem privat unterwegs bin und biete an, eine Kopie meiner Lizenz sowie den Versicherungsnachweis zu schicken, falls ich eine Mailadresse erhalte. Nie wieder etwas gehört von dem Kollegen...
Nach diesem Kapitel bin ich wieder zurück in Ilulissat, wo ich nochmals einen Tag Zeit habe bevor ich nach Kangerlussuaq weiterfliege um meine Reiseleitung vorzubereiten. Über die Thematik Ilulissat & Overtourismus habe mich vorgängig bereits geäussert - und es wird die kommenden Jahre noch schlimmer werden. Der Interkontinentalflughafen in Nuuk ist bereits seit letztem Winter in Betrieb - Direktflüge ex Newark/US sind damit möglich geworden. Der neue Airport (Ausbau) in Ilulissat geht im November 2026 in Betrieb, dann sind ebenfalls Direktflüge aus Europa und den USA möglich. Arne hat mir erzählt, dass die Bettenzahl in der Diskobucht von aktuell 13.000 in den kommenden Jahren mehr als verdreifacht werden soll - und die Kreuzfahrtschiffe werden ja nicht weniger. Im Ort ein Touranbieter neben dem anderen, man sieht fast nur noch Touristen. Die Einheimischen sind dementsprechend mehr als genervt...

Reiseleitung Westgrönland
- Der Klassiker -
August 2025
Nachdem es in Kangerlussuaq in den Wochen vor meiner Ankunft eine Bärensichtung gab sind wir leider gezwungen, das Programm umzustellen. Der Bär wurde nie gefunden, ab und zu gab es alte Spuren - wahrscheinlich ist er schlichtweg verhungert. Nordwind als Veranstalter steht aber hier in der Sorgfaltspflicht - schliesslich sollen alle Gäste auch wieder gesund nach Hause kommen... Dementsprechend wird unser Camp am Ölsjö am Beginn des Sandflugtdalen abgesagt, wir sind im Old Camp in den Baracken untergebracht.
Schade. Ich persönlich wäre mit der Gruppe rausgegangen & hätte Bärenwachen mit den Leuten gemacht. Aber das ist weder meine Party noch meine Entscheidung / Verantwortung.
Dementsprechend stellen wir auch die Wanderungen um. Zur Versüssung machen wir eine Fahrt mit meinem alten Freund Adam Lybert zum Punkt 660 - dort hat man leichten Zugang zum & aufs Inlandeis. Auf dem Rückweg dann noch die geplante Wanderung zum Russell Gletscher, die uns an blühenden Wollgraswiesen vorbeiführt. Immer wieder schön...
Der geplante Flug am Freitag nach Sisimiut wächst sich allerdings zu einer grönländischen Odyssee aus. Als wir nach 40min Flug im Landeanflug sind, macht an der Küste eben der Seenebel zu - wir sind die berühmtem 5min zu spät dran. Nachdem die DASH 7 von Air Greenland nach VFR (also Sichtflugbedingungen, im Gegensatz zu IFR / Instrumentenflug) operieren darf der Pilot nicht landen, auch wenn der Seenebel nur bis 250m über Grund reicht. Ausschlaggebend hier ist die Bodensicht. Wir ziehen über eine halbe Stunde Schleifen bis wir letztendlich wieder zurück nach Kangerlussuaq fliegen. Hier ist wie üblich - dank des kontinentalen Klimas - schönstes Wetter mit blauem Himmel. Nach Ankunft bekommen wir Info, dass wir mit demselben Flugzeug eine Stunde später über Nuuk nach Sisimiut fliegen sollen - also gut...
Gut 3 Stunden später im Anflug auf Nuuk - das ebenfalls an der Küste liegt - das gleiche Spiel. Fahrwerk raus, rein in die Suppe. Durchstarten, Fahrwerk wieder rein und Schleifen drehen - 40min lang. Schlussendlich klappt es doch noch, der Pilot knallt die Turboprop mehr oder weniger im Blindflug relativ unsanft auf die verlängerte Piste des neuen Flughafens. Daraufhin die nächsten schlechten Nachrichten: Weiterflug nach Sisimiut wegen Nebels storniert. Aber mit uns sind noch gute 500 weitere Passagiere gestrandet - die internationalen Flüge ex Newark und Kopenhagen können ebenfalls nicht landen. Ich stehe als ziemlich letzter in einer langen Schlange von mehreren hundert Menschen die eine Unterkunft benötigen.
Auch das funktioniert letztendlich. Wir bekommen für die Gruppe 2 Appartements in Nuuk zugeteilt sowie Vouchers für diverse Mahlzeiten. Ernüchternd allerdings die Buchungsbestätigung, die wir erhalten: Sonntag früh. Jetzt haben wir Freitag nachmittag...

Da das Wetter hervorragend ist (und die Gruppe mitspielt) splitten wir uns am Samstag auf: ein Teil macht Stadtbummel mit Kultur, ich gehe mit der anderen Hälfte auf eine längere Wanderung: der Lille Marlen, einer der Hausberge will erobert werden. Als wir zurückkommen die nächste Hiobsbotschaft - Air Greenland hat die Unterkunft für uns nur für eine Nacht gebucht, obwohl unser Flug erst für Sonntag bestätigt ist. Als die Stadtbummeltruppe zurück kommt ist der Türcode nicht mehr gültig und löst Alarm aus. Aber auch das konnte letztendlich mit einer flexiblen Lösung geregelt werden, auch wenn die Truppe zunehmend entnervt ist. Erste Fragen nach Umbuchen werden laut. Ich selber bin relativ relaxt da ich weiss dass wir nichts ändern können. Einzelne freie Plätze auf frühere Flügen zu buchen macht bei einer Gruppenreise keinen Sinn - es fliegen entweder alle oder keiner. Das Office ist informiert, Jörg hat alle Hände voll zu tun.
Das Hauptproblem das wir haben ist folgendes: Samstag Abend geht das Küstenschiff ab Sisimiut in den Norden - mit nur einer Abfahrt / Woche. Und wir sitzen derweil in Nuuk und haben keine Option das Schiff zu erreichen. Damit steht die komplette Reise auf der Kippe. Schliesslich kommt Samstag abend noch Info von Jörg - Flug für Sonntag früh ist bestätigt. Wen wir in Sisimiut ankommen, Transfer zum Hafen und von dort mit einem gecharterten Targa (Speedboat) direkt weiter auf die Disko Insel. Ein Ritt von mehr als 6h die Küste entlang nach Norden, im Anschluss noch die Querung der Diskobucht nach Qeqertarsuaq.
Verdient ist hier aber für den Veranstalter nichts mehr. At short notice wurden kurzfristig 12 ÜN im Hotel in Sisimiut, ausser dem die Schiffspassage für die ganze Gruppe auf der Saqqit Ittuk nach Asiaat sowie die die Weiterfahrt nach Qeqertarsuaq storniert. Da gibt's kein Geld mehr zurück. Dazu kommen dann noch die Charterkosten für das Speedboat incl 2 Mann Crew hin und zurück...
Sonntag in der Früh um 06:00 sind wir wieder am Flughafen, Check in verläuft problemlos. Ein Blick zur Anzeige - Flug verschoben von 08:00 auf 15:30. Neeee, echt jetzt? Jagottverdorinocheins. Allmählich bin auch ich genervt - ganz zu Schweigen von meinen Gästen. Die Stimmung in der Gruppe ist am Kippen. Wenn wir heute wieder nicht weiterkommen wird's für mich als Reiseleiter ungemütlich.
Schlussendlich waren wir abends gegen 18:00 auf dem Schnellboot in Sisimiut. Wetterprognosen waren nicht schlecht - allerdings hatten wir dabei zwei grössere Fjorde bei Ebbwasser und Gegenwind zu queren, was spektakuläre Wellen hervorbrachte, das zum Leidwesen einiger Teilnehmer... Morgens um 01:00 erreichten wir schliesslich die Diskoinsel. Bis das Camp stand & Friede in den Schlafsäcken herrschte war es dann doch 03:00. Eine kurze Nach für den Reiseleiter, der um 07:00 bereits im Ort zum Frühstück beschaffen war...






Disko Insel

Auf der Disko Insel hatten wir dieses Mal Glück mit dem Wetter - die Truppe ist begeistert. Ob bei der ausgedehnten Wanderung zu den Basaltsäulen an der Küste entlang oder während des Marsches hinauf auf den Lyngmarksbrae mit Übernachtung in der blauen Berghütte - es hat sowohl mir wie auch den Gästen mächtig Spass gemacht.
Die Hütte am Rande des Gletschers wird mittlerweile vom Hotel Disko betrieben. Hunde samt Mushern gibt es wie vor einigen Jahren leider nicht mehr, auch ist die Hütte nicht mehr bewartet. Reiseleiter & TN nehmen also die ab Hotel vorbereite Verpflegung mit zur Hütte hinauf. Dort wird die Arbeit wie im Camp aufgesplittet: Wasser muss in Kanistern vom Schmelzwasserfluss geholt werden - der Weg dorthin führt über ein steiles Schneefeld. Tee und Kaffee wollen gekocht, der grosse Tisch für das Abendessen gedeckt werden. Meine Wenigkeit vergnügt sich derweilen in der gut ausgestatteten Küche, kocht Nudeln und wärmt die vorgekochte Bolognese auf. Bevor wir uns nach dem Essen noch auf einen Abendspaziergang auf die Schneefelder des flachen Gletschers begeben wird die Küche noch aufgeklart und das Geschirr gespült. Und dann muss natürlich nochmals Wasser für's Frühstück geholt werden - bevor es draussen zu kalt wird und kein Wasser von den Schneefeldern mehr kommt.
Alles schön - ab leider ist dadurch auch ein Stück Originalität verloren gegangen. Früher waren die Schlittenführer mit auf der Hütte und haben gekocht. Die Unterhaltung (wenn auch oft nur mit Händen & Füssen) mit den Jungs war immer lustig, interessant und sehr oft lehrreich.
Die knapp 3 Tage sind schnell vorbei - eigentlich hat sich der Campaufbau für nur eine ÜN gar nicht richtig rentiert. Während meine Gäste am Abreisetag auf der Hotelterasse der Sonne sitzenu nd ein Bierchen (oder auch zwei) zischen, räume ich noch Zelte, Kochausrüstung und Equipment in unseren Materialcontainer und mache diesen winterfest.



Iulissat


Abends geht es mit einem Boot der Diskoline weiter nach Ilulissat - es wird ein langer Tag. War während meines Besuchs Mitte und Ende Juli fast kein Eis auf dem Wasser zu sehen, fahren wir die letzten 30km optisch auf eine weisse Wand zu: in den letzten Tagen muss sich eine Lücke in den verkeilten Eisbergen des Kangia aufgetan haben, eine Menge Eis - Bruchweis wie auch Eisberge - sind in die Diskobucht abgeflossen und verteilen sich jetzt vor der Küste. Nicht dass das den Skipper gestört hätte. Er treibt das Targa mit 30kn Reisegeschwindigkeit im Zickzack und engen Kurven durch das Eislabyrinth, geht nur im äussersten Notfall vom Gas
Das macht keinen Spass - die Augen kommen mit der Geschwindigkeit nicht mit, Kopf & Seele können nicht geniessen.
Wieder ein Unterschied zu früher - damals gab es ein Kursschiff, das mit der halben Geschwindigkeit unterwegs war. Die Passgiere hatten Zeit & Musse zu schauen, zu staunen und zu fotografieren. Das ist vorbei - denn die neuen Boote müssen in der relativ kurzen Saison möglichst viel Umsatz einfahren. Als wir um 20:00 in Ilulissat ankommen, steht bereits die nächste Gruppe am Pier, abhol- und abfahrbereit für die Abendfahrt zum Eisfjord. Sämtliche Skipper mit denen ich diesen Sommer unterwegs bin, bestätigen mir - alles durchgetaktet. Schnell raus, schnell wieder rein und dann mit der nächsten Gruppe das Ganze wieder von vorne.
Schade.
Aber: das Wetter ist immer noch sensationell - und so machen wir am nächsten Morgen die klassische Wanderung auf der Blauen Route (mit Variationen) am Eisfjord entlang. Bilderbuchgrönland erwartet uns. Und abends als Krönung das Grönländische Buffet im Hvide Falk. Das habe ich wohlweisslich bereits Wochen zuvor reserviert, da ich aus Erfahrung weiss dass man kurzfristig in der Saison auch alleine kaum einen Platz bekommt - geschweige denn mit einer ganzen Gruppe.
Beim Grönländischen Buffet wird alles aufgefahren, was auf & um Grönland lebt und gegessen werden kann: Shrimps, Eismeerkrabben, Ammassat (eine Sprottenart, die im Frühling zum Laichen an die Küsten kommt und direkt mit Keschern aus dem Wasser geholt wird). Kabeljau, Heilbutt, Lachsforellen und Lachs. Gekocht, geräuchert, getrocknet. Lamm, Rentier, Moschusochse, Robbe, Wal. Als Gulasch, Braten und Wurst, auch gräuchert oder getrocknet. Auch Mattak - Walhaut, in daumennagelgrosse Stückchen geschnitten mit einem Rand Fett daran gibt es zu probieren. Eine Delikatesse für Grönländer und mich - meinen Gästen ist das eher suspekt. Aber ich honoriere, dass sie die meisten Sachen zumindest probieren.
Während des opulenten Essens zieht Seenebel herein, der bis abends noch draussen vor der Küste lag. Unsere Mitternachtsfahrt hinaus zum Eisfjord wird bitterkalt - und mystisch. Das letzte Highlight ist die mehrstündige Wanderung in die nördlich gelegene kleine Siedlung Oquatsut - das ehemalige Rhodebay.
Highlight - OK. Früher hatte man den Flughafen gleich hinter sich gelassen. Diesen Sommer ist hier noch Grossbaustelle, die Rollbahn wird verlängert auf Intercontinentallänge und ein neues Terminal mit Frachthallen ist kurz vor der Fertigstellung. Also marschieren wir mehr als 3 km parallel zur Grossbaustelle, vorbei an Sprengungen, Gesteinsbrechern, Asphalt- und Beton mischanlagen. Es dauert lange bis wir den Lärm hinter uns gelassen haben. Und - es wird nie wieder so ruhig sein wie früher, wenn ab November 2026 Direktflüge mit grossen Maschinen aus den USA, Island, Dänemark und weiteren europäischen Ländern kommen. Willkommen im gefühlten Overtourismus.
Das Wetter ist bedeckt, etwas windig aber trocken. So machen wir nur wenige Pausen und sind nachmittags früher als erwartet in der kleinen Siedlung. Passend zu unsere Ankunft reisst es auf und Sonne flutet die Gegend. Das schmeckt das Zielbier gleich 3x besser.




Ostgrönland - Tasiilaq
August / September 2025

Einige Tage später bin ich nach einer weiteren Odyssee zum ersten Mal seit dem Aufbruch zu unserer Kajakexpedition 2022 endlich wieder in Tasiilaq - und es ist wie ein Heimkommen.
Eigentlich hätte die Reise ganz unkompliziert funktionieren sollen - aber das ist der feine Unterschied zwischen Theorie & Praxis, speziell beim Reisen in arktischen Gebieten.
JAV - KEV, KEV - KUS, KUS - TAS - und das alles an einem Tag. Übersetzt heisst das: Ilulissat (Westgrönland) - Kevlavik (Island), Kevlavik - Kulusuk (Ostgrönland) und Kulusuk - Tasiilaq (Ostgrönland) - das ist ambitioniert und ist bis letzten Sommer nicht möglich gewesen. Lang und eng getaktet aber machbar, nachdem Icelandair die Flüge nach Ostgrönland von Reykjavik Domestic nach Kevlavik verlegt hat. Westgrönland - Island - Ostgrönland innert 24h. Auch hatte ich keine Stornierung / Verschiebung des ersten Fluges. In Keflavik angekommen bin ich am drängeln um aus dem Flieger zu kommen - ich habe nur eine gute Stunde Zeit zum Umsteigen und dabei muss ich noch mal durch den Sicherheitscheck. Das Gepäck kann ich glücklicherweise durchchecken.
Am Barcodeleser dann die böse Überraschung: BEEP, BEEP, BEEP - Access denied, flight cancelled. Echt jetzt? Nee, oder? Nicht schon wieder. Vielleicht sollte man das Handy nach der Landung doch einschalten?Und tatsächlich - Pushmeldung: flight postponed due to weather conditions... Also - Abendessen im Red House in Tasiilaq gestrichen. Nach längerer Diskussion am Schalter kann ich wenigstens mein Grossgepäck eingecheckt lassen. Aber - ich darf mich selber um meine Unterkunft kümmern. Anders als bei Air Greenland kümmert sich Icelandair nicht um seine Kunden. Man könne ja später einen Refund einreichen - aber max. € 200.-. Und das bekommt der Fluggast abends um 1700 Ortszeit in der Hochsaison zu hören... Toll. Bea & Jörg sind mir bei der Bettensuche von daheim aus behilflich, denn ich habe keine Kreditkarte dabei (war ja schliesslich alles vorgebucht & bezahlt) und kann dementsprechend nichts buchen...
Letztendlich ergattert Bea noch ein Bett in einem 4er Zimmer in einem Hostel in Reykjavik für mich. Am nächsten Vormittag fahre ich mit dem Flybus wieder raus zum Flughafen und verbummele den Tag - der Flug geht ja erst spätnachmittags. Die Ankunft in Kulusuk ist ein Dejavu, ich sauge die frische kalte Luft tief in meine Lungen. Ostgrönländische Gesprächsfetzen klingen vertraut in meinen Ohren. Heute abend fliege ich nicht mit dem Heli sondern gehe mit einem der Shuttleboote von Lars Anker hinüber nach Tasiilaq. Die See ist ruhig, 2 Touristen sind mit an Bord - und eine grönländische Grossmutter mit zwei entzückenden kleinen Mädchen, die das ganze Boot unterhalten. Robert Peroni holt mich am Hafen ab; ich verbringe die erste Nacht in Tasiilaq traditionell immer im Roten Haus. Zum einen um Kontakte zu pflegen und Neues von der Nachrichtenbörse zu erfahren, zum anderen weil man im Vorhinein nie weiss wie das Wetter bei der Ankunft ist.
Und BAAAM - ich stosse gleich am ersten Abend auf lange nicht mehr gesehene Freunde, Kollegen & Bekannte: Franziska, Reiseleiterin bei Wikinger die seit vielen Jahren jeden Sommer Kajak- und Trekkingtouren führt. Marion, die seit einigen Jahren im Roten Haus arbeitet. Martin, ebenfalls Reiseleiter bei Hauser. Martin Rickard ist mit seiner Kajaktruppe am Zeltplatz und bricht am nächsten Morgen auf. Es ist ein Gefühl, nach Hause zu kommen.
Ich bin angekommen...
Jetzt habe ich neun Tage Zeit bis meine nächste Gruppe kommt. Der Plan ist, mich mit Zelt & Gleitschirm am Sermilik Fjord in der Gegend von Tinit absetzen zu lassen. Südlich von dort, auf der anderen Seite einen kleinen Fjordes ist ein markanter Berg, der mir schon früher ins Auge gestochen ist. Dort möchte ich hinauf - und fliegen.



Angmassalik Insel

Zwei Tage später - nach Umzug ins Zelt, Besuchen bei Freunden und diversen Bestandsaufnahmen & Packen bin ich mit einem Boot von Robert unterwegs nach Tinit. Spätsommerwetter, die Sonne knallt vom Himmel, es sind nur vereinzelt Eisberge in den spiegeglatten Fjorden zu sehen. Mittags lasse ich mich auf der gegenüberliegenden Fjordseite von Tinit absetzen, das vollbesetze Boot rauscht ab mit Kurs auf Tinit. Als das Motorengeräusch leiser wird und schliesslich verklingt bin ich allein. Leider war bei meiner Ankunft Ebbe. Ich muss mein ganzes Gepäck, Zelt, Gleitschirm und Lebensmittel gute 200m durch eine morastige Flachwasserzone schleifen bis ich endlich festen & trockenen Boden unter den Füssen habe.
Nach einer kurzen Übersicht habe ich einen passenden Platz für das Zelt gefunden, ein das Hochland entwässernder Bach murmelt gleich in der Nähe dem Fjord entgegen. Nachdem das Zelt steht mache ich mich auf eine erste Wanderung. Es geht zunächst steil über glattgeschliffene Granitplatten auf eine grosse, von mehreren sanften Hügeln unterbrochenen Hochebene hinauf die einer Mondlandschaft ähnelt. Findlinge liegen kreuz & quer, dazwischen Feuchtgebiete und grosse Steinfelder. Das Gehen ist beschwerlich, ich muss den Blick ständig auf den Boden richten um nicht zu stolpern oder in Löcher zu treten. Als ich gut 250 HM hinter mir habe und auf eine Kuppe komme kann der Blick schweifen: ich habe endlich Blick auf den eisführenden Sermilikfjord, der bis zum Schweizerland am Horizont reicht. Dort kalben Helheim, Midgard- und Fenrisgletsche grosse Eismengen in den Fjord. Auf der anderen Seite der Sermilik kann ich in die Mündung des Johann Petersen Fjords mit seinen landfallenden Gletschern und dem Inlandseis sehen. Drehe ich den Kopf weiter nach Süden kommt der markante Fjordauslass in die Irmingersee, markiert vom Kap Tycho Brahae in Sicht. Weiter im Osten - also in meinem Rücken - das grosse Massiv, in das ich morgen einsteigen werde. Die Wetterprognose ist wieder mal so lala; wahrscheinlich habe ich für die kommenden Tage nur morgen ein flugfähiges Zeitfenster...

Abends bekomme ich Besuch von einem neugierigen & hungrigen Polarfuchs. Der Bursche macht sich sofort über meine Zeltleinen her; ich kann ihn nur mit Mühe vertreiben, bekomme durch seine Zutraulichkeit allerdings schöne Aufnahmen.
Dementsprechend motiviert bin ich am nächsten morgen bereits in aller Herrgottsfrühe in den Bergstiefeln. Es ist kalt, ich bin noch im Bergschatten der aufgehenden Sonne. Mein Atem kondensiert, ich bin die ersten Minuten froh um Mütze und Handschuhe. Aber die lege ich schnell ab, nachdem ich die ersten Höhenmeter hinter mir habe. Zuerst arbeite ich mich über Granitrippen und vermehrt Geröllfelder auf einen Vorberg hinauf. Dort, auf ca. 350HM komme ich erstmals in die Sonne und mache Kaffeepause; währenddessen studiere ich die geplante Aufstiegsroute. Ob das funktionieren wird? Vom gegenüberliegenden Ufer, auch vom Camp oder gestern nachmittag sah das absolut machbar aus. Mittlerweile habe ich da meine Zweifel - werde es aber trotzdem versuchen. Ab dem Vorberg ziehen sich Granitbänder in die Höhe. Zunächst sanft ansteigend, im Verlauf immer steiler werdend und sich gegenseitig kreuzend, überlappend. Die letzten 80, 90 HM vor dem Gipfelplateau dürften eine richtige Herausforderung sein, da es von unten ziemlich verblockt aussieht und von hier nur schwer einzuschätzen ist . Die ersten Meter komme ich gut voran, die Granitrippen sind wie ein Wanderweg mit extrem guten Gripp. Aber die Neigung wird steiler und ich muss teilweise auf andere Rippen wechseln. Zunehmend ist der Granit auch von Wasser überflossen. Nicht viel - aber es reicht, um Flechten und Algen darauf wachsen zu lassen. Und das bedeutet - einmal dort draufsteigen und man geht ab wie Schmidt's Katze - aber nach unten. Jetzt muss ich zunehmend über Bänder quertraversieren, da der direkte Weg zu steil wird. Die Tritte werden immer weniger, Griffe gibt es so gut wie keine. Mitten im halben Aufstieg mache ich Bestandsaufnahme & Risikoanalyse - und entscheide mich letztendlich zum Abstieg, solange eine Umkehr noch möglich ist. Der/die eine oder andere kennt das vielleicht aus eigener Erfahrung: rauf ist immer einfacher als wieder runter. Und ich ich hatte die vergangenen Jahren schon mehrfach das Vergnügen, mich in Situationen zu finden die vermeidbar gewesen wären...



Also - Abstieg. Und der war schon schwierig genug. Unten auf dem Vorberg erneute Kaffeepause, ein Müsliriegel und wieder eine Sondierung des Geländes. Glücklicherweise bin ich früh dran, es ist erst kurz vor 10:00. Ich werde quer zum Hang nach Osten in Richtung Gletscher laufen. In einigen Kilometern sehe ich einen steilen, aber machbaren Hang mit ca. 200 HM. Von dort gehen sanfte Rampen in Gegenrichtung bis auf's Plateau. Um es kurz zu machen: es war eine Viecherei. Schon mal die Strecke in das Tal hinein war anspruchsvoll: Endmoränen, Fels- und Geröllfelder, Springen von Stein zu Stein. Keine Sekunde normales Gehen, keine Ablenkung zulässig oder erlaubt. Dann die 200 HM hinauf, schwitzend, schweratmend, an der Grenze. Oben angekommen finde ich dank Mikroklima und ausreichend Wasser ein grünes Paradies: Moose, Zwergbirken, Weiden, Glockenblumenwiesen, Moosbeerenteppiche und immer wieder murmelnde Rinnsale dazwischen. Ich gönne mir eine halbe Stunde Pause und entscheide mich nach einem Blick auf die Uhr, weiter aufzusteigen. Es wird jetzt zunehmend einfacher je höher ich komme. Der Pflanzenteppich wird spärlicher und verschwindet schliesslich, ich quere die ersten Schneefelder. Zwei weitere Stunden - es ist mittlerweile knapp 16:00 - bin ich auf dem langgezogenen Sattel auf über 1.100m und total erledigt. Insgesamt sind es mit dem Umweg von heute morgen doch knapp 1.600m die mir in den Beinen stecken. Aber dieser Blick - in Verbindung mit Stille & Weite - lassen alle Strapazen vergessen...
Das einzige Problem das ich jetzt habe - ich kann nicht fliegen. Windrichtung und -geschwindigkeit passen. Auch der Untergrund ist OK: Granitplatten zum Schirmauslegen, schöne Felsriegel für den Startlauf. Aber - es ist zu flach bzw der Wind ist zu schwach für das flache Gelände. Ich kann keine Höhe generieren um bis dorthin hinauszufliegen wo der Untergrund wirklich abfällt und ich gut rauskomme. Zunehmend wechselt auch die Windrichtung in unregelmässigen Abständen. Es kommt mich hart an, den Schirm im Rucksack zu lassen - auch wenn ich weiss (und mir immer wieder klarmache) dass Sicherheit erste Priorität hat. Niemand weiss wo ich bin. Hilfe ist im Fall der Fälle erst viel später hier - wenn überhaupt. Ich beschliesse, ein Stück abzusteigen und mein Glück weiter unten nochmals zu versuchen. Aber auch hier passt es nicht. Ich finde zwar einige Stellen an denen ich den Schirm parat machen könnte - auch der Wind würde passen. Aber - die Plätze sind allesamt zu klein, um nach dem Aufziehen einen vernünftigen Startlauf machen zu können bzw im Falle des Falles den Start abzubrechen; es wären Klippenstarts. Unmittelbar nach den Kannten geh es mehrere 100 Meter nahezu senkrecht nach unten...
Habe ich vielleicht doch den falschen Schirm dabei? Der Single Skin hat gut 2kg weniger Masse als der ArakAir. Zupft man beim Single bei diesen Windverhältnissen an der Leine, steht der Schirm schon über dem Piloten. Zwei, maximal drei Schritte und Du bist in der Luft... Letztendlich bleibt der Schirm im Rucksack. Das hat auch mit der psychischen Einstellung zu tun. Wenn das Bauchgefühl nicht passt - lass' die Finger davon! Wenn Du nicht davon überzeugt bist funktioniert es meistens auch nicht. Und hier hätte ich nur einen Versuch ohne möglich Startabbruch. Abends komme ich nach gut 50.000 Schritten mit der letzten Kraft - und gefrustet - weil das Erfolgserlebnis, der Flug, auf den ich mich so gefreut hatte fehlt - mit schmerzenden Füssen & Knien wieder an den Fjord zu meinem Zelt.
Am nächsten Morgen regnet es.

Tasiilaq

Zwei Tage später bringt mich Salo zurück nach Tasiilaq. Mir läuft die Zeit davon; in 3 Tagen muss ich nach Kulusuk hinüber, dort kommt meine nächste Gruppe an. Nachdem das Wetter brauchbar ist und auch die Windprognosen stimmen packe ich für den nächsten Tag meinen Rucksack. Ich möchte ein Stück die Bucht entlang und nach dem Wasserkraftwerk auf den nächsten Berg - es sind "nur" ca. 700 HM, das Gelände dort ist gut zu begehen. Der ausgetretene Pfad verlässt die Siedlung, quert die angeketteten Schlittenhunde und verläuft am halben Hang. Moosbeeren sind reif, Glockenblumen unsd Arktisches Weideröschen blühen. Beim Wasserkraftwerk quere ich den Bach auf einer relativ neuen Brücke; ich bin überrascht - gab es hier doch früher nur einige alte Paletten die über die Steine gelegt waren.
Nach dem nächsten Anstieg verlasse ich den Pfad, wende mich nach Westen und mache die ersten Höhenmeter. Schliesslich finde ich eine Trittspur der ich folgen kann; in unregelmässigen Abständen gibt es sogar Markierungen. Auf dem ersten Plateau eine Kaffeepause mit angehängter Fotosession: am Rande eines Feuchtgebiets finden sich richtige Glockenblumenwiesen. Der Pfad wird steiler, der Untergrund ist anstrengend: sandig, lose Steine, das Gehen ist mühsam. Um die Mittagszeit bin ich schliesslich auf dem Gipfelplateau. Es ist leicht bewölkt, aber ich kann in Richtung NO bis hinüber nach Kulusuk sehen. In Richtung Westen blitzt hinter einigen Zacken der Sermilik mit seinen Eisbergen durch. Zu meinen Füssen der Kong Oscar Fjord, an dessen SO Ufer sich Tasiilaq über die Hügel ausgebreitet hat.


Der Untergrund auf dem Plateau ist ein einziger Scherbenhaufen von gesplittertem Gestein, scharfkantig. Das will ich meinem Schirm - und vor allem den Leinen - nicht antun. Für einen Rückwärtsstart (damit wäre der Schirm besser kontrollierbar) ist der Wind zu schwach. Ich beschliesse, ein Stück abzusteigen. Während des Aufstiegs habe ich ein alternatives Plätzchen gesehen, das passen sollte. Und tatsächlich: Ein grüner, bewachsener Fleck zum Schirm ausbreiten. Unterhalb davon eine schöne Rampe für den Startlauf im richtigen Neigungswinkel. Wind anströmend laminar (also gleichmässig) von NO - passt! Aber das Bauchgefühl passt nicht. Trotzdem lege ich den Schirm aus und steige ins Gurtzeug. Rettungsschirm einklinken, dann die Tragegurte. GoPro einschalten, Helm und Handschuhe anziehen. Warten auf den richtigen Wind, Konzentration, durchatmen - und nachdrücklich den ersten Schritt machen damit der Schirm schön kommt.

Das nächste an das ich mich erinnern kann ist, dass ich mit dem Gesicht auf dem steinigen Boden liege, Blutgeschmack im Mund. Ich versuche nachzuvollziehen was passiert ist. Schirm aufziehen, Kontrollblick (ob die Kappe offen ist und keine Leinenverhänger oder Knoten in den Leinen) - alles OK. Startlauf - und das Letzte, an das ich mich erinnern kann ist das meine Füsse bereits den Boden verlassen haben. Was tatsächlich passiert ist - darüber kann ich nur spekulieren. Seitenklapper & damit verbundener Strömungsabriss? Frontklapper? Jetzt geht es erst mal darum, etwaige Verletzungen festzustellen. Knochen sind alle heil, aber ein Zahn wackelt etwas. Meine Hose ist blutbesprenkelt, mit der Zunge spüre ich, dass meine Oberlippe gespalten ist. Um mein Gesicht zu inspizieren mache ich ein Selfie. Tatsächlich, Lippe gespalten. Und zusätzlich eine Platzwunde am rechten Auge. Ich nehme den Helm ab und drehe ihn in den Händen - der Helm ist arg ramponiert, hat aber seinen Dienst getan und mich vor einer schweren Kopf- / Gesichtsverletzungen bewahrt. Ich bin im vollen Lauf ungebremst mit dem Gesicht (die Hände sind beim Startlauf in den Bremsen hinter dem Oberkörper), also ohne mich mit den Händen abfangen zu können auf den steinigen Boden geknallt.
Nachdem ich mich und die Ausrüstung sortiert habe beschliesse ich trotzdem ins Tal zu fliegen. Das geht allemal schneller als jetzt 700Hm abzusteigen und dann weiter in Richtung Tasiilaq zurückzugehen. Glücklicherweise gibt es im Ort ein Krankenhaus. Oberlippe und Augenbraue werden mit je zwei Stichen genäht.
Soviel zum Thema schlechtes Bauchgefühl.
Ich mag mir nicht vorstellen, was ohne Helm hätte passieren können.


Kulusuk

Wenige Tage später bin ich nach einer ruppigen Überfahrt in Kulusuk und warte auf meine neue Gruppe. Die Dünung steht mit 2-3m relativ hoch - wir hatten die letzten Tage kräftigen SO Wind, den man in Tasiilaq aber wegen der geschützten Lage aber gar nicht bemerkt. Mit mir ist eine abreisende Gruppe in den beiden Booten, die mit der Dünung schwer zu kämpfen haben. Abel und sein Kollege sind hoch konzentriert als wir den geschützen Fjord durch den Flaschenhals verlassen. In (Steil)Küstennähe ist es ziemlich ruppig, da die auflaufenden Wellen von den Klippen zurückgeworfen werden und sich die Amplituden somit fast verdoppeln - das Wasser kommt von allen Seiten. Wir brauchen lange, bis wir diese Zone durchquert haben und weit draussen auf der offenen See sind; dort drehen wir schliesslich auf NNO und reiten die Wellen somit parallel ab. Dementsprechend lange dauert die Überfahrt.


Kulusuk ist ein mehr oder weniger verborgenes Kleinod. Der Grund dafür ist einfach: zum einen ist der Flughafen relativ weit von der Siedlung entfernt. Zum anderen sind die meisten ankommenden Gäste auf der Durchreise und gehen am gleichen Tag mit Heli oder Boot weiter nach Tasiilaq; das galt in der Vergangenheit auch für mich. Dieses Jahr habe ich endlich mal Zeit die Gegend zu erkunden - und bin begeistert.
Es ist Sonntag morgen als ich zu meinem Streifzug aufbreche. Ich bummle durch den klaren Morgen die Sandpiste entlang in Richtung Siedlung. Es ist kühl, die Sonne wärmt noch nicht richtig. Im Dorf ist fast kein Mensch zu sehen. Einige angekettete Schlittenhunde drehen schläfrig die Köpfe, verfolgen mich mit ihrem Blick. Mein Weg führt mich zunächst zum kleinen, zentral gelegenen Hafen. Dort sind auch Post und Supermarkt beheimatet. An bunten Holzhäusern vorbei gelange ich schliesslich zur Kirche und brenne mir eine Pfeife an. Es ist friedlich, der Blick schweift weit über die Bucht mit den vereinzelten Eisbergen hinüber zum Apusiajik Gletscher. Seenebel treibt auf halber Höhe die Hügel und Bergflanken entlang.

Als die Glocke zum Gottesdienst ruft mache ich mich mit der Kamera auf den Weg zu einem längeren Streifzug, der mich letztendlich südöstlich der Siedlung auf einer Anhöhe in der Nähe der grossen Antennenanlage ein windgeschütztes Plätzchen in der Sonne finden lässt - dort verbummle ich die nächsten Stunden. Als es nachmittags dann frisch wird, da der Seenebel hereinzieht mache ich mich auf den Rückweg ins Hotel. Ja - richtig gelesen. Martin & Hotel? Das liegt ganz einfach daran, dass meine nächste Reiseleitung eine Hotelreise ist und ich als Guide natürlich schon einen Tag eher als die Gruppe da bin.
Das Hotel Kulusuk ist kein klassisches Hotel im europäischen Sinn - es eher ein Transithotel und lebt mehr oder weniger davon, dass Air Greenland und Icelandair die wegen Schlechtwetter oder Nebel stornierten Flügen gestrandeten Passagiere dort unterbringen. Und das kommt hier oft vor.

Kulusuk

Heute Abend soll die Hotelgruppe kommen.
Ich habe also noch einen ganzen Tag für mich. Das Wetter ist gut, ich beschliesse noch eine längere Wanderung zu machen. Ich weiss, dass Hotelgäste eine andere Kundengruppe als Wanderer sind - oft im fortgesetzteren Alter, anderen Interessen und nicht mehr sooo beweglich. Daher möchte ich den heutigen Tag nochmals nutzen um mich müde zu Laufen. Von der Sandpiste die im Dorf startet, sich über die Hügel windet, das Hotel nach 2/3 des Weges streift und schliesslich am Flughafen endet, zweigt auf halben Weg zum Flugplatz bei einer Generatorenhalle eine Stichpiste in die Hügelketten ab; sie endet nach gut 10km auf ca 350 Hm bei den Überresten einer aufgegebenen amerikanischen Radar- und Wetterstation aus dem kalten Krieg.
Es ist kalt. Der Wind bläst nach wie vor aus S/SO, bringt immer wieder Seenebelbänke mit herein & treibt mir das Wasser in die Augen. Es ist schön, nach einigen Tagen wieder in den Flow zu fallen und den Körper richtig zu spüren. Als die Maschinen- und Lagerhallen in meinem Rücken verschwunden sind macht die Piste in einem kleinen Tal eine weite Kurve nach Osten und verliert sich schliesslich in den Hügeln. Ein wasserreicher Bach kommt das Tal herunter. Er mündet in einen grossen See, der zugleich Trinkwasserspeicher für Kulusuk, das Hotel und den Flughafen ist. In den Feuchtgebieten wachsen üppige Ansammlungen von Arktischen Weideröschen. Neongrün leuchten Moospolster im Licht. In den Nordhängen der Hügel liegen immer noch Schneefelder des letzten Winters. Zwei Raben spielen im Wind, lassen sich an der Hügelkante vom Aufwind elegant in die Höhe tragen. Und je mehr Höhe ich gewinne, desto schöner wird natürlich der Blick. Nach 2,5 h einfacher aber schweisstreibender Wanderung erreiche ich das Ende der Piste, die in Teilen von Schmelz- und Regenwasser arg zerfressen ist. Von der alten Radarstation stehen nur noch die betonierten Grundplatten der ehemaligen Gebäude. Ein Generator brummelt leise vor sich hin, versorgt die Richtfunkstrecken & Satellitenschüsseln von TELE mit Strom. Der Blick kann schweifen - man vergisst schnell, dass es nur 3 Stunden bis zur Siedlung und entsprechend weniger zum Flughafen sind. Richtung Süden 35 km offenes Wasser bis hinüber zur Angmassilik Insel mit den charakteristischen Vorbergen, die die Einfahrt nach Tasiilaq markieren. Einige wenige Eisberge liegen in der ruhige See. Nach Westen ein weiter Blick in den Angmassilik Fjord mit den charakteristischen spitzen Gipfeln. Und von der offenen Se im Osten ziehen immer wieder - und vermehrt Nebelbänke herein. Noch ist Flugwetter - eben ist die wöchentliche Maschine der Air Greenland nach Nuuk gestartet. Mit der roten Lackierung können die Augen der Turboprop lange folgen. Aber - wird das Wetter halten oder macht der Nebel Ernst?


Nachmittags bin ich nach flottem Marsch wieder im Hotel und dusche noch schnell bevor ich zum Flughafen gehe. Der Seenebel hat sich im Laufe des Nachmittags weiter verdichtet, es kommt kaum noch Sonne durch. Auch wenn der Nebel nur 150 - 250m hinauf reicht - die Piste wird auf Sicht und nicht im Instrumentenflug angeflogen. Die letztendliche Entscheidung trifft der Pilot. Die Maschine der Icelandair soll kurz nach 1700 kommen. Auf der Anzeigetafel ist alles noch gut, eben ist der Heli von Tasiilaq kommend gelandet. Aber der auflandige Wind schiebt weiterhin feucht-kalte Luft an die Küste, die Sichtweite sinkt teilweise auf unter 50m. Und tatsächlich: draussen stehend höre ich über uns das charakteristische, sonore Dröhnen der Turbofans lauter werden - und wieder verklingen. Die Anzeige schaltet auf "cancelled" um und auf Flight Radar lässt sich schön verfolgen, wie der Vogel wieder Kurs auf Island nimmt. Schöne Kacke. Da kommt jetzt Arbeit auf mich zu...


Die grösste Befürchtung von meiner Seite - Icleandair schert sich genauso wenig um die Hotelgruppe wegen Unterkunft und Verpflegung wie bei mir vor einigen Tagen. Ich melde den Flugausfall ans Office; recht viel mehr kann ich von hier aus nicht tun. Für Jörg & Melanie wird es eine arbeitsreiche Nacht werden...
Aber - es klappt besser als erwartet. Nach der Landung in Keflavik verteilt die Airline nach Anlaufschwierigkeiten sämtliche Fluggäste auf diverse Hotels. Ich verschicke noch einige Mails mit meinen Kontaktdaten an die Kunden und gehe dann ins Bett. Am nächsten Morgen sehe ich dass Icelandair einen Sonderflug einschiebt, um das Backlog nicht noch grösser werden zu lassen. Meine Gruppe kommt glücklicherweise mit der ersten Maschine um die Mittagszeit, sodass wir de facto nur einen halben Tag verlieren. Und natürlich gibts am Flughafen ein grosses Hallo - Opa Klaus mit Kollege Bernd aus Berlin ist wieder mit von der Partie. Die beiden Herren hatte ich schon vor zwei Jahren in Westgrönland mit dabei...
Der Nachmittag ist schnell vorbei. Die Gäste beziehen ihre Zimmer, anschliessend bummeln wir nach Kulusuk. Der Nebel hat sich einigermassen verzogen, warmes Nachmittagslicht lässt die Siedlung noch malerischer erscheinen als sie schon ist. Abends drückt der Nebel wieder herein.

Für den kommenden Tag ist ein Bootsausflug zum Apusiajik Gletscher auf der anderen Seite der Bucht geplant, anschliessend Transfer der ganzen Gruppe mit Sack & Pack nach Tasiilaq. Ich bin gespannt, kenne ich doch diesen Gletscher noch nicht. Höhepunkt hier wird ein kurzer Hike auf der Gletscherzungen mit dem Besuch einer Eishöhle im Gletscher sein.
Das Wetter am nächsten Morgen lässt sich gut an - der Seenebel ist weit draussen vor der Küste, es ist sonnig und windstill. Am späten Vormittag gehen wir mit zwei Booten quer über die Bucht zum Gletscher. Für die Gäste - zum Teil Wiederholungstäter, zum Teil das erste Mal in Grönland - ein Aaaaahhhhhh Erlebnis als wir um ein kleines Kap biegen und der Gletscher in seiner ganzen Pracht sichtbar wird. Jetzt schlängeln sich die Boote in langsamer Fahrt durch kleine Brucheisfelder. Eisbrocken rumpeln, schaben und schleifen gegen den Rumpf. Wir landen an einer Endmoräne, der Guide und ich helfen den Gästen aus den Booten. Und jetzt wird es interessant - die meisten Teilnehmer haben noch nie Steigeisen an den Füssen gehabt. Ich helfe beim Einstellen auf die richtige Grösse und beim Anlegen. Dann queren wir einen kleinen Bach und stapfen breitbeinig die flache Gletscherzunge hinauf.
Bis zur Gletscherhöhle sind es "nur" knappe 30min zu gehen. Aber bei den Lichtverhältnissen und da wir begeisterte Fotografen mit dabei haben brauchen wir fast doppelt so lang, bis wir den Einstieg erreicht haben. Auf dem Eis - Sonne, Wärme, blauer Himmel. Je weiter wir in einem Bachbett in die Gletscherzunge einsteigen desto dämmriger wird das Licht. Als wir im Schatten sind wird es schlagartig feuchtkalt. Von der Decke tropft, rinnt, regnet es Schmelzwasser. Das Eis über und neben uns erscheint grün, türkis, aquamarin, blau - und teilweise auch schmutziggrau, fast schwarz wenn viel Staub und/oder Sand mit eingeschlossen sind. Vergängliche Schönheit - dank des Klimawandels wird diese Gletscherhöhle noch einige Jahre existieren. Die Decke - teilweise jetzt bereits ziemlich dünn - wird durch den Schmelzprozess immer dünner werden und schlussendlich irgendwann einstürzen.


Tasiilaq

Die kommenden Tage vergehen wie im Flug. Einziges Manko - eine Sturmfront zieht heran. Für kommendes Wochenende sind Windgeschwindigkeiten von 80 - 90km/h prognostiziert, in Böen sogar weit darüber. Das wird den für Samstag geplanten Bootstransfer zurück nach Kulusuk verunmöglichen. Selbst wenn der Sturm schwächer sein wird als erwartet: die Dünung wird einfach zu hoch sein, alsdass die Boote fahren werden. Aber nachdem das Hotel Angmassalik in Tasiilaq und das Hotel Kulusuk zur selben Firmengruppe gehören ist eine Vorverlegung des Transfers auf Freitag und die Umbuchung der ganzen Gruppe nach Kulusuk unproblematisch. Ich informiere das Büro und lasse mir die Änderung des Reiseablaufs absegnen. Hintergedanke bei der ganzen Geschichte: Sollte der Rückflug für die Gäste am Montag wegen Schlechtwetter ausfallen und wir aber immer noch wegen eines ausgefallenen Transfers noch in Tasiilaq festhängen müssen die TN oder Nordwind die anfallenden Kosten für Logis & Verpflegung übernehmen. Sind wir jedoch vor Ort in Kulusuk und der Flug wird storniert muss die Airline für Unterkunft sorgen.
Heute haben wir einen langen Tag im Boot vor uns - unser Ziel ist der Johann-Petersen-Fjord am Sermilik. Es ist herbstlich kühl. Oben blauer Himmel, man kann die Sonne erahnen. Unten auf dem Wasser sitzen wir im Nebel, der Fahrtwind kühlt uns trotz mehrerer Lagen Kleidung ziemlich aus. Aber wenigstens ist es einigermassen windstill und die See daher ruhig. Nach einer guten Stunde kommen wir in der verlassenen Aussensiedlung Ikkateq an. Als wir die Insel umrunden, durchdringt die Sonne teilweise den Nebel und lässt die Eisberge wie mit einem Spot angestrahlt leuchten: schneeweiss, türkis, kobaltblau, flaschengrün. Wir gehen zur Dorfkirche hinauf, einem kleinen, ochsenblutfarbenen Gebäude. Dort habe ich vor einigen Jahren zusammen mit Bea & Klaus zusammen eine Schlechtwetterfront abgesessen als wir auf einer frühsommerlichen Kajaktour in den Sermilik unterwegs waren. Und auch auf unserer '22er Expedition nach Südgrönland haben wir hier einen Tag verbracht und die Gewehre eingeschossen.


Je weiter wir in den Sermilik vorstossen desto mehr klart es auf. Kaiserwetter... Aber leider ist nur wenig Eis auf dem Wasser. Als wir schliesslich in den Johann-Petersen Fjord einbiegen, haben wir endlich blauen Himmel über uns; auch das Eis ist deutlich mehr & dichter geworden. Schliesslich landen wir am Hann Gletscher - dort machen wir Mittagspause und einen ausgiebigen Fotostopp. Auch wenn das Eis zunehmend mehr wird: unser Bootsführer Miki bringt uns weiter durch das immer dichter werden Eis in Richtung Brückner Gletscher. Ich werde still, geniesse den Augenblick und erinnere mich mit Wehmut an die Herbsttour mit Klaus Weyhing im September 2021 - damals nach Corona die erste Möglichkeit, wieder nach Grönland zu kommen...


Die letzten Tage des Sommers - Bea kommt -
Zurück in Tasiilaq beginnt die halbe Gruppe zu kränkeln - Erkältungen und Husten machen sich breit. Die Bootstour zum Sermilik war nebelbedingt doch etwas zu frisch für die meisten TN. Am nächsten Tag machen wir noch eine längere Wanderung ins Blumental - für den Hausberg finden sich leider nicht genug Interessenten. Wie geplant ziehen wir dann den Transfer zurück nach Kulusuk nach vorne - auch wenn das Wetter letztendlich nicht so garstig wird wie prognostiziert. Am Montag verabschiede ich meine Gruppe und kehre zurück nach Tasiilaq.
Heute abend soll Bea kommen. Wir haben vor, einige Tage in Tinit und am Johann Petersen Fjord zu verbringen - leider ohne Kajaks, denn die sind ja in Ittoquortoomiit im Container :-(.
Aber Bea passiert dasselbe wie mir und auch meiner letzten Gruppe: der Flug findet zwar statt, kehrt aber wegen schlechter Sichtbedingungen in Kulusuk ohne Landung wieder nach Island zurück.
In meinen Augen ist die geänderte Taktung der Flüge ex Island ein zweischneidiges Schwert. Mit der Verlegung der Flüge in Island von RKV domestic nach KEV ist es jetzt zwar möglich, an einem Tag von Europa nach Ostgrönland zu kommen; bis Sommer 2023 musste man einen Stopover machen & am nächsten Tag morgens weiterfliegen - das bedeutete (mindestens) 2 Tage für An- wie auch Abreise. Aber die Ankunft am frühen nachmittags Ortszeit in Kulusuk bedeutete auch, dass der Nebel im Spätsommer / Herbst um diese Tageszeit meistens vor und nicht an der Küste lag. Jetzt, mit Ankunft am frühen Abend ist der nebel genau das Problem... Bea kommt schliesslich einen Tag später. Ich habe zusammen mit Line von Sermilik Adventures unseren Ablauf kurfrisitg geändert: Wir holen Bea in Kulusuk ab & fahren mir dem Boot von dort direkt weiter nach Tinit. Dort haben wir für den ersten Tag ein Haus gemietet und entscheiden kurzfristig nach Wetterlage wie wir weitermachen.



Nach zwei Nächten in Tinit bekommen wir einen Transfer hinüber zum Johan Petersen Fjord. Dort schlagen wir unseren Hilleberg Tunnel am wohlbekannten Camp 1 auf. Meinen Schirm habe ich mit - wohl wissend, dass ich ziemlich wahrscheinlich nicht zum Fliegen kommen werde. Das Wetterfenster für unseren Aufenthalt hier ist leider wieder ziemlich kurz; statt der geplanten 5 Tage gehen wir bereits am dritten Tag wieder zurück nach Tasiilaq - das nächste Tiefdruckgebiet rückt heran.


Scoresbysund
Nordfjord & Milne Land
Kajak, Hike & Fly
August / September 2024
Ittoqqortoormiit, 29. Juli
Endlich angekommen.

Die Anreise - im Gegensatz zu der im Frühjahr - ist dieses Mal stressfrei & problemlos. Allerdings sind der linke Knöchel und das rechte Knie nach einem Fehlstart mit dem Gleitschirm 8 Tage zuvor in den schweizer Bergen immer noch lädiert. Links Bänder angerissen, rechts Knie geprellt, alles ist blau. Ich schlucke täglich 2-3 Ibuprofen damit ich mich überhaupt bewegen kann.
Island empfängt mich mit strömenden Regen. Franziska, eine Reiseleiterkollegin, sitzt mit ihrer Reisegruppe schon seit Tagen in Reykjavik fest - keine Flüge nach Kulusuk möglich. Das betrifft mich glücklicherweise nicht; ich fliege am nächsten Morgen mit der Frühmaschine nach Akureyri weiter. Von dort geht es mit einer Twin Otter der Norland Air weiter nach Constable Pynt, das am Hurry Inlet in Nordostgrönland liegt. Der Flug mit dem kleinen Hochdecker war - nun ja - gewöhnungsbedürftig. Mehrere Sitzreihen sind für Fracht ausgebaut, es gibt keine Heizung.
Die meiste Zeit sind wir in den Wolken, bei der Ankunft in Grönland regnet es. Die Piste ist ein einziger Schlammpfuhl. Im Anschluss dann noch ein 20minütiger Hopser mit dem Heli um nach Ittoquortoomiit zu kommen. Das Hurry Inlet ist komplett eisfrei, im Scoresbysund treiben noch vereinzelt grosse Platten des Wintereises, weiteres Eis wird von der offenen See hereingedrückt.
Ittoquortoomiit ist ein Kapitel für sich - und der mit Abstand abgelegenste Ort in ganz Grönland. Bis nach Tasiilaq am Polarkreis liegt sind es gut 900km Luftlinie in südlicher Richtung ohne eine dazwischenliegende Ansiedlung. Die nächsten Nachbarn befinden sich also in Island, das gute 500km entfernt ist...



Aktuell leben ca. 360 Menschen im Ort; mehrere kleinere Aussensiedlungen wurden in den letzten Jahren verlassen.
Haupteinkommen sind Jagd, ein bisschen Tourismus sowie die Verwaltung.
Autos gibt es nur eine Handvoll - aber fast jeder Haushalt besitzt ein Quad (und für den Winter ein SkiDoo). Die einzige befestigte Strasse des Ortes ist betoniert, der Rest sind bessere Feldwege.
Es gibt 2 Versorgungsschiffe im Jahr: das erste kommt Anfang August (vorher ist wegen des Packeises auch für die Royal Arctic Line kein Durchkommen möglich), das zweite Anfang September - und dann steht schon der Winter in den Startlöchern.
Klar, dass Klaus da noch geschrieben hat dass ich noch Käse mitbringen soll - der Laden ist so gut wie leer, das erste Schiff war nämlich noch nicht da...
Klaus, Jörg, Tom und Rikki sind schon seit beinahe einer Woche hier und haben schon das meiste vorbereitet. Unser Haus ist gleich unterhalb des Heliports und gleicht einem Warenlager eines Ausrüstungshändlers wie Transa oder Globetrotter. Wir haben so gut wie alles per Pakte vorausgeschickt - Lebensmittel für 5 Personen für 6 Wochen und die zugehörige Kajakausrüstung. Meine Kajaks lagern bereits seit letztem Sommer hier, auch Jörg hat seine 4 NDK Explorer seit Jahren im eigenen Container vor Ort. Klaus hat seinen Dampfer ebenfalls bereits 2023 mit dem letzten Schiff heraufgeschickt.

Ittoqqortoormiit, 30. Juli
Heute ist bei mir grosses Komissionieren, Umpacken & Packen angesagt. Jeder muss für sein Kajak 40 Tagesrationen Brennstoff, Müsli, Trockenmilch, Trockenfrüchte, Nüsse, Schokolade, Trek'n Eat sowie unzählige andere Kleinigkeiten in Packsäcke stopfen. Überzählige Lebensmittel schaffen wir in Jörgs Container - ein Fussmarsch von ca. einer halben Stunde quer durch den Ort, hinauf zur meteorologischen Station und an der Müllkippe im nächsten Tal vorbei. Die Kajaks müssen auch noch hinunter zum Hafen transportiert werden - morgen soll unser Transfer zum Sydkap stattfinden.
Jede Menge Arbeit, Schlepperei und Lauferei.
Die Tilvera mit Heimir kommt heute ebenfalls von Island her an, wir verabreden uns abends zum Essen an Bord.
Feeling back home...
Zu meiner grossen Überraschung wird das Dingi, mit dem ich geholt werde von Julie gefahren - sie hat als 1st Mate Heimir bei der Querung von Island herüber unterstützt; Belen kommt erst Mitte August nach.
Heimir steht am Grill - es gibt Lammkoteletts, gebackene Kartoffeln, Salat, Brot, Käse und dazu ein Bier. Als kulinarischer Höhepunkt dann gebackene Bananen mit Honig...
Ein wunderschöner Abend mit vielen Geschichten und Erinnerungen. Abends halb zwölf bin ich wieder zurück.
Es ist kalt geworden.
Der Nebel hängt tief und der scharfe Ostwind von See her macht es noch kälter.
Während der Nacht hat Mette von Nanu Travel geschrieben, dass wir wetterbedingt nicht fahren werden.



Sydkap, 31. Juli

Glücklicherweise haben wir am Vorabend bereits alles soweit gepackt - die Mail von Mette, dass der heutige Transfer zum Sydkap wetterbedingt ausfallen soll, lesen wir erst nach dem Aufstehen. Natürlich gibt es gibt lange Gesichter bei allen - wir wissen, dass das Wetter die kommenden Tage wieder kippen soll.
Aber um 07.30 Steht Mette mit Quad und Hänger vor der Tür - es geht doch los. Wir müssen 3x fahren um unser ganzes Gepäck zur Mole zu bringen.
Der Nebel hängt tief mit einer Sichtweite von 50 - 80m, dazu kommt leichter Ostwind. Es ist bitterkalt. Glücklicherweise bekommen wir für die gut dreistündige Fahrt in den offenen, ungedeckten Booten noch Thermoanzüge - sonst wären wir bei Ankunft wohl halb erfroren gewesen. Und trotzdem ziehen wir noch unsere Daunenjacken darunter und die Schwimmwesten darüber. Ich weiss trotzdem dass es nicht reichen wird da wir uns über Stunden nicht bewegen werden.
Wir fahren mit insgesamt 4 Booten. 2 Kajaks pro Boot, die Ausrüstung wird verteilt. Zwei Jäger haben ihre Familien mit dabei sowie tonnenweise Ausrüstung, Sprit und Lebensmittel; sie wollen ebenfalls einige Tage am Sydkap verbringen und fischen sowie auf die Jagd gehen; ab dem 01. August beginnt die Saison für Moschusochsen.
Die Querung des Hurry Inlets ist etwas unruhig - ansonsten geht es einigermassen, auch wenn die Boote teilweise ziemlich durch die Wellen brechen und wir alle von der Gischt durchnässt werden.
Je weiter wir in den Scoresbysund vordringen desto mehr klart es auf. Zunächst kommen einzelne helle Flecken durch und bringen die vereinzelten Eisberge zum Leuchten. Bei Kap Hooker sehen wir einen Eisbären am flachen Sandstrand mit raumgreifenden Schritten nach Osten laufen. Aber trotz aller Faszination - mit der Zeit beisst sich die feuchte Kälte durch sämtliche Schichten, ich verschwinde unterhalb des Bootsrandes um dem beissenden Fahrtwind zu entkommen und nicke zusehends für mehrere Minuten ein.
Nach gut vier Stunden erreichen wir bei blauem Himmel den Kiesstrand am Sydkap. Dort steht ein Haus das wir die kommenden Tage nutzen wollen. Diese Unterkunft darf man sich aber nicht wie in Mitteleuropa vorstellen - es ist ein Jägerstützpunkt. Ein grosser Hauptraum mit grossem Tisch, Bänken, einigen wackeligen Stühlen und einem Ölofen, davon zweigen 2 Kammern mit Pritschen - die Schlafzimmer - ab. Ebenfalls vorhanden: eine Küche aus dem letzten Jahrhundert mit dem Luxus eines Gasherdes mit Backrohr. Traditionell bringt der Nutzer der Hütte sein Gas und das Öl für den Ofen selber mit. Wasser gibt es 200m weiter an einem Bach, der aus den Bergen kommt.



Zuerst schälen wir uns aus den Overalls und entledigen uns der anderen Schichten - es ist herrlich warm in der Sonne. Was für ein Unterschied zu den Temperaturen draussen an der Küste! Nach dem Entladen der Boote sitze ich schon bald im T-Shirt mit Kaffee und einer Pfeife auf den Felsen während die anderen bereits ihre Packsäcke zum Haus bringen.
Nachdem wir mit den Jägern und deren Familien gut 15 Personen sind ist unsere Entscheidung schnell getroffen - wir okkupieren den Dachboden, der durch eine Aussentreppe erreichbar ist. Wir müssen zwar etwas entrümpeln und ausfegen, Fenster hat es auch keine aber das ist immer noch erheblich besser alsdass wir uns mit unserem Grossgepäck im Aufenthaltsraum ausbreiten der nicht grösser ist als unser Wohnzimmer daheim.
Ausserdem - wir können die Tür zu machen und brauchen keine Bärenwache zu gehen - das kommt in den kommenden Wochen noch zu Genüge auf uns zu. Ferner sind wir witterungsgeschützt untergebracht - was für ein Luxus!
Nachmittags machen wir noch einen Hike in das kleine Tal hinauf und entschliessen uns noch einen Abstecher in die Höhe zu machen. Der Blick von 500Metern Höhe herab ist spektakulär - aber mir graut vor dem Abstieg. Ich komme mit meinen Knöchel & dem kaputten Knie sehr schnell an meine Grenzen; ausserdem ich bin es nicht gewohnt, der Letzte zu sein...
Ich brauche nicht zu betonen, dass ich den Schirm an diesem - wie auch den folgenden Tagen - nicht dabei hatte.



01. August - Stormpynt
Entgegen der Prognose ist das Wetter besser als erwartet, wir haben (noch) blauen Himmel.
Heute brechen wir zu einer 10tägigen Exkursion in den Nordwestfjord auf, die uns bis an die Grenze des Nationalparks führen wir. Dementsprechend benötigen wir nur Verpflegung & Brennstoffe für diese Zeit + 2 Tage als Sicherheitsreserve. Das ganze restliche Material lassen wir in einer Abstellkammer im Sydkap im Depot.
Aber - ojeoje - das Umpacken, Sortieren und anschliessende Stauen der Kajaks dauert eine gefühltem Ewigkeit. Und dabei sind die Boote nicht mal wirklich voll, keiner muss Tetris spielen um das Volumen bestmöglichst auszunutzen...
Aber gut, es ist unser erste Tag auf dem Wasser.
Trotzdem bin ich wieder mal Sieger und rauche entspannt ein Pfeife, bis die anderen bis 1130 Uhr auch endlich so weit sind.
Wir starten vom kiesigen Strand der kleinen Bucht bei leichtem Gegenwind und mittlerweile bedecktem Himmel entlang der Felswände bis zur Mündung des Nordwestfjords in den Scoresbysund.
Der Blick, das Panorama ist wunderschön: die Klöftberge auf der gegenüberliegenden Seite nach Westen hin sind sämtlich vergletschert und ragen schroff bis 2.000m auf. Halb links davon sehen wir die Silhouetten der Bäreninseln, gut 20km entfernt. Hinter dem Archipel, steil aus dem Wasser steigend und komplett vergletschert - Milne Island. Durch die klare Luft täuschen hier die Entfernungen ganz gewaltig, trotzdem meine ich nur die Hand ausstrecken zu müssen um die Gletscher berühren zu können. In der Realität sind es aber doch 35km bis dort hinüber. Die Mündung des NW Fjordes hat eine Breite von 12 km; die weite Wasserfläche ist gesprenkelt durch vereinzelte Eisberge. Und durch die Perspektive fast verdeckt ist der Ö Fjord zu erahnen - dort hinein gehen wir in 14 Tagen...
Die kurzen, steilen Wellen werden allmählich höher und bekommen ab & an bereits weisse Köpfe. Der Bug meines NDK Explorers klatscht tief ins nächste Wellental und Spritzwasser schlägt mir ins Gesicht.
Am Kap Kjöveland gehen wir auf Kurs NNW - wir sind im Nordwestfjord. Nach einer weiteren Stunde queren wir die Mündung des Kangerteravija, eines kleinen Sundes der in nordöstlicher Richtung abzweigt. Hinter der Landspitze Norajiva liegen einige grosse Eisberge auf Grund. Weiteres Eis ist mit dem Wind hineingetrieben worden - ein Eisbergfriedhof.



Nach einer weiteren Stunde machen wir in einer kiesigen, vor dem Wind geschützten Bucht Rast. Ich muss gestehen dass ich eine Pause dringend nötig habe. Meine Arme sind durch die mittlerweile ungewohnte Anstrengung, den Gegenwind und die Wellen immer länger geworden. Und das gleiche Pensum liegt nochmals vor uns.
Sehr viel später haben wir unser Tagesziel erreicht: Stormpynt. In die weite Bucht münden zwei Gletscherabflüsse mit ihrem Geschiebe; das schlammige Wasser markiert einen grossen, farbig abgesetzten Bogen im dunklen Fjordwasser.
Wir landen schlussendlich an der Nordseite der Bucht an einem leicht kiesigen Sandstrand. Ausrüstung & Zelte müssen 30 Höhenmeter auf ein grosses, leidlich ebenes Plateau hinaufgeschleppt werden. Dort murmeln auch einige Bäche mit Trinkwasser von den Berghängen herunter. Zwischen mannshohen Findlingen finden wir einen gute Platz für unser Camp.
Der Wind ist eingeschlafen, der Himmel reisst auf - wir baden in Licht & Wärme.

02. August, Stormpynt
Es regnet - das vorhergesagte Tief hat uns schlussendlich doch noch eingeholt. Heute am frühen Morgen hat der Wind von SW aufgefrischt und Regen mitgebracht.
Gestern abend hatten wir noch wunderschöne Streiflichter auf den Gletschern und Hängen der gegenüberliegenden Fjordseite. Jetzt rüttelt der Wind am Zelt und Regen klopft auf den Planen.
Bärenwache
Nachdem wir zu fünft sind arbeiten wir mit einem rollierendem System.
Von 23.00 bis 07.00 haben wir 4 Wacheinheiten a zwei Stunden. Die letzte Wache startet kurz vor 07.00 Uhr den Kocher und bereitet heisses Wasser für das Frühstück (Tee, Kaffee, Müsli) sowie für die Thermoskannen (tagsüber) zu. Eine Person kann bei diesem System durchschlafen. Die besten Wachen sind gleich die zu Beginn um 23.00 und die letzte ab 05.00 Uhr; hier kann man ohne Unterbrechung schlafen. Für mich waren die unbeliebteste Wachen die von 01.00 bis 03.00 und die von 03.00 bis 05.00 Uhr.
Zur Bärenabwehr sind wir extrem gut ausgestattet, eigentlich schon fast overequipped: 1 Signalpistole, Jeder von uns hat ein Nico Signalgerät mit 6schüssigem Magazin. Dazu kommen noch diverse Handfackeln wie auch in der Seefahrt gebräuchlich. Dazu kommen noch zwei Bärenzäune.
Für den Worst Case haben wir meine Savage 0.308, einen Mossberg Karabiner sowie meine (neue) Pumpgun. Für Schlechtwetter führen wir ein Tarp mit das entweder zwischen den Zelten oder über einen grossen Stein gespannt wird. Dann ist wenigstens etwas Wetterschutz gegeben; gekocht wird dann ebenfalls unter dem Tarp.
Ich habe den Tag mehr oder weniger verschlafen oder gelesen. Warum rausgehen und nasswerden? Nachdem mir am Morgen der Abreise noch der Reissverschluss der grossen 110l Duffelbag geplazt ist und ich auf die Schnelle die wichtigsten Sachen in meine alte 80l Duffelbag umräumen musste ist die Regenhose wie einige andere Sachen situationsbedingt daheim geblieben...
Glücklicherweise hatte ich heute die erste Wache und konnte im Anschluss daran durchschlafen. Nasskalt war es trotzdem. Zugegeben - ich war heilfroh, als ich durchgefroren in den Schlafsack gekrochen bin.

03. August, 20km
Mündung Borgebjerg Gletscher


Heute Morgen fallen noch letzte Regentropfen, die Berge sind sämtlich noch in Wolken. Aber im Vergleich zu gestern ist es schon erheblich heller.
Wetterbedingt haben wir das Frühstück nach hinten verschoben; trotzdem schaffen wir es bis kurz vor zwölf dass alle in den Kajaks sind.
Während des Campabbaus sehen wir unseren zweiten Bären. Der ist allerdings im Wasser und schwimmt relativ weit draussen in der Bucht auf des gegenüberliegende Ufer zu - und er zeigt kein Interesse an uns.
Es klart rasch auf; kurz nachdem wir unterwegs sind haben wir blauen Himmel - und einen Gegenwind vom Feinsten.
Salzkruste im Gesicht, Spritzwasser in Bart und Haaren, permanent nasse Hände und ständige Gischtduschen wenn das Vorschiff wieder ins nächste Wellental fällt. Wind bei 4,5 -5 BFT - und das bei knallblauem Himmel. Schön war's trotzdem.
Am frühen Abend landen wir in einem weiten Gletschertal an einem Strand mit feinem Sand an - wir sind in der Schwemmlandebene des Borgebjerggletschers. Das Tal ist gut 3 breit, eingerahmt von steilaufragenden, unbesteigbaren Hängen die wiederum von mächtigen Gletschern bedeckt sind. Durch die fortgeschrittene Tageszeit und die Topographie sind wir schon bald im Schatten; es wird kühl.
Gleich nach dem Anlanden entdecken wir relativ frische Bärenspuren. Nachdem das Gelände durch die vielen grossen Findlinge ziemlich unübersichtlich ist gehen Jörg und ich auf Patrouille, wir ziehen einen Bogen mit 500m Radius um unseren vorgesehenen Platz für das Camp - niemand da. Aber dafür haben wir Wasser gefunden. Keine Gletschermilch, sondern frisches, klares Trinkwasser das aus dem sandigen Untergrund herausgedrückt wird.
Bis schliesslich die Zelte stehen, die Kajaks versorgt, Feuerholz gesammelt und Wasser geholt ist haben wir es schon nach neun. Essen gibt's dann dementsprechend später.
Heute habe ich die zweite Wache von 01.00 - 03.00 unter nachtblauem Himmel mit Morgenrot auf den Bergspitzen.

04. August - Magetuen Ö

An der Grenze zum Nationalpark Kittiwake Island
Heute wieder erst um 1100 in den Kajaks - eine schweisstreibende Angelegenheit bei blauem Himmel und Nullwind. Gott sei Dank haben wir heute nur 14 km bis Magetuen Ö vor uns. Eigentlich Plaisirpaddeln bei leichten Rückenwind - aber die nur vereinzelt auf dem Wasser treibenden Eisberge sind schon seit langem ein gewohnter Anblick für mich. Mir fehlt schlichtweg die oder besser gesagt eine Herausforderung. Auch gehen mir bereits jetzt die ersten Leute auf den Wecker - ständig den Mund offen. Verdammt, ich komme hierher um die Stille zu hören, wieder hören zu dürfen und nicht um den ganzen Tag Banalitäten auf die Ohren zu bekommen. Und Geräusche, Gespräche tragen weit auf dem Wasser. Konsequenz - ich setze mich von der Gruppe ab damit ich meinen Frieden habe.



Die vier anderen TN haben sich Ende April bei Klaus für ein verlängertes Paddelwochenende getroffen damit sich alle kennenlernen, da war ich aber mit der Tilvera bereits auf dem Weg nach Spitzbergen. Meiner Einschätzung nach kann man Leute nach 3 Tagen aber auch nur schlecht einschätzen - die Macken (die wir ja alle haben, mich eingeschlossen) treten ja meistens erst nach mehreren Tagen und nicht nach einem Wochenende zum Vorschein.
Nachmittags landen wir auf einem schönen Kiesstrand auf der Ostseite der Insel - Mittagspause. Nachdem wir keine Permit haben dürfen wir nicht mehr weiter (eigentlich ist die Insel bereits im Nationalpark) - aber man darf sich ohne Permit 24 Stunden im Nationalpark aufhalten. Wir haben vor die Nacht auf der Insel zu verbringen, sie morgen zu umrunden und dann wieder in Richtung Osten zum Sydkap aufzubrechen.
Nach der Pause werden wir sehr schnell mit einem netten Platz fürs Camp fündig, wir sitzen gerade wieder mal 10 Minuten in den Booten und sind nur einige Felsnasen weitergekommen. Wir verursachen mit unserem Auftauchen grosse Aufregung bei Eiderenten, Graugänsen und Küstenseeschwalben (Kittiwake) - die Insel ist ein Vogelparadies da es fuchsfrei ist. Glücklicherweise ist die Brutsaison bereits so gut wie vorüber sodass wir nicht allzu viele Vögel stören. Vor allem die Küstenschwalben, die in einer grossen Kolonien leben schimpfen furchtbar mit uns - attackieren uns aber nicht.
Ich bin bachnass und heilfroh als ich aus dem Trockenanzug schlüpfen kann. Bald lassen sich alle in der Nachmittagssonne braten. Sommer in in Ostgrönland...
Auf einer kleinen Anhöhe steht eine kleine, alte und ausgebrannte Jagdhütte. Gleich nebendran auf grobsandigem Untergrund hat's Platz für unsere Zelte. Bin mit Jörg spätnachmittags noch auf den höchsten Punkt (ca 150 HM) gestiegen, die anderen sind wieder mal faul geblieben... Für uns zwei hat sich der Aufstieg mehr als gelohnt: geselliges Schweigen, wunderbare Aussicht und unbeschreibliches Licht auf den Tafeleisbergen und Gletschern die vom südlich gelegenen Renland in den Nordwestfjord münden.
Meine Wache geht in der kommenden Nacht - da rollierend - von 0300 bis 0500. Leider wirds nicht wirklich viel mit Schlafen da Jörg um 0130 einen schwimmenden Bären sichtet der auf die Insel zuhält und Alarm gibt. Der Bär scheint interessiert, lässt sich aber bereits mit Rufen und Klatschen davon abhalten näher zu kommen - auch wenn er mehrere Anläufe macht. Im Anschluss daran rentiert es sich sich nicht mehr in den Schlafsack zu steigen. So gesehen mache ich in dieser Nacht eine Doppelwache - aber auch das geht vorbei.

05. August
Irgendwie komme ich diesen Sommer nicht so wirklich ins Schreiben, es fühlt sich hölzern an und liest sich nicht flüssig...
Auch Landschaftsschilderungen fallen mir schwer - ist Grönland zu "alltäglich" für mich geworden? Fehlt mir einfach das Eis, das ich von den grossen eisführenden Fjorden wie dem Sermilik oder der See im Frühsommer her kenne und vermisse?
Ich habe die folgenden Tage bis zurück zum Sydkap nichts mehr geschrieben. Jetzt im Rückblick (im September vor dem Rechner sitzend) einige Sachen die mir wieder einfallen:
Ich hatte ja in den Trockenanzug eine neue Latexmanschette einkleben lassen nachdem die alte 2022 gerissen war. Ich hatte von Anfang an das Gefühl dass die ziemlich streng sitzt - ich habe es aber nicht weiter beachtet. Plötzlich fängt es am Hals an der der sonnenzugewandten Seite das Jucken an - ich beschliesse, mich trotz Wassermangels abends mal zu waschen. Am nächsten Tag das gleiche auf der anderen Seite; ich bitte Klaus darum, dass er sich mal meinen Hals ansieht. Und - die Manschette ist definitiv zu eng. In Verbindung mit Schweiss und Sonne hat sich die Haut in einem schmalen Ring um den Hals entzündet - ich sehe aus wie das entkommene Opfer eines Überfalls mit der Garotte... Ich hab das Problem gelöst, indem ich vom (konischen) Rand der Manschette einen schmalen Streifen abgeschnitten habe. Nach ein paar Tagen war's wieder gut.


07. August - Sydkap
Heute sind wir im Regen aufgewacht - das Frühstück haben wir auf den späten Morgen verschoben und dann auch erst dementsprechend spät das Camp abgebaut.
Seit dem Nachmittag sind wir wieder zurück in der Hütte am Sydkap - heute ist noch grosses Packen für den morgigen Aufbruch zu den Bäreninseln angesagt: Jeder muss in seinem Kajak Verpflegung, Brennstoff und persönliche Ausrüstung für 30 Tage packen. Zusätzlich habe ich in der feuchten Witterung meine lange Unterwäsche die ich im Trockenanzug anhabe gewaschen um die Salzkruste vom Schweiss loszuwerden. Ob die bis morgen wohl trocken wird?
Glücklicherweise haben wir die Hütte für uns alleine, sonst wäre das Chaos perfekt gewesen. Die beiden grönländischen Familien sind nicht mehr da, hatten aber anscheinend Glück beim Fischfang - der ganze Dachboden duftet nach frisch geräuchertem Fisch. Dementsprechend können wir uns in den Haupträumen richtig ausbreiten und brauchen unsere Ausrüstung nicht auf dem dämmrigen Dachboden zu sortieren.
Das hätte es alles nicht gebraucht, wenn wir gestern nachmittag die letzten paar Kilometer bis zum Sydkap noch gemacht hätten. Ja, wir hatten schon 30km hinter uns. Ja, wir hatten als Tagesziel auch den kleinen Sund Kangerterajiva ausgemacht. Auch wenn ich mit der Gruppenentscheidung für den Platz nicht glücklich war - ich persönlich hätte die letzten Kilometer bis zur Hütte noch gemacht.
Denn wenn ich eins über die letzten 30 Jahre in Grönland gelernt habe - Du musst Wetter & Verhältnisse (aus)nutzen wie es eben geht. Auch wenn das manchmal lange Tage bedeutet - und dass gesetzte Ziele, getroffene Entscheidungen revidiert werden.



Aber genau das kristallisiert sich bei uns zunehmend als Problem heraus. Ich habe nicht die Leitung sondern bin nur Teilnehmer, was ich absolut nicht gewohnt bin. Jörg, der die Tour organisiert hat ist ein netter Kerl - aber kein Leiter. Also wird basisdemokratisch reihum gefragt ob es allen recht ist. Die Diskussionen über Nichtigkeiten sind teilweise endlos und ermüdend. Aber davon später noch mehr.
Jetzt haben wir durch den Regen einen halben Tag verloren - unter anderem auch deswegen, weil die Kollegen Zelte nicht nass oder feucht einpacken wollen. Klar, 1/2 Tag auf 40 Tage macht ja nichts oder nur wenig aus. Aber in der Summe? Ausserdem hätten wir heute früh in der Hütte gleich für die grosse Tour packen können und wären Mittags, als es aufmachte unterwegs gewesen. Vor allem mit dem Wissen, dass das nächste Schlechtwettergebiet bereits wieder im Anzug ist.
08. August - Bear Islands

Bis auf 2kg Müsli haben wir tatsächlich alles unterbekommen. Auch wenn mein Explorer wieder abenteuerlich aussieht - ich habe auf Anhieb sämtliche Packsäcke ins & aufs Kajak bekommen. Auch meine Gleitschirmausrüstung ist jetzt mit dabei; wir kommen sehr wahrscheinlich nicht mehr hierher zurück.
Kurz vor 11.00 sind wir fast soweit zu starten als Jörg beim Anziehen seines Trockis eine Armmanschette einreisst. Notreparatur mit Fahrradflickzeug, Klaus ist fix mit solchen Sachen. Aber erst mal rauskriegen, wo das wieder verstaut ist - und die Kajaks sind ja schon fertig gestaut... Das dauert einfach seine Zeit. Ab dem Nachmittag ist Regen prognostiziert, wir müssen zusehen dass wir vorwärts machen.
Die Wolken hängen bereits tief als wir aufbrechen aber es ist beinahe windstill. Ab dem eigentlichen Kap, der Einmündung des Nordwestfjordes, haben wir gute 7km offenes Wasser bis zu den Ingmikertaje, zwei kleinen Inseln mitten in der Fjordkreuzung. Von dort sind es nochmals knapp 8km bis zum nordöstlichen Spitz der grossen, in südöstlicher Richtung verlaufenden Hauptinsel des Archipels.
Nach der zweiten Querung wäre dann allmählich eine Pause recht - etwas essen & sich die Beine vertreten. Aber leider lässt das Höhenprofil der Insel das nicht zu; wir paddeln weiter unterhalb steiler Hänge und Klippen. Für einen Nothalt würde es reichen. Aber nicht, um 5 Kajaks anzulanden. Glücklicherweise habe wir auf den flachen Inseln vorher die Gelegenheit wahrgenommen und den Kaffee weggestellt.
Dann fängt es fast pünktlich auf die prognostizierte Minute genau zu regnen an. Flugs machen wir ein Päckchen und teilen Schokolade, ein paar Nüsse & Trockenfrüchte. Trotzdem, eine richtige Pause wäre schon nett - und wenig später werden wir fündig. Wenigstens hat es wieder zu regnen aufgehört sodass wir etwas Zeit auf dem felsigen Ufer verbringen können.
Anschliessend sind wir eigentlich auf der Suche nach einer in der Karte eingezeichneten Hütte - einem sogenannten Fangsthus. Das sind kleine Schutzhütten für Jäger oder Fischer, mal in besserem aber meistens in schlechtem Zustand. Kein Haus - nein. Eher eine Biwakschachtel. Türe, 1 Fenster, 3x3m Grundfläche. Mit etwas Glück stehen zwei Stockbetten und vielleicht noch ein Tisch und/oder Stuhl darin. Aber - trocken, wind- und witterungsgeschützt, einigermassen bärensicher.


Aber die Hütte ist leider nicht auffindbar, wir sehen auch keine Überreste oder ähnliches. Schade - wir wissen, dass uns 2 Tage - also 3 Nächte - schlechtes Wetter mit viel Regen bevorstehen. Da wäre eine Hütte - und wäre sie noch so klein - sehr willkommen gewesen.
Die Suche nach einem geeignetem Platz zieht sich hin, es wird immer später. Jörg scoutet, die an deren diskutieren. Schliesslich landen wir an einem sanften Kiesstrand; Tundravegation bedeckt das flache Tal zwischen zwei Hügeln.
Nachdem ich die letzten beiden Nächte wieder durchschlafen konnte (1x Freiwache, letzte Nacht in der Hütte), fange ich heute wieder mit der ersten Wache ab 23.00 an. Immerhin kann ich mich heute am Feuer wärmen. Wir haben viel Totholz von Weiden und Birken (meistens Wurzelstöcke und kurze Äste) sowie einiges an Schwemmholz gefunden, das von Wind & Wellen am Ufer abgelegt wurde.
Kurz nach Mitternacht beginnt es dann zu regnen.


11. August - Ö Fjord
Nordufer, 10km vor Grundtvigskirken

Wir haben tatsächlich 2 volle Tage und drei Nächte in den Zelten verbracht, wenigstens war es so gut wie windstill. Am ersten Abend machen wir uns noch auf die Suche nach Wasser und werden nach einigen Minuten Fussmarsch in den Hügeln nördlich unseres Lagerplatzes fündig. Nach der zweiten Nacht kommt über den nördlichen Abhang ein Wasserfall herunter, der stündlich grösser wird und alte Wasserläufe in dem kleinen Tal flutet.
Wetterberichte rufen wir dieses Jahr über InReach ab. Ich war zuerst etwas skeptisch über die Prognosegenauigkeit, bin bis jetzt aber sehr positiv überrascht. Die Wetterdaten (incl Windrichtung & Geschwindigkeit) werden für den angefragten Standort berechnet und sind sehr genau, das hat sich bereits in den vergangenen Tagen gezeigt; die Prognosen sind jeweils für drei Tage (heute + 2 Tage im Voraus). Auch ist ein kostenpflichtiger Forecast über 7 Tage erhältlich. Somit wissen wir dass es heute wieder aufmachen wird - und die Temperaturen in den Keller gehen werden. Hatten wir in den letzten Wochen bei gutem Wetter noch um die 10°C oder leicht darüber, wird es mit dem abziehenden Regen windig, klar - und kalt. Temperaturen gehen auf 0° - 1°C zurück.
Heute morgen klart es tatsächlich von Süden her auf, der Regen hat bereits in der vergangenen Nacht aufgehört. Zaghaft werden die ersten blauen Flecken am Himmel sichtbar, die Gletscher am weit entfernten Südufer des Scoresbyfjordes gleissen bereits in der Sonne.
Es ist kalt bei leichtem Wind, letzte Wolkenreste ziehen über den Himmel. Dementsprechend zügig sind wir in den Kajaks - froh, uns wieder bewegen zu können. Wir schlagen zunächst einen Zickzackkurs durch das Archipel ein, immer den Drachenrücken einer markanten Insel im Blick. Milne Island kommt in Sicht, die Hänge teilweise noch in Wolken gehüllt. Dann erkenne ich den charakteristischen kleinen Berg von Jyttes Havn, von wo ich letzten Sommer meinen einzigen kurzen Flug mit dem Schirm machen konnte.
Nach einer kurzen Pause auf kiesigen Strand setzen wir die letzten Kilometer zur Nordspitze von Milne Island über. Der Wind schiebt dabei leicht von hinten, die Sonne ist durchgebrochen und wärmt uns den Rücken. Das Panorama ist nicht von dieser Welt - stunning würde man wohl auf Englisch sagen...



Die Felsflanken liegen im Licht und leuchten in verschiedenen Grautönen, ocker, dunklem gelb und mattem orange, durchzogen von Bändern andersfarbigem Gestein. Man kann gut die Faltungen erkennen, die vor Jahrmillionen stattfanden. Wolkenbänder ziehen in halber Höhe an den Hängen entlang, Gletscherzungen leuchten in den engen Felstälern. Und das alles überragt von einem markanten Granitpfeiler, gekrönt von einer spitzen Felsnadel: Grundtvigskirken.
Wir wissen von Jägern, dass die Windbedingungen auf dem Öfjord teilweise sehr kritisch sein können - durch den engen Fjord kann Fallwind vom Inlandseis her einfallen. Dann gibt es Wind bis zu 6 und 7 Bft mit hohen Wellen bis zu 1,50 und höher. Das sind dann aber die kurzen, steilen Fjordwellen die man fast nicht abreiten kann. Nachdem diese Winde aber nur tagsüber aufkommen stellen wir uns darauf ein, die folgenden Etappen in der Nacht zurückzulegen.
Es ist früher Nachmittag und windstill als wir das Kap erreichen. Wir entschliessen uns, am Südufer des Ö Fjords weiter nach Westen zu fahren um nach einem potentiellen Lagerplatz Ausschau zu halten; meiner Meinung, der Karte und der Topographie nach eine von keinem Erfolg gekrönten Idee. Mir schwebt aufgrund der ruhigen Verhältnisse noch die Querung zum Nordufer, dem Renland vor. Dort lassen sich mit dem Fernglas ein, zwei potenzielle Plätze für ein Camp erkennen. Nach längerer Diskussion und einer Pause in den Kajaks sitzend brechen wir auf und setzen Kurs auf das Nordufer.
Schlussendlich ist das Ufer zu zerklüftet um Zelte aufstellen zu können, ein möglicher Platz ist erst in ca. 60 - 70 Höhenmeter weiter oben erkennbar. Aber - es hat zwei kleinere Granit Inseln unmittelbar in der Bucht - auf denen bleiben wir. Schade, dass wir durch die Abschattung der fast 2.000m hohen Berge des Nordufers alsbald im Schatten sitzen. Umso schöner ist das rote Abendlicht auf den Gletschern von Milne Island.
12. August - Ö Fjord
in einer weiten Bucht unterhalb P 1960

Es ist spätabends als ich diese Zeilen schreibe - es war den ganzen Tag so stürmisch, sodass wir heute eine Nachtschicht eingelegt haben.
Heute ein wunderschöner Spätsommermorgen mit knallblauem Himmel - ich habe die letzte Bärenwache dieser Nacht ab 0500. Es war schon die letzten Stunden ziemlich unruhig - der Wind hat kräftig von Westen aufgefrischt. Grosse Wellen, schon fast Brecher, schlagen wuchtig auf die Felsen.
Es ist immer noch bitterkalt, da die beiden Inselchen mit unserem Camp noch im Bergschatten stehen und der Wind die Hosenbeine flattern lässt. Aber das warme orangerot auf den steilen Hängen und den Plateaugletschern von Milne Island rührt mich fast zu Tränen. Das Wasser im Fjord flaschengrün, türkis. Deutlich abgesetzt davon der grosse Halbkreis von grau/braun/ockerfarbigen Sedimentwassers das ein Gletscherfluss in unsere Bucht einspeist. Die Wellen auf dem Fjord tragen bereits jetzt am frühen Morgen sämtlich Schaumkronen und haben schon eine Höhe von 2m und mehr erreicht: Whiteheadwetter.
Ich beschliesse, die Truppe nicht zur üblichen Zeit um 0700 fürs Frühstück zu wecken sondern weiterschlafen zu lassen, da wir wegen des Windes sowieso nicht wegkommen werden. Wir verbringen den Tag mit Faulenzen, Fotografieren, Lesen und kleineren Reparaturen an der Ausrüstung. Spätnachmittags brechen wir das Camp ab in der Hoffnung, das der Wind bis zum Abend einschlafen wird. Nach dem vorzeitigen Abendessen beginnen wir die Kajaks zu stauen. Und tatsächlich, der tagsüber stürmische Wind schläft ein, die Wellen werden schnell kleiner und verschwinden fast gänzlich - wir können zu einer Abend-/ Nachfahrt aufbrechen.


Die Nordseite des Ö Fjordes ist bereits seit dem späten Nachmittag wieder im Bergschatten, es ist empfindlich kühl. Die Flanken und Gletscher von Milne Island liegen dagegen im warmen Abendlicht, ebenso wie die Eisberge ab der ungefähren Fjordmitte. Gegen 2230 erreichen wir eine grosse Bucht in die vor vielen Jahren ein titanischer Gletscher gemündet hat. Die Bucht wird von mehrfarbigen Bergen in ocker, orange, grau eingerahmt, deren Flanken noch immer vergletschert sind. Nachdem es im Ö Fjord topografisch durch Steilküste und viele enge/schmale Täler bedingt nur 3 mögliche Plätze für ein Camp gibt machen wir gezwungenermassen hier Station.
Der erste potentielle Platz - ein Plateau ca. 20 HM über dem Strand, Trinkwasser gleich daneben wird mehrheitlich leider abgelehnt. Zu gross scheint die Mühe Zelte & Gepäck hinauf zu schaffen. Oben gäbe es allerdings guten, fast ebenen Tundraboden und einen guten Blick hinaus aufs Wasser. Die Kollegen füllen unsere Wassersäcke und fahren die Bucht weiter aus.
Nach der nächsten Nase ist das Grün verschwunden. Wir erreichen das wüste Delta eines grossen Schmelzwasserflusses - die ehemalige Stelle wo sich früher der Gletscher in den Fjord geschoben hat. Felsen in jeglicher Form und Grösse, alte Seiten- und Endmoränen, Gletschermehl (zu Staub zermahlener Sand) - aber flach. Dort bleiben wir. Schade. Aber ich bin überstimmt und die Diskussionen leid.
Gegen Mitternacht liege ich im Schlafsack - ich habe wachfrei und kann heute durchschlafen. Habe ich eigentlich schon einmal angemerkt dass ich Sand hasse - ganz zu schweigen von Gletschermehl? Nein?


13. August - Storhamnrene
gegenüber Korridoren Gletscher
Gestern Abend - besser gesagt heute Nacht - hat es sich abgezeichnet dass das Wetter wieder kippen wird. Der Himmel ist bereits bedeckt als wir frühstücken. Auch der Wetterbericht verheisst nichts Gutes: ergiebige Regenfälle in den kommenden Tagen...
Und wieder gibt es schier endlose Diskussionen darüber ob wir aufbrechen sollen und wenn ja, wann. Auf dem Fjord ist alles ruhig, der Wind bei 0. Das Wasser liegt ölig da. Klaus zaudert wieder. Ich setze mich mit der Kamera auf die alte Seitenmoräne des ehemaligen Gletschers und zum Gletschertor ab um etwas Bewegung zu bekommen. Ausserdem muss ich meine Frustration abbauen.
Als ich eine gute halbe Stunde später wieder zurückkomme stehen die Zelte noch, die Gruppe ist immer noch am diskutieren... Schlussendlich setze ich mich durch. Es sind gut 30km bis zum nächsten möglichen Platz für ein Camp, ab heute Abend ist Regen für die kommenden Tage angesagt. Sollen wir den Tag hier bei ruhigem Wetter verbummeln und abends, wenn es zu regnen beginnt dann aufbrechen - echt jetzt? Meiner Einschätzung nach gibt den Starkwind aus Westen den wir gestern tagsüber hatten nur bei gutem Wetter. Sollte ich mich irren, können wir immer noch kehren und hierher zurück. Aber ich bin da sehr optimistisch. Und wieder dauert es, bis wir zum Aufbruch fertig sind - es ist kurz vor Mittag, als wir die ersten Paddelschläge machen.
Als wir aus der Bucht heraussen sind bekommen wir leichten Gegenwind aus SW. Ich erkenne einige Stellen wieder, die wir letzten September mit der Tilvera angelaufen haben. Die Eisbergdichte auf dem Wasser wird allmählich höher, das Paddeln für mich dadurch erheblich kurzweiliger. Distanzen werden dadurch wieder wesentlich besser begreifbar. Der Wind frischt weiter auf. Am Gegenufer liegen einige grosse Eisberge; plötzlich steigen innerhalb weniger Minuten grosse Gischtfontänen von mehreren Flanken auf. Einige Sekunden zeitversetzt rollt der Donner der Abbrüche über den Fjord. Minuten später laufen die Kalbungswellen unter unseren Kajaks durch und donnern an die Steilufer neben uns. Schlussendlich bekommen wir durch den PingPong Effekt der zwischen den Ufern hin- und herlaufenden Wellen in Kombination mit dem lebhaftem Wind eine Wellenhöhe von gut 2m. Allerdings sind diese schön langhubig wie der Swell auf der offenen See und wunderbar zum Abreiten. Endlich rührt sich hier mal was auf dem Wasser...
Nach der nächsten grossen Felsnase schliesst sich eine lange Gerade direkt nach Westen an - und damit kommt Stor Ö, die grosse Insel mit ihrer charakteristischen Form eines vergletscherten Plateauberges in Sicht. Das Ende des Ö Fjordes ist damit zwar noch nicht erreicht aber zumindest absehbar. Stor Ö ist wie ein Fahrbahnteiler zwischen dem Ö Fjord und dem nach SSW abzweigenden Snöfjord.
Nach Aussage unserer Jäger sollte hier irgendwo ein guter - und einziger - Platz für ein Camp sein. Ich schliesse die Bucht, die wir eben queren schon auf den ersten Blick aus; die Ufer sind viel zu steil und einige vorhandene Uferabschnitte zu schmal um dort genügend Platz zu haben. Und wenn doch sind diese zu nah am Wasser um Schutz bei auflaufenden Kalbungswellen bei Abbrüchen zu bieten.
2 Nasen weiter werden wir fündig. Wir kommen zu einer kleinen Bucht mit flaschengrünem Wasser, eingerahmt von steil aufragenden Bergen aus rotem Gestein. Auf einem Absatz in ca. 30m Höhe befindet sich ein leicht unterteiltes terassenförmiges Plateau mit guten Möglichkeiten für ein Camp. Ich muss Grinsen als ich das sehe. Gestern wollten die Kollegen nicht aufs Plateau weil zu anstrengend - heute müssen sie: es gibt keine andere Möglichkeit. Wasser hats leider keines auf dem Platau. Aber im letzten Winkel der Bucht kommt ein Bach mit klarem Wasser aus den Bergen herunter. Leider ist dieser wegen steiler Wände nur vom Wasser aus erreichbar.
Mittlerweile ist es 2200 und der Himmel ist stahlgrau, es hat aber noch nicht zu regnen begonnen. Eben war ich noch beim Sammeln von Krüppelholz unterwegs. Das Tarp ist als Wetterschutz für die Wache & zum Kochen bei Regenwetter über einen grossen Findling gespannt. Heute fange ich wieder mit der ersten Wache ab 2300 an.
Der Entscheid für die kommenden Tage ist auch getroffen: wir bleiben auf der Nordseite des Fjordes am Storehamrene und drehen dann auf N in den Rypefjord.




14. August
gleicher Platz, 988HPa

Der Regen hat uns dieses Mail mit 15stündiger Verspätung erreicht. Heute Mittag hat es zunächst zaghaft zu tröpfeln begonnen, nur vereinzelt war das nachdrückliche Ponk, Ponk, Ponk der schweren Tropfen auf dem Zelt zu hören. Mittlerweile regnet es ergiebig.
Gestern abend hatte ich noch mühselig Alt- und Krüppelholz für ein Feuerchen gesammelt; aber die Arbeit hat sich rentiert. Alle ausser Klaus waren bereits im Schlafsack (das ist den Bärenwachen geschuldet; auch ich muss früh in den Schlafsack wenn ich eine der mittleren Wachen habe und genügend Schlaf bekommen will); wir hatten es gemütlich, warm und heimelig. Es ist immer wieder faszinierend, was auch ein auch noch so kleines Feuerchen für einen Behaglichkeitsfaktor schafft: Wärme, Licht, Geborgenheit. Das Schüren der Glut, nachlegen, herumstochern. Wärme im Gesicht und Hitze an den Hosenbeinen. Rauchgeruch in der Nase. Bis meine Wache dann angefangen hat war das Holz aber auch schon wieder alle.

Es war eine schöne Wache - windstill, kein Regen, blaue Stunde bei tief hängenden Wolken und Zwielicht. Wolkenbasis bei ca. 2.000m, allmählich tiefer kommend. Die Eisberge im Fjord leuchten bläulich im Dämmerlicht. Ab und zu kräuselt ein Windhauch punktuell die Wasserfläche, ansonsten ist alles ruhig.
Unter dem Tarp, das neben einem grossen Findling steht, ist eine gemütliche, geschützte Höhle entstanden in der man auf Zwergbirken und Heidekraut sitzend einen schönen Blick auf den vis a vis liegenden Korridoren Gletscher hat.
Heute morgen ist es immer noch trocken aber die Wolken sind tiefer gekommen. Es sieht aus als ob es jeden Moment zu schütten beginnt. In Richtung Westen - also Stor Ö - ist der Himmel dunkelgrau, schwarz, fast tintig. Wir entscheiden hier zu bleiben, es scheint wieder ein grösseres Regengebiet im Anmarsch zu sein. Nachdem meine Verletzungen an Knöchel und Knie gut abgeheilt sind und ich mich wieder normal und ohne Schmerzmittel bewegen kann überlege ich noch kurz, ob ich mit dem Schirm 300 - 400m aufsteigen soll um mir noch etwas Bewegung vor dem Regen zu verschaffen. Das Plateau auf dem die Zelte stehen bietet eine für grönländische Verhältnisse ideale Landewiese. Die Entscheidung fällt dann aber doch für Zelt, Ebook und ein anschliessendes Nickerchen aus dem ich erst erwache nachdem der regen eingesetzt hat.


17. August - Rypefjord


Jetzt sind wir doch glatt 3 Tage / 4 Nächte auf dem Plateau gesessen...
Schietwetter dass. 2 Tage richtigrichtig schlecht mit viel Regen aber kaum Wind.
Da wir ja kein fliessend Wasser auf dem Plateau haben (auch nicht nach dem ergiebigen Regen da sandiger Boden) müssen wir jeden zweiten Tag in die Kajaks um ans Ender der Bucht zu kommen wo der Bach aus den Bergen mündet. Teilweise fangen wir auch das Wasser in Töpfen auf die wir unter die Ecken des Tarps stellen um unsere Vorräte zu strecken. Viel gelesen & geschlafen.
Gestern war das Wetter bei laminarem (also beständigem) Wind aus W schon erheblich besser, es begann sogar abzutrocknen. Ich entschliesse mich den Schirm herauszunehmen um etwas Groundhandling zu betreiben. Bis ich den Schirm parat habe ist der Wind wieder eingeschlafen...

Heute habe ich wieder die letzte Wache von 0500 - 0700 gehabt. Es war trocken aber kalt da der Wind von W kräftig aufgefrischt hat. Bis zum Frühstück ist der Wind aber wieder eingeschlafen und noch besser - bis wir in den Kajaks sind dreht er leicht auf NO. Dadurch gingen die gut 30km des heutigen Tages dank Rückenwind & zusätzlichen leichten Schub der Wellen relativ zügig vonstatten. Camp habe wir auf der Ostseite des Rypefjords bei der Einmündung von zwei aus dem Hochland kommenden Flüssen gemacht. Hier habwen wir letzten Herbst mit der Tilvera die Trinkwasserbunker aufgefüllt.
Stichwort Tilvera:
ich habe heute mit Heimir telefoniert - sie kommen morgen von Röde Ö her in den Rypefjord, wir sollten uns also treffen - in der Hoffnung, unseren nicht brennbaren Müll abgeben und dafür im Gegenzug Brot, Käse und Bier zu bekommen...

Kurzerhand packe ich Schirm, Helm, Retter und einige Kleinigkeiten in den Rucksack und steige auf den Höhenzug der gleich nördlich unseres Plateaus beginnt. Jörg begleitet mich, auch er hat Bewegung nötig. Die Rinne in die wir einsteigen wird immer steiler und schmaler. Der Fels ist nass und das Gestein teilweise ziemlich brüchig; aber binnen einer guten Stunde sind wir auf fast 400HM angekommen.
Von Westen kommen immer wieder Wolkenbänder hereingezogen und hüllen die Vorgipfel in Nebel. Ausserdem dreht der Wind auf N und ich bekomme damit Abwind. Parawaiting ist angesagt. Ich schaue mir mehrere mögliche Startplätze an die a) wenig Bewuchs aufweisen müssen und b) nach dem Startlauf genügend Luft nach unten haben, damit ich nach der Kante, wenn der Schirm einige Meter durchsackt bevor er trägt nicht noch irgendwo aufpralle.
Ich ziehe den Schirm im richtigen Moment auf und lande nach einem mehrminütigen Abgleiter viel zu schnell auf unserem Plateau. Wehrmutstropfen - beim Start haben sich einige der nicht ummantelten Trag- und Bremsleinen in den Zwergbirken und -weiden verfangen und sind gerissen. Weiterfliegen werde ich aber trotzdem...

18. August - Harefjord
Ternevigerne

Am Rypefjordufer ist es morgens noch bedeckt und leicht windig. Dementsprechend schnell geht das Frühstück vonstatten. Wir wollen heute zuerst südwestlich zur Spitze der Hofmann Halbinsel queren um dann nach Westen in den Harefjord einzufahren. Als wir die Querung von 5km hinter uns haben und eben um das Kap herumpaddeln sehen wir die Silhouette eines Traditionsschiffes auf uns zukommen - die S/V Opal von North Sailing kommt auf uns zu, gefolgt von der S/V Hildur.
Grosses Hallo, wir haben uns gegenseitig nicht erwartet. Aber wir können unseren Müll abgeben und werden mit einem Karton Bier reich beschenkt. Nach einem längeren Plausch machen wir uns wieder auf den Weg, ebenso Opal und Hildur. Klar waren wir die Attraktion für deren Gäste...
Ab dem Kap haben wir leichten Rückenwind, die ersten blauen Flecke zeigen sich am Himmel. Über den rötlichen Sandsteinhängen der umliegenden Berge ziehen immer noch flauschige, langgezogene Wolkenbänder; die Gletscher auf 1.800m sind bereits frei. Ich setze mich nach einer Kaffepause von der Gruppe ab & mache Eisberghopping quer über den Fjord, während die anderen am Ufer bleiben und quasi jede Bucht ausfahren. Ich geniesse dabei vor allem die Stille ohne das Hintergrundrauschen der ständigen Gespräche.
Als wir am späteren nachmittag am Fjordende nach einem Platz für unsere Zelte suchen, stossen wir unvermutet auf eine Gruppe Moschusochsen die direkt an der Uferkante stehen. Kajaks kennen diese anscheinend nicht, sie lassen uns bis auf wenige Meter herankommen. Leider muss innerhalb der Gruppe auch in dieser Situation wieder geredet werden - und das noch dazu in normaler Lautstärke. Natürlich ist die Herde daraufhin blitzartig verschwunden.
Dann folgen wieder endlose Diskussionen über einen Platz fürs Camp der allen passt. Ich halte mich dabei zunehmend zurück und bin gespannt, was passiert. Die Salzwiesen (bei Flut unter Wasser) werden zuerst von Rikki angesteuert weil es dort schön flach ist. Jörg scoutet derweilen 200m weiter auf einen Platz auf einem Plateau der schöne Aussicht bietet - abgelehnt, da zu hoch und zu weit zu tragen. Ich habe für mich einen Felsriegel erspäht, auf dem 2 Zelte gut Platz haben und ein drittes ein wenig abseits - dort steht wenig später mein Zelt.
Im Anschluss gehe ich mit Jörg zum Wasserholen, einmal der Bucht entlang. Dort springt ein Bach über mehrere Felsstufen aus dem Hochland herab zur Bucht. Von diesem Plateau hat man einen wunderschönen Blick über den mit Eisbergen gefüllten Fjord hinüber zur gut 40km entfernten Stor Ö und den Ö Fjord hinein.. Und - der Indian Summer hat begonnen. Vereinzelt werden die Zwergbirken bereits orange, die Zwergweiden gelb.

Zurück im Camp werden hinter dem abschirmenden Felsriegel der Bucht plötzlich Masten sichtbar die ich kenne: die TILVERA ist da... Belen erzählt mir später, dass sie auf der Pirsch nach Moschusochsen für die Gäste so viel Zeit verloren haben dass Heimir kurzfristig umdisponiert & den Ankerplatz hier im Harefjord angelaufen hat. Die Freude auf meiner Seite ist natürlich riesig...
Abends, nachdem die Gäste abgefüttert sind kommen Heimir & Belen mit dem Dingi noch für einen Plausch zu uns - im Gepäck einen weiteren Karton Bier. Auf Nachfrage ob wir noch etwas bräuchten fällt mir nur Brot ein. Heimir kommt später am Abend nochmals und überreicht mir eine Tüte mit - Brot, Kräckern, Weisswein, einem grossen Camembert und, ja, Weintrauben. Ich bin sprachlos und weiss nicht wie ihm danken soll.
Glamping in ostgrönländischen Fjorden...
North Sailing hat einen kompletten Rundlauf stornieren müssen da die Piste in Nerleerit Inaat zu nass für den Betrieb war. Heimir hat die alten Gäste mit Tilvera nach Island gebracht und von dort die nächsten Gäste geholt. Und bei Hekla Haven habe ein Eisbär die Opal geentert erzählt er weiter. Glücklichweise sei niemand zu Schaden gekommen...




19. August - Stor Ö

Nach den zwei Bier und etwas Wein von gestern abend habe ich mir mit dem Aufstehen heute morgen etwas schwer getan... Aber - das Wetter ist gut, wir haben blauen Himmel. Auf geht's!
Obwohl wir alle mit dem Abbau der Zelte nahezu zeitgleich beginnen bin ich wieder der erste im Kajak und muss eine geraume Zeit auf meine Kollegen warten. Jörg will unbedingt noch um die nächste Felsecke, um noch näher an die beiden namenlosen Gletscherzungen zu kommen - nun gut. Ich setze mich derweilen ab und vertreibe mir die Zeit bei einem markanten Eisberg mit der Kamera. Als die Truppe wieder zurück kommt treffen wir uns am Südufer des Harefjords und laufen nach Osten. Dabei haben wir Stor Ö und Ö Fjord mit den steil aufragenden Bergen und vergletscherten Kuppen stets im Blick. Ab und zu sehen wir kleien Gruppen Moschusochsen am Ufer. Während der Mittagsrast am Südufer finde ich einen halb vergrabenen, vollständig skelettierten Moschusochsenschädel im roten Sand; beide Hörner mit den dicken Hornplatten sind noch komplett erhalten. Ich kann nicht widerstehen, mache ihn sauber und befestige ihn mit einem Spanngurt vor dem Pelicase auf dem Oberdeck. Schwer ist der Kamerad, ich schätze ihn auf 5 - 6 kg. Auch wenn ich noch nicht weiss wie ich Heimir in die Schweiz bekommen soll - ich nehme ihn mit und zeige ihm die Welt.
Das heutige Programm haben wir gestern abend durchgesprochen; für mich ist klar dass wir ab dem Kap den Rödefjord queren und zur Stor Ö übersetzen. Das Wetter ist gut - sonnig, einige Quellwolken über den Bergen, weder Wind noch Wellen. Und wieder wird angefangen zu diskutieren. Klaus stellt die Frage in den Raum - queren, ja/nein? Nach dem Kap auf dem Westufer des Rödefjordes bleiben? Mimimimi... Ich bin doch zum Kajakfahren hier und nicht um Diskussionsrunden abzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt bin ich wirklich kurz davor dass mir etwas rausrutscht. Bestes Wetter, Badewannenkonditionen - und dann wird ausgiebig darüber diskutiert ob wir queren sollen oder nicht. Ich verstehe es einfach nicht. Als das durch ist macht sich Klaus weiter dafür stark, direkt zu queren - also auf dem kürzesten Weg direkt nach Osten anstatt diagonal nach SO. Bei schlechteren Konditionen würde ich sofort zustimmen aber heute, bei dem Wetter? Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist immer noch die Gerade; wir müssen nach der Querung am Ufer weiter nach Süden.


Nach der halben Strecke mache ich den Vorschlag, jetzt nach SO einzudrehen um etwas Weg abzuschneiden - wieder abgelehnt. Es ist schliesslich ausgemacht, dass wir direkt queren. Ab diesem Punkt setze ich mich ab und mache mein eigenes Ding: Eisberghopping quer über den Fjord... Als wir uns zwei Stunden später wieder treffen haben wir die nächste Diskussionen - es geht um einen Platz fürs Camp. Klaus und Rikki landen an der ersten möglichen Stelle, schauen sich um und diskutieren. Nicht gut genug. Obwohl, Trinkwasser gibt es, es ist etwas uneben. Weiterfahren will aber auch keiner mehr. Ich sprinte ein Stück voraus und finde einen annehmbaren Platz der schliesslich von allen akzeptiert wird.
Ich bin aus der Summe der letzten Tage so angefressen, dass ich den Entschluss fasse, in Zukunft wieder alleine (oder mit Bea) loszuziehen. Keine Diskussionen mehr, kein Hintergrundrauschen den ganzen Tag. Ich mag mich nicht mehr ärgern und nicht mehr auf andere warten. Eine Gruppe braucht einen Lead der das Heft in der Hand hält und sagt wo es lang geht. Ich gestehe Klaus gerne zu dass er mehr Kajakerfahrung hat als ich. Aber die grössere Expertise in Grönland habe ich.
Ich merke, dass ich mich von der Gruppe immer weiter zurückziehe. Beim Abendessen sitze ich abseits. Ich will in Ruhe den Blick auf den abendlichen Fjord und die Stille geniessen. Ich gehe früh in den Schlafsack um wenigstens drei Stunden Schlaf bis zu meiner Wache zu bekommen.


20. August - Stor Ö
Hike & Fly I

Heute habe ich meine erste richtige Hike & Fly Mission in Grönland absolviert - 1.100 Höhenmeter mit einem anschliessend rund 20 minütigen Flug. Ich bin rundherum glücklich.
Für heute haben wir die Gruppe gesplittet. Jörg und ich wollen ins Bergland von Stor Ö aufsteigen um einen Blick von einem der Pässe aus in den Snöfjord zu erhaschen. Wir wollen früh los und lassen uns dementsprechend schon um 0630 von der letzten Wache wecken. Der Rest will ausschlafen und eine kleinere Wanderung mit weniger Höhenmetern unternehmen.
Über Nacht hat es sich zugezogen; es ist windstill und die Prognosen für heute sind gut - ab Mittag sollte die Sonne durchkommen. Gleich nach dem Frühstück schultern wir die Rucksäcke und machen uns an den Aufstieg. Das Vorankommen auf dem weichen, nachgebenden Tundraboden ist beschwerlich; bei fast jedem Schritt versinken die Füsse bis zum Oberleder der Stiefel oder sogar bis zum Knöchel im weichen Untergrund.
Dementsprechend versuchen wir auf felsigen Untergrund oder vom Wind abgeblasenen Rücken zu laufen. Trotz kalten Abwinds von den Bergen und bedecktem Himmel bin ich sehr bald nur im T Shirt unterwegs und schwitze trotzdem. Jörg mit seiner Läuferstatur ist zäh, flott und mir immer etwas voraus; wir machen trotz des Untergrunds gut 400 Höhenmeter in der ersten Stunde. Auf einem der ersten Plateaus stossen wir auf einen einzelnen Moschusbullen. Der beäugt uns zunächst misstrauisch bevor er mit wehenden Schössen das Weite sucht. Nach einer weiteren schweisstreibenden Stunde sind wir auf der Passhöhe. Leider ist der Winkel zu flach um durch das sanft abfallende Tal einen Blick in den Snöfjord werfen zu können. Ab hier sind wir oberhalb der Vegetationsgrenze, dementsprechend einfacher wird das Vorankommen. Vorherrschend sind jetzt blanker Fels und vom Frost abgesprengtes Gestein, durchsetzt von kleinen Schmelzwasserbächlein und Moosen.
Wir steigen in einem Quertal weiter auf, zunächst nach Süden, dann wieder nach Osten. Noch vor dem Mittag erreichen wir ein sanft nach SO abfallendes Plateau das nach wenigen als hundert Metern jäh in eine Steilwand übergeht. 1.100 Meter unter uns liegt der Snöfjord, übersäht mit zahlreichen Eisbergen in jeglicher Grösse und Form. Auf der anderen Seite des schmalen Fjordes ragen die fast senkrechten 2000er von Milne Island empor, gekrönt von ihren Eispanzern.


Mehrere Gletscher münden wasserfallartig fast lotrecht vom Plateau in den Fjord. Passenderweise kommt jetzt die Sonne durch die Wolken; nach Westen und Nordwesten ist es bereits klar. Über den roten Hängen des Harefjordes sieht man Quellwolken stehen - beste Flugbedingungen, die Thermik ist schon da.
Vom Plateau steigen wir nochmals einige Meter auf und haben damit einen phänomenalen Panoramablick. Die ausgewaschenen roten Sandsteinberge auf der andern Seite des Rödefjords wirken im Licht wir Scherenschnitte. Wir sind so hoch dass wir diese überblicken und bis ans Ende des Harefjords mit unserem letztem Camp sehen können. Und endlich ein Tag ohne Hintergrundrauschen.
Wir sehen zu, dass wir für die Mittagspause aus dem Wind kommen und teilen uns einen Becher Suppe, Kaffee und einige Riegel. Die Sonne wärmt uns dabei schön den Rücken.
Die Startbedingungen sind bestens: laminare Anströmung von SW mit 6-8 kts. Den ersten Startplatz verwerfe ich allerdings wieder. Ich müsste in ein Nebental mit wenig Gefälle einfliegen und bin mir nicht sicher ob der Aufwind & Gleitwinkel des Schirms ausreichend sind, dass ich es bis ins Haupttal hinüberschaffe und von dort weiter zur Küste hinausfliegen kann. Ich gehe auf Nummer sicher und steige einige Meter ins Haupttal ab, quere dieses und mache auf einer Hochfläche den Schirm parat. Der Wind hat aufgefrischt sodass ich die Hinterkante des Schirms mit mehreren kleinen Steinen beschweren muss um die Leinen sortieren zu können. Als ich wenig später den Schirm aufziehe werde ich vom Wind beinahe ausgehebelt. Zwei Schritte genügen und ich bin bereits in der Luft - Airborne! Auch wenn ich kein Vario mitgenommen habe - ich merke schnell dass der Wind ausreichend ist um an Graten, Rücken und Kanten entlang Soaren zu können und dabei noch Höhe zu machen. Perfekte Flugbedingungen. 20 Minuten Später lande ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf einer kleinen ebenen Fläche in der Nähe der Zelte.



21. August - Sorte Ö
Hike & Fly II

Heute standen bis zum nächsten Camp nur 12km auf dem Programm, dementsprechend spät sind wir wieder los.
Am Südende von Stor Ö trenne ich mich von den anderen, die direkten Kurs auf Sort Ö (die kleine Insel) nehmen wollen. Das Licht bei bedecktem Himmel ist diffus und weich, auch habe ich schön geformte Eisberge gesehen; das möchte ich nutzen um zu fotografieren.
Aber zunächst ist erst mal ein Kaffee auf einem Felsen angesagt nachdem die Sonne durch die Wolken blinzelt. Ich fahre Zickzack zwischen wunderbar geformten Eisbergen, quere Felder mit kleinem Brucheis und kann schliesslich auch einen Blick in den Snöfjord werfen. Dann kommen 3 wahre Giganten mit einer Kantenlänge von 300 Meter und mehr in mein Blickfeld. Die Höhe taxiere ich mit 60m wenn nicht sogar mehr. Die von Schmelzwasser überronnenen Abbruchkanten der Flanken leuchten silbrig im Gegenlicht. Die Dimensionen aus meiner Froschperspektive sind titanisch; es ist unmöglich diese Grössenverhältnisse mit der Kamera einzufangen. Als ich nach dem ersten Koloss um die Ecke komme höre ich es rauschen - ein Wasserfall. Von da an gibt es für mich kein Halten mehr. Das Schmelzwasser stürzt von gut 60m Höhe herunter, die Aufschlagfläche auf dem Wasser hat gute sechs Meter im Durchmesser.
Ich schlucke einmal trocken, ziehe die Kapuze über, schalte die GoPro auf dem Pelicase ein und los gehts mit erhöhtem Puls. Ich bin so nah an der senkrechten Eiswand, dass ich teilweise aufpassen muss nicht mit dem Paddel daran zu kratzen. Auf der einen Seite ist das grob fahrlässig was ich da mache - auf der anderen Seite flasht mich das Adrenalin, ich fühle mich lebendig wie selten. Dennoch - wenn jetzt ein Teil der Wand ein- oder abbricht oder ein Flip stattfindet dann war's das für mich. 3m Abstand zu einer 60m lotrechten Wand aus Eis. Unter dem Kajak leuchtet das Wasser grün vom unterseeischen Aufbau des Eisbergs. Die Dusche die ich schliesslich bekomme ist eiskalt und erfrischend. Der Druck und die Menge des herabfallenden Wassers ist so gross dass ich merke wie das Kajak merklich in die Knie geht und weiter eintaucht. 20 Minuten später knirscht der Bug meines Explorers auf dem Kiesstrand von Sorte Ö.


Wenig später steht auch mein Zelt. Ich nehme noch einen schnellen Kaffee, packe Schirm und Flugausrüstung in den Rucksack und mache mich auf den Weg in die Berge. Ich möchte zum höchsten Punkt der Insel - P 610 aufsteigen. Schliesslich ist es erst kurz vor zwei; ich habe nicht vor, den restlichen Tag nur herumzusitzen oder nur einen Spaziergang am Strand zu machen.
Ich geniesse die Einsamkeit vom ersten Schritt an, geniesse es meinen eigenen Rhythmus gehen zu können; nichts stört die Stille. Es ist spätsommerlich warm - T Shirt Wetter. Trotz aufgekrempelter Hosenbeine fliesst der Schweiss in Strömen. Zunächst folge ich dem Bach, der unser Camp mit Wasser versorgt. Im steinigen Bachbett lässt es sich erheblich einfacher vorwärtskommen als auf dem weichen, teilweise sumpfigen Boden nebendran.
Setzt in den unteren Lagen die Herbstfärbung nur punktuell und sehr zögerlich ein, herrscht ab ca. 250 - 300 Höhenmeter bereits Indian Summer: die Zwergbirken sind orange und dunkelrot gefärbt, Heidelbeersträucher knallrot und die Zwergweiden gold, gelb und braun. Als ich nach zwei Stunden schliesslich auf dem Kamm bin wird es märchenhaft. Der Blick wird vom darunter liegenden Snöfjord und den herabfallenden Gletschern Milne Islands angezogen. Genau rechtzeitig bricht auch das Licht wieder durch die Wolken: die Eisberge im tief unter mir liegenden Wasser leuchten wie Smaragde im Licht, türkis deren Unterbau. Ich kann gar nicht beschreiben wie ich es geniesse den Berg, den Blick und die Stimmung für mich alleine zu haben. Ich stecke mir eine Pfeife an, verliere mich im Anblick der Landschaft und hänge meinen Gedanken nach.
Dann heisst es Schirm parat machen und fliegen. Der Start gestaltet sich etwas knifflig da der leichte Wind eingeschlafen ist. Aufziehen auf dem kleinen Felsvorsprung ist kein Problem - aber ich kann platzbedingt keinen richtigen Startlauf machen... Nach der Kante geht es 10, 15m nach unten, dann kommt ein neuer Absatz. Ich weiss ja dass der Schirm erstmal durchsacken wird. Aber reicht das wirklich? Viel Platz wird da nicht mehr sein.
So war's dann auch. Zwischen meinen Allerwertesten und den Felsabsatz war nicht mehr viel Platz. Auf der Verfolgerkamera sieht das schon spektakulär aus... Dieser Flug ist noch schöner als der vorherige, auch wenn es weniger Höhenmeter waren. Aber das punktuelle Abendlicht auf den Eisbergen im Snö- und dann im Rödefjord sind spektakulär. Leider habe ich erst im Nachhinein festgestellt dass die Helmkamera nicht gelaufen ist. Aber es gibt schlimmeres..N



22. August - Strömbugt
Milne Island

Heute haben wir nur die 12 km bis zur Strömbugt gemacht anstatt gleich zum Abbruch des Rolig Brae (langsamer Gletscher) auf der Westseite des Rödefjordes zu queren - na ja. Ich bin zunehmend enttäuscht von der mangelnden Leistungsbereitschaft und der fehlenden Flexibilität meiner Mitstreiter. Das entwickelt sich immer mehr zum Campingurlaub... Vielleicht ticken wir aber auch nur komplett anders. Ich bin so gepolt dass ich möglichst viel machen, möglichst viel sehen will. Ich will wissen wie es im nächsten Fjord, nach der nächsten Felsnase, hinter der Bergkuppe aussieht. Und ich möchte mich auf diesen Touren körperlich ausarbeiten.
Der Tag war trotzdem schön.
Es ist frisch heute morgen, ich ziehe gerne meinen langen Fleece unter den Trocki, die Mütze habe ich sowieso auf dem Kopf. Ich fahren den anderen wie mittlerweile gewohnt weit voraus und warte in längeren Abständen. Die Wartezeit verbringe ich meistens in der Nähe von interessant geformten Eisbergen und arbeite mit der Kamera. Mittags landen wir auf flachen Klippen an, die Sonne komt durch. Der Platz ist aber nicht so ideal wie er anfänglich ausgesehen hat - ständig schieben Wellen von Abbrüchen oder kenternden Eisbergen die Boote hin und her, versuchen sie mit sich zu nehmen.
Die Sandsteinhänge am Westufer leuchten satt in ocker und rot im Licht. Mit jedem Paddelschlag kommt der Rolig Brae besser in Sicht - ein Gletscher mit sehr geringem Gefälle, der sich majestätisch über viele Kilometer vom Inlandseis herunter windet. Durch den flachen Winkel wirkt er aber umso eindrucksvoller. Die Abbruchkante ist mehrere Kilometer breit.

Einige Kilometer später biegen wir in die Strömbucht ein. Jetzt wäre es nicht mehr weit bis zu roten Insel mit ihrem Eisbergfriedhof - aber das ist nicht unser heutiges Ziel. Als ich das Höhenprofil und die Bergketten in der Bucht sehe weiss ich was ich morgen machen werde - ich gehe zum Fliegen!
Das Wasser ist kristallklar und die Bucht voller Eisberge. Ich scoute einen netten Platz hinter den Klippen mit perfektem Blick auf die Bucht für's Camp - und wieder haben wir Unstimmigkeiten, da der Untergrund etwas wellig und nicht allen genehm ist. Ich verkneife es mir mich in die Diskussion einzumischen. Aber als ein Teil der Gruppe auf einen topfebenen Platz weiter hinten ohne Sicht auf die Bucht und ohne das gewisse Etwas ausweichen will lege ich mein Veto ein. Abends teile ich den anderen meine Entscheidung mit, dass ich mich für 2 Tage von der Gruppe trennen werde um morgen zum Fliegen gehen zu können. Klaus beginnt wieder mit einer Diskussionen über Sicherheit, Aufsplitten der Gruppe - das blocke ich ab, meine Entscheidung ist gefallen. Ich brauche Zeit für mich. Der Rest quert morgen zum Rolig Brae hinüber, verbringt dort die Nacht und quert übermorgen dann hinüber zur Roten Insel, wo wir uns wieder treffen werden. Ich bin morgen nachmittag wieder am gleichen Platz zurück.
Abends gibt es als Apero für jeden 2 Streifen Trockenfisch, dazu ein Bier. Im Anschluss Suppe. Das Hauptgericht - unseren Tütenmampf - verzehren wir andächtig mit Blick auf die im Abendlicht treibenden Eisberge. Für mich ist dieser Blick, diese Abendstimmung eine Gnade, ein unerhörter Luxus in unserer schnelllebigen Zeit.
Holz gibt es reichlich am langen Kiesstrand. Schon bald brennt ein Feuer in dem Ofen, den Tom auf die Schnelle aus Bruchsteinen aufgeschichtet hat. Als ich in den Schlafsack schlüpfe geht eben der Mond über den Bergen auf. Ich habe wachfrei und kann durchschlafen.




23. August - Strömbugt
Milne Island / Hike & Fly III

Jörg hat heut morgen die letzte Wache und weckt mich vor den anderen. Als ich aus dem Zelt schlüpfe, erreicht eben die Sonne unser Camp. Es ist still und friedlich, der Rest der Truppe schläft noch. Bald brummt der Kocher mit seinem typischen Hubschraubergeräusch und Kaffeeduft erfüllt wenig später die Luft. Eine gute Stunde später ist der Rucksack gepackt und ich bin startbereit.
24 Stunden alleine - Hurra!
Zunächst quere ich einen spärlich bewachsenen, topfebenen Sander. Dabei habe ich den namenlosen Gebirgsfluss, der das Bergmassiv entwässert zu meiner rechten. Aber bald erreiche ich Tundraboden, es wird mühsam. Jeder Tritt federt im Boden nach. Steine sind überwachsen, Löcher im Boden dadurch nur schwer zu erkennen. Nach einer guten Stunde verzweigt sich das Flüsschen in einer Schlucht; Altschnee des letzten Winter liegt noch meterhoch im Schatten. Ich quere das Flussbett oberhalb der Schlucht und folge dem Hauptlauf.
Grösstenteils bleibe ich im Flussbett; das Springen von Stein zu Stein und das Klettern über die Felsen ist effizienter und viel schneller als die bewachsenen Hänge hinauszusteigen - vom Spass mal ganz abgesehen. Ab & zu stosse ich auf Stufen, über die das Wasser kaskadenartig in die Tiefe stürzt; der häufig vorkommende Altschnee im Flussbett zeigt teilweise Anzeichen von Vergletscherung.
Nach jeder Stufe, vor jedem neuen Tal oder Hochfläche werfe ich erst einen prüfenden Blick in die Runde. Ich möchte nicht plötzlich vor einem Moschusochsen - oder schlimmer, einer Herde mit Kälbern gegenüberstehen und diese aufschrecken. Das könnte schnell ins Auge gehen. Ab und zu werfe ich einen Blick zurück. Bereits auf 400m Höhe ist der Blick über die mit Eisbergen gefüllte Strömbucht, den Rödefjord, den vergletscherten Bergmassiven der Fjordufer und dem landfallenden Rolig Brae nicht von dieser Welt. Und noch liegen 700 Höhenmeter vor mir. In einem Quertal stosse ich schliesslich auf einen Moschusbullen. Wir beäugen uns beide mit gesundem Misstrauen; als ich weitergehe, schnaubt er einige Male vernehmlich, dreht sich um und läuft ab.
Wenig später erreiche ich das nächsthöhere Plateau. Die Vegetation ist hier auf 500m schon spürbar spärlicher und das vorwärtskommen erheblich einfacher. Die Kuppen sind verblasen und gänzlich ohne Bewuchs. Plötzlich ein lautes Schnauben - ein Bulle steht als Silhouette im Gegenlicht auf dem nächsten Kamm und reibt sich an einem Findling. Ich ziehe mich hinter einen grossen Stein zurück. Der Wind kommt talwärts, er hat mich noch nicht aufgenommen. Kurz darauf kommen 3 Kühe mit zwei Kälbern heraufgezogen, alle im Gänsemarsch. Sie bemerken mich ebenfalls nicht da der Wind gegen mich steht; so kann ich die Familienidylle in Ruhe betrachten. Als die Herde durch und auch der Bulle verschwunden ist quere ich rasch das Hochtal und turne auf den nächsten Höhenzug - Kaffeepause mit Aussicht und Sonne, ich bin auf 650 HM.
Der Weg zum Gipfel zieht sich, ich bin bereits mehrmals komplett durchgeschwitzt. Das Hochtal führt neben einem Steilabfall weiter nach oben, ich turne neben einem Wasserfall über die Felsen weiter hinauf. Oben fliesst der Bach über eine weite Hochebene und springt dabei über viele fast parallel verlaufene Felsrippen, die prima zum Laufen sind.
Der Gipfel ist mittlerweile nah. Noch 150 Höhenmeter Kraxelei über ein Blockfeld, dann bin ich oben. Der Wind hat im Tagesverlauf und mit zunehmender Höhe aufgefrischt, trotz Sonne ist es bitterkalt. Ich wechsle das nasse T Shirt und ziehe alles an was ich dabei habe - dünnen Fleece, Fleecejacke, Daunenjacke, Goretex. Dann Mittagspause im Windschatten einer Felsnadel: Kaffee, 2 Snickers, eine Pfeife. Den Panoramablick gibt's gratis dazu. Ein Start vom Gipfel ist mangels Platz zum Schirm auslegen & vorbereiten und des Windes für mich nicht durchführbar - ich gehöre leider nicht zu den Cracks, die mit einer eleganten Handbewegung den Schirm in den Wind werfen, im nächsten Atemzug aufziehen und dann auch schon in der Luft sind. Soviel Zeit habe ich in meine Groundhandlingskills nicht investiert. Meine Wenigkeit steigt lieber 100HM ab und findet einen perfekten Platz in Windrichtung zum Auslegen & Starten, der sogar fast frei von leinenkillendem Pflanzenbewuchs ist.
20 Minuten später ziehe ich den Schirm auf und bin nach wenigen Schritten in der Luft. Anfangs bin ich ziemlich skeptisch, ob die Gleitleistung des Single Skins ausreicht um die Küste erreichen zu können. Aber dank Aufwind über den Kämmen und vereinzelten thermischen Ablösungen kann ich unterwegs noch genügend Höhe gewinnen um eine Punktlandung hinzulegen. Faxen wie Wingovers oder schnelle Kreise, ganz zu schweigen von einer Spirale waren aber nicht drin - es hat eben so gereicht...
Fazit
3 1/2 Flüge bis jetzt - (eigentlich) besser als erhofft. Jetzt nach der Abendfütterung sitze ich mit einem Pott Kaffee in der Stille auf den Klippen in der tiefstehenden Abendsonne. Im Hintergrund das nicht endende Rauschen des Flusses im kiesigen Delta. Direkt vor mir das Geräusch fallender Wassertropfen einer auf Grund gelaufenen und vergänglichen Eisskulptur. Ab und zu Donnern, Grollen, Bersten, Splittern und ein Rauschen: dann ist wieder einer der Eisriesen kollabiert; zeitversetzt erreichen die Schockwellen das Ufer. Ganz glücklich wäre ich jetzt wenn ich den Augenblick mit Bea teilen könnte - ich vermisse sie. Das werde ich ihr aber nicht sagen...





24. August - Röde Ö
Auf der Roten Insel - Rödefjord
Es folgt eine wunderbare ruhige Nacht in der Strömbucht alleine im Zelt. Nachdem wir ja für solche Fälle die Sicherheitsausrüstung doppelt dabei haben habe ich letzten Abend den Bärenzaun in grossem Abstand ums Zelt aufgestellt; das Nico lag griffbereit im Vorzelt und die Pumpgun durchgeladen neben meinem Schlafsack.
Mit Bärenzaun demontieren, packen und Wasser fassen (auf de roten Insel gibt es kein Frischwasser) bin ich um kurz vor halb zehn auf dem Wasser. Es ist nicht weit, ich muss nur die Strömbucht queren. Es ist wolkenlos aber leider etwas dunstig. Leichter Rückenwind schiebt mich quer über die Bucht. Je näher ich der roten Insel komme desto dichter liegen die auf Grund gelaufenen Eisberge gepackt: ich habe Eisbergcity, oder auch den Eisbergfriedhof erreicht. Der Name liegt in der Topografie begründet: Insel und Festland bilden einen immer schmaler werdenden Trichter, in den Wind und Strömung grosse Eisberge hineinschieben. Diese laufen dort auf Grund und bleiben solange liegen bis sie in kleinere Stücke zerbersten und/oder schmelzen.
Ich bin früh dran - bereits mittags lande ich in der kleinen, nach N ausgerichteten Bucht. Die Truppe braucht noch länger. Ich habe Jörg über VHF erreicht; sie haben brutal viel Eis zu queren, das aus dem Vestfjord herausgepresst worden ist. Ich entschliesse mich mittlerweile, das Camp aus sonnentechnischen Gründen auf der Westseite der Insel zu machen.
Spätnachmittags nach dem Campaufbau machen wir noch einen Spaziergang auf die roten Sandsteinklippen, die der Insel ihren Namen gegeben haben. Der Blick auf die im Abendlicht liegenden Eisberge ist wunderschön, zusätzlich akzentuiert durch die Herbstfärbung der Vegetation.
Heute wieder erste Wache. Mittlerweile wird es gegen Mitternacht schon ziemlich finster. Ich bin dankbar für die Wärme des kleinen Feuers - die Nächte sind bereits empfindlich kühl. Leichter Wind macht es gefühlt noch kälter...

25. August - Röde Ö
Der Traum vom Fliegen über Eisbergen wird endlich wahr - Hike & Fly IV
Klaus hat heute morgen die letzte Wache und weckt mich um kurz nach sechs. Ich komme bei den kühlen Temperaturen nur schwer aus dem Schlafsack. Umdrehen & weiterschlafen wäre fein, aber die Prognosen sind gut und ich möchten den Tag nutzen.
Ob ich heute letztendlich fliegen kann wird der Tag zeigen; aber allein der Blick von wirklich weit oben auf die Rote Insel und den Eisbergfriedhof ist die Wanderung schon wert. Also - Sturzkaffee, Rucksack packen, Trocki anziehen & ab ins Kajak. Bis ich den Eisbergfriedhof und den Sund gequert habe, das Kajak oberhalb der Hochwassermarke auf dem Kiesstrand liegt und ich marschbereit bin ist schon eine gute Stunde vergangen.
Im Gegensatz zum letzten Hike ist das Terrain hier schwierig, ich komme nur langsam voran. Zum einen geht es ziemlich steil hinauf, zum anderen stosse ich auf viele Quertäler die in N/S Richtung verlaufen - und die muss ich zusätzlich noch queren. Also 100M hinauf, 40M hinunter. 150M hinauf, 30M hinunter. To be continued... Teilweise arbeite ich mich über alte Schutthalden von Bergstürzen nach oben - Hopsen von Stein zu Stein. Teilweise suche ich mir den Weg über schmale Felsbänder, nie wissend ob diese blind enden und ich wieder zurück muss.
Ab und zu ein Blick zurück: mit jedem zurückgelegten Höhenmeter wird der Blick schöner. Die roten Klippen von Röde Ö liegen im Morgenlicht - mittlerweile ist die Sonne durchgebrochen. Die Eisberge strahlen in der Sonne, türkis und aquamarin der Unterbau. Weiter draussen in Richtung Vestfjord und Rolig Brae hat das Eis auf die Entfernung die Grösse von Zuckerwürfeln; ich bin mittlerweile auf 600HM angekommen.
Das Gelände wird nicht unbedingt besser. Plätze zum Schirm parat machen und starten habe ich bis jetzt keine gesehen. Entweder zu viel Vegetation, zu sumpfig oder zu viele Steine. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zu Letzt. Mittag mache ich schliesslich auf 900HM bei leichtem Wind aus verschiedenen Richtungen. Nicht gut... Im Anschluss steige ich über mehrere Felsrampen zum nächsten Gipfel auf. Nach Westen kein Start oder besser gesagt Startlauf möglich, das Gelände ist zu flach. Aber nach Osten gibt es eine Kante, nach der es gut 150m steil nach unten zu einem eingebetteten See hinab geht. Aktuell leichter Ostwind - perfekt. Schirm raus, auslegen, Wind dreht auf NW und rollt den Schirm mehrmals übereinander. Neuer Versuch - dieses Mal beschwere ich die Eintrittskante mit mehren kleinen Steinen. Skybean (Schleppkamera) montieren, Gurtzeug anlegen, Rucksack & Helm aufsetzen und ins Gurtzeug einklinken und - Parawaiting. Leichter Wind aus W, SW, NW. Nach einigen Minuten Windstille - aufziehen & los!


Fliegen über Eisbergen
Der Schirm kommt schön, steht. Ich laufe über das Plateau, springe über die Kante und lasse mich in den Schirm fallen, der erst einmal einige Meter durchsackt bis er trägt - Airborne mit dem geilsten Flug meines Lebens. Zunächst schwenke ich entlang eines Hochtals nach Süden in Richtung Fönfjord; unter mir ergeift eine Herde Moschusochsen die Flucht. Dann eine leichte Rechtskurve nach W, ich bleibe parallel zum Hang, möchte nicht zu viel Höhe verlieren. Die rote Insel ins Blickfeld. Einige leichte Turbulenzen, der leichte Schirm fängt das Rütteln und Arbeiten an. Ich merke gleichzeitig, dass ich durch den leichten Aufwind aus NW am Steigen bin und über den Kanten den Aufwind noch besser nutzen kann um Höhe zu gewinnen. Noch geiler wäre es natürlich mit meinem grossen Schirm - der Single Skin hat einfach zu wenig Leistung.
Als ich in der Nähe des Trichters bin und im Aufwind nach Norden soare habe ich immer noch gut 300 - 350 Meter über Grund. Eigentlich wäre es machbar über den Sund zu fliegen und direkt auf der flachen Westseite beim Camp zu landen. Mein Kajak kann ich dann im Anschluss schon wieder irgendwie holen. Aber ich entscheide mich dagegen, fliege aber trotzdem weiter aufs Wasser hinaus. Mein lang gehegter Traum wird wahr - ich fliege über Eisbergen! Perspektivisch kann man sich das ähnlich wie einen Drohnenflug vorstellen - aber eben live und aus eigener Kraft erarbeitet, mit dem Wind im Gesicht und geflasht von Endorphinen.
Der Blick aus der Vogelperspektive hat schon was...
Schliesslich schwenke ich zu meiner Landezone ein: der Kiesstrand, auf dem ich das Kajak in der Früh zurückgelassen habe und stelle fest, dass ich immer noch viel zu hoch bin: also nochmal raus, eine Runde drehen um Höhe abzubauen. Ein Fehler wie es sich eine Minute später herausstellen wird. Ich hätte besser ein, zwei Kreise an Ort und Stelle gemacht (also eine klassische Landevolte), vielleicht zum Schluss noch einige Schlaufen. Aber ich bin natürlich noch mal aufs Wasser rausgeflogen um eine letzte Runde zu drehen. Der leichte Gegenwind stellt ab, ich sinke relativ schnell und merke dass es auf den letzten 30, 40 Meter ziemlich knapp wird das Ufer noch trockenen Fusses zu erreichen. Finger weg von den Bremsen und laufen lassen in der Hoffnung dass es reicht!
Schlussendlich hat es nicht ganz gereicht. Ich bombe ungebremst (also mit gut 35 - 40km/h) 2 m vom Ufer entfernt ins Wasser, ein Gischtfontäne stiebt in die Luft. Aber - ich stehe, und den Schirm kann ich sogar trocken am Ufer ablegen. Bergstiefel sind unter Wasser, die Hose tropfnass. Glücklicherweise habe ich während des Fluges meinen GoreTex getragen, der Oberkörper ist also trocken. Der Rucksack samt Kamera ebenso. Zuerst mal brauche ich trockene Klamotten; also steuere ich zuerst mein Kajak an und schlüpfe in lange Unterwäsche und meinen Trocki. Beim Zusammenpacken eine Schrecksekunde - die kleine GoPro, die ich in der SkyBean als Verfolgerkamera nutze, ist nicht im Rucksack. Ich erinnere mich auch nicht wo ich sie hingelegt habe. Dort sind sämtliche Flüge drauf... Ich führe eine Rastersuche im Schotter durch - nichts. Als ich fertig bin und zum Kajak gehen will werfe ich noch einen letzten Blick in die Runde und - da ist sie.
Dann fülle ich den mitgebrachten Wassersack an einem kleinen Wasserfall und spüle die salzwassergetränkten Klamotten. Anschliessend mache ich mich selig grinsend im Nachmittagslicht quer durch den Eisbergfriedhof auf den Weg zurück ins Camp. Zum Apero heute Abend gibt es den letzten Käse und das letzte Knäckebrot, dazu Rentiersalami. Zur Feier meiner ersten Wasserung gebe ich nach dem Essen den letzten Whisky aus den ich zurückgehalten habe. Nach der Prognose soll das Wetter am Freitag kippen. Wir wollen bis dahin in 3 Etappen durch den Fönfjord, um vor dem schlechten Wetter die Hütte bei Hecla Haven auf Danmarks Ö zu erreichen.






27. August - Milne Island
Fönford Nordufer

Nach dem gestrigen Tag bin ich wieder einigermassen versöhnt - wir haben einen Platz in einer zauberhaften kleinen Bucht mit Ausrichtung SW für unser heutiges Camp gefunden. Der einzige Nachteil daran - ab dem frühen Abend ist die Bucht bereits im Bergschatten.
Heute früh während meiner Wache habe ich eine ganze Tüte M&M's verdrückt, sodass ich beim anschliessenden Frühstück das ungeliebte Müsli verweigere. Und - der Herbst ist da. Wir hatten bei knallblauem Himmel Reif auf dem Zelt. Heute war es teilweise bedeckt, was ganz angenehm war da wir fast keinen Wind hatten. Der Fönfjord zieht sich über ca. 70km in W/O Richtung bis er bei Danmarks Ö auf den Scoresbyfjord trifft. Die grosse Insel erscheint am späten Vormittag zunächst als Strich auf der Kimm und wird ab da stündlich grösser. Im Gegensatz zum Öfjord sind hier die Bergketten niedriger und vor allem nicht so schroff; Plateauberge wie in Svalbard oder auch auf der Diskoinsel in Westgrönland.
Mittagsrast machen wir im sandigen Delta eines alten Gletschertales. Klaus, Jörg, Tom und Rikki sind meistens ziemlich dicht unter dem Ufer unterwegs, ich bevorzuge die Weite des offenen Wassers weiter draussen. Ich komme schnell in den Flow, das Paddeln auf dem ruhigen Wasser hat hypnotische Wirkung; ich bin beinahe in Trance und lasse meine Gedanken schweifen. Die Weite, die Leere der Landschaft und die Dimensionen der Bergmassive werden erst ersichtlich, wenn man nicht in der Gruppe unterwegs ist sondern weiter draussen auf dem Fjord. Die 5m langen Kajaks der Kollegen in rot, grün, blau und weiss sind in der Weite beinahe nicht zu sehen wenn man nicht weiss wo man sie suchen muss. Einzig die Reflektionen des Lichts auf den sich bewegenden Paddeln zeigt an wo die Gruppe unterwegs ist.
Gegen 1500 Uhr bin ich eben am Queren einer Bucht als die Truppe das Ufer anläuft. Aus der Erfahrung der letzten Wochen etwas misstrauisch was die Wahl - und damit verbundenen Diskussionen - des Zeltplatzes betrifft, warte ich auf dem Wasser in der Nähe einiger Eisberge erst einmal ab. Camp ja/nein/vielleicht oder weiter? Ich sehe Klaus und Rikki den Strand auf und ab gehen, Jörg steigt derweilen den Hang hinauf. Ich mache mich schon auf die Weiterfahrt gefasst als ich sehe wie die ersten Packsäcke aus den Luken geholt werden. Lautlos gleite ich in die Bucht und bin positiv überrascht. Der Blick vom Wasser her hat keinen guten Platz versprochen - doch es ist einer der schönsten Plätze unserer Reise.


Eingerahmt von von steilen Bergflanken und Felsriegeln stürzt ein frecher Bergbach mit Trinkwasser über mehrere Stufen zu Tal; das Geschiebe das er über die Jahrzehnte angehäuft hat ist beachtlich. Die Bucht selber hat einen Durchmesser von 250 - 300 Metern, davon sind 60 Meter feinster Sandstrand in Nordseequalität. Einige von der Flut abgesetzte Eisbrocken liegen im weissen Sand. Der Strand selber hat eine Tiefe von 5m, ist leicht ansteigend und geht in von Moosbeeren durchsetzten Tundraboden über. Die anderen haben sich einen Platz oberhalb des Strandes in den Felsen gesucht (eben ist wichtig), somit habe ich den ganzen Strand für mich alleine.
Das Wasser ist kristallklar, weiter draussen am Übergang zum tiefen Wasser des Fjordes liegen einige grössere Eisberge. Die Bergkette auf der Südseite - vergletscherte Plateauberge mit 1.800m, terassenförmig ansteigend - liegen jetzt im orangeroten Abendlicht und spiegeln sich im stillen Wasser des Fjordes. Eben hat uns der Schatten erreicht, die gefühlte Temperatur ist merklich gesunken: es wird Zeit für lange Unterwäsche und die Daunenjacke. Noch vor einer Stunde bin ich barfuss und mit blankem Oberkörper unterwegs gewesen.


28. August - Milne Island
gegenüber Danmarks Ö
Heute morgen war es kalt, die Sonne ist erst während des Frühstücks hinter den Bergen hervorgekommen.
Wir hatten aber soviel Holz, dass ich sogar während meiner letzten Wache noch ein Feuer unterhalten konnte. An dem Strand muss seit Jahren niemand mehr gewesen sein... Mittlerweile ist es in der Nacht gute 5 Stunden dunkel, sodass wir die erste Wache bereits um 2200 beginnen. Jede Schicht macht 20 Minuten länger; somit kann die Freiwache immer noch eine komplette Nacht durchschlafen.
Kurz vor dem Einsetzen der Kajaks ziehen die ersten Fetzen Seenebel mit aufkommendem Ostwind im Gegenlicht an unserer Bucht vorbei. Die stärker werden Sonne löst die Schwaden in unserem Sichtfeld allerdings rasch auf. Als wir um den Felsriegel nach Osten in den Fjord einbiegen ein wunderschöner Anblick: hereinziehende Nebelbänke hängen bis 150 - 200m über dem Wasser, Danmarks Ö in der Ferne ist komplett vom Nebel verschluckt. Eisberge leuchten grellweiss in den Schwaden wie von einem Spot angestrahlt. Der Himmel ist ansonsten wolkenlos; es ist so kalt, dass die Atemluft auf der sonnenabgewandten Seite auf meinem Schnauz kondensiert. Zusätzlich haben wir zeitweise lebhaften Gegenwind; ich bekomme immer wieder Wasser aufs Oberdeck wenn sich der Bug in die nächste Welle bohrt. Es ist aber warm genug solange wir uns bewegen.
Mittags machen wir in einer kleinen, vom Wind einigermassen geschützten Bucht. Je weiter der Tag voranschreitet desto mehr werden die Nebelschwaden von der Sonne aufgelöst; der Himmel leuchtet in dunklem, spätsommerlichen Blau. Nur die Hügelketten von Danmarks Ö bleiben weiterhin vom Nebel verhüllt. Der angepeilte Platz für die heutige Übernachtung ist eine langgezogene Bucht mit kurzem Strand, der übergangslos in steile Hänge übergeht. Wasser gibt es ebenfalls keines. Wir beschliessen daher, die vor uns liegende Halbinsel noch zu umrunden; dort mündet ein grosses Tal - dort sollt es zumindest Wasser geben.
Wasser gibt es dort tatsächlich - aber ansonsten nur Sand, Geschiebe von ehemaligen Gletschern und kaum ebene Flächen. Wir müssen ca. 35 HM hinauf um einen halbwegs passablen Platz zu finden der nicht zu steil für die Zelte ist. Auch sind wir wieder auf der Nordseite im Bergschatten - bis die Zelte stehen ist die Sonne bereits weg und es wird schlagartig kalt.
Ich für meine Wenigkeit hätte die Querung von 6km hinüber zu Danmarks Ö noch gemacht - Abendsonne bis 2200, gute Lagerplätze mit leichter Erreichbarkeit. Aber nach den Querelen der letzten Tage habe ich keine Lust mehr auf nutzlose Diskussionen. Ich bin wieder mal leicht angesäuert - nicht wegen dem Platz an sich; die paar Meter Schlepperei stören mich nicht gross. Aber wieder Sandstrand ohne angrenzende Vegetation. Sand auf den Packsäcken, im Kajak, Trockenanzug sowie den Stiefeln. Und keine Abendsonne. Alle Paddelklamotten bleiben feucht. Na ja. Aber wenigstens habe ich heute wieder einmal wachfrei und kann durchschlafen.



29. August - Hecla Haven
Danmarks Ö

Heute Nacht ging es richtig zur Sache - wir hatten Bsuch von 2 Bären im Camp.
Um kurz nach Drei weckt uns Klaus mit dem Ruf "Raus aus den Zelten - Bären". Im selben Moment knallt es schon; Klaus hat die Signalpistole abgefeuert, das Geschoss explodiert am Strand. Die Bären - ein junger, fast ausgewachsener mit Mutter - flüchten hinunter zum Strand, bleiben aber in der Näh der Kajaks. Die Signalpistole hat Ladehemmung, wir müssen mehrere Nicos abfeuern. Die Bären kommen immer wieder zurück, lassen sich nicht vertreiben. Schliesslich trollen sie sich in die Hügel hinter den Zelten. Ende August ist es um diese Zeit erst dämmrig; ausserdem ist der Seenebel wieder hereingezogen. Die Sichtweite beträgt zwischen 50 und 100 Metern, je nach Wind. Es ist eiskalt, alles ist vom Nebel durchnässt.
Nachdem wir nicht wissen ob der Besuch endgültig vorüber ist - vor allem, ob die Bären wieder am Strand auftauchen oder aus den Hügeln hinter den Zelten - stellen wir für den Rest der Nacht Doppelwachen auf um jegliches Risiko auszuschliessen. Dadurch komme auch ich wieder ins Wachprogramm, als ich später Klaus ablöse.
Beim verspäteten Frühstück im Nebel dann die Frage wie wir heute weitermachen: es ist immer noch neblig und kalt, die Zelte sind tropfnass. Jetzt kommt der Wunsch auf den Tisch erst abzubauen wenn die Zelte trocken sind. Echt jetzt?! Der Nebel hat sich gestern in der Gegend erst ab Mittag gelichtet... Wir vertagen die Entscheidung auf 1000, ich verziehe mich mit einem Pott Kaffee ins Zelt. Klaus und Rikki versuchen derweilen die Zelte trocken zu wischen, denn nasses Zelt einpacken geht nach ihrer Meinung nach gar nicht. Ich bin am Grinsen da ich mein Zelt nass einpacken werde. Nachmittags in der Sonne aufgestellt ist es mit leichtem Wind binnen einer halben Stunde wieder trocken.
Jetzt geht es aber erst einmal darum wie wir weiter machen.
Option I
Querung des Sundes nach Danmarks Ö, gegen den Uhrzeigersinn am dortigen Ufer entlang bis wir nach Hekla Haven kommen; dort steht (das weiss ich vom Besuch im letzten Sommer mit der Tilvera) eine 60 Jahre alte, nicht gepflegte Hütte in der wir das kommende schlechte Wetter aussitzen wollen. Ungeheizt, vermüllt - aber trocken und windgeschützt, mit einer Türe zum zumachen. Das ist bis spätestens Freitag Mittag das Ziel; ab dem Nachmittag kommt der Wetterwechsel mit Regen und Schnee bis in tiefe Lagen. Ab Montag soll es wieder besser werden.
Option II
Wir fahren in den Rensund und umrunden Danmarks Ö im Uhrzeigersinn mit einer zusätzlichen ÜN im Zelt und kommen Freitag im Laufe des Tages in der Hütte an. Leider abgelehnt. Das müsse nicht sein, bei dem Nebel sehe man sowieso nichts. Ich knirsche mit den Zähnen. Ja wissen die Leute denn nicht wie schön es im Nebel sein kann? Das Spiel von Licht und Schatten: Geisterhaft in der durchbrechenden Sonne leuchtende Eisberge, verwischte Konturen. Nebelschwaden an den Ufern. Wir wären auch mit der Umrundung noch rechtzeitig vor dem schlechten Wetter in der Hütte. Aber nix zu machen.
Es liegt mir auf der Zunge die mangelnde Flexibilität der letzten Tage in die Runde einzubringen - bei guten Wetter & Rückenwind nachmittags um eins aus dem Wasser "weil es so ausgemacht war" - es bringt einfach nichts, gewisse Leute wollen einfach nicht.

Das Licht während der Querung war phantastisch. Die Kajaks im Gegenlicht als schwarze Scherenschnitte, im Licht dagegen wunderschön in rot, grün, weiss und blau leuchtend. Am Gegenufer angekommen hebt sich der Nebel schliesslich etwas, es ziehen nur noch vereinzelte Bänke herein. Der Wind frischt allerdings auf, sodass unsere Mittagspause auf einem kiesigen, von Felsbrocken übersäten Strand relativ kurz ausfällt. Nach vielen Felsnasen kommen schliesslich die zwei grossen Steinmänner in Sicht, die die Einfahrt in den Naturhafen anzeigen. Ausserdem sind die weissen Mastspitzen eines Seglers zu sehen. Die Tilvera? Eigentlich nicht möglich, Heimir & Belen haben heute Gästewechsel in Nerleerit Inaat gehabt und können dementsprechend frühestens morgen Mittag hier sein. Das Schiff stellt sich schliesslich als französischer Segler heraus der von Forschern gechartert wurde.
Die Hütte steht noch, ist aber im gleichen vermüllten Zustand wie letzten Sommer. Binnen kurzer Zeit sind die Zelte zum Trocknen aufgestellt und die Felsen um die Hütte herum mit Packsäcken und trocknender Ausrüstung übersät. Es sieht aus wie bei Hempels unterm, besser gesagt auf dem Sofa. Wir schieben einige alte Bettgestelle und zerfledderte Matratzen in einen nicht benötigten Raum; ein gefundener Besen erleichtert die Grobreinigung der ganzen Hütte. Wir nehmen die Holzläden von den Fenstern und nageln Sperrholzplatten über zerbrochene Scheiben. Der grosse Tisch in der ehemaligen Küche und die Arbeitsflächen werden feucht abgewischt und in Beschlag genommen. Wir füllen die Wassersäcke an einem nahe gelegenen Bach und setzen den Kocher für Kaffeewasser in Betrieb - wir sind eingezogen.
Am späten nachmittag lässt eine polnische 15m Stahljacht den Anker ins Wasser rasseln. Dort sind 9 Mann an Bord, der Skipper kommt auf einen Antrittsbesuch vorbei; wir verabreden uns für den späteren Abend zum Lagerfeuer am Strand. Die Crew veranstaltet ziemlichen Trubel in der Bucht; ich gehe zum Strand hinunter als das Feuer bereits brennt. Wir kommen ins Gespräch und verabreden uns für morgen zum Frühstück bei uns in der Hütte - die komplette Crew will kommen. Hoffentlich haben wir genügend Stühle! Und die anderen wissen auch nichts davon, das wird ein unsanftes Erwachen geben. Kurz nach Mitternacht wackle ich nach mehreren Runden Whiskey im Dunklen zurück zur Hütte, lege den Sperrbalken vor die Türe und krieche in den Schlafsack.





30. August - Hekla Haven
Danmarks Ö

Trotz Alkohol schlafe ich wenig und wache in der Dämmerung kurz nach 0300 auf - etwas klopft, arbeitet. Fenster auf, Blick zu den Kajaks. Bären? Beim zweiten Mal realisiere ich, dass es nur der Fensterladen ist der im Wind arbeitet und an die Wand schlägt. Die Nacht ist verdammt kurz; glücklicherweise höre ich den Wecker um kurz vor 0700. Ich mache Kaffeewasser heiss und rauche meine Morgenpfeife. Als ich das Dingi über die Bucht kommen sehe, wecke ich die anderen und erkläre die Lage - 9 Mann zum Frühstücken sind im Anmarsch! Als die Truppe in die Hütte bricht ist die Hütte voll und die Stühle reichen nicht ganz, aber das macht nichts und tut der Freude keinen Abbruch. Kontakte sind schnell geknüpft bzw vertieft und Gespräche beginnen.
Als wir gestern Nacht das Frühstuck bei uns vereinbarten habe ich den Skipper schon vorgewarnt dass wir ausser Stühlen und heissem Wasser nicht wirklich etwas zum Frühstück beitragen können - wir sind so ziemlich am Ende unserer Reise, die Proviantsäcke sind fast leer. Das mache nichts bekomme ich zur Antwort, sie hätten sowieso zuviel dabei und wären froh, etwas abgeben zu können. Und der Skipper lässt sich nicht lumpen: Brote, eingelegte Gurken, Gemüse, mehrere Büchsen Schinken, Leberwurst, Pfirsich in Dosen, Apfelmus, mehrere Gläser Marmelade, Nutella, Majonese. Wir sind im Schlaraffenland. Kleine Dinge die man weder wirklich braucht noch auf einer Kajaktour in Grönland vermissen würde - die aber die Kirsche auf der Torte des Hüttenlebens hier ist.



Mit den vielen Menschen auf engem Raum wird es schnell warm; Jörg und ich bekommen noch eine schnelle Schiffsbesichtigung bevor um 1100 der Anker hochgeht und unsere neuen Freunde nach Westen in den Fönfjord auslaufen. Nachdem es noch trocken ist nutzen wir die Situation und machen noch eine kleine Wanderung auf den nicht allzu hohen Hausberg. In den Bergen sind bereits die ersten Regenschleier zu sehen; aber auch bei bedecktem Himmel leuchten die Herbstfarben unter unseren Füssen dramatisch. Als wir den Kamm erreichen spüren wir vereinzelte grosse Tropfen.
Zurück in der Hütte kommen von Osten zwei Holzmasten in Sicht: die Opal von North Sailing läuft unter Vorsegel in die Bucht ein, der Anker rauscht kurz darauf in die Tiefe. Als die Truppe während des Landgangs bei uns in der Hütte vorbeikommt, verabreden wir dass wir wieder unseren Müll mitgeben dürfen - und werden im Gegenzug wiederum reich beschenkt: 1 Karton Bier, 4l Gulasch, 4l Suppe sowie einen Tüte mit Brot.
Die Wetteraussichten sind trübe. Regen satt die kommenden Tage bis Montag, Schnee bis in tiefe Lagen. Damit sind sämtliche weitergehende Planungen obsolet geworden, da wir Mittwoch oder spätestens Donnerstag abgeholt werden müssen. Eine Option, nämlich die gut 100km bis Bear Islands mit den Kajaks zu erreichen kann also nicht mehr funktionieren. Jetzt bekommen wir die Quittung für Trödelei und Unflexibilität. Auch eine Exkursion in den Gasefjord ist damit vom Tisch. Aber das wollte sowieso niemand ausser mir machen...
Unser heutiges Abendessen ist ein Schlemmermenü: Spargelsuppe, Brot mit Majo (als Butterersatz) und dem geöffneten Büchsenwurst, unser Tütenmampf als Hauptgericht. Zum Nachtisch gibt es Griessbrei an Dosenpfirsichen.

31. August - Hekla Haven
Danmarks Ö
Es hat sich eingeregnet - ergiebiger Landregen. Ab & zu nieselt es nur, alles begleitet von leichtem Wind aus O / SO. Was mich hier in dieser Gegend immer wieder verblüfft - das schlechte Wetter, der Regen wird hier im Fjordsystem weitab von der Küste nicht von Sturm begleitet. Es trübt sich ein, irgendwann sind die Gipfel in Wolken und dann wehen die Regenschleier heran. Es ist kalt geworden. Nebel liegt über dem Wasser, die Sicht ist auf 800 - 1.000 Meter beschränkt. In einem lichten Moment konnte man sehen, dass die die Schneefallgrenze auf 300m herunter gekommen ist.
In der Küche - unserem Aufenthaltsraum mit Tisch & Stühlen - herrschen unterschiedliche Temperaturen: generell haben wir zwischen 8° und 9°C (das hängt davon ab, wieviele leute sich über einen längeren Zeitraum hier aufhalten; jeder Körper bringt eine ungefähre Wärmeleistung von 70W); während des Kochens steigt die Temperatur kurzzeitig bis auf 13°C und sinkt dann wieder. Es ist klamm, alles zieht Feuchtigkeit. In den Schlafräumen haben wir die Aussentemperatur: 3°C. Leider gibt es keine Möglichkeit zu Heizen - weder einen gemauerten Kaminabzug noch einen alten Ofen, den wir in Gang setzen könnten. Alte Leitungen deuten darauf hin, dass die in den 60er Jahren erbaute Hütte von den ehemaligen Minenarbeitern mit Gas beheizt wurde.
Und trotzdem - verglichen mit dem Absitzen des schlechten Wetters im Zelt (zusätzlich noch Bärenwache) ist die Hütte ein unvorstellbarer Luxus, wenn auch kalt: windgeschützt, trocken, Bewegungsfreiheit, eine Tür zum Schliessen. Nur das Raucherdach für mich fehlt...
Trotz des selbst konstruierten Sperrbalkens vor der Eingangstür haben wir die Gewehre durchgeladen & griffbereit.

01. September - Hekla Haven
Danmarks Ö

Das Wetter ist weiterhin schlecht - es regnet weiter. Und wie! Wind ist aufgekommen und rüttelt an den Läden. Ich kann mittlerweile ansatzweise die Situation von Flüchtlingen nachvollziehen - prekäre Unterkunft, unbeheizt, warten auf irgendetwas - in unserem Fall Wetterbesserung und Info wegen Transfer von hier zurück nach Ittoquortoomiit.

02. September - Hekla Haven
Danmarks Ö
Es hat endlich zu regnen aufgehört, die Sonne kommt durch. Der Boden ist komplett durchweicht und mit Wasser vollgesogen, aus sämtlichen Richtungen laufen Rinnsale und kleine Bäche die Hänge hinunter.
Meine Schuhe sind auch zwei Wochen nach meiner Wasserung mit dem Gleitschirm immer noch nicht trocken. Keine Chance bei diesen Bedingungen...
Aktuell soll der Transfer mit den Jägern zurück nach Ittoquortoomiit am Mittweoch stattfinden.
Schauen wir mal...



03. September
Ittoqqortoormiit
Während des Frühstücks kommt die Bestätigung: der Transfer zurück nach Ittoqquortoomiit findet heute statt, bereits morgen soll das Wetter wieder kippen. Die Jäger brechen gegen Mittag auf; nachdem die Strecke bis hierher aber erheblich länger ist als zum Sydkap können wir nicht vor 1600 mit ihrer Ankunft rechnen.
Nach dem Packen ziehe ich nochmals mit der Kamera los. Ich quere den Strand, hüpfe von Stein zu Stein und turne dann den nächsten Steilhang empor. ich bin froh mich wieder bewegen zu können... Die umliegenden Berge sind mit frischem Schnee bedeckt, nur noch die letzten 200HM direkt am Wasser sind noch schneefrei. Die Hänge von Milne Land gleissen im Licht der Sonne. Überall rinnt Wasser über Stufen und Hänge herunter, sämtliche Senken sind vollgelaufen.
Das Abendessen ziehen wir vor; wir wissen dass es heute abend spät wird bis wir aus den Booten kommen. 1530 Uhr sind wir marschbereit. Das Gepäck ist bei den Uferfelsen deponiert, ebenso die die Kajaks. Der Shuttle Service ist pünktlich. Bis aber die Kajaks verladen und gesichert sind vergeht eine ganze Weile.
Zunächst queren wir zum Südufer des Scoresbysundes und folgen dann dem Küstenverlauf nach Osten. Die Querung ist ruppig, wir werden regelmässig von der Gischt geduscht. in Ufernähe ist das Wasser ruhiger und die Boote können Tempo machen.
Der Anblick der Schutthalden, Steilhänge und Zinnen der Küstengebirge ist titanisch - einschüchternd & wunderschön anrührend zugleich. Der Wind ist hier eingeschlafen, die See spiegelglatt. Nachdem wir zwei Stunden mit 30 kts unterwegs sind machen die Jäger eine Pause auf dem Wasser. Ich bin heilfroh um den Thermoanzug den ich noch ausgegraben habe. Der Blick nach Osten verheisst nichts Gutes - von See her kommt Nebel herein, es verspricht bitterkalt zu werden. Aber das Abendlicht ist magisch - es ist 1930 und der lange herbstliche Sonnenuntergang beginnt in orange, rot und gold. Dann tauchen wir in den Nebel ein und das Licht ist verschluckt. Es wird schlagartig beissend kalt, die Boote beginnen zuerst zu tanzen und dann durch die höher werdenden Wellen zu brechen. Als Scoresby schliesslich das Gas zurücknimmt weiss ich dass wir am Hurry Inlet angelangt sind. Eine halbe Stunde später erreichen wir durchgefroren und im Dunkeln Ittoqquortoomiit.
Die Boote werden sofort mit den Trailern aus dem Wasser geholt, es soll schweres Wetter geben. Später am Abend sind wir im Haus von Ruth das im Moment leer steht. Die Fenster sind vernagelt, die Heizung ist nicht in Betrieb - aber es ist trocken. Und es ist eng. Ich schlafe mit Klaus, Tom und Rikki im Wohnzimmer, Jörg hat eine Bleibe unter dem Dach gefunden.


05. September
Ittoqqortoormiit
Seit gestern regnet es wieder... Normalerweise sollten wir heute ins geheizte Guesthouse umziehen. Aber - aufgrund der vielen Niederschläge wurde der Flug nach Island wegen zu nasser Sandpiste storniert. Die alten Gäste können also nicht abreisen und wir nicht ins geheizte Haus umziehen. Allmählich wird es unangenehm. Zu fünft in dem relativ kleinen unbeheizten Haus mit vernagelten Fenstern. Keine Rückzugsmöglichkeit & kalte Füsse...
06. September
Ittoqqortoormiit
07. September
Ittoqqortoormiit
Endlich mal kein Regen, mittags kommt die Sonne durch. Zusammen mit Jörg bringe ich zwei Kajaks auf dem Wasser vom Hafen eine Nase weiter nach Osten zur Müllkippe. Von dort tragen wir sie zum Container wo sie eingelagert werden. Tom & Rikki haben ihre Kajaks gestern die gesamte Strecke getragen... Klaus ist dabei, seinen Panzer versandfertig zu machen; sein Kajak geht mit RAL zurück nach Dänemark. Heimir schicke ich auch mit :-)... Nachmittags endlich der ersehnte Umzug ins Guest House, heute war wieder Flugbetrieb möglich. Hurra - Heizung & warmes Wasser!

Heute Nacht hat es flächendeckend bis auf Meereshöhe herab geschneit. Die Prognosen sind eher mittelprächtig: heute & morgen soll es weiterschneien, am Montag wird es dann stürmisch. Aber dann wird die Piste wieder so nass sein, dass kein Flugbetrieb möglich sein wird... Wir werden sehen. Gestern habe ich die restlichen Lebensmittel katalogisiert und im Container eingelagert. 2 Bananenkartons mit dehydrierter Nahrung sind schon für kommenden Sommer nach Tasiilaq unterwegs. Der Rest bleibt für 2026 hier wenn ich mit Bea auf Tour gehe.
Ausserdem kam gestern die Nanoq Arctica, das 2. Versorgungsschiff des Jahres - die Vorratsschuppen werden für den kommenden Winter gefüllt. Der Umschlag ist kompliziert, denn es gibt weder einen Hafen noch eine Mole wo de Frachter anlegen könnte: die Container werden auf dem Schiff entladen und die Paletten mit dem Schiffsgeschirr auf eine kleine Barkasse umgeladen. Sobald die am Strand ist kommt einer von mehreren Radladern und hebt die Paletten herunter. Versorgungsgüter, frische Lebensmittel, neue Schneemobile und ja, wirklich - Weihnachtsbäume. Kommt ja kein Schiff mehr in diesem Jahr.


09. September
Ittoqqortoormiit
Morgens sieht es noch ganz gut aus - zumindest in unserer Gegend. Auf der offenen See steht bereits der Sturm. Klaus und ich sind skeptisch, ich gehe sogar davon aus dass wir hängenbleiben.
Doch - kurz nach acht steht ein Quad mit Hänger vor der Tür, unser Gepäck wird zur Lagerhalle der Royal Arctic gebracht um verwogen zu werden. Check In in Ittoqqortoomiit. Kein Personalausweis, keine Buchungsbestätigung. Wenn der Name auf der Excel Liste steht dann ist's gut. Kurz vor zwölf sollen wir am Heliport über der Siedlung sein.
Nach bald 2 Wochen Herumsitzen (zumindest ohne richtigen Auslauf) bin ich froh, dass es in Richtung Heimat gehen soll. Und nicht nur ich. Heli kommt und landet auf dem Pad. Der Pilot fährt die Rotoren herunter, steigt aus und öffnet die Gepäckfächer. Das Quad mit unsern Taschen fährt zum Heli; die beiden Grönländer laden einige blaue Postsäcke auf den Hänger. Dann schliesst der Pilot die Fächer und komm zu uns.
Ich weiss sofort was los ist - Storno.
Heliflug nach Nerleerit Inaat sei möglich, aber die Turboprop von Island komme nicht, das Wetter wäre zu schlecht. Besser hierzubleiben - denn hier gäbe es Infrastruktur. Am Flughafen - besser Air Field - gibt es nichts.
Also Gepäck wieder zum Guest House und am nächsten Tag dasselbe Spiel. Aber diesmal sollte es dann klappen - zwei Tage später bin ich wieder in der Schweiz.

An Bord S/V Tilvera
24/04/2024 // 150 SM südwestlich von Svalbard
8. Tag auf See

Ein kurzer Rückblick
Die Reise hat schon turbulent angefangen. Arbeiten bis Freitag abends Dienstschluss, der Zubringerflug ZRH – FRA hat schon 40min Verspätung – dementsprechend schafft meine grosse Dufflebag den Anschluss nach KEV nicht. Bis in Island der ganze Sachverhalt geklärt ist und ich endlich im Hotel in Reykjavik bin ist die Nacht beinahe schon vorbei.
Samstags mit dem Morgenflug weiter von RKV Domestic nach Akureyri. Belen schafft es erst am Nachmittag mich von dort abzuholen – in Nordisland ist immer noch tiefster Winter, Schnee herab bis zu den Fjorden, Pässe & Hochland noch immer im Winterkleid. In Akureyri erledigen wir gleich den ersten Grosseinkauf für die kommende Querung über Jan Mayen nach Svalbard: nach gut zweieinhalb Stunden schieben wir 6 übervolle grosse Einkaufswägen auf den Parkplatz und machen den Pick Up bis unters Dach voll.
Als wir am frühen Abend dann endlich in Husavik an der Pier parken trifft mich schier der Schlag als ich die Tilvera sehe – eine einzige Grossbaustelle. Die Toiletten im Vorschiff sind ausgebaut - sie sind defekt und müssen incl Steuerung der Elektronik ausgetauscht werden; Elektrik, überall offene Schächte und Wartungsklappen, herumliegendes Werkzeug & Ersatzteile allerorten. Und morgen sollen wir auslaufen – echt jetzt?
Heimir mittendrin und – wie es seine Art ist – völlig tiefenentspannt. «Kein Problem» meint er grinsend, «den kommenden Sturm müssen wir sowieso noch im Hafen abwettern, das wollt ihr nicht wirklich draussen erleben. Vor Dienstag kommen wir hier nicht weg.». Viel Arbeit & viel Leerlauf in den kommenden Tagen – 15 – 18h / Tag: putzen, Proviant stauen (haltbare Sachen in Schränken, unter & hinter den Sitzbänken in der Messe, Kühlgut in Kühl- und Eisschrank sowie kistenweise Obst, Gemüse, Getränke nach unten in die Bilge), Werkzeuge & Teile suchen (in der Werkstatt sowie auf dem Schiff…), schleifen, grundieren, lackieren, nochmals ein Grosseinkauf.
Das Wetter ist scheusslich – der Windmesser zeigt im Hafen (der wiederum in einem geschützten Fjord liegt) 40 – 45kts aus NW, der Schnee peitscht waagrecht über die Pier, Gischt weht von den Wellenbrechern herüber. Scheisse, will ich das wirklich machen? Ich bin grottenfroh, dass ich meinen Expeditionsparka mit dabei habe… Auch meine Tasche ist mittlerweile aufgetaucht und kommt letztendlich mit 36h Verspätung in Akureyri an. Gut, dass wir durch den Sturm noch im Hafen festgehalten werden…
Teilweise haben wir das schönste Wetter, dann locken zartblauer Frühlingshimmel & der fast 500m hohe Hausberg von Husavik. Aber leider ist weder Zeit für einen Ortsbummel mit der Kamera geschweige ein Hike & Fly… Seit Sonntag sind bereits die ersten Gäste an Bord; ich komm’ nur ab & zu an die frische Luft wenn ich was aus der Werkstatt holen / bringen soll…
Als Neuerung hat Heimir Davits für das Dingi im Heck gebaut (letzte Saison wurde das Dingi bei längeren Passagen oder Querungen mit dem Flaschenzug auf’s Deck geholt) – eigentlich eine Winterarbeit, sollte auch längst fertig sein. Aber er & Sam haben erst am Samstag damit angefangen und sind bis zur letzten Minute mit Messen, Schweissen und wieder Messen beschäftigt. Die beiden Aussenborder für die Dingis müssen natürlich auch noch an Bord, der Stapler bleibt auf der Pier im Schnee stecken. Noch eben mal schnell zur Tankstelle & 5x 20l Tanks für die Aussenborder füllen. Das Dingi aus dem Winterschlaf holen und mit 5 Mann zur Pier wuchten bis wir es an den Flaschenzug hängen können. Zuwenig Fleisch? Nochmals Supermarkt, der natürlich hier in Husavik eine viel kleinere Auswahl als Akureyri hat.
Montag abend 21.30 Uhr kommt der bereits für Sonntag bestellte Lachs – 2 Fischkisten voll, 30kg. «Müsste noch portioniert & eingefroren werden»: Also 2h Fisch geputzt & Steaks geschnitten, mehrmals Messer geschliffen, portioniert & eingefroren. Glücklicherweise ist der Lachs schon ausgenommen. Und, und, und – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Montag Mitternacht dann eine letzte ausgiebige Dusche an Land (um Wasser an Bord zu sparen & den Platz in einem normalen Bad zu geniessen).
Dienstag am frühen Abend heisst es dann tatsächlich Leinen los. Der Diesel fängt zu hämmern an, läuft warm. Einiges Volk kommt noch um uns – eigentlich Heimir & Belen – zu verabschieden, wünscht uns eine gute Überfahrt. Heimir lässt das grosse Horn 3x lang ertönen, die Pier gleitet vorbei, winkende Hände. Mir wird mulmig – auf was hab ich mich da wieder eingelassen?
Und trotz Reisetabletten werde ich seekrank, gleich in der ersten Nacht. Im nachhinein erfahre ich, dass ausser Heimir & Belen alle an Bord (also 12 Personen) während der Überfahrt seekrank waren – einige mehr, andere weniger. Ich war eher im Mittelfeld.
Klar, es war von Anfang an ruppig - wir laufen gegen einen 40kts Wind an und kämpfen gegen die Dünung. Ich habe vorher auch nicht gewusst ob ich seefest bin oder nicht. 360 Seemeilen bis Jan Mayen, unserem ersten Etappenziel…
Gekotzt hab’ ich eigentlich nicht – aber den Dienst eingestellt, kitchen closed. Fast 3 Tage nichts mehr gegessen oder getrunken. In der Koje in der Waagrechten geht es noch einigermassen; ich habe - um nicht wegen des Seegangs und der Schiffsbewegungen aus der Koje geworfen zu werden – die Segeltuchplane unter der Matratze herausgenommen und mit den Karabinern an der Wand angeschlagen. Aber mit jeden Aufstehen, also der Verlagerung aus der waagrechten in die senkrechte Position ist es wieder vorbei. Jeder Toilettengang eine Herausforderung & eine Qual. Die Toiletten sind fensterlos. Das Schiff beschreibt eine unregelmässige acht bei Dünung von gut 6 Metern, erbebt unregelmässig wenn es wieder einen Schlag bekommt und dann ins nächste Wellental fällt. Du keilst Dich in der Toilette ein, die Blase zum platzen voll aber kannst Dich nicht entspannen. So muss sich ein 85jähriger mit Prostataproblemen fühlen… Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Teilweise kann ich mich morgens dazu aufraffen Frühstück für die Truppe herzurichten, was bei dem Seegang schon ein Kunststück für sich ist. Aber der Geruch von Gewürzen & warmen Essen treibt mich jedes Mal schnell wieder in die Flucht.







2 Tage später taucht der 2.277m hohe Beerenberg, das Wahrzeichen von Jan Mayen über der Kimm auf.
Der aufziehende Morgen ist windstill, klar und wunderschön; es steht aber noch eine erhebliche Dünung. Und – es hat aufgeklart, in dieser Gegend eine Seltenheit: der Beerenberg ist rund 320 Tage im Jahr in Wolken. Jetzt leuchten die Gletscher des erloschenen Stratovulkans in der Ferne und werden stündlich grösser. Und - morgens um 0500 ertönt der Ruf «Wale!» Eine Schule Entenwale (bottlenose whale) taucht auf. Damit ist erwiesen, dass sie auch in der Gegend um Jan Mayen vorkommen. Babsi, unsere Walforscherin erzählt uns viel über diese Spezies die uns noch eine Zeitlang begleiten. Aber – viel Zeit bleibt nicht, das nächste Sturmtief ist uns dicht auf den Fersen, wir haben die buchstäbliche Ruhe vor dem (nächsten) Sturm. Dementsprechend müssen wir zusehen dass wir ums Nordkapp herumkommen und im Lee des Beerenberges Schutz suchen.
Von SW zieht langsam graue Sturmbewölkung auf und mutiert schliesslich zu einer schwarzen Wand die schnell immer näher kommt. Wir kommen zwar noch rechtzeitig ums Nordkapp herum bevor uns der Wind trifft, schaffen es aber nicht mehr rechtzeitig die Segel zu bergen und müssen dies schliesslich bei 50 – 55kts Wind, heranfetzendem Wasserstaub, Gischt und Schneetreiben machen. Und das, obwohl wir im Lee (also Windschatten) des Beerenberges sind. Der Sturm jault als Fallwind die Hänge, Colouirs und Klippen herab, heult in den Wanten und der Takellage und lässt die Tilvera unruhig an der Ankerkette schwojen. Bereits gut 150 m vom Ufer entfernt ist eine Wellenhöhe von 80cm – 1m erreicht, der Wind reisst grossflächig Gischtfetzen über mehrere hundert Meter vom Wasser weg. Aber der Anker hält. Wenn nicht, würde es uns «nur» auf die offene See treiben – also keine Gefahr auf Grund zu laufen oder sogar zu stranden. Temperatur ist deutlich unter 0°C, wir sind blitzschnell bis auf die Knochen durchgefroren. Spätestens jetzt weiss ich, warum Skibrillen beim Segeln nützlich sind…
Tags darauf – mir geht’s wieder so einigermassen – versuchen wir im Rückseitenwetter der eben durchgezogenen Sturmfront in Richtung NO abzulaufen um den für uns günstigen Starkwind zu nutzen. Tun wir das nicht bzw. warten wir zulange erwischt uns das nächste Sturmtief das von NW – also Grönland – viel Wind & Schnee mitbringt. So weit, so gut – ja, bis wir einige Stunden später aus dem Dünungsschatten von Jan Mayen heraussen sind und sich die Wellenberge bis ins unendlich zu erstrecken scheinen. Ich werde zunehmend einsilbiger und liege abends wieder auf der Nase.
Jan Mayen

Longearbyen Port

30. April / Svalbard/Spitzbergen
Am Freitag – also vor 4 Tagen – haben wir schlussendlich Svalbard erreicht. Gestern ist das Eis in den Fjord gekommen & hat alles dicht gemacht. Glücklicherweise habe wir noch am Samstag Diesel & Frischwasser gebunkert und liegen jetzt geschützt landseitig am Gästepier.
Einige Tage zuvor
Jan Mayen haben wir mit deftigem Backwind von 40kts / BF 9 verlassen. Nur unter Sturmfock wühlt sich die Tilvera durch Wellenberge von bis zu 6m und darüber, die von schräg achtern auflaufen und erst im scheinbar letzten Moment das Heck anheben um dann letztendlich unter dem Schiff durchzurauschen. Abenteuerlich – 2 – 3 mal höher als das Steuerhaus. Die Steuerwache ist wie bei diesen Bedingungen üblich mit Sicherungsleinen an Deck festgelascht. Mit den durchrauschenden Wellen kommt der Schoner teilweise ins Surfen, wir erreichen Spitzen von bis zu 14 kts; normale Reisegeschwindigkeit sind 5-6 kts. Bug und Vorschiff sind durch Gischt, Spritzwasser, Kälte und Schnee dick in Eis gepackt.
2 Tage später sind Wind und Swell soweit abgeflaut dass wir alles Tuch setzen können und Tilvera elegant durchs Wasser gleitet; auch ich fühle mich wieder einigermassen wohl und kann die restliche Querung des Nordatlantiks geniessen. Schliesslich schläft der Wind vollends ein, sodass wir die restlichen 130 SM unter Maschine zurücklegen müssen.
26. April, Longearbyen
Am Ankunftstag dann schliesslich Kaiserwetter. Schon am Vorabend (keine Nacht, ab Ende April Mitternachtssonne) kamen die schneebedeckten Gipfel der ersten Inselgruppen über die Kimm. Zartblauer Frühlingshimmel, die hochaufragenden Küstengebirge dick in Schnee gepackt und – endlich, das erste Wintereis. Die meisten unserer Gäste sind zum ersten Mal in der Arktis, noch dazu in diesen hohen Breiten und sind dementsprechend fasziniert vom Eis. Für mich ist die Situation eher gewöhnungsbedürftig da mir das mehrjährige Wintereis sowie die grossen Eisberge Ostgrönlands abgehen… Wir verbringend diesen herrlichen Tag beschaulich in den Eisfeldern treibend und lassen uns von der Sonne verwöhnen. Spät nachmittags machen wir uns auf den Weg um die letzten Seemeilen durch das immer dichter werdende Eis das im Is- und Adventsfjord liegt nach Longearbyen zurückzulegen. Um Heimir offene Waken und Wasserrinnen anzeigen zu können lasse ich mich im Bootsmannstuhl im Hauptmast auf luftige 20m hinaufwinschen: dort oben ein Gefühl wie mit dem Gleitschirm im Landeanflug mit einem grandiosen 360° Panorama im orangenen, tiefstehenden Abendlicht.
Spätabends machen wir am Gästekai fest; es gibt ein verspätetes festliches Abschiedsessen mit im Ofen gebackenen, in Olivenöl, Knoblauch und Zitrone marinierten isländischen Lachssteaks, frisch gemachten Kartoffelpüree mit viel Butter sowie blanchiertem Brokkoli, zum Dessert Schokoladenpudding mit in Rum ertrunkenen Rosinen an Vanillesauce. Es wird schlussendlich eine lange Nacht, bei der sämtliche Biervorräte ins Nirvana übergehen. Jo, der Skipper der Rembrandt van Rijn und ein alter Freund von Heimir unterstützt uns bei seinem Blitzbesuch tatkräftig dabei.
Sonst ist an den kommenden zwei Tagen bis die neuen Gäste von Ice Axe Expeditions (US) kommen viel Zeit – und noch mehr Arbeit: Putzen, Waschen, Grosseinkauf, Küche umbauen & weiter optimieren, Vorräte stauen, Inventur machen, Kabinen für die neuen Gäste herrichten und viel Zeit für neue Bekanntschaften. So viel schöne Schiffe mit soviel Input und Networking…
Gestern Morgen, als ich mit meinem Morgenkaffee an Deck komme dann die grosse Überraschung – der ganze Fjord komplett mit Eis gefüllt, die Schollen liegen dicht an dicht gepackt. 2 polnische Segler sind in der Nacht mit dem Eis zusammen eben noch gerade so reingekommen, jetzt ist alles dicht. Nach Aussage des Hafenmeisters die schwerste Eislage seit Jahren und wir mittendrin… Wetter die letzten Tage bedeckt, teilweise windig mit leichtem Schneefall, Temperatur deutlich unter 0°C. Heute müssen wir mit dem Aufklaren fertig werden, morgen kommen die neuen Gäste. Und dann müssen wir weitersehen ob wir hier rauskommen oder nicht…




Longearbyen

30./31. April
Viel Arbeit… Kabinen geputzt, Betten neu bezogen und fertig gemacht, Generalreinigung im Schiff durchgeführt sowie ein weiterer Grosseinkauf. Aber auch Zeit, um andere an der Pier liegende Segler zu besuchen – Jo auf der Rembrandt, die Ocean Sherpa und einige andere mehr. Am 01. Mai wollte ich morgens noch frisches Brot besorgen und stand natürlich vor verschlossenen Türen – keiner von der ganzen Crew hatte auf dem Schirm dass heute Feiertag war… Dementsprechend war dann Brotbacken an Bord nach einem längeren Spaziergang angesagt. Ach ja – Julie (1. Maat) ist auch gekommen – Ersatz für Belen, die nach Island zurück muss. Absolut patente Frau, fährt schon seit 15 Jahren (noch unter dem Vorbesitzer Heinz) jeden Sommer auf dem Schiff. Dementsprechend gross sind ihre Erfahrung und Kompetenz. Wir werden uns mit dem Kochen abwechseln, das verschafft mir dann doch etwas Luft.
01.Mai
Der Fjord ist auch heute noch dicht mit Eis bepackt. Der Wind ist immer noch auflandig, kommt also aus der falschen Richtung um das Eis auf die offene See hinauszudrücken. Wir versuchen unser Glück,, kommen allerdings nicht allzu weit – es gibt keine offenen Rinnen in die wir uns hinein- und hindurchzwängen können, die Schollen und Eisflösse liegen dicht an dicht, sind mehrheitlich sogar ineinander verkeilt. Um uns über die Schollen zu schieben und diese zu knacken fehlt uns mit unserem Spielzeugschiff von 22m Länge und 58 to einfach die Masse wie auch die Motorisierung. Aber Entsatz naht – ein alter schwedischer Eisbrecher, modernisiert und im zweiten Leben ein Kreuzfahrtschiff - hat heute ebenfalls neue Gäste bekommen und kommt uns zur Hilfe; er macht den Weg für uns frei. Da wir fast 8 Stunden im Eis festgelegen haben kommen wir dementsprechend erst spät abends in den nächsten Fjord, wo wir mittels zwei Eisschrauben an der Eiskante festmachen.


02. Mai
Morgens nach dem Aufstehen sehe ich Fuchsspuren die um das Schiff herumlaufen und in Richtung des anderen Ufers in der Ferne verschwinden. Noch ist es bedeckt, aber von Westen beginnt es aufzuklaren: die tief verschneiten Berge des Vorlandet leuchten bereits im Licht. Die Skitruppe macht eine kurze Tour und ist mittags wieder an Bord. Schön, dass im Gegensatz zur Querung die Leute mal von Bord sind und Frieden auf dem Schiff herrscht… Zeit um abzubacken, den nächsten Teig für die tägliche Brotbäckerei vorzubereiten, die Toiletten zu reinigen und ein Schläfchen zu machen. Mittags holt David die Gäste mit dem Dingi wieder vom Ufer ab, wir gehen auf See – Kurs Nord. Nachdem der Forlandsund (vor Dünung und westlichen Winden geschützt von Forlandet, einer langezogenen Insel) noch vom Wintereis blockiert ist müssen wir wieder auf die offene See hinaus und das Prins Karl Forlandet im Westen umrunden. Das Wetter ist ruhig. Zunächst sonnig, kaum Wind, leichter Swell von SW mit 1 – 1,5m. Ich habe gleich die erste Ruderwache bekommen und geniesse das Licht & die prickelnde kalte Luft. Nach 4 Stunden dann Ablösung durch Julie – aber mein Job geht weiter: ich muss in die Kombüse und das Abendessen vorbereiten – Älplermagronen.
Um irgendwelchen Missverständissen vorzubeugen: an Bord gibt es keine High Tech Gastroküche, die Tilvera hat schon 25 Jahrte Dienst auf dem Rücken. Küche – das heisst eine Doppelspüle, ein Abtropfgitter für sauberes Geschirr. Im Eck die grosse Kaffeemaschine, daran anschliessend ein 4flammiger Standardherd (keine Induktionsplatten), darüber Gewürzregale. Um 90° abgewinkelt in Richtung See dann die einzige Arbeitsfläche von gut 2m, dahinter in die Wand eingelassene Schränke für Gewürze, den Tagesbedarf an Marmelade, Müsli, Trockenfrüchten & Co für das Frühstück. Anschliessend Geschirr. Unter der Arbeitsplatte der Backofen (ebenfalls Haushaltsmodell), eine Reihe Schubladen mit Besteck, Messern, Kochutensilien. Töpfe, Pfannen, Mixer sind ebenfalls unter dem Herd und der Arbeitsplatte verstaut – das wars. Mit zwei Leuten in der Kombüse kriegt man Platzangst da man sich nicht mehr umdrehen kann und Gefahr läuft, dem Beikoch oder Helfer das Messer irgendwo hineinzustossen… Einzige Neuerung ist ein brandneuer Thermomix, der vor allem beim Zwiebel- und Knoblauchwürfeln gute Dienste leistet & wertvolle Zeit spart.
Die Tilvera rollt fürchterlich in der immer noch leichten Dünung da wir nahezu parallel zu den Wellen unterwegs sind – ich muss die Töpfe auf dem Herd sichern damit sie nicht ins Rutschen kommen. Einmal mehr überkommt mich leichte Übelkeit. Aber Zähne zusammenbeissen und durch, die Truppe hat Hunger & braucht was zu futtern. Als wir nach einiger Zeit endlich auf N eindrehen wird es schlagartig besser, ich bringe das Essen pünktlich auf den Tisch. Als dann 1,5 kg Speck mit 4 grossen Zwiebeln in der Pfanne brutzeln merke ich, dass ich den Geruch im Moment nicht wirklich vertrage… Abendessen für mich gestrichen, aber ich mache tapfer weiter. Abwasch übernimmt heute abend David, ich ziehe mir nach dem Servieren meine warmen Klamotten an: lange Fleeceunterwäsche, Goretexhose, Winterstiefel, meinen altgedienten Islandpulli und darüber den dicken 66°Nord Winterparka. Für den Kopf die Fleecemütze und darüber die Pelzmütze mit den Ohrenklappen, dazu Winterhandschuhe, einen Kaffee & meine unvermeidliche Pfeife – die nächste 4 stündige Steuerwache kann beginnen.
Mittlerweile hat es sich zugezogen, der Wind ist fast eingeschlafen und wir laufen unter Maschine mit 6kts durch die ölig-glatte See nach Norden. Wunderschöne Streiflichter liegen punktuell auf einigen der schneebedeckten Hänge des Küstengebirges, deren Gipfel von tiefen Wolken verhangen sind. Fast alle Gäste sind unter Deck, nur der Skipper streckt ab und zu seinen Kopf aus dem Steuerhaus und schaut ob ich noch da bin. Dementsprechend kann ich die Ruhe und Stille der dämmrigen Nachtstunden geniessen. Und – mein Hunger kommt an der frischen Luft zurück. Dementsprechend lange ich zusammen mit Heimir bei der Wachablösung um 2400 beim Mitternachtsimbiss zu, bevor ich nach 19 Stunden auf den Beinen in die Koje falle. Schnell schlafen heisst jetzt die Devise, denn um 0400 muss ich wieder zur nächsten Wache antreten – effektiv bleiben also gut 2,5h Schlaf. Das ist wie in alten Zeiten zu Beginn meiner Fernfahrerzeit…
Ymer Bugta




Signehamna, Krossfjorden


03. Mai
Um kurz nach vier bin ich mit dem dringend nötigen Kaffee fröstelnd wieder an Deck; jetzt ist es nicht mehr weit, wir sind bereits in den Kronfjord eingebogen und machen kurz nach 0600 in einem Nebenfjord mittels zwei Eisschrauben wieder an der Eiskante fest. Spannend ist das schon. Strickleiter über Bord, erste tastende Schritte auf dem Wintereis. Hält es am Rand? Fest Schritte, einige Hüpfer – es hält. Eine Eisschraube 15m vom Bug im 30° Winkel gesetzt, das von Heimir geworfene Tau befestigt; am Heck dasselbe Spiel. Und dann noch gleich mit der Kamera losgezogen um das Morgenlicht einzufangen. Ohh – um es nicht zu vergessen – zuallererst bevor man von Bord geht ein langer prüfender Blick über das Eis und die Küstenlinie, dann noch einer mit dem Feldstecher: man möchte ja nicht zum Bärenfrühstück werden…
Als ich wieder zurück an Bord bin beginne ich mit den Frühstücksvorbereitungen. Obst aus der Bilge holen, waschen & schneiden, Brot aufbacken, am Abend zuvor zubereitetes Porridge kochen. Und – heute gibt es Pancakes als Zugabe, die Amis lieben das. Aber weiss der werte Leser überhaupt wie lange es braucht, um für 14 Leute Pfannkuchen herauszubacken? 12 Eier, ca. 1,5l Milch und 1kg Mehl wollen verarbeitet sein.
Um 1000 ist die Skitruppe mit den beiden Bergführern von Bord, der Frühstückstisch & die Küche ein Schlachtfeld. Aber der Kampf ist gewonnen. Abbacken, Abwasch, Teig für die nächsten Brote vorbereiten. Toiletten & Kabinen macht heute David, Julie kümmert sich um die Vorbereitung für den Lunch wenn die Gäste zurückkommen. Ich geh ins Bett & ziehe den Stecker.
Als ich zwei Stunden später wieder zu mir komme ist Kaiserwetter: knallblauer Himmel, Schnee & Eis blenden mich beim ersten Kaffee. Die Skitourengeher haben mittlerweile gut 1200HM hinter sich & sind bald am Gipfel, es weht ein eiskalter 15kts Wind von den östlich gelegenen Gletschern herüber.
Nachdem mir Heimir leider kein grünes Licht für ein Hike & Fly Abenteuer gibt muss ich mich mit Groundhandeln auf dem Eis begnügen. Aber das macht bei den Windbedingungen auch mächtig Laune. Es ist verdammt schwer, den leichten Single Skin bei den Bedingungen überhaupt in die Luft zu bekommen, ich werde oft mehrmals über viele Meter übers Eis gezogen. Aber wenn er dann mal steht dann steht er :-)...
Nachdem die Skitruppe wieder zurück ist machen wir ein BBQ auf dem Eis. Bier, Bratwurst vom Grill, frisch gebackenes Naanbrot sowie Couscous.
Todd, der Leadguide von Ice Axe schimpft ordentlich mit mir als ich ihm erzähle, dass ich ebenfalls ein begeisterter Skitourengänger bin. "Why didn't you take your equipmend with you? We would have taken you with us for minimum one day". Schön das zu wissen - nächstes Mal sind meine Ski mit Sicherheit dabei.
Über Nacht bleiben wir an der Eiskante liegen und können Schlaf nachholen. Morgen früh dann eine Überraschung für die Gäste...


Kongsfjorden

04. Mai
Da das Wetter immer noch gut ist, beschliessen wir am Vorabend unseren Liegeplatz in Signehamna zeitig zu verlassen und unseren Gästen das gewaltige Panorama des Brückner- und Lillehöökgletschers am Ende des Fjordes zu präsentieren – im Morgenlicht, das Frühstück angerichtet im Ruderhaus. Das ist zwar für die Küche ein erheblicher logistischer Aufwand (Ruderhaus muss aufgeklart werden, sämtliche Frühstücksutensilien müssen über eine steile Treppe nach oben, die Fenster müssen aussen von Salz und Schlieren befreit werden), ist aber die Mühe wert. Begeisterung von allen Seiten als die ersten Leute zum Frühstück zu den Klängen von Ludovico Einaudis «Elegy to the Arctic» erscheinen.
Die Gletscherfronten werden mit jedem Meter den die Tilvera zurücklegt grösser, gewaltiger und eindrücklicher. Je näher wir dem Fjordende kommen desto dichter wird auch die Eisbedeckung: einiges an kleinerem Kalbeis, umso mehr an Wintereis das sich in grosse Platten gebrochen langsam bewegt.
Als alle Mann/Frauen versorgt sind und die dritte Kanne Kaffee durchgelaufen ist verziehe ich mich zu meinen Lieblingsplatz im Bug um um dem Trubel zu entfliehen und die gewaltige Szenerie in Ruhe betrachten zu können: das Genua(segel) bildet eine natürliche Hängematte – perfekt…
Der Schiffsdiesel schweigt, ebenso der Generator – Stille. Wie schön wäre es jetzt alleine im Zelt, ohne das ständige Geschnatter & Hintergrundrauschen – einfach sitzen, schauen, die Szenerie auf mich wirken lassen. Aber das ist mit Gruppen einfach nicht möglich. Menschen sind Stille nicht mehr gewohnt, meinen immer die vermeintliche Leere füllen zu müssen. Als dann ein grosser Kreuzfahrer von National Geografic kommt ist der Zauber endgültig gebrochen. Heimir startet den Diesel, wir laufen ab – die Kids wollen spielen gehen 😊…
Zwei Stunden später sind wir in der Tinayrebukta. Heimir parkt die Tilvera dieses Mal nicht parallel zur Eiskante sondern bahnt sich zuerst vorsichtig einen Weg durch das bereits morsche Eis, setzt nochmals zurück und geht dann mit Schwung nochmals hinein – passt, wackelt nicht & hat auch keine Luft mehr. Ich klettere über den Bug hinunter und prüfe vorsichtig die Belastbarkeit. Als ich sehe dass es gut ist, setze ich die zwei Eisschrauben und mache das Schiff fest.
Mittlerweile ist an Bord hektische Betriebsamkeit ausgebrochen, unsere Gäste machen sich bereit zum Abmarsch. Die Ski werden aus dem Vorpiek geholt, Klettergurte angelegt und Eispickel an den Rucksäcken verstaut. Ein letzter prüfender Blick mit den Fernglas – Eisbären? Nein? Dann runter vom Schiff! Zuerst müssen heute gut 2 km über den gefrorenen Fjord zurückgelegt werden bevor der Aufstieg über zwei gewaltige Stufen auf den Fregattbreen auf gut 1.000m erfolgen kann. Die zweite Stufe ist so steil, dass die Truppe wahrscheinlich mit Steigeisen und den Ski auf dem Rücken vorgehen muss…
Ein perfekter Tag für eine perfekte Skitour – heute fällt es mir verdammt schwer auf der Tilvera zurückbleiben zu müssen, zur körperlichen Untätigkeit verdammt. Das bin ich einfach nicht gewohnt.
Wir zurückgebliebenen spulen unser gewohntes Tagesprogramm ab – Schiff & Toiletten reinigen, Brot backen, das heutige Abendessen vorbereiten. Zusätzliche heutige Challenge: Backbords sind einige Rostblasen aufgeplatzt. Heimir beschliesst dass das Wetter in Verbindung mit dem Eis genau richtig ist um dies zu beheben; wenig später läuft der Generator und das Geräusch des Schwingschleifers erschallt über die Bucht.



Ny Alesund im Vorbeiflug

05. Mai
Es hat sich zugezogen heute morgen als wir unseren «Ankerplatz» in der Tinaryebukta verlassen und nach Süden steuern. Mit dem Glas sind am Ufer einige winzige Jagdhütten zu sehen als wir uns Kap Guisez an der Ostseite des Krossfjords nähern. Von Westen drückt die Dünung der offenen See herein, es wird etwas unruhig.
Trotz der tief hängenden Wolken geht unsere Skitruppe von Bord. David hat Mühe, sie mit dem Dingi über das kabbelige Wasser zum Ufer zu bringen. Es ist feucht-kalt, ungemütlich. Gerne verschwinde ich wieder unter Deck und mache mich an die Vorbereitung des heutigen Dinners – isländisches Lamm. Das muss genügend lange mariniert werden um dann abends richtig zu schmecken: Rosmarin, Olivenöl, Salz, Pfeffer, und viel Knoblauch. Dazu kommt dann noch Gemüse ab der halben Garzeit mit in die Bräter: halbierte Karotten und Zwiebeln. Frühlingszwiebeln schneide ich klein & verwende diese dann als Topping. Dazu eine Rotweinsauce mit eingelegten Rosinen… Bleibt nur die Frage ob ich mir die Arbeit für ein frisches Kartoffelpüree mache oder Bandnudeln dazu servieren soll – ich entscheide mich für die Mehrarbeit, David darf heute als Hilfskoch die Kartoffeln schälen; ganze 6 kg warten auf ihn.
Die Truppe kommt nach einigen Stunden tropfnass wieder an Bord; der Wind hat so aufgefrischt dass die Wellen Gischtkronen tragen und der Transfer mit dem Dingi eine dementsprechend feuchte Angelegenheit ist. Da kommt die vorbereitete Suppe (die meistens aus aufgepeppten Resten des Vortages besteht) gut an. Nachdem die Forschungsstation Ny Alesund am Weg liegt machen wir dort für kurze Zeit halt für einen Landgang; ich bleibe an Bord, damit ich mich um mein Lamm kümmern kann. Und wehe wenn die Truppe nicht pünktlich wieder zurück ist und in der Kneipe versumpft – dann wird der Koch sauer weil das Essen verkocht.
Das Essen wieder ein voller Erfolg – die Amis fressen mir im wahrsten Sinne des Wortes aus der Hand. Nach dem Essen laufen wir wieder aus: eine lange Nacht liegt vor uns. Wir wollen nonstop in Richtung Süden und morgen nachmittag in Tryghamna vor Anker gehen. Das sind unter günstigen Bedingungen gut 20h Fahrt – ein sportliches Unterfangen mit einer 4er Crew. Glücklicherweise haben wir heute Zeit gehabt um etwas vorzuschlafen.
Die Fahrt war relativ ereignislos bis wir am Tag darauf gegen Mittag in die ersten Eisfelder müssen. Wir stossen zunächst auf lockeres Treibeis – nicht mehr als 2/10 – 4/10 das sich allerdings sehr schnell verdichtet. Ich gebe das Steuer bereitwillig wieder an Heimir ab… Was mit dem Kajak bei diesen Eisverhältnissen Spass pur gewesen wäre ist hier Schwerstarbeit für den Steuermann. Das Ruder reagiert erst 3-4 Sekunden zeitversetzt, sodass einiges an Erfahrung und Augenmass dazu gehört, die Tilvera ohne Rempler durch die Eisfelder zu bringen. Bald ist aber auch das nicht mehr möglich und David und ich machen uns im Bug mit langen Stangen bewaffnet parat um die Schollen, denen wir nicht ausweichen können, auf die Seite zu drücken. Das gelingt mal gut und auch mal weniger gut. Julie steht einstweilen mit dem Fernglas vor den Augen auf dem Steuerhaus und gibt Heimir die Richtung der günstigsten Routen in weniger eisgefüllte Gewässer an.
Nachmittags 1600 fällt der Anker, wir sind endlich da und fühlen uns wie durch den Wolf gedreht. Nur die Skitruppe ist quietschfidel und will noch eine Mitternachtstour machen. Logisch, die haben ja letzte Nacht ja mit vollen Bäuchen gut geschlafen und den ganzen Tag nichts zu tun gehabt. Dingi wassern, David sucht sich mit der ersten Gruppe kurz darauf mühsam einen Weg durch das immer noch dicht liegende Eis. Julie und ich bereiten währenddessen das Mitternachtsdinner so weit wie möglich vor und fallen dann wie tot in die Kojen.
Aber es sollen uns nicht mal zwei Stunden Schlaf vergönnt sein bis Heimir «Alle Mann an Deck» ruft. Mit dem ablaufenden Wasser hat sich unbemerkt ein Eisfeld genähert und die Tilvera in die Zange genommen. Beinahe hätten wir durch Pressung unser Dingi verloren – eingezwängt zwischen Bordwand und einer mächtigen, übermannshohen Eisscholle.
Alles gut, Dingi in die Davits genommen und damit gerettet. Aber wir müssen den Anker wieder heraufholen bevor der Druck des Eises so gross wird dass wir ihn vielleicht verlieren. Und das hat lange gedauert. Es ist ein zähes Ringen der Ankerhydraulik gegen den Druck des Eises. Die Winsch zieht die Tilvera entgegen der Zugrichtung des Eises, die Kette schneidet sich langsam durch die Eisschollen. Nach einer gefühlten Ewigkeit sehen wir den Anker im klaren Wasser aufkommen. Heimir schickt mich in die Koje, ich muss diese Nacht noch Eiswache übernehmen. Ich bin so kaputt dass ich im wahrsten Sinne des Wortes über meine eigenen Füsse falle und die Augen nicht mehroffen halten kann.




Barentsburg


06. Mai
Die Tilvera treibt die ganze Nacht im & mit dem Eis – lautlos, ohne Anker und ohne Maschine. Die Eiswache fungiert hier nur als Beobachter und soll melden, wenn Grosseis aufs Schiff zukommen sollte oder wenn das Schiff mit der Strömung an Land oder Klippen getrieben wird.
Während meiner Wache ab 0400 – ich habe geschlafen wie ein Stein und bin nach 6h Ruhe wieder leidlich wach – geht einige Male der Untiefenalarm los – das Echolot ist durch die Eisfelder in denen wir treiben etwas verwirrt. Kann auch nicht sein, nach der Karte haben wir über 100m Wasser unter dem Kiel. Was mir eher Sorgen macht ist die Drift – also die Summe von Strömung und Wind – die uns mit 2kts pro Stunde auf ein Felsinselchen zutreibt. Als es absehbar ist, dass uns dir Strömung dort wirklich anlanden will wecke ich Julie. Gemeinsam bringen wir die Tilvera wieder ins tiefer Wasser. Heimir scheint total erledigt zu sein und wie ein Stein zu schlafen. Die Eignerkajüte grenzt direkt an den Maschinenraum und der Skipper ist normalerweise sofort an Deck wenn der Diesel gestartet wird. Dieses mal jedoch Fehlanzeige – kein Heimir.
Auf Wunsch der Gäste laufen wir am Vormittag dann Barentsburg, die russische Kohlensiedlung an. Wenn die wüssten, dass sich unter unseren Gästen ein pensionierter U Boot Kapitän befindet, der über 30 Jahre auf Jagd- und Raketen U Booten der amerikanischen Marine zur See gefahren ist…
Barentsburg kenne ich noch nicht, bei meinem ersten Aufenthalt in Svalbard vor einigen Jahren mit der S/V Noorderlicht waren wir nicht dort. Ein Ort, der Traurigkeit ausstrahlt. Wahrzeichen sind die Schlote die schwarzen Rauch ausspucken: hier wird Kohle im Kraftwerk zur Wärme- und Stromgewinnung verbrannt – und das natürlich ohne Filter. Dadurch erkennt man die Siedlung schon von weitem. Beim Näherkommen stellt man dann fest, dass der Schnee immer grauer wird je näher man Barentsburg kommt. Eine Schande in der heutigen Zeit.
Die Pier ist verwahrlost, aber wir werden sofort von Offiziellen in Empfang genommen die gleich wissen wollen wie lange wir zu bleiben gedenken und ob wir irgendwelche Touren buchen wollen; die Liegegebühr ist sofort im örtlichen Hotel zu entrichten…
Der Ort ist relativ trostlos – viele der alten Holzgebäude sind verlassen und einsturzgefährdet, der Schnee ist dunkelgrau, fast schwarz. Man kann dabei zusehen wie Russkörner wie schwarze Schneeflocken vom Himmel fallen. Himmel, das wird einen Dreck an Bord geben.
Auch die farbige Ostblockarchitektur macht die Sache nicht besser, die Wohnblöcke passen hier einfach nicht her. Im Hotel nehmen wir dann – ziemlich überheizt für unsere Verhältnisse einen Imbiss zu uns. Ich suche das Örtchen auf und geniesse das im Vergleich zur Tilvera sehr grosszügige Platzangebot… Unsere Gäste bleiben an der Hotelbar hängen, wir als Crew machen uns bald wieder auf den Rückweg, das Abendessen – besser gesagt Abschlussdinner – will zubereitet werden. Einen Abstecher machen wir aber noch: wir wollen den lokalen Supermarkt sehen. Kein Vergleich zu den Konsumtempeln in Longearbyen; der Laden erinnert mich von Grösse, Sortiment und Ausstrahlung an die 90er Jahre im ehemaligen Ostblock... Ausserdem geht's heute Nacht noch nach Longearbyen zurück.


St. Johns Fjord

Einige Tage später
Wie sind mittlerweile schon geraume Zeit mit der zweiten Ski & Sail Gruppe unterwegs, die sich signifikant von der ersten Gruppe unterscheidet: War die erste Gruppe zu 90% männlich und durchschnittlich um die Ende 30 ist das Geschlechterverhältnis hier ziemlich ausgewogen und das Alter erheblich höher. Dementsprechend wird weniger gegessen – ich muss mich bei den Mengen umstellen. Getrunken haben beide Gruppen ungefähr gleichviel; die jüngeren eher Bier, die älteren eher harte Sachen.
Diese zweite Truppe hatte in den ersten Tagen etwas Pech mit den Windverhältnissen: auf See hohe Dünung in der Kombination mit viel Wind – wir sind erst am zweiten Tag mit Verspätung raus, das war wohl auch besser so. Auch diese Truppe ist sehr umgänglich & pflegeleicht.
Im St. Johns Fjord machen wir wieder am Wintereis fest - und hier komme ich bei leider nicht optimalen Verhältnissen zu meinem langersehnten, aber kurzen Flug. Dem Vorausgegangen war ein kurze Absprache mit dem Skipper und Todd, dem Leadguide. «Kein Problem» meint dieser, drückt mir seine Savage in die Hand und wünscht mir einen guten Flug.
Ich ziehe die Winterstiefel an, packe den Single Skin samt Frontcontainer und Sitzgurt in den Rucksack, lasse mir von Heimir noch zwei Signalfackeln geben, schnappe mir das Gewehr und gehe von Bord. Zum ersten Mal seit ziemlich genau 4 Wochen alleine und zum ersten Mal seit Wochen wieder Betätigung für die Füsse. Das Eis trägt trotz der warmen Temperaturen erstaunlich gut, ich muss nur in Ufernähe aufpassen dass ich nicht durchbreche. Für den Aufstieg halte ich mich an die Spuren unserer Skitruppe die bereits wieder zurück ist. In deren Track lässt es sich gut gehen und ich sinke nicht soweit ein. Bereits nach kurzer Zeit sieht die Tilvera unter mir wie ein Spielzeugboot aus, wobei ich Gelächter & Gespräche immer noch deutlich höre. Auf 400m Höhe mache ich Schluss, das ist so mit dem Skipper vereinbart, sonst kann ich mein Zeitfenster nicht einhalten. Leichter Südwind liegt an der Kuppe, der Schnee ist verharscht und bietet somit perfekte Startkonditionen. Ich lasse mir Zeit beim Auslegen des Schirmes und dem Leinencheck, geniesse jede Minute ohne Menschen um mich herum zu haben.
«Martin for Tilvera, Martin for Tilvera» melde ich mich beim Skipper als ich parat bin. «Ready for launch innert next 2 minutes.» Damit gebe ich unseren Gästen auch die Möglichkeit am Flug teilzuhaben: Der rot/blaue Schirm ist der perfekte Kontrast zum weiss/grau der verschneiten Hänge und des trüben Wetters. Der Startlauf ist kurz, das ist das schöne an dem leichten Schirm: einmal zupfen und die Kappe steht über dem Kopf; 3 maximal 4 Schritte und die Füsse verlassen den Boden – endlich wieder in der Luft - ich könnte schreien vor Glück.
Und auch wenn es nur ein kurzer Abgleiter ist – das Panorama ist traumhaft. Wintereis im Fjord, die Tilvera an der Eiskante wie ein Modellboot. Schwarz das offene Wasser unter bedecktem Himmel, weiss gesprenkelt von kleineren Eisbrocken. Aus Richtung Westen – Forlandsundet kommen grössere Mengen Eis in grossen Flössen in den Fjord, angetrieben von Strömung, Tide und etwas Wind. Eigentlich will ich einmal um die Tilvera herumfliegen und dann auf dem Eis landen, aber der Gleitwinkel des Schirms ist zu schlecht. Kurzerhand mache ich einige Wingovers bevor ich dann zuerst in Richtung Eiskante eindrehe und dann an ihr entlangfliege bis ich kurz vor der Tilvera Grund berühre.
Die letzten Tage habe ich kein Tagebuch mehr geführt, Schlaf ist wichtiger. Und die Tage ja immer noch lang. Der werte Leser darf gerne mal hochrechnen wie lange man allein für den Abwasch von 15 Personen incl Kochutensilien & Töpfen benötigt – und das 3x täglich. Dazu kommt dann noch das hinterherräumen von Snacks und leeren Bierdosen… Eine nie enden wollende Aufgabe….
Auch die letzten Seiten habe ich mehr aus dem Gedächtnis geschrieben; es wird Zeit für ein (kurzes) Fazit:
Crew fantastisch, Chemie ebenfalls. Schmeckt nach mehr im kommenden Jahr. Die Arbeitslast ist bombastisch und die Bezahlung so lala - aber wegen des Gelds macht man so einen Job schliesslich nicht...
Und Seekrankheit muss ich dann wohl in Kauf nehmen.
@ Heimir, Belen - es liegt an Euch.
Von meiner Seite aus gerne wieder, dann auch länger.




Februar
2023
Der Versuch eines Vorworts
Die Expedition des vergangenen Sommers geht mir schon seit - ja, eigentlich Jahrzehnten - durch den Kopf.
Von der Faszination, der vagen Idee bis hin zur letztendlichen Realisierung war es aber ein langer Weg.
Anfang der 90er Jahre habe ich einen Expeditionsbericht von Konrad Gallei in die Finger bekommen. Der hat in den 80er Jahren versucht, den Küstenabschnitt von Tasiilaq entlang der Ostküste zum Kap Farvel und weiter nach Nanortalik in Südgrönland mit seiner Partnerin in einem Klepper Aerius (Faltboot) zu bewältigen. Zu dieser Zeit gab es noch keine dehydrierten Lebensmittel, kein Satellitentelefon, das GPS steckte noch in den Kinderschuhen. Die Ausrüstung mutet nach heutigen Massstäben fast primitiv an. Klimawandel war zu dieser Zeit noch nahezu unbekannt, die Sommer in Ostgrönland erheblich kühler als heute mit entsprechend mehr Eis. Konrad konnte wegen der Eislage auch erst Mitte/Ende Juli ab Tasiilaq starten - also gut einen Monat später als wir.
Dem Buch ist zu entnehmen, dass er es nicht geschafft hat - er hat sich letztendlich ausfliegen lassen müssen, weil der Winter vor der Tür stand.
In diesem Buch habe ich auch zum ersten Mal von Gustav Holm gelesen: ein dänischer Marineoffizier, der in den 1880ern die sogenannte Frauenbootexpedition von Südgrönland die Ostküste nach Norden führte:
Gustav Frederik Holm – Wikipedia
Bis zu diesem Zeitpunkt wusste man in Europa immer noch nicht ob in Ostgrönland überhaupt Menschen leben, da das dichte Packeis die Segler daran hinderte, bis zur Küste durchzudringen.
Als ich es 2014 endlich zum ersten Mal nach Ostgrönland geschafft und dort die ersten Paddelschläge gemacht hatte wusste ich, dass ich diese Tour unbedingt realisieren wollte - so sehr hatte mich Ostgrönland gepackt. Etwas verrückt & artic bitten war ich ja schon immer. Aber das? Ein richtiges Grossprojekt? Eine Expedition?
2019 war ich dann endlich soweit, die Planung für 2020 in Angriff zu nehmen. Kajaks & Ausrüstung lagerten bereits seit einigen Sommern in Tasiilaq im Container, ein Dreier Team war für den kommenden Sommer zusammengestellt.
Im März 2020 will ich noch an einer Skiexpedition in NO-Grönland teilnehmen und im Juni soll dann die Kajakexpedition starten. Im März, 10 Tage vor meinem Abflug nach Island - Corona war längst in Europa angekommen - ruft mich eine Freundin aus Island an und sagt, dass alle Flüge gestrichen sind - shut down allerorten. Den Rest der Geschichte haben alle noch in Erinnerung...
2021 im Herbst beginnt die Planung mit neuen Teammitgliedern von Neuem, nachdem der Weg nach Grönland wieder offen ist. Ein Restrisiko eines erneuten Shutdowns kann aber nicht gänzlich ausgeschlossen werde und bleibt bestehen.
2022 im Spätwinter und Frühjahr laufen sämtliche Genehmigungsverfahren - Expeditionspermit, SAR Versicherung etc. Nahezu wöchentlich finden Calls mit Klaus und Susanne statt. 1000 Dinge müssen bedacht, organisiert und erledigt werden.
Im Gegensatz zu früheren Unternehmungen arbeiten wir auf dieser Unternehmung mit Back Office - meine Lebensgefährtin Bea und John aus Schottland versorgen uns während der Tour regelmässig mit Wetter- und Eisdaten. Das macht unsere Planung natürlich erheblich einfacher: wenn wir wissen, was auf uns zu kommt oder wie lange das gute/schlechte Wetter anhalten wird dann können wir uns entsprechend richten...
Es ist einfach technisch nicht möglich, für 60 Tage und mehr Ausrüstung, Verpflegung & Brennstoff in und auf die Kajaks zu packen. Aufgrund der vielen Unwägbarkeiten (und um uns nicht selber unter Druck zu setzen auch bei widrigen Bedingungen auf See zu müssen) entschliessen wir uns mit einem vorgeschobenen Depot zu arbeiten. Das ist zwar nicht billig und logistisch ein Alptraum - aber es nimmt Dampf aus dem Kessel.
Anfang Juni 2022 wissen wir immer noch nicht, ob wir das Permit letztendlich erhalten oder nicht. Der Antrag ist immer noch im Hearing Prozess bei den zuständigen Gremien der Grönländischen Verwaltung, des Arctic Command und der Polizei. Täglich kommen neue Nachfragen per Mail.
8 Tage bevor ich nach Grönland abreise, erhalten wir endlich grünes Licht für die Expedition - wir können starten!
Und noch eine Kleinigkeit am Rande - wir haben alles selber finanziert, ohne Sponsoren. Ich habe nicht einmal versucht, welche zu gewinnen. Ich will nicht abhängig sein und niemandem verpflichtet ausser mir selber.
Karale Gletscher, Ostgrönland
Juli 2019
Foto - Bea Gisi

Expeditionstagebuch
20. Juni 2022
2. Reisetag
Qeerpik
Der heutige Tag war irre. Die letzte Nacht haben wir in der alten, verlassen Aussensiedlung Ikateq verbracht und dort Quartier in der alten Kirche mit angeschlossener Einraumschule gemacht. Nachmittags Schiesstraining mit der Savage .308, der Pumpgun sowie den Nico Signalgeräten. Schliesslich muss jeder von uns mit dem Material umgehen können und nicht lang erst lang nachdenken, wenn es einmal soweit sein sollte dass wir sie brauchen...
Start heute bei bestem Wetter gegen halb neun. Wir haben alle noch mit der Ausrüstung zu kämpfen, am zweiten Reisetag hat sich noch keine Routine beim Pcken eingestellt. Das Stauen der Kajaks braucht einfach noch seine Zeit - aber das wird sich in den kommenden Tagen (hoffentlich) schnell ändern. Die Eisbedeckung ist anfangs bei lockeren 5 - 6/10. Es ist so ruhig, dass wir direkt an der Fjordmündung den Sermilik queren und Kurs auf das gegenüberliegende, 10km entfernte Kap Tycho Brahae setzen können. Nach gut 2/3 wird das Eis erheblich dichter. Nachdem ersichtlich wird, dass die darauffolgende grosse Bucht Iisp Ilua wegen des dichten Eises unpassierbar ist - und auch keine Notwendigkeit besteht dort unter Land zu gehen - bleiben wir in den immer dichter werdenden Eisfeldern auf See.
Mittlerweile werden die Abstände zwischen den Eisflössen immer kleiner, unsere Geschwindigkeit immer geringer. Aber noch kommen wir im Zickzack zwischen den Schollen hindurch - aber es ist Schwerstarbeit, die vollen Seekajaks (die ja auf Kiel gebaut für den schnellen Geradeauslauf konzipiert sind) durch die immer engeren, verwinkelten Gassen zu manövrieren. Immer wieder müssen wir die Eisäxte in die Hand nehmen, um Überhänge an den Schollen abzuhacken, damit unsere Kajaks durch die Engstellen passen.
Gestern abend hatten wir als heutiges Tagesziel den Nagtivit Fjord anvisiert - keine grosse Sache bei offenem Wasser und ruhigen Bedingungen. Anfangs sah es auch danach aus, als wäre diese Distanz machbar. Aber nachdem das Eis immer dichter wird kommen wir schnell davon ab. Als wir merken, dass sich die Eisfelder an der Küste zu stauen und zu komprimieren beginnen, versuchen wir unser Glück weiter draussen auf See. Als Fix- und Peilpunkt dient uns dabei die gut 5km dem Kap Qeerpik vorgelagerte Insel Immikkeerteq. Im fortschreitenden Nachmittag spekulieren wir auch darauf, vielleicht dort Camp machen zu können - aber Fehlanzeige. Die Insel ist ein einziger, hoch aufragender Felshaufen, umgeben von relativ steilen Klippen. Zudem ist hier draussen trotz der Dämpfung durch die Eisfelder der Swell deutlich spürbar. Die Wellen waschen meterhoch die glatten Felsen hinauf und nehmen dabei tonnenschwere Eisbrocken mit.
Es bleibt uns also letztendlich nichts anderes übrig, als uns durch das dichte Eis zur Küste zurückzukämpfen. Nochmals 4 Kilometer, und es ist bereits nach 1600 Uhr. Glücklicherweise ist es immer noch so gut wie windstill; die Eisfelder sind also nicht in Bewegung sondern fast statisch. Die Wasserrinnen werden allerdings immer verwinkelter und enger, die Flösse aus altem Wintereis liegen immer dichter aufeinander, einzig auseinandergehalten von ihren Eisfüssen unter Wasser. Dazwischen eingesprenkelt Eisberge: mit grossen Türmen, schroffen Zinnen und teilweise mit wunderschönen Durchbrüchen...
Irgendwann geht es überhaupt nicht mehr weiter - wir müssen die Kajaks aus dem Wasser holen und über die Eisflösse ziehen. Eisbärenland... Das Eis bildet immer mehr eine kompakte Masse, Kanäle sind faktisch nicht mehr vorhanden. Also stossen wir die Kajaks am Schollenende wieder ins Wasser, machen 1- 2 Paddelschläge um das Spiel dann wieder von Neuem zu beginnen. Teilweise funktioniert es aber auch, wenn wir den Bug des Kajaks in eine Spalte zwischen zwei Schollen positionieren und das Boot mit Hilfe des Eispickels in die Lücke ziehen - wie in Zeitlupe wird dann die Lücke grösser, wenn die Massen anfangen sich auseinander zu bewegen. Das funktioniert auch, wenn man sich in einer schmalen Lücke mit den Armen zwischen den Schollen einspreizt. Alles in allem - harte körperliche Arbeit, die uns ziemlich schlaucht.
Mit zunehmender Ufernähe wird das Eis glücklicherweise wieder lockerer, sodass wir gegen 1900 am alten Siedlungsplatz Qeerpik anlanden können. Einen geeigneten Platz für's Camp finden wir 20, 25m ober halb der kleinen Bucht in einem Quertal mit Süsswassersee, Altschneefeldern und Blick aufs Eismeer.







Expeditionstagebuch
20. Juni 2022
3. Reisetag / 5 km
Kittermiit
Sonnig / morgends windig / mittags stürmisch / abends windstill
Heute morgen sind wir von der Sonne geweckt worden - tropische Temperaturen im Schlafsack - aber draussen ist es wegen des kalten NO Winds ziemlich ungemütlich. Daher unternehmen wir nach dem Frühstück zunächst eine kleine Wanderung auf die erhöhten Klippen südlich von unserem Camp; als wir merken, dass der Blickwinkel wegen der geringen Höhe zu flach ist, steigen wir nördlicher Richtung in die umliegenden Hügel auf um die Eislage besser beurteilen zu können.
Es ist überwältigend. Offenes Wasser ist ausschliesslich dicht unter dem Ufer zu sehen. Je weiter wir den Blick auf das gut 7km entfernte gegenüberliegende Ufer des Nagtivit schweifen lassen, desto kompakter wird das Eis. Ab geschätzten 2 km vom Ufer entfernt wirkt es so kompakt, als könne man den Rest der Strecke trockenen Fusses zurücklegen. Erst kurz vor dem anderen Ufer kann ich mit dem Fernglas wieder kleine, offene Flächen erahnen. In Richtung S und SO ist das Bild noch imposanter: Eis, soweit das Auge reicht - in unregelmässigen Abständen durchbrochen von grossen Eisbergen. Das Auge kann sich nirgends mehr festhalten.
Das Eis in Richtung Nagtivit liegt immer noch dicht an dicht, aber auf unserer Seite des Fjordes gibt es viel freies Wasser - damit ist die Entscheidung gefallen. Als wir uns zwei Stunden später aus der kleinen, geschützten Bucht herausarbeiten hat der Wind allerdings deutlich zugelegt und angefangen, die Eisfelder in Richtung des südlichen Ufers zu verschieben und dort zu verdichten.
Auch hier, immer noch in Ufernähe, ist es zusehends ungemütlich geworden. Die Wellen haben bereits Schaumkronen aufgesetzt, die Kajaks werden vom Wind versetzt und wir müssen laufend kontern und um noch halbwegs Kurs halten zu können. Sämtliches Eis ist in Bewegung. Da die Zufahrt zu dem auf der Nattivit Halbinsel vorgelagerten Fangsthus bereits blockiert ist und wir es nicht wagen, uns in die sich bewegenden Eisfelder zu begeben, wassern wir bereits nach einer guten Stunde wieder aus und schlagen beim alten Siedlungsplatz Kittermiit mit im Wind flatternden Hosenbeinen unsere Zelte auf.
Der hat mittlerweile beinahe Sturmstärke erreicht und den Wellenkämmen Gischtkronen aufgesetzt. Der Wind heult in den Ohren, vom Fjord hören wir undeutlich die krachenden, mahlenden Geräusche von den Eisfeldern, die ineinander verschoben und verpresst werden. Eine gute Entscheidung, die Querung bei diesen Verhältnissen nicht in Angriff zu nehmen. Zeltaufstellen unter diesen Bedingungen war nur in Teamarbeit möglich...
Nachmittags ziehen wir an der Uferkante entlang, um die Gegend zu erkunden und ein windstilles Plätzchen zu finden.
Auf dem Rückweg versuchen wir (nicht vorhandenes) Treibholz zu sammeln um den heutigen Tag würdig ausklingen zu lassen - es ist Mittsommer, der längste Tag des Jahres und zugleich der Nationalfeiertag Grönlands. Zu diesem Anlass köpfen wir unseren erste & einzige Flasche Wiskey.
Nebenbemerkung - ich habe keine Ahnung, wie wir die Strecke bis Nanortalik bei diesen Eisverhältnissen schaffen sollen...





Expeditionstagebuch
22. Juni 2022
4. Reisetag
Querung des Nagtivit Kangertivat Aqqaajag Halbinsel, Nordufer
Was für ein Sch… Tag, trotz des prächtigen Wetters.
Nachdem wir gestern die Querung wegen der dichten Eislage im Fjord und des am Vormittag stürmischen NO Windes (der das viele Eis im Fjord zusätzlich verdichtete) nicht durchführen konnten durften wir uns heute wieder schinden.
Die ersten paar 100m gingen dank lockerer Eisbedeckung und grosszügiger Kanäle zwischen den Schollen noch flott voran. Geplantes Tagesziel war der alte Siedlungsplatz Narsaarti nach dem Kap Nuukajik, den ich von früheren Touren noch kenne – aber dann war es wieder vorbei mit dem offenen Wasser und die Schinderei begann. Immer engere Kanäle, zickzack zwischen den Eisplatten, Schollen aus dem Weg drücken, mit der Eisaxt Überhänge weghacken um den immer enger werdenden Kanälen noch folgen zu können, zusätzlich teilweise noch Neueis auf dem Wasser. Und irgendwann war es dann wieder soweit dass wir auf dem Wasser nicht mehr weiterkamen und die Kajaks aufs und übers Eis ziehen mussten
Teilweise war es einfach - wenn die Schollen flach waren und vielleicht noch mehrere direkt hintereinander lagen, sodass wir trockenen Fusses von Floss zu Floss kamen. Teilweise sehr aufwendig, da das Eis auch Erhebungen bildet und Schmelzwasserseen oder Eistrümmer auf den Schollen sind. Oder wir mussten wegen Wasserrinnen von 2m zwischen den Schollen wieder in die Kajaks und dann gleich wieder raus aufs nächste Stück altes Wintereis. Und natürlich mussten wir bei jeder Wasserung/Anlandung erstmal die Tragfähigkeit des Eises am Rand der Schollen prüfen und morsches Eis weghacken. Das ging aber erstaunlich gut.
Die Eisäxte sind Gold wert, ohne sie würde teilweise nichts mehr gehen. Sichern beim Aussteigen, Überhänge aus dem Weg hacken, Eisbrocken in den engen Rinnen aus dem Weg ziehen, Rinnen verbreitern damit die Boote durchpassen und auch das Kajak über flache Eisschollen (sitzend) ziehen. Und abends am Camp dann natürlich auch die Boote damit sichern.
Bei jedem Stehenbleiben, nicht-mehr-weiterkommen oder einer Pause auf dem Eis sind frieren die Kajaks auf dem Eis an und sind nur mit beträchtlichem Kraftaufwand wieder in Marsch zu bringen. Wenn die Fuhre dann wieder rollt, geht es wegen des Schmelzwasserfilms zwischen Eis und Kajak dann wieder flott voran.
Gefühlt sind wir heute auf dem Eis kleben geblieben. Vor allem der zeitlich Verlust wiegt für mich schwer, da die Gruppe ja zusammenbleiben muss. Jedes mal 3 Kajaks aufs Eis, jedes mal wieder 3 Kajaks ins Wasser. Ums nächste Eck herum, dann mit dem Pickel die schmale Rinne verbreitern damit die Kajaks durchpassen, die anderen warten einstweilen hinter einem bis der Durchschlupf fertig ist…
Und – nicht zu vergessen – mit dem vielen Treibeis sind Bären unterwegs. Du siehst sie nicht, Du hörst sie nicht. Aber sind trotzdem da. Das ist ihr Reich. Und das macht uns ab und zu doch etwas nervös, wenn man vor lauter Eis kein Wasser mehr sieht…
Im letzten Viertel der Querung lockerte das Eis aber dann wieder auf, wir sind wieder zügiger vorangekommen, zum Schluss hatten wir in Ufernähe sogar richtig offenes Wasser. Ums Kap haben wir es natürlich nicht mehr geschafft, zu viel Eis, zu spät, zu kaputt.
Klaus hat unseren Kurs heute getrackt. Das Bild sieht aus als ob eine betrunkene Fliege über einen Tisch gewackelt wäre… 5km Luftlinie / effektiv 10km / 10 Stunden.
Camp haben wir dann in einer geschützten Bucht am Südufer der Aqqaajag Halbinsel gemacht, am Eingang des Nagtivit Fjordes. Abends hat der Wind noch Seenebel im Hauptstrom des Fjordes hereingetragen - wir selber sassen dabei im Windschatten des Vorgebirges in der Sonne…





Expeditionstagebuch
25. Juni 2022
7. Reisetag
Sunikajik
Heute hat für mich das eigentliche Abenteuer begonnen – wir sind frisch verproviantiert in Isortoq gestartet. Bis zur nächsten Siedlung liegen gut 1.100km vor uns, unterbrochen durch das Depot das Salo für uns anlegen wird. Terra incognita liegt vor uns.
Wir waren bei Salo, einem Jäger aus Isortoq noch zum Kaffee eingeladen. Bereits gestern bekamen wir dort frisches Robbenfleisch vorgesetzt («Kajakfahrer brauchen Fleisch» so sein Argument), anschliessend Kaffee – und dann ging die Diskussion wegen des Depots los. Und das war sehr umständlich, denn – ich konnte selber nicht glauben – Salo spricht nur Ostgrönländisch, seine Frau ebenso. Kein Dänisch, kein Englisch. Aber seine Tochter lebt in Dänemark, also hatten wir eine Standleitung zu ihr. Salo mit seiner Tochter in Dänemark, diese zurück zu Susanne auf Dänisch und die dann zu uns auf Englisch. War etwas umständlich, hat aber gut funktioniert.
Nein, das Depot könne er nicht in Skjoldungen wir geplant anlegen – zu viel Eis dieses Jahr, vor allem zu früh. Also einigten wir uns nach langer Diskussion auf einen alternativer Standort in Kuuk, nach einem drittel der Strecke zum ursprünglich geplanten Ort und zu einem gesalzenen Preis. Das bringt uns in die Problematik, dass wir am Depot nicht mit leeren Booten ankommen sondern diese dann noch halb voll sein werden. Das heisst wir können nicht alles mitnehmen, haben dann aber gut 300km mehr als geplant zur nächsten Siedlung. Nun gut, wir werden sehen.
Schon das Stauen der Boote mit dem frischen Proviant war ein Kunststück für sich. Susanne hat noch einige Sachen nach Dänemark zurückgeschickt weil sie einfach keinen Platz mehr hatte – obwohl sie so ein Dickschiff fährt… Immer noch bestes Wetter, Luftdruck bei 1030mbar, kaum Wind und anfangs, als wir Isortoq umrundeten und Kurs nach Süden setzten auch kein Eis. Meine grösste Sorge war seit Tagen, dass die grosse Bucht hinter Isortoq – Ikertivaq - wie in den letzten Jahren voll mit Eis sein würde. Und da hatte es erheblich weniger Wintereis gehabt als diesen Sommer…
Als wir dann an der Igsalik Inselgruppe vorbei waren wurde das Eis wieder dichter, wir kamen bei einer Eisbedeckung von 6 – 7/10 aber gut voran. Man merkt dass der Frühsommer vorbei ist, die Eisflösse des alten Wintereises werden mit jedem Tag dünner. Irgendwann werden wir nicht mehr auf dem Eis Pausen machen können…
Salo hat uns nochmals nachdrücklich von Bären gewarnt. Er wird dementsprechend das Depot maximal 1 – 2 Tage vor unserer Ankunft in Kuuk einrichten, damit noch alles an Ort und Stelle ist wenn wir dort sind.
Das Landschaftsbild hier unterscheidet sich erheblich von der Gegend um Tasiilaq. Dominieren dort alpines Gelände mit Gletschern und Fjorde die (für Ostgrönland) relativ grün sind, herrscht hier flache Küstenlandschaft mit flachen, felsigen Schäreninseln ohne jegliche Vegetation vor, Schneefelder reichen bis zur Wasserlinie. Eine Urlandschaft, seitdem sich die Gletscher des Inlandseises zurückgezogen haben. Und immer der Blick auf den grönländischen Eisschild, ein gewaltiges 180° Panorama.
Heute nachmittag dann ein Highlight – eine wunderschöne, fragil wirkende Eiskathedrale mit einem gigantischen Tordurchbruch. Natürlich habe ich nicht wiederstehen können und habe ausgiebig fotografiert & gefilmt. Diese leuchtenden Farben im Nachmittagslicht – türkis, hellblau, aquamarin - ein Suchtfaktor. Bald darauf haben wir auf einer der letzten Inseln des Archipels auf Granitklippen unser Camp aufgeschlagen. Der Fels wird die kommenden Wochen unsere einzige Unterlage sein. Sogar Frischwasser haben wir, auch wenn wir auf blankem Stein schlafen. Beim Abendspaziergang zum höchsten Punkt haben wir einen Blick über die Bucht in Richtung Danebrogs Ö, unserem morgigen Ziel, werfen können. Viel Eis wartet auf uns…
Die Weite auf dem eisbedeckten Polarmeer und das allgegenwärtige Inlandseis sind gigantisch. Der Blick zurück nach Norden liess im Dunst noch Kap Tycho Brahae am Sermilik Fjord und die Gletscher der Ammassalik Insel erahnen. Was werden uns die kommenden Wochen bringen?





Expeditionstagebuch
26. Juni 2022
8. Reisetag
Danebrog Insel / 29 km
Die Querung ist geglückt.
Frisch war's heute morgen.
Nebel hing über dem Wasser und kam immer tiefer. In Kombination mit dem leichtem Wind war es gefühlt eiskalt - wärmer wurde es erst, nachdem wir in die Trockenanzüge gestiegen waren.
Im Nebel unterwegs zu sein hat immer die Aura des Mystischen und ein bischen Endzeitstimmung an sich. Konturen der Eisberge verwischen, Distanzen sind nur noch schwer einschätzbar - irgendwann kommt der White-Out Effekt. Dazu kommen die gespenstische Stille und das intensive, türkisfarbene Leuchten des Eises.
Friedvoll, wie zu Anbeginn der Zeit...
Das einzige Manko bei der Querung des Ikertivaq war die Nebellage, da wir dadurch das gewaltige Panorama des Inlandeises nicht sehen konnten. Mittagspause haben wir einmal mehr auf einem grossen Eisfloss gemacht. Gefühlt werden die Dinger jeden Tag kleiner und dünner...
Zu diesem Zeitpunkt begann die Sonne durch den Nebel zu drücken und es wurde spürbar wärmer. Die Rinnen zwischen dem Wintereis wurden jetzt auch breiter und zahlreicher - aber leider nahm damit auch das Slush Ice (Eisbrei) zu; damit wurde unser Vorankommen wieder erheblich verlangsamt.
Kurz vor Danebrog hatten wir dann einen gigantischen Tafeleisberg vor uns, der sich aus dem Dunstschwaden schälte. Geschätzte Masse 0,8 x 1,2 km - der sichtbare Teil 12 bis 15m hoch. Was für ein Monster...
Spätestens hier war der Nebel weg, das Meereis ebenso; dafür konnten wir jetzt umso mehr Eisberge in ihren prächtigen Formen bewundern.
Wir sind dann nach der grossen eisgefüllten Walflukenbucht noch um Holm's Naes herum bis ans Ende einer kleinen Bucht gepaddelt - glücklicherweise bei Tidenhöchststand - sodass wir die Kajaks in beladenem Zustand von der Uferkante über die Schneewächten bis zu einem Geröllstreifen ziehen konnten.
Morgen ist Island Hopping über eine Distanz von 40km angesagt: über die Graals Inseln und die Hornemann Insel zur Örstad Insel - wo wir hoffen, eine funktionstüchtige und einigermassen saubere Hütte vorzufinden.


Expeditionstagebuch
27. Juni 2022
9. Reisetag
Örsted Insel / 34 km
Die Landschaft in die wir eintauchen, wird immer schroffer - und immer schöner.
Die Fjorde um Tasiilaq sind im Vergleich hierzu idyllisch & grün...
Wir wurden heute von der Sonne auf den Zelten geweckt - und sind trotzdem erst gegen 1/2 11 weggekommen. Grund war Niedrigwasser in unserer Bucht; wir mussten also zuerst die Kajaks & die Ausrüstung über weitere 150m über ungünstiges Terrain bis zur Wasserkante befördern. Dort hatten wir nur einen "guten" Platz zum Stauen der Kajaks zur Verfügung, 2 Leute mussten also unter erschwerten Bedingungen packen.
Susanne braucht nach wie vor zu lange zum Packen. Bis sie dann schlussendlich startbereit ist, sind Klaus & ich bereits eine halbe Stunde und länger fertig. Ich nutze die Zeit, um noch einige Aufnahmen zu machen und genüsslich eine Pfeife zu rauchen - aber das kann so nicht weitergehen. Ich schau' mir die Sache die kommenden 1,2 Tage noch an und muss dann mal mit ihr reden. Ich kann die kommenden Wochen so auf jeden Fall nicht weitermachen - mir platzt sonst was.
Die erste Querung bis zur Hornemann Insel geht dank leichtem NO - also Rückenwind - ziemlich zügig voran. Kap Gudbrand Torlaksen gleitet zu unserer Rechten vorbei und verschmilzt bald mit dem Eispanzer des Festlands. Der Wind ist allerdings zu schwach, um auf den Wellen richtige Kämme zu bilden, die die Kajaks ins Surfen bringen würden. Wintereis haben wir ebenfalls fast keines mehr, entweder liegt das Eis weit draussen vor der Küste oder wir befinden uns zwischen zwei Schüben. Dafür vertreiben uns viele Eisberge sowie der ungetrübte Blick auf das Inlandeis und die zahlreichen Nunatakker die Zeit - ein 180° Panorama, das wir nicht müde werden zu betrachten & zu genissen.
Auf den der Hornemann Insel vorgelagerten Schären machen wir auf rundgewaschenen Granitklippen Mittagspause und vertreten uns die Beine. Im Anschluss paddeln wir mit Kurs SW in Richtung der Meerenge zwischen Örsted und Avqusiajik Inseln weiter. Dort soll sich eine alte Jagdhütte (Fangsthus) befinden, die wir allerdings auch trotz längerer Suche nicht gefunden haben.
Camp machen wir schliesslich an einem alten Sommerplatz der Inuit, gut erreichbar über sanft ansteigende Granitklippen neben einem kleinen Wasserfall. Die Aussicht von dort nach NO / O / SO ist prächtig: Abendsonne liegt satt über der Landschaft, in Richtung Norden sehen wir über den fast schwarz wirkenden Fjord hinüber auf den Eisschild und die scharf umrissenen Konturen von Hornemann, Dannebrog und Sunikajiit und deren Schären. Nach Osten gleisst der Packeisgürtel im Abendlicht.
Nach dem Essen machen wir noch eine ausgedehnte Abendwanderung und steigen entlang an Schneefeldern, über Geröll und Granitplatten auf den Höhenzug hinter dem Camp auf. Dort verschlägt uns das Panorama den Atem, wir können die komplette Route des morgigen Tages vor uns sehen - und noch viel mehr: unser Blick schweift über 30 km offenes Wasser bis hinüber zum Festland. Dort steigen die Gletscher steil bis auf 1.300m aus dem Wasser. Und was ich auf den ersten Blick für eine Nebelbank am Horizont gehalten habe entpuppt sich als die komplett vergletscherte, 60km lange Jens Munks Insel...
Die ist dem Festland vorgelagert und durch einen schmalen Kanal davon getrennt, der aber auch im Hochsommer unpassierbar sein dürfte. Auf der Karte kann man erahnen, dass dort kilometerlange Gletscherfronten hineinkalben und den Fjord regelrecht verstopfen müssen...
Es geht in Richtung & über die Köge Bucht - in zwei Tagen sollten wir drüben sein - direkt an die Abbruchkanten der grossen Gletscher. Um die Querung machen zu können, brauchen wir weiterhin ruhiges Wetter - auch für die seeseitige, lange Passage entlang der Jens Munks Insel.




Expeditionstagebuch
28./29. Juni 2022
9./10. Reisetag
Namenlose Insel / 27 km

Meine Ausrüstung kommt allmählich in die Jahre...
Vor einigen Tagen ist ein Schnapper vom PeliCase gebrochen, in dem ich auf Deck meine Kameraausrüstung griffbereit wasser- und staubdicht transportiere. Jetzt lässt sich die Box nicht mehr wasserdicht verschliessen, was im Falle von Spritzwasser (Regen & Wind / Gischt bei schwerer See) oder - Gott bewahre - einer Kenterung tragische Folgen für Kamera, Optiken und damit der kompletten Dokumentation der Expedition hätte. Notlösung für schlechtes Wetter / rauhe Bedingungen sind ein kleiner Gurt oder - noch besser da flexibler :-) ein Pfeifenreiniger, den ich verzwirbeln kann um den Anpressdruck von Körper & Deckel zu erhöhen.
Heute morgen hatten wir wieder eine Diskussion wegen unserer Abfahrtszeit aufgrund der Windprognose - obwohl es tatsächlich beinahe windstill war. Zufrieden war ich damit nicht (ich wäre eher gestartet) - aber gut.
Was bzw. wer mir dann aber bald das Kraut ausgeschüttet hätte war - Susanne. Morgens haben wir ganz klar 1000 Uhr vereinbart. Und auf wen warten wir wieder bis 1/2 11 Uhr? Irgendwann haben wir es dann doch geschafft, aber ich war tierisch angepisst.
Als wir die Örsted Insel verlassen, haben wir vom Start weg leichten Gegenwind bei wolkenlosem Himmel; der Wind ist uns wegen des Eishauchs, den er von SW mit sich brachte sehr willkommen, da es im Trocki sonst sehr schnell viel zu warm wird.
Aufgrund der günstigen Verhältnisse konnten wir das Becken bis zur Aqitseq Insel direkt queren, ohne die Halbinsel Sipulik zu berühren. Nach Sipulik kommt ein monströser Gletscher vom NW gelegenen Inlandeis herunter, die Abbruchkante ist mehrere Kilometer breit. Wir hörten mehrmals das dumpfe Donnern von grossen Kalbungen ohne jedoch etwas zu sehen - dafür waren wir zu weit weg. Die Kalbungswellen jedoch waren auch noch in einer Entfernung von 8km deutlich spürbar; wobei ich hinzufügen muss, dass wir im tiefen Wasser unterwegs waren und aus diesem Grund nicht gefährdet. In Ufernähe wäre das etwas anderes gewesen - ich habe ein solches Szenario vor Jahren life am Eqi Gletscher nördlich von Ilulissat erlebt. Nicht lustig...
Während unserer Mittagspause fällt Klaus auf, dass meine (Neopren) Spritzdecke im Frontbereich bei der Schlaufe ein Loch hat und an anderer Stelle auf der anderen Seite bereits fast duchgescheuert und somit kurz vor dem Reissen ist...
Damit ist heute Abend nach dem Essen erst einmal Nähstunde angesagt. Martin (Rickard) hat mir vor unserem Aufbruch glücklicherweise noch eine alte Reservespritzdecke mitgegeben, mit der ich morgen fahren werde. Mein schadhaftes Exemplar muss erstmal gut abtrocknen, bevor wir es dann kleben können.
Am späten Nachmittag landen wir bei einer kleinen Landzunge auf Granitrippen, die teilweise noch schneebedeckt sind. Unser Camp steht sehr einsam (und etwas exponiert) auf einer Felsklippe auf blankem Fels; Steine schleppen war angesagt, um die Zelte befestigen zu können.
Abends sind wir noch in die kargen Hügel hinauf. Zuerst haben wir ein altes Grab entdeckt; das lässt den Schluss zu, dass sich hier auf der Insel auch ein alter Siedlungsplatz befinden muss. Und wirklich, einige Höhenmeter weiter oben finden wir die gut erhaltenen Reste eines alten Winterhauses einschliesslich des noch bestehenden, nicht eingestürzten Kriecheingangs. Dies ist das (vom Grundriss her) grösste Winterhaus, das ich bisher gesehen habe. Ungewöhnlich an dieser Platzwahl ist allerdings die grosse Entfernung zum Meer (150 Höhenmeter / 20 Minuten zu Fuss) sowie das Fehlen jeglichen Wassers in der näheren Umgebung.
Vom höchsten Punkt der Insel dann ein phänomenaler Ausblick: über die Köge Bucht nach SSW sehen wir die volle Länge der Jens Munks Insel (65km) vor uns ausgebreitet, die fast vollständig vergletschert ist. Weiter draussen auf See ist der Eisgürtel zu erahnen der vor der Küste liegt. Nach W und NW das Ende der Köge Bucht mit einer Vielzahl von landfallenden, kalbenden Gletschern und zahllosen Eisbergen auf dem Wasser. Landschaftlich erinnert die Gegend an den Johann-Petersen-Fjord beim Sermilik - nur eben um einige Nummern vergrössert, titanischer.
Morgen machen wir voraussichtlich die 20km Querung der Köge Bucht, dann geht es weiter an den Gletscherfronten der Jens Munk Insel Kurs SSO.
Gleicher Platz / 29. Juni
Regen- und Bummeltag
Gestern abend haben wir noch darüber gesprochen dass die Klippen, auf denen unsere Zelte stehen ziemlich exponiert sind - heute morgen gegen 0400 hat es zu regnen begonnen...
Gestern abend hat es sich bereits zugezogen. Bis ich nach der Wanderung mit dem Tagebuch fertig und im Schlafsack war war's dann auch schon fast Mitternacht. Zu unserem Glück weht aber nur ein leichter, unregelmässiger Wind aus NO - sonst hätte es uns bereits weggeblasen. Nachdem die Zelte auf einer leichten Schräge stehen, läuft das von weiter oben kommende Wasser einfach unter den Zelten durch - ich muss aufpassen, dass ich nichts in der Apsis liegen lasse das nicht nass werden darf...
In einer Regenpause springe ich schnell zu den Kajaks hinunter um zu kontrollieren ob alles OK ist; bei Flut haben wir nämlich nur einen halben Meter Luft bis zu den Booten. Zähneputzen, Toilette und Wasserholen erledige ich gleich mit, ausserdem greife ich mir noch den Kleidersack mit den warmen Klamotten. Bei Regenwetter im Zelt ohne grosse Bewegung bei 3°/4°C wird's schnell kühl. Zur Feier des Tages leiste ich mir nach zwei Wochen ein frisches T-Shirt sowie frische Socken. Eine Wohltat...
Jetzt - nachdem die ganze Truppe mit heissem Wasser für's Frühstück und den Tag versorgt ist - habe ich Zeit. Zeit zum Bummeln, Lesen, Schreiben, Schlafen und Träumen. Der eigentlich erste Regen- und Ruhetag dieser Expedition, seitdem wir in Tasiilaq aufgebrochen sind.
Die Spotmeldung von gestern scheint raus zu sein - wir haben zumindest keine gegenteilige Info von Bea oder John erhalten.






Expeditionstagebuch
30. Juni 2022
12. Reisetag
Jens Munks Ö
Kap Torfaeus / 34,5 km
Ein genialer Platz.
Wir sitzen spätabends im Licht der Mitternachtssonne auf den Klippen unweit unseres Camps und blicken nach Nordwesten in die Köge Bucht, fast 50km bis auf das landfallende Inlandseis hinein das einen 110° Bogen um die Bucht macht…
Einer der Tage für die sich alles gelohnt hat – und den Du nie wieder vergessen wirst.
Heute morgen sind wir relativ zeitig unterwegs gewesen. Frisch war es noch, als wir von unserem Felscamp auf einer Landzunge nach einem Schlechtwettertag die ersten Paddelschläge für die Querung nach Südwesten zu Ole Römers Ö machten, leicht bedeckt (noch ohne Sonne) und leichtem Gegenwind aus SW. Diese erste Querung war schnell erledigt. Mittlerweile kam das Licht teilweise durch die Wolken und malte die ersten Kringel auf die fast 60km lange, vergletscherte Jens Munks Insel. Das ganze prachtvolle Panorama der Köge Bucht tat sich jetzt vor uns auf. Nun machten wir uns an die Querung der Köge Bucht weiter nach SW, unser Ziel für Mittag war die vorgelagerte Insel Putugua nach gut 10 km, etwa 2/3 der Bucht. Kein Wintereis auf dem Wasser, aber dafür gefühlt jede Minute immer mehr wundervolle Eisberge, die wahrscheinlich von den aktiven Gletschern hier in der Bucht gekalbt wurden.
Rechts – also nordwestlich von uns - gut 30 km entfernt das Ende der Bucht mit dem landfallenden Inlandseis. Zahlreiche namenlose Gletscher fallen hier vom grönländischen Eispanzer Richtung Meer herunter. Direkt vor unseren Kajaks die gut 60 km lange, fast komplett vergletscherte Jens Munks Insel, die bis 600m aufragt. Und dahinter – das allgegenwärtige Inlandseis mit seinen Nuntakkern (Bergspitzen, die aus dem Eis aufragen). Gigantisch. Eigentlich unbeschreiblich. Und keine menschlichen Geräusche ausser unseren Paddelschlägen und dem leisen Zischen unserer Bugwellen.
Kurz vor unserer Mittagsrast bin ich wieder auf Tuchfühlung mit einem dieser schönen Riesen gegangen um zu fotografieren und zu filmen…. Glattgeschliffene, runde Formen kontrastieren mit schroffen Kanten und Abbrüchen auf der anderen Seite, dazu noch ein Durchbruch über dem gigantischen türkis / grün im Licht leuchtenden Unterbau des Giganten...
Und die Eisberge werden immer noch mehr – pure Glückseligkeit meinerseits. Nach den Peder Skrams Inseln queren wir eine 10 km lange Bucht, die beinahe vollständig von zwei titanischen Gletschern dominiert wird. Am späten Nachmittag machten wir uns dann auf die Suche nach einem Platz für unser Camp. Ich bin - wie üblich – meiner Nase gefolgt und hatte wieder mal Erfolg: eine kleine Bucht, in der ein Schneefeld von der Wasserlinie bis zu einigermassen ebenen, schneefreien Felsen führte. Und hier sitzen wir nun.
Auf der einen Seite ist der Platz etwas unglücklich da die Zelte bereits kurz nach dem Aufbau im Schlagschatten des im Westen aufragenden Berges waren – auf der anderen Seite konnten wir die Kajaks bis zum Camp über den Schnee ziehen, was uns einige Lauferei erspart hat. Ausserdem haben wir frisches Trinkwasser und die Klippen, auf denen wir im Moment sitzen dürften sogar Mitternachtssonne haben.
Der einzige Wermutstropfen – Klaus. Er klagt über Probleme mit den Sehnen in der linken Schulter, was ziemlich schmerzhaft ist. Vielleicht können wir ihn mittels der Expeditionsapotheke medikamentieren in der Hoffnung dass es besser wird. Wenn nicht – tja. Dann bleibt vielleicht nur, dass er mit Salo, der die kommenden Tage unser Depot einrichten wird, wieder zurück nach Isortoq fahren wird. Das wird sich die kommenden Tage herauskristallisieren.




Expeditionstagebuch
02. Juli 2022
14. Reisetag
Ikasartik Sund
NW Seite Gerners Ö
Ein wunderschöner und trauriger Tag zugleich – aber ich muss von Anfang an erzählen.
Die Nacht mit Klaus zusammen auf dem buckligen Felsen in einem Zelt– wir hatten letzte Abend Probleme, geeigneten Grund für die Zelte zu finden, letztendlich reichte es nur für Susannes Solozelt und eines unserer Zelte- war nicht angenehm, was aber nicht an Klaus’ Gegenwart lag, sondern am buckligen Untergrund. Heute morgen war es nach dem Regen der vergangenen Nacht erheblich wärmer als gestern Abend, auch wenn die Sonne noch nicht durchgekommen war. Um Kap Poul Lövenörn herum hat es dann aufgerissen, auf See hielten sich noch einige Nebelfelder – aber die Gletscher gleissten bereits wieder in der Sonne.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren wir alle noch der Meinung, dass Salo erst einen Tag später am vereinbarten Platz für das Depot zusammen mit uns eintreffen wird und Klaus wenigstens bis dahin Zeit hat sich zu entscheiden: ob er weitermacht (und damit zu einem späteren Zeitpunkt einen eventuellen SAR Einsatz riskiert wenn seine Schulter schlimmer wird) oder abbricht und mit Salo zusammen zurück nach Isortoq fährt. Aber als wir kurz vor der Landzunge Lynaes Mittagspause machen, hören wir einen Bootsmotor – das erste Geräusch von anderen Menschen seit unserem Aufbruch in Isortoq 8 Tage zuvor. Das kann nur Salos Boot sein, dass aus dem dünner werdenden Seenebel hinter einem Eisberg auftaucht und auf uns zuhält. Klar – auch Salo hat Internet und somit unseren, nein eigentlich Susannes Track auf FB verfolgen können und hat uns abgepasst. Überrumpelt sind wir alle drei – aber Klaus muss für sich innerhalb von Minuten die Entscheidung treffen ober er mit Salo zurückgeht oder nicht. Salo will auch am gleichen Tag wieder zurückfahren und nicht bis morgen warten und er möchte schnellstmöglich weiter, da es auf See viel Eis hat und der Nebel zu Küste kommt.
Klaus entscheidet sich – und das rechne ich ihm sehr hoch an – abzubrechen.
Ich kann gut nachempfinden wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen ist, nachdem ich diese Expedition ja bereits für 2020 geplant hatte - und dann wegen des Lockdowns alles abblasen musste. Für mich wäre an dieser Stelle wohl eine Welt zusammengebrochen wenn mich mein Körper im Stich gelassen hätte.
Wir hatten dann effektiv eine hektische Stunde Zeit, um einige notwendige Dinge aus Klaus Gepäck zu fischen die wir zur Weiterführung der Expedition benötigten und im Gegenzug einige Sachen aus unserem Gepäck für ihn herauszusuchen. Mit etwas mehr Vorinfo wäre es erheblich leichter gewesen – aber das ist eben auch Grönland. Als Salo mit Klaus und seinem roten Prijon dann weiter nach Kuuk aufgebrochen war um das Depot einzurichten sind Susanne und ich alleine.
Uns beiden steht heute noch die die Querung des Kagtertoq hinüber zur Fridjof Nansen Halbinsel bevor, bei direktem Kurs gute 8km. Dieser Fjord führt allerdings eine extreme Eislast mit sich, da er das Kalbeis jeglicher Grösse aus dem Kanal zwischen der Jens Munks Insel und dem Festland abtransportiert. Um uns einen Eindruck zu verschaffen, was uns erwartet springe ich an einer kleinen Felseninsel aus dem Kajak und turne die Felsen hinauf. Ein Panorama wie aus dem Herrn der Ringe…
Letzte Seenebelschwaden ziehen auf halber Höhe die Gletscherflanken entlang, Das Inlandseis mit (aus der Entfernung) seinen sanften Kurven dominiert die Himmelsrichtungen SW, W sowie NW und N. Nach Süden hin ragen schroff wie Messerspitzen Küstengebirge in den stahlblauen Himmel, die höchsten Erhebungen erreichen gut 800m. Im Fjord verstreut und auch in Richtung O eingebettet in das kleinere, dichtgepackte und gepresste Kalbeis liegen wahre Eistitanen, noch nicht rund und abgeschliffen vom Schmelzprozess und der See sondern rau, kantig, zerrissen, teilweise mit Staub und Geröll der Moränen bedeckt.
Die ersten paar 100m kamen wir noch einigermassen voran, dann wurde es wieder anstrengend. Was für ein Unterschied zu den letzten 8 Tagen, wo wir fast ausschliesslich offenes Wasser mit mehr oder weniger vielen Eisbergen hatten! Jetzt war wieder Rinnen suchen angesagt, Zickzack Kurs und Schollen zur Seite drücken und ziehen. Aber der grösste Unterschied zum Beginn unserer Tour – das waren keine Flösse und Schollen alten Wintereises, über die man zur Not auch die Kajaks hätte ziehen können. Das war Brucheis von Kalbungen und dem Kollaps von Eisbergen - also viel zu klein und instabil, um auch nur auf ein Stück Eis steigen zu können. Für mich war die Situation am ehesten mit 2018 vergleichbar, als ich mit meiner Partnerin Bea und (einem anderen) Klaus im ebenso verstopften Johan Petersen Fjord unterwegs war – und den Fjord eben wegen der Eisbedingungen nicht queren wollte. Dieses Mal müssen wir aber durch. Ich habe eigentlich keine Worte um die Stimmung, das Landschaftsbild, die durch das Eis sichtbaren Strömungen im Fjord, das Licht und alles andere zu beschreiben - die Querung war wie ein Rausch.
Abends um kurz vor sieben und ziemlich kaputt haben wir im Ikasartik Sund einen weiteren legendären Platz für die Zelte gefunden – ein alter Sommerplatz der Inuit. Deutlich vom Wasser aus sichtbar mit einer Landmarke aus Stein am Ufer (Steinmanderl), durch Steinringe (zum Befestigen der Zelte), flache Klippen zum Auswassern sowie relativ ebene Felsen für die Zelte – und wie die ganzen Wochen zuvor, KEINE geflügelten Plagegeister. Eigentlich kein Wunder, zum einen weil noch so viel Schnee liegt und zum anderen da es ausser Felsen und Schotter keine Feuchtgebiete gibt wo die Biester brüten können. Das dürfte sich die kommenden Wochen aber noch ändern.







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05. Juli 2022
15. Reisetag
Colberger Heide
34 km



Colberger Heide, ca. 15km nördlich von Otto Krumpen Fjord
Wir sind trotz aller guten Vorsätze erst gegen 0700 aus dem Schlafsack gekommen – Frühstück, Camp abbauen und Susannes Sea Yak flicken (sie hatte gestern abend das komplette Heckdepartement voller Wasser). Martin Rickard hatte in Tasiilaq noch Bug- & Heckbereich mit Glasfaser verstärkt, aber das verträgt sich anscheinend nicht mit PE... Also alles säubern, etwas PE Masse auftragen und mit dem guten SIKA Tape von innen und aussen verkleben. Bis wir dann letztendlich auf dem Wasser waren war’s schon ½ 11. Wetter war bedeckt, ruhig bei leichtem Wind aus S.
Zunächst sind wir nach NO aus dem Schutz der Halbinsel gelaufen wo wir das Camp stehen hatten, anschliessend ein 110° Turn nach S. Bei der grossen Insel Pikitse sind wir nochmals kurz angelandet – Susanne sollte kontrollieren ob das Heck auch wirklich dicht hielt und - alles trocken! Ich selber habe mir bei der Gelegenheit noch meinen dünnen Fleece unter den Trocki angezogen und die Paddelpfötchen am Paddel vormontiert da der der Wind aus SW aufgefrischt hatte und die Kälte des Eises mit sich brachte.
Colberger Heide – ein irreführender Begriff. Man erwartet bei dem Namen liebliche Täler, Grün, alte Sommerlagerplätze der Inuit. Aber die Landschaft ist hochalpin von der Wasserkante weg, Gletscherfronten kalben auf vielen Kilometern in die See. Das Land ist so jung, dass es weder Schotter noch Steine gibt – nur blanken, vom Eis abgehobelten Fels.
Während der Querung von Upernarssuaq zum Festland macht es mehr und mehr auf, die ersten Sonnenflecken verursachen wunderbare Lichtspiele auf den Gletscherflanken des Inlandseises. Um den NW Wind zu nutzen, setzen wir unseren Kurs auf SO – so verkürzen wir die Querung und nutzen den Rückenwind. Mittagsrast machten wir dann auf einem kleinen Felshaufen in unmittelbarer Nähe einer titanisch anmutenden Abbruchkante von 6-7km Länge und geschätzten 200m Höhe.
Wir hatten uns zwar bereits am Vortag eventuelle Landemöglichkeiten auf der karte und dem GPS angesehen, aber die Realität war erheblich schlechter als erhofft. Dort, wo wir wegen des Swells problemlos aus dem Wasser kamen und es einigermassen ebene Felsflächen gab, hatte es keine Steine um die Zelte sichern zu können. Also weiter, probieren, schauen, wieder weiter. Am frühen Abend sehen wir den ersten Geröllstrand nach Wochen – neben einer Abbruchkante – auf einer kleinen Landzunge, von zwei Seiten gut anlandbar. Mittig auf einer kleinen Anhöhe ein ausgedehntes, relativ ebenes Firn- / Eisfeld, auf dem wir dann die Zelte aufstellen.
Der Himmel von Süden wird während des Aufbaus immer dunkler. Bis das Zelt stand und und ich das Essen im Napf hatte war es bereits nach acht. Aber das Licht war so zauberhaft, dass ich nochmals mit der Kamera losziehen musste. Richtung S dunkle Wolken, eine beinahe drohende Stimmung. Richtung N pastellfarbene, warme Töne auf dem Meereis und Jens Munks Ö.

Expeditionstagebuch
07. Juli 2022
19. Reisetag / 32 km
Taterakajik / Odins Land Nordende Aegirs Bucht
Abends um 22.30 Uhr
Der heutige Tag hatte doch wieder einige Überraschungen parat.
Morgens gegen fünf herum aufgewacht, nachdem ich während der Nacht aufgeschreckt war da ich einen Bären vermutete. Nichts – aber ich habe nur schlecht wieder einschlafen können. Regen klopft auf’s Zelt. Um 0800 dieselbe Situation. Kurz vor zehn bin ich dann aufgewacht. Während des Frühstücks war es immer noch kalt und bewölkt – aber über dem Gletscher zeigten sich die ersten blauen Flecken am Himmel. Und ich hatte schon befürchtet, dass wir nach der gestrigen wetterbedingten Zwangspause heute einen weiteren Tag verlieren würden…
Bis wir dann endlich weggekommen sind war es bereits kurz nach Mittag. Aber es riss’ immer mehr auf, die ersten Sonnenstrahlen brachten die Gletscherabbrüche und das Eis im Wasser zum Leuchten.
Noch ein Wort zum Thema Depot & Verpflegung:
Vor 5 Tagen haben wir uns an Depot frisch verproviantiert und hatten am Abfahrtstag Lebensmittel & Brennstoff für 45 Tage gebunkert. Aus den bekannten Gründen konnten wir allerdings nicht mal eine der beiden Tonnen leermachen. Sch… ist das. Die Kajaks damit an der Belastungsgrenze, per se bereits überladen. Ich war vorher der Meinung dass 30 – 35 Tage das Maximum sind.
Aber Not macht ja erwiesenermassen erfinderisch…
Nur um dem werten Leser mal einen Eindruck zu verschaffen – der Stauplan für meinen NDK Explorer sieht aus wie folgt:
Bug Department: Kleider im Spitzenbeutel, diverse Packsäcke mit Müsli, Riegeln, Trockenfrüchten, Nüssen, Trockenfleisch und -fisch sowie Travellunch.
Cockpit: vor den Fussrasten 3 kg Müsli, Milchpulver, Tabak, Werkzeug. Zwischen den Beinen Medikamente.
Tagesluke: Kochgeschirr, Munition, Bergschuhe, Daunenjacke, Kleinkram
Heckdepartment: Lebensmittel, Kocher, Zeltgestänge, Reservespritzdecke, 7l Benzin für den Kocher.
Vorderdeck (oben): Reservepaddel, Gewehrfutteral mit Gewehr & zusätzlichen Lebensmitteln, 1 Packsack 13l mit Lebensmitteln, PELI Case mit Kamera & Zubehör
Achterdeck (oben): Dufflebag mit Schlafsack, Zelt, elektronischer Ausrüstung – 70l, voll…
Dahinter nochmals ein Packsack mit Lebensmitteln.
Dementsprechend tief lagen die Kajaks im Wasser – und dabei waren wir noch nicht mal in den Booten. Freibord – also der Abstand von der Wasseroberfläche zum Cockpit – betrug bei mir gerade noch 4cm. Aber schliesslich werden wir jeden Tag leichter! Stabilität im Ruhezustand: schwangere Seekuh die sich zum Sterben hinlegen will aber nicht entscheiden kann ob back- oder steuerbord… Dies ist vor allem dem hohen Schwerpunkt sowie dem vielen Gewicht auf Deck geschuldet. Im Fahrzustand stabil – ich liebe meinen NDK Explorer…
Einen Platz für’s Camp haben wir ab 1600 zu suchen begonnen – aber es war aussichtslos. Schroffe Ufer, Steilklippen, Gletscherabbrüche – keine Chance zum Landen. Dazu kam noch der Swell von gut einem Meter, der das Aussteigen an theoretisch geeigneten Orten schlichtweg verunmöglichte, geschweige denn das Ausbooten. Also sind wir gezwungenermassen weitergepaddelt, zunehmend im Abendschatten der schroff aufragenden Küstengebirge und namenlosen Gletschern. Irgendwann nach dem nächsten Misserfolg war es bereits nach 1800 und die Blase drückte immer mehr. Also raus aus dem Bergschatten ins Licht, auf ein grosses Eisfloss und dort nochmals Pause gemacht, unbehelligt vom Swell, gewärmt von der Abendsonne.
Heute hat man deutlich gespürt, dass der Polarstrom das Packeis wieder vermehrt an die Küste drückt – wir kamen an vielen Eisflössen vorbei, die allerdings immer kleiner und dünner werden. Camp haben wir dann letztendlich nochmals fast zwei Stunden später auf der NW Seite von Taterakajik gemacht, wo wir sogar bis ca. 2200 noch Abendsonne hatten. 50 Höhenmeter über der Wasserlinie haben wir schönen ebenen Granit für die Zelte gefunden, aber eben keine Steine für die Befestigung der Abspannleinen. Das war dann die letzte Challenge des Tages: ausnahmsweise die komplette Ausrüstung (ca. 60kg/Person) zum Camp hinaufschleppen, um damit die Zelte provisorisch abzuspannen. Susanne hat mich dementsprechend verflucht…
Aber – der Blick im Abendrot nach NW ist märchenhaft. Alpenglühen über den Gipfeln und den Eiszungen, die Eisberge schimmern bläulich-kalt im ruhigen Wasser.
3 Stunden später – der Bär ist los!
Wir hatten eben den ersten Eisbärenkontakt dieser Expedition, für mich war es generell der erste Eisbär in freier Wildbahn. Die Jahre zuvor hatte ich immer nur Spuren im Altschnee gesehen. Wir waren nach einer Abendwanderung eben in die Schlafsäcke gekrochen und gerade am Einschlafen da schnaubte es draussen. Ich war bereist in sitzender Position, Schlafsack schon offen als Susanne mich fragte ob ich das sei? Apsis am Kopfende des Zeltes geöffnet, Blick nach draussen, nichts. Es schnaubt wieder. Andere Apsis am Fussende aufgemacht – und da war er: Ursus maritimus, der König der Arktis – ca. 5m von Susannes Zelt entfernt am Bärenzaun, dessen Pfosten er interessiert beschnüffelte. Den Schädel leicht gesenkt, suchend hin- und herschwenkend, Witterung aufnehmend. Ich in Boxershorts, T-Shirt und Bergschuhen ohne Socken, in der einen Hand die Signalpistole und der anderen Hand die Savage, das Jagdgewehr, Arme schwenkend und brüllend «Go away, mein Platz!» Der Bär einige Schritte zurück, richtet sich auf. Susanne mittlerweile auch aus dem Zelt, ebenfalls die Signalpistole in der Hand. Ich demensprechend das Gewehr weg und die Kamera aus der Box gerissen. Als der Bär Anstalten macht noch näher zu kommen schiesse ich eine Signalrakete in die Luft – und der Kollege ist sichtlich beeindruckt und trollt sich– zumindest bis ins Wasser. Dort steht er dann einige Zeit mit der Schnauze zu unserem Camp, unschlüssig wie er weiter vorgehen soll und hat sich letztendlich schwimmend um den nächsten Eisberg herum davongemacht. Bis das Adrenalin bei mir wieder einigermassen abgebaut war es schon 0100 durch. Also Bärenwache für den Rest der Nacht, wir wissen ja nicht ob der Kamerad nochmals zurückkommt oder nicht. Susanne schicke ich ins Zelt, ich übernehme die erste Wache und sitze dabei in meinen Schlafsack gewickelt in der offenen Apsis meines Zeltes. Gottlob ist die helle Nacht klar und windstill – ich habe, ehrlicherweise gesagt, mehr die sich verändernden Lichtverhältnisse und das erste Morgenlicht auf mich wirken lassen als nach Bären Ausschau zu halten…
Jetzt um 0230 liegt bereits das Morgenrot auf den umliegenden Gipfeln und dem Gletscherabbruch gegenüber unseres Camps, leichter Nordwind hat eingesetzt. Langsam wird immer mehr Eis in die Bucht gedrückt. Selbst der grosse Tafeleisberg mit mehrfacher Fussballplatzgrösse hat sich im Laufe der Nacht um 130° gedreht. Noch eine halbe Stunde, dann wecke ich Susanne.









Expeditionstagebuch
10. Juli 2022
22. Reisetag / 28 km Kangitdlorajik
Kap Moltke






Das Grün erschlägt mir die Augen. Nach über 3 Wochen Schnee, Eis und Felsen gestern die ersten Spuren von Grün – und heute gab’s richtig was auf die Augen. Surreal, das Auge will es nicht wahrhaben. Flechten, Gras, smaragdgrüne Moospolster, kniehohe Weidenbüsche, Krähenbeeren.
Wir merken deutlich, dass wir nicht mehr in Thor’s Land sind – das befindet sich auf der nördlichen Fjordseite und ist ab der Wasserlinie hochalpin, Gletscher & Schneefelder kommen bis zur Uferlinie herab. Schroff, abweisend und doch lockend, lieblich. Ein Königreich für meinen Gleitschirm und etwas mehr Zeit um Hochtouren zu machen…
Heute morgen war es nach dem Sturm der vergangen Tage noch leicht bedeckt. Bis wir die Kajaks im Wasser hatten war es beinahe aufgeklart. Nachdem wir den Eisbergverhau vor unserem Naturhafen passiert hatten gab es fast den ersten richtigen Krach zwischen Susanne und mir. Ich schon leicht genervt da sie wieder länger zum Packen & Stauen gebraucht hatte als ich. Und dann nochmals das InReach auf neue Mails prüfen. Und innerhalb der nächsten halben Stunde 5-6 mal das Navi öffnen obwohl der Kurs durch die Topografie ganz klar vorgegeben ist und auch so abgesprochen war…
Mittagsrast – heute relativ schweigsam - auf einer Klippe des Qertartivaq Archipels, hier merkten wir bereits deutlich den von der offenen See hereindrückenden. Swell. Nachmittags stand die Querung zum sehr abweisenden, 653m hohen Kap Moltke an, Swell weiter zunehmend.
Die See um das Kap selber war dann kabbelig. Swell 2,00 – 2,50m, dazu das Wiederwasser das von den Klippen und unterseeischen Hindernissen zurücklief. Nicht schlimm, aber sportlich. Trotzdem – einmal falsch kontern, einmal falsch aufkanten und Du liegst im Wasser, speziell ich mit dem hohen Schwerpunkt meines Kajaks.
Nach dem Kap machten wir dann ein 90° Haken nach Westen in die beginnende Fjordlandschaft der Region Skjoldungen. Zunächst versuchten wir auf bei Fyllas Vig auf der Nordseite des Fjordes anzulanden, aber selbst 5km im Fjordinneren war der Swell immer noch zu hoch dafür. Mit dem Fernglas konnte man aber südlich, in der Fjordmitte, einige Insel sehen die mit Grün bedeckt waren. Sagenhaft! Also die Paddel geschwungen und ab dafür.
Auch wenn es jetzt pathetisch klingt – aber wir fanden dort ein grünes Paradis an der Grenze zu Thors Land. Man merkt überdeutlich, dass hier ein anderes Mikroklima vorherrscht: Das Inlandseis endet hier gut 50km weiter im Westen an den Fjordenden und reicht nicht bis zur Küste heraus, auch wenn viele Höhenzüge und Berge vergletschert sind. Die Kulisse ist zerrissen, dramatisch. Die höchsten Erhebungen auf den Inseln reichen bis 715m, die Gletscher auf dem Festland scheinen mit knapp 2.000m fast den Himmel zu berühren. Spitze, gezackte Grate wirken in der Abenddämmerung wie Drachenrücken. Auf den Schneefeldern am nördliche Ufer das letzte rotstichige Orange kurz vor dem Sonnenuntergang, in Richtung Irmingersee im Osten herrschen Pastelltöne in blau, violett und rose vor – dazu der aufgehende Mond.
Auf der Insel finden sich Spuren von mehreren alten Winterhäusern und Sommerlagern, auch die Stelen zur hundesicheren Aufbewahrung der Umiaks (Frauenboote) stehen noch. Und – es ist eine Brutinsel der Wildgänse. Davon zeugen die (glücklichweise) bereits trockenen Hinterlassenschaften die überall herumliegen. Ausserdem finden wir überall Nester mit Resten der Federpolsterung. Die meisten Jungtiere sind mit den Altvögeln bereits an der Küste unterwegs, ich habe nur eine Familie mit 7 Jungtieren gesehen.
Die nächsten Tage geht es relativ geschützt in den Fjorden weiter, zunächst nach W, dann S, wieder W zur verlassenen Siedlung Tiniteqilarmit. Von dort ist es dann noch ein langer Tag bis Skjoldungen, dem ursprünglich geplanten Platz für unser Depot. Dort haben wir auch ziemlich genau die Hälfte der Strecke hinter uns. Die Umrundung der Skjoldungen Insel selber über die nördlich und südlich gelegenen Fjorde werden wohl ein Wunschtraum bleiben: 100km Umweg /zusätzliche Strecke sind bei unserem relativ knapp bemessenem Lebensmittelbestand leider nicht drin. Auch wenn es mir das Herz bricht, an vielen wunderschönen Spots nur vorbeizukommen und keinen Möglichkeit zu haben einen oder mehrere Tage dort zu verbringen…

Expeditionstagebuch
18. Juli 2022
30. Reisetag Tingmiarmiut Fjord
Gedankensplitter
Vor bereits gut einer Woche haben wir Skjoldungen erreicht, eine Siedlungsgebiet, das bereits vor gut 60 Jahren aufgegeben wurde. Diese alte Siedlung war das erste grosse Ziel unserer Reise - damit haben wir auch die Hälfte der geplanten Strecke hinter uns gebracht. Auch der Charakter der Landschaft hat sich über die Wochen geändert. Die ersten Tage und Wochen wurden von Gletschern rundgeschliffenen und polierten Felsen und Klippen geprägt, das Inlandseis war auf vielen Kilometern mit seiner Präsenz, seiner Magie und seinen Gletschern allgegenwärtig. Im Moment bewegen wir uns in der Fjordregion von Skjoldungen und Tingmiarmiut. Wunderschöne Täler, Grün – aber nicht lieblich sondern immer noch rau, alpin. Das Inlandseis immer noch spürbar, aber nicht mehr omnipräsent wie weiter im Norden. Das Mikroklima in den Fjorden erheblich wärmer als an der Küste, die nach wie vor ohne Vegetation ist. Man kann sich lebhaft Sommerlager in früheren Zeiten in der Szenerie vorstellen. Aber ein Blick auf die Karte zeigt uns auch, dass das Inlandseis mit seinen Gletschern einige Kilometern weiter südlich wieder bis zur Küste kommen wird.
Entlang der Küste herrschte das Treibeis, das der Ostgrönlandstrom jedes Frühjahr mit sich in Richtung Süden führt – diesen Frühsommer mehr als in den vergangenen Jahren. Dieses Eis hat auch den Swell, die Dünung von der Küste abgehalten, sodass wir bis jetzt meistens ruhige Seebedingungen hatten. Aber – Mitte Juli ist vorbei, und das letzte Wintereis hatten wir am 12.07. als wir nach Kap Niels Juel in den Skjoldungenfjord einbogen. Wenn wir in ein bis zwei Tagen nach Tingmiarmiut hinaus nach Qasingortoq gehen um die dortige Landzunge zu umrunden wird es interessant. Hat es noch Eis? Oder ist diese Zeit für uns - zumindest für dieses Jahr - vorbei? Vor uns liegen noch mehrere hundert Kilometer. Wir müssen noch viele grosse Fjorde queren und noch mehr Kaps umrunden. Und das dürfte ohne Eis im besten Fall interessant oder sportlich - oder aber zu einer grossen Herausforderung werden.
Heute
Die Moskitos waren heute morgen ebenso eine Plage wie gestern Abend. Hier ist Stoizismus gefragt - oder als Motto «Leichen pflastern seinen Weg…» Nachdem wir gestern nachmittag bereits frühzeitig wegen auffrischenden, ablandigen Windverhältnissen geendet hatten waren wir heute wieder früh auf dem Wasser. Der achterliche, beständige Ostwind schob uns immer weiter in den Fjord hinein.






Das Panorama ist mit Worten einmal mehr nur schwer zu beschreiben. Leuchtengrau ragen Bergketten beidseitig des Tingmiarmit mit ihren Zinnen in den blauen Sommerhimmel, ihre Kämme und Spitzen zerrissen. Die Hänge im unteren Drittel changieren zwischen staubigen, dunklem Grün und Hellgrün – dort, wo etwas Wasser den Berg herabkommt. Weiter oben Altschnee in Rinnen, Schrofen und Mulden, ganz oben blanker Fels, Schneefelder und Eis. Der Fjord zieht sich fast 18km schnurgerade dahin und macht am Ende ein S bevor er sich mit dem Tingmiarmiutfjord vereinigt. Einige wenige Eisberge liegen in grossen Abständen im Wasser und machen die Weite und Leere damit noch greifbarer. Der Wind schiebt zuverlässig aus Osten, frischt sogar noch auf, setzt den steilen Fjordwellen Schaumkronen auf und bringt damit die Kajaks in Surfen. Wunderschön…
Kurz vor dem Mittag dann eine scheinbar böse Überraschung – sind die Karten falsch, sind wir in einer Sackgasse? Wenn ja, dann müssen18km gegen den Wind wieder zurück und hinaus auf die offene See. Aber anscheinend stimmt die Karte nicht ganz, die schmale Durchfahrt ist auf der anderen Fjordseite. Aus unserer Froschperspektive und dem Winkel in dem wir auf das Land zuliefen was das nicht ersichtlich. Und ich hatte schon eine Portage oder den Weg zurück befürchtet…
Die letzten Kilometer bis zur Kreuzung von Tingmiarmit- und Tingmiarmiutfjord frischte der Wind nochmals auf. SURF! Zunehmend hatten wir Brucheis auf dem Wasser. Dann öffnete sich bei Niedrigwasser eine lagunenartige Bucht mit von Gletschermilch vermischtem, grünem Wasser mit gestrandeten Eisbergen, wir mitten hindurch. Das Bergpanorama mittlerweile dramatisch – Gipfel bis 2.000m, die anderen Täler öffneten sich unserem Blick, das Inlandseis und viele Gletscher wurden sichtbar. Und dann endlich wieder Grönland wie aus dem Bilderbuch – der ganze Fjord voller Eis, leichter Wind und das Panorama – ohne Worte, Glücksgefühle pur.
Es war wirklich eine der besten Entscheidungen der letzten Tage, die Route hier innerhalb der Fjorde und nicht draussen auf See zu wählen. Die Landschaft macht die Mehrkilometer mehr als wett. Ich möchte gar nicht wissen, was uns mit der Entscheidung entgangen ist, Skjoldungen aus den bekannten Gründen eben nicht zu umrunden…
Nachmittags machen wir nochmals ausgiebig Rast, nachdem die Mittagspause wegen des Windes nur kurz ausgefallen ist. Die Zeit nutze ich für einen kleinen Ausflug mit der Kamera, um die Weite des Fjordes in Richtung der Gletscher einzufangen.
Wir haben heute schon um 1630 Schluss gemacht, sonst hätte n wir noch eine Diagonalquerung über den Fjord von fast 8km vor uns gehabt. Die Insel auf der unser Camp steht ist relativ gross und grenzt eine grosse, flache Bucht mit einem Eisbergfriedhof zum Fjord hin ab. Wunderschön. Vom höchsten Punkt hat man einen guten Blick auf das Mündungsgebiet des Tingmiarmiutfjordes nach Osten zur offenen See, wo jetzt im Abendlicht eine Seenebelbank hereindrückt und die südlichen Ufer teilweise verdeckt.

Expeditionstagebuch
21. Juli 2022
33. Reisetag
Otto Rud Archipel
Nach 16 km entlang der gletscherbedeckten Küste von Ingerqajarpik beginnen wir mit der Querung hinüber zu den Otto Rud Inseln, um die vielen großen Buchten vor der Halbinsel Puisortoq abzuschneiden. Es ist windstill, warm, ein wenig Swell. Die Perspektive verschiebt sich nur langsam, es sind gute 8 km bis zur Inselgruppe auf der wir unsere Mittagspause machen wollen. Das Inlandseis beherrscht an diesem Küstenabschnitt wieder die Szenerie, wir kommen an langen Gletscherfronten vorbei. Nach der Hälfte der Strecke etwas Abwechslung, wir erreichen ein ausgedehntes Eisfeld, das sich vor uns öffnet: Brucheisteppiche von Kalbungen, etwas altes Wintereis und einige größere Eisberge.
Der Bär im Fjord
Susanne ist vor mir, leicht links versetzt. Das Eis hebt und senkt sich leicht im Rhythmus des Swells, man hört das Klackern des Eises am Bootsrumpf, wenn wir uns einen Weg durch den Eisteppich bahnen. Spiegelglattes Wasser, kein Hauch, keine Strömung. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Ich schaue genauer hin, ein Stück Eis bewegt sich – ziemlich flott sogar. Eine Robbe? Nein. Großer Buckel und kleiner Buckel. Der kleine Buckel dreht sich in meine Richtung und hat eine schwarze Schnauze – ein Eisbär, schwimmend. 15m von Susanne entfernt, kommt in unsere, ihre Richtung und sie hat ihn noch nicht bemerkt. Auf meinen Zuruf bekomme ich zur Antwort «What? A seal?» - sie hat ihn immer noch nicht gesehen. Der Bär versucht Witterung aufzunehmen und kommt auf uns zu, ich habe die Signalpistole bereits in der Hand. Nach einem weiteren Zuruf von mir gehen ihr die Augen auf und sie steuert ein. Die GoPro läuft, keine Zeit die Kamera aus dem Pelicase zu nehmen. Der Bär kommt näher, geschätzt 7-8m. Immer noch witternd, neugierig. Ein erheblich größeres Exemplar als der letzte. Eisbären sind ausdauernde Schwimmer und können im Wasser bis zu 60km am Stück zurücklegen. Allerdings haben sie im Wasser keine Chance, ein Kajak in Marschgeschwindigkeit einzuholen. Vorteil für uns, da uns im lockeren Eis genügend Platz zum Manövrieren bleibt.
Bleibt also 0 : 0 – unentschieden…
Der Strand an dem wir schließlich anlanden besteht aus lauter rundgewaschenen Steinen, von früheren Stürmen zu einem langgezogenem Wall von 3-4m Höhe aufgetürmt. Dahinter entdecke ich – zum ersten Mal in Ostgrönland – eine große Menge Treibholz. Ganze Stämme und sogar Wurzelstöcke liegen dort, von Wasser und Eis rundgeschliffen und der Sonne gebleicht. Schade dass wir nicht hierbleiben - das Feuer würde man wahrscheinlich bis Island sehen... Ich versuche mir das Wetter und die Wellen vorzustellen die notwendig waren um das ganze Holz hinter dem Steinwall abzulegen- aber da lässt mich meine Vorstellungskraft im Stich … Vor dem Strand ein großer Tafeleisberg, dahinter ein 180° Panorama in Richtung Festland aus Eisbergen, Wasser, Felsen und Gletschern. Das Inlandseis blendet die Augen mit gleißenden Licht.
Wieder in den Kajaks, taucht eine Ringelrobbe vor uns zum Luftholen auf. Sie bemerkt uns, erschrickt und ist mit einem lauten Platschen wieder verschwunden. Als wir nach der Querung des Archipels nach Kap Sten Bille hinübersehen wird das Eis wieder ziemlich dicht, wir müssen zickzack fahren und Felder mit dichtem Brucheis queren. Wir finden einen legendären Platz für unser Camp auf kahlen Klippen aus bestem Granit. Das Auswassern der Boote ist durch den beträchtlichen Niveauunterschied allerdings wieder ein Kunststück für sich. Um uns herum Altschneefelder die bis zum Wasser reichen – aber es ist so warm (und glücklicherweise mückenfrei) dass ich mit blankem Oberkörper in der Nachmittagssonne sitze.
Abends machen wir den obligatorischen Spaziergang zum nächsten Gipfel, um uns die Beine zu vertreten und einen Blick von oben zu bekommen. Gleich beim ersten Schneefeld stoßen wir auf eine Bärenspur, die sich schnurgerade vom Hügel hinab zum Wasser zieht. Muss ein ausgewachsenes Exemplar gewesen sein, Schuhgrösse ca. 68… Außerdem ist die Spur noch ziemlich frisch, die Abdrücke im Schnee sind an den Rändern nur ganz leicht unscharf bzw. angeschmolzen. Der Rundblick von oben ist im Abendlicht betörend. In den kleinen Seen auf den Höhenzügen wächst Wollgras, die dicken weißen Köpfe spiegeln sich im Wasser. An den Hängen sehe ich zum ersten Mal in diesem Sommer Niviaq (arktisches Weideröschen), die Nationalblume Grönlands. Wenn sie blüht sei der Sommer da, sagen die Inuit.
Wir merken deutlich, dass wir bereits relativ weit im Süden sind – morgen werden wir 62°Nord queren. Bei 66° haben wir unsere Reise begonnen. Aktuell geht die Sonne 2130 Uhr hinter dem Inlandseis unter, es folgt eine lange Phase der Dämmerung mit wunderschönen Pastelltönen. Blaue Schatten liegen auf den Gletschern, gemischt mit einem Hauch rose. In Richtung Westen noch Abendrot, es ist merklich kühler geworden. Einige Meter unter mir klickern und klackern die Eisbrocken aneinander, die die auflaufende Flut an die Klippen drückt.
Bereits in der Dämmerung stellen wir noch den Bärenzaun auf. Dabei fällt mir wegen der klammen Finger die Spule mit der Schnur aus den Händen und verschwindet in einer Spalte zwischen den Klippen. Die Bergung der Spule und die anschließende Versorgung der Knoten dauert eine gute Stunde, aber schließlich ist auch das geschafft. Durchgefroren gehen wir in die Zelte.







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24. Juli 2022
36. Reisetag / 43 km
Pyramiden Peninsula





Gestern habe ich noch mit Bea, unserer Wetterfee telefoniert. Ab sofort bekommen wir ein tägliches Wetterupdate anstatt der vorherigen 2 Tagesprognose, gestaffelt nach früh / mittag / nachmittag und den gewohnten Daten wie Windrichtung, Geschwindigkeit, Wellenhöhe und -richtung. Das macht die Daten erheblich genauer und erleichtert uns die Detailplanung. Das ist vor allem für die Querung der vielen Fjorde und Umrundung der Kaps von Vorteil, die auf den kommenden 180km Luftlinie bis zum Eingang des Prins Christian Sunds noch vor uns liegen.
Heute morgen windstill, etwas Nebel von SW – und die Mücken schwärmten wieder. Der Napassorssuaq Fjord den wir vor uns haben schiebt sich noch knapp 40km in Richtung NW und endet dann in einem grossen T. Die Gletscherabbrüche die wir gestern auf unserer Wanderung auf der anderen Seite des Sundes gesehen haben – titanisch ist kein Ausdruck dafür.
NO Wind drückt eine Nebelbank herein die jedoch von der Morgensonne rasch aufgelöst wird. Die 8 km Querung von Range Pynt nach SO zur Inugssuit Landspitze war unproblematisch aber wegen de NO Windes so kalt, dass sogar ich meine Paddelpfötchen montiert & sogar teilweise genutzt habe. Swell zwischen 2,00 und 3,00, beachtlich.
Am Gegenufer ging der Spass mit dem Kabbelwasser – heute deftig wegen des hohen Swells - erst richtig los. Problematisch insofern, da viele unterseeische Felsen das Wasser zusätzlich unruhig machten sowie durch die Länger der Strecke - gut 4 km - bis wir den 110° Bogen abgearbeitet hatten und im Lee der ersten Bucht waren. Ab da war es dann mehr oder weniger unproblematisch.
Nach der zweiten Nase - an der wir uns hinter einigen Inselchen durchmogelten, die Passagen nur für Kajaks passierbar - öffnete sich die fast 10 km breite Ternebucht. An deren Südseite machten wir im Wind- und Wellenschatten einiger Schären eine kurze Mittagspause. Der NO Wind frischte auf und brachte Nebel von der offenen See herein - wunderschön, aber kalt: zunächst wurden die Schwaden noch von der Sonne aufgelöst; irgendwann aber war der Nebel wurde der Nebel zu dicht und die Welt wurde grau und konturlos. Umrisse verschwammen, Eisberge tauchten wie Geisterschiffe aus dem Nichts auf.
Bei der Querung des Isortoq hatten wir wieder blauen Himmel; auf See Nebel, in Richtung Festland war alles in satte Farben getaucht. Irgendwann ein ausgedehntes Brucheisfeld, der Nebel hat uns wieder erreicht. Sanftes Klimpern & Klackern der rundgewaschenen Eisbrocken liegt in der Luft. Wir sehen weder wie gross das Feld ist noch wissen wir dessen Ausdehnung. Zunächst fahren wir an der Kante entlang. Als wir schliesslich dessen Ende erreichen, schälen sich monströs anmutende Eisberge aus dem Nebel, alle auf Grund gelaufen.
Nach weiteren 1 1/2km endlich eine Lücke von 10, 15m zwischen den Riesen, die Eiswände gut 30m hoch. Wir fühlen uns wie Kakerlaken, die unter Beobachtung eine offene Stelle queren, bloss nicht erwischen lassen. Kein Geräusch machen, die Paddel lautlos durchs Wasser ziehen. Keiner sieht uns...
Alles geht gut.
Als wir einige Zeit später den letzten Finger der Pyramiden Halbinsel erreichen, löst die Spätnachmittagssonne allmählich das Nebelgrau auf. Wir machen noch eine kurze Pause und beschliessen, noch eine weitere Querung hinüber nach Nuuk von 10 km in Angriff zu nehmen - der Wind steht immer noch günstig aufs Norden. Aber als wir wieder auf dem Wasser sind, rollt die nächste Nebelbank herein. Wir vereinbaren, dass - wenn es auf einer der vorgelagerten Inselchen Platz für ein Camp gibt - wir dort bleiben werden. Es ist kalt und wir nach diesem Tag ziemlich am Ende.
Dabei geht es nicht darum, dass wir sonst erst 2000 / 2030 aus den Kajaks kommen sondern um den Nebel. Die Temperatur ist schlagartig auf knapp 0°C gesunken, der Wind kühlt uns zusätzlich aus - feuchte Kälte, dazu schlechte Orientierung. Und das am Ende eines langen Tages.
Und prompt werden wir auf der Südseite der ersten Insel fündig: wind- und wellengeschützter Kiesstrand zum Anlanden, Treibholz für ein Feuer. Weiter oben dicke Moospolster für die Zelte, Trinkwasser ist ebenfalls vorhanden. Kein Wunder - die Insel ist ein alter Winterplatz der Inuit, deutlich kenntlich durch die immer noch sichtbaren Grundmauern der Torfhäuser. Licht & Nebel wechseln rasch in der Abendsonne, ich sitze in der geschützten Apsis und geniesse das Schauspiel.
Für morgen sind 20Kn Wind aus N/NO prognostiziert. Warten wir's ab...

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25. Juli 2022
37. Reisetag / 27 km
Kap Tordenskjöld
KALT.
Kalt war es bereits gestern abend, als der Nebel über dem Wasser hing und auch heute morgen bei bedecktem Himmel. Noch kälter beim einbooten -Trocki und Unterwäsche waren wegen des gestrigen Nebels nicht trockengeworden und noch klamm. Dünung wälzte sich grau mit gut 2m von NO herein als wir aufbrachen. Die Querung der 8 km hinüber zur Landspitz Nuuk war aber wegen fehlenden Windes unproblematisch.
Ab Nuuk wurde es einmal mehr ungemütlich. Um die Landspitze herum mussten wir einen grossen Bogen von 150° über 4 km machen. Erschwerend kamen die vielen Felsen und Riffe unter Wasser hinzu, die zusätzliche Wellen erzeugten; in jeder kleinen und kleinsten Bucht lagen auf Grund gelaufene Eisberge, die nochmals Widerwellen verursachten. Unangenehm, aber zu meistern. Die kommenden 8 km entlang der felsigen Küste bis Ivssortoq waren aber auch nicht unbedingt besser. Steilküste, Klippen, Rückwasser von Eisbergen und Wellen von allen Seiten. Und kurz vor Mittag passierte es dann – ich bin gekentert.
Wir wollten bei der Insel hinter mehreren Eisbergen, die Wind und Swell dort angetrieben und auf Grund gesetzt hatten durchschlüpfen um dahinter ins ruhige, abgeschirmte Wasser zu kommen; wir hatten eine Pause dringend nötig. Ich freute mich bereits auf einen Becher Kaffee, etwas zu essen und meine Pfeife. Doch das Eis war in Verbindung mit dem Wellengang unpassierbar. Also Drehen, zurück, wieder hinaus in die Wellen und einen Bogen von 500 – 600m um das Eis machen. Der Swell hier in Ufernähe war auf fast 3m; das Kabbelwasser, das von den Klippen und den Eistrümmern zurückkam verschärfte die Lage noch zusätzlich. Wie es dann tatsächlich passiert ist kann ich nicht sagen. Habe ich Wasser aufs Oberdeck bekommen von einer Seite mit der ich nicht gerechnet habe? Falsch gestützt? Falsch gekontert? Abgerutscht oder alles zusammen? Vielleicht war ich nach 3 ½ h hoher Konzentration und Vorfreude auf die Mittagspause auch nicht mehr 100%ig bei der Sache.
Jedenfalls – der letzte Stützversuch rechts geht ins Leere – PAM. Ich schaffe es auch nicht mehr das Kajak aufzudrehen. Ich will mich aus dem Cockpit ‘rausdrücken, Spritzdecke geht nicht auf. Schlaufe suchen, ziehen, raus. Um’s Paddel brauch ich mich nicht zu kümmern, das ist wegen solcher Situationen mit einem Spiralkabel fest mit dem Boot verbunden.
Problem 1 – ich bin ca. 50m vor dem Eisverhau gekentert, der auflandige Wind und die Wellen treiben mich direkt darauf zu.
Problem 2 – Kälte – ich weiss darum. Schliesslich ist es meine eigene Entscheidung, nur mit dünner Sportunterwäsche in den Trockenanzug zu steigen. Wenigsten habe ich heute morgen wegen der kühlen Witterung den Fleece daruntergezogen.
Problem 3 – über die vor einigen Tagen gerissene Latexmanschette am Hals kommt natürlich Wasser in den Trocki. Viel schlimmer ist aber die Kälte die meine Beine umgibt, das Wasser hat nur einige wenige Grad über 0°C. Susanne ist schnell zur Stelle und stabilisiert meinen Explorer. Mit dem Gesicht zum Bootsheck verdrehe ich meinen Oberkörper, schliesslich sind beide Beine im Cockpit, ich wälze mich herum und sitze wieder im Boot.
Problem 4 – der Explorer liegt mit mir, der Ausrüstung und dem vollgelaufenen Cockpit so tief im Wasser, dass jede Woge wieder über den Süllrand hereinschwappt und damit jeden Lenzversuch mit der Pumpe bereits im Ansatz wieder zunichte macht. Also verschieben wir die Kajaks um 3m und Susanne bringt uns beide mühsam um den Eisverhau herum, bis wir ruhigerem Wasser sind.
Problem 5 – meine Füsse sind durch das Wasser im Cockpit und die vollgelaufenen Neoprenstiefel Eisklumpen, ich spüre sie bis zu den Knien nicht mehr. Dementsprechend lang dehnt sich die Zeit. Auch hinter dem Eis sind die Wellen noch so hoch, dass ich nicht lenzen kann – von anlanden ganz zu schweigen. Die Wellen würden mir auf der Stelle das Boot zerschlagen. Also weiter. Die Zeit dehnt sich endlos, meine Arme schmerzen vom Festhalten an Susannes Kajak.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir eine einigermassen passende Felsbank. Rockhopping mit vollgelaufenem Kajak, nicht lustig. Mit der nächsten passenden Welle knalle ich auf den Felsen. Raus aus dem Boot und versuchen das Kajak zu stabilisieren / zu halten. Kein Chance. Nach dem 10./11. Versuch klappt es endlich, ich bekomme den Kahn hoch genug auf die Felsen dass er liegen bleibt. Hochkant stellen, lenzen. Nass. Kalt. Wieder rein. Susanne hat eingesammelt was von meiner Ausrüstung geschwommen ist bzw. was sie erwischt hat. Verluste auf meiner Seite: Schwamm, Thermoskanne (schmerzlich), Sonnenbrille (noch schmerzlicher), Tagesration Pfeifentabak, Feuerzeug. An der rechten Hand ist auf der Aussenseite des Mittelfingers die Haut am Gelenk grossflächig aufgerissen, wahrscheinlich habe ich mich beim Ausstieg am Eispickel verletzt. Aber das grösste Problem ist das verschwundene Selbstvertrauen, dass ich die kommenden Wochen meistern kann. Der verletze Stolz. Die Furcht, nochmals zu kentern – dann bei schlechteren Verhältnissen und Steilküste. Was dann?
Die anschliessende Mittagspause war für mich dementsprechend arbeitsam, kurz – und kalt.
Die weiteren Kilometer zum Kap Tordenskjold, einem trutzigen, fast 800m hohen Pfeiler waren von den Wasserverhältnissen nicht unbedingt besser – wobei das Hauptproblem mein Kopf war. Nordwind setzte ein, die Dünung weiterhin hoch und das Wasser kabbelig. Ganz zu Schweigen von meiner jetzigen Vorsicht, ja fast Verzagtheit. Nach dem Kap wurde der Wind böig und frischte weiter auf sodass wir beschlossen uns einen Platz für das Camp zu suchen und für heute Schluss zu machen. Mir war das mehr als recht, ich hatte genug für heute. Und ich war schon lange nicht mehr so froh gewesen in richtig trockene Sachen zu kommen – trotzdem hatte ich bis in den Abend hinein eiskalte Füsse.




Expeditionstagebuch
27. Juli 2022
39. Reisetag / 27 km
Qeqertatsiaq
Heute gab’s wieder einige Überraschungen…
Gestern nacht schlecht geschlafen, meine Finger sind jeden Abend geschwollen & schmerzen – wahrscheinlich durch den häufigen Kontakt mit dem kalten Spritzwasser und dem Wind. Mit Neoprenhandschuhen will ich aber nicht fahren – fehlendes Griffgefühl - und mit den Paddelpfötchen ist es mir schlichtweg zu warm. Ausserdem habe ich tagsüber weder kalte Hände noch friert es mich…
Der Platz auf den terassenförmigen Klippen war ja wirklich schön. Wasser lief von Stufe zu Stufe herab und floss direkt an den Zelten vorbei. Allerdings zog von NO dunkle Bewölkung heran. Ich rechnete mit Regen & Wind und schleppte lieber gleich noch einige Steine heran um die Zeltbefestigungen zu verstärken. Mitten in der Nacht wache ich auf und stopfe in einem Anfall von Heisshunger Schokolade und Studentenfutter in mich hinein. Man sieht es unseren Körpern mittlerweile an, dass sie zu wenig Brennstoff bekommen. Die Gesichter wirken nicht nur sonnenverbrannt, sondern beginnen hager zu wirken Das (vorher bereits) wenige Hüftgold ist komplett verschwunden, mein Sixpack wieder ausgeprägt Die Rippen sind gut sichtbar - ich bin echt gespannt, wieviel ich auf die Waage bringe wenn ich wieder daheim bin…
An der Stelle ein paar Worte zu unserer Verpflegung – vor allem für die Leser, die ähnliches noch nicht gemacht haben oder machen werden.
Frühstück – Müsli, Milchpulver (aufgelöst in Wasser), Kaffee. Heisswasser für Tagesgebrauch in Thermoskannen abfüllen.
Tagsüber – Kaffee, Müsli- und Schokoriegel, Trockenfrüchte, Nüsse, Schokolade, Trockenfleisch, Salami, Trockenfisch. Vollkornbrot & Käse ist irgendwann nach den ersten 2 Wochen ausgegangen, auch zu schwer / zuviel Volumen um mehr mitzunehmen. Klaus und Susanne hatten selbst gebackenes, vakuumiertes Knäckebrot dabei – leicht & lange haltbar.
Abends – Je nach Lust & Laune als Vorspeise Suppe (heisse Tasse), Hauptgericht Travel Lunch (dehydriert – wird nur mit kochendem Wasser aufgegossen und muss dann 5-10min ziehen). Bei den dehydrierten Nahrungsmitteln ist mittlerweile eine sehr breite Palette verfügbar: Nudel-, Reis- und Kuskusgerichte, Süssspeisen. Mit Fisch, Fleisch, Vegetarisch und sogar Vegan.
Mehl zum Brotbacken hatten wir keines dabei, da der Brennstoff für die Kocher auf die tägliche benötigte Menge Heisswasser berechnet bzw. rationiert war. Öl zum Braten hatten wir ebenfalls aus denselben Gründen nicht dabei. Ich wollte mich speziell in Ostgrönland nicht auf unzuverlässige Treibholzvorkommen verlassen. Ausserdem – wenn man abends aus dem Kajak steigt und der Hunger kommt, muss es mit dem Essen schnell gehen. Da bleibt in meinen Augen keine Zeit, noch (eventuell) selbst gefangenen Fisch zuzubereiten. Arbeit gibt es ja so schon genug die noch erledigt werden muss… Abends nach dem Essen dann nochmals Kaffee / Tee sowie Schokolade oder ab & zu – speziell nach harten Tagen - noch eine der rationierten Süssspeisen. Satt wird man also schon, auch wenn man durch das Leben im Freien, die kühlen Temperaturen sowie die körperliche Betätigung/Anstrengung in Summe mehr Kalorien verbrennt als man zuführt.
Das Bassin in dem wir gestern bei Flut gut anlanden konnten war natürlich heute morgen wegen Ebbe leer, sodass wir einen Klippenstart bei glücklicherweise nur leichtem Swell machen durften. Timing war dabei trotzdem alles um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen.
Zunächst liefen wir mit achterlichem Wind noch einige Kilometer weiter in den Igutsait Fjord hinein, bevor wir uns an die Querung mit Kurs auf die grosse Landzunge am südlichen Ufer machten. Der Wind war eingeschlafen, leichter Swell von einem Meter und das Wasser wie Öl. Auf der anderen Seite machten wir im (noch) ruhigen Bereich eine kurze Pause, bevor wir uns weiter auf den Weg zum noch entfernten Kap Olfert Fischer machten. Je näher wir der offenen See kamen desto ruppiger wurde das Wasser. Der Swell nahm zu und der auf SO drehender Wind verschärfte die Situation noch. Aber – Zähne zusammenbeissen und weiter, auch wenn sich die Strecke wie Kaugummi zog. Irgendwann hatte sich die Höhe des Swells mehr als verdoppelt und kam zügig von NO, der SSO Wind schob frische grüne Wellen aus einer neuen Richtung mit Schaumkronen herein, dazu noch das Widerwasser von den Klippen und Felswänden. Anspruchsvoll.
Das Kap selber – eine spitze Nadel – umrundeten wir in einem weiten Bogen, da die See dort buchstäblich kochte. Gischtfontänen von den anbrandenden Wellen schossen mehrere Meter in die Luft, weissschäumend lief das Wasser wieder die Klippen herab. Normalerweise, so hatten wir die Erfahrung gemacht, ist es auf der anderen Seite des Kaps immer ruhiger – aber eben nicht heute. Der SO Wind kam nach dem Kap jetzt nämlich ungebremst von der offenen See in den Kangerdluluk und brachte Swell aus einer neuen Richtung von geschätzt 3 Metern mit sich. Verschärft, ja potenziert wurden die Wellen von der Uferform – relativ flache Klippen auf die die Wellen im 30° hinaufrollten, brachen und um 30° versetzt wieder in den Fjord zurückliefen. Eine teuflische Situation, da sich dadurch die Wellenamplituden teilweise verdoppelten und der Wind immer noch kräftig schob. Rückblickend haben Susanne und ich beide gesagt, dass hier in einer Notsituation Hilfe wohl fast unmöglich gewesen wäre, selbst wenn man nur wenige Meter vom Kollegen entfernt gewesen wäre. Das Kajak im Fall der Fälle bei den Verhältnissen zu drehen und gegen den Wind zu bringen…
Es liest sich jetzt alles leichter als es tatsächlich war. Spass hat es ja trotzdem gemacht, geflasht von Adrenalin bis zu den Haarwurzeln – aber nachdenklich wird man trotzdem.
Also nochmals eine halbe, dreiviertel Stunde höchster Konzentration, nachlassender Kraft und schmerzenden Schultern weiter bis zur ersten möglichen, einigermassen ruhigen Bucht. Dort im hintersten Winkel haben wir ein ruhiges Eckchen gefunden in dem der Swell fast nicht mehr spürbar war und wir rauskonnten um Mittag zu machen. Beim Aufbruch – die Flut war am Steigen – wurde mein Explorer vom ablaufenden Wasser einer Welle auf Grund gesetzt und die nächsten Welle hat ihn dann schlichtweg geflutet, Cockpit einmal mehr vollgelaufen… Aber das hat wohl jeder Kajakfahrer so oder so ähnlich auch schon ein- oder mehrmals erlebt. Also Lenzen und dann weiter.
Als wir dann wieder auf dem Fjord waren merkten wir dass der SO immer noch ziemlich stark war. Dementsprechend haben wir den Kangerdluluk nur noch gequert und uns sehr schnell entschieden, das nächste Kap - Sarqap Nua- heute nicht mehr zu machen. Belohnt wurden wir mit einem Platz für’s Camp auf der Inselgruppe Qeqertatsiaq mit viel Treibholz für eines der wenigen «richtigen» Feuer während der ganzen Tour, sowie einem grossen Eisbergfriedhof direkt vor unserer Bucht. Trinkwasser dürfte die kommenden Wochen eventuell zu einem Problem werden, die Gegend ist staubtrocken. Schneefelder gibt es keine mehr, sämtliche Pfützen, Tümpel und Seen sind leer.
Nachtrag zu gestern Vormittag – Venturi Effekt live
Kleines Kap, vorgelagert in gerader Linie (ausgerichtet nach O) 4 kleine Felsinselchen mit Abständen zwischen 10 und 50m. Soweit klar, kann sich das jeder vorstellen?
Swell mit gut 2m trifft im 90° aus N auf diese Kette. Abstand Kap – 1. Insel gut 10m, dazu noch vorgelagerte Felsen. Schon von weitem sichtbar schiesst die Gischt fast haushoch in den Himmel. Geht also nicht…
Aber zwischen der 1. und 2. Insel ist der Abstand wohl 30m. Auch hier links und rechts Gischt an den Ufern, Kabbelwasser ist ebenfalls aus der Entfernung ersichtlich – aber es sollte funktionieren. Alternative: ein weiter Bogen um alle Inseln herum, ein Umweg von mehreren 100m, allerdings im erheblich ruhigeren Wasser...
Klar gings – aber vor allem richtig zur Sache. Eiskanal (eine berühmte Wildwasserstrecke in Augsburg) in 3D, Dolby Surround Sound & Breitwandkino, gefühlt Waschmaschine im Schleudergang. Kabbelwasser von 2,00 – 2,50m zwischen den Inseln, Swell von 2m und das rücklaufende Wasser von den Klippen. Teufel, von draussen hat das wesentlich ruhiger ausgesehen. Einmal falsch mit der Wimper zucken und das war’s….
Aber schön war’s trotzdem.
Venturi Effekt: kleinerer Querschnitt (in diesem Fall die Passagen zwischen den Inseln) erhöht die Strömungsgeschwindigkeit (in diesem Fall wurde der Swell zwischen den Inseln schneller & höher)
Bernoulli-Gleichung – Wikipedia





Expeditionstagebuch
31. Juli 2022
42. Reisetag / 28km
Nagtoralik Fjord
Eigentlich sollte es Tage geben, an denen die Kilometerleistung doppelt oder sogar dreifach gewertet wird – heute war einer dieser Tage.
Heute morgen sind wir so gut wie ohne Aufwärmphase aus einer ruhigen Bucht der Ingerdlorsiaq Halbinsel gestartet, vorbei an vielen auf Grund gelaufenen Eisbergen ins offene Wasser. Es war fast windstill, aber wir hatten kräftigen Swell von 1,50 – 2,00m von O / SO. Die gut 10 km bis Kap Walloe inklusive der Querung des langgezogenen, schmalen Kangerdluaraq gingen relativ problemlos vonstatten, aber man musste schon bei der Sache sein und sehen was der Bug macht.
Kap Walloe, eines der letzten Kaps das wir noch passieren müssen, hat wieder die ungefähre Form eines Hammerkopfes und ragt trutzig wie eine Burg aus dem unruhigen Nordatlantik. Gekrönt wird es vom Zwillingsgipfel des Brystfjeldet – der Name ist Programm 😊. Dem Kap selber ist eine kleine, unbenannte Felseninsel vorgelagert, ca. 200m vom Festland entfernt mit einer Länge von gut 500m
Und plötzlich – das seit Wochen ersehnte Blasgeräusch eines Wals. Endlich! Ich habe es so vermisst. Ich habe so darauf gehofft, diesen Sommer endlich wieder Wale vom Kajak aus aus der Nähe zu sehen, ihnen nahe zu kommen. Es ist ein Finwal. Susanne quietscht vor Begeisterung. Der Blas, die Atemluft, steigt mehrere Meter in Luft, der Wal zieht einige Kreise um uns, taucht dann ab und bleibt verschwunden.
Der Swell hatte mittlerweile gute 3m erreicht und als wir auf das Kap zuliefen wurde es ziemlich unruhig. Am Festlandsufer schoss die Gischt der anbrandenden Wogen mehrere Meter die steilen Felsplatten hinauf, an den Klippen der Felsinsel noch höher. Im Kanal dazwischen ein grosser Eisberg nach 1/3 der Strecke, etwas rechts von der Mitte in Richtung Festland. Im Kanal sieht es aus der Entfernung im Gegensatz zur offenen See erheblich ruhiger aus – so beschliessen wir die Passage zu machen und die Insel nicht zu umfahren – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Denn der Swell kam ja von O/SO (also auf uns zu ) und wurde aktuell einfach durch die vor uns liegende Insel gedämpft und auf die See zurückreflektiert. Turbulent war die Durchfahrt trotzdem. Hohe Widerwellen, Kabbelwasser von 1,50m, Gischt, Schaum. Aktion und blitzschnelle Reaktion. Nicht mal die Zeit um nachzudenken oder Angst zu haben. Ausserdem – nach 500m sollte es ja schliesslich ruhiger werden, oder?
Aber – wie gesagt – der Swell kam von SO und trifft uns voll im unruhigen Wasser am Ende der Passage. Zusätzlich steigt hier anscheinend auch der Meeresboden stufenartig an, sodass wir anstatt 2,00oder 2,50m plötzlich eine Wellenhöhe zwischen 3 und 4m hatten, dazu noch die Widerwellen von den Steilufern. Kurz vor Panik, Angst, Klumpen im Magen. Hier eventuell aussteigen zu müssen bedeutet mindestens den Verlust von Kajak und Ausrüstung, wahrscheinlich den Tod. Die Wogen dreschen so auf die Steilufer ein dass sie alles kurz und klein schlagen, und das auf den nächsten 4-5km.
Irgendwann schaltet mein Kopf aus und der Körper, das Muskelgedächtnis mit seinen Reflexen übernehmen. Sonst hätte ich es wohl nicht geschafft. Teilweise war das komplette Vorschiff bis zum Cockpit im Wasser, teilweise mein Arm beim Kontern bis zu den Schultern. Bloss nicht nach links und rechts schauen was auf Dich zurollt. Nur sehen, beobachten, fühlen was der Bug macht und dann blitzschnell kontern. Einmal hätte ich es trotzdem bald nicht mehr geschafft das Kajak wieder aufzurichten – und dann sind plötzlich wieder Angst und Unsicherheit wieder zurück. Und 4 Kilometer werden plötzlich als Ewigkeit empfunden, das subjektive Zeitgefühl ist komplett aus der Spur. Und vor allem – man muss schön draussen auf See bleiben, weil dort das Wasser immer noch erheblich ruhiger ist als näher an der felszerissenen Steilküste. Also keine Diagonale in Richtung der ersten Bucht, die ruhiges Wasser verspricht.
Als wir dann endlich auf die Bucht eindrehen können, habe ich Mühe das Kajak daran zu hindern auf den hohen Wellen das Surfen anzufangen. Erst auf den letzten Metern lasse ich es zu – und geniesse es. Und das Ganze bei Ostwind, der noch zusätzlich schiebt und die Wellen antreibt. Mit einem halben oder sogar ganzem Meter mehr Swell hätten wir es wohl nicht mehr geschafft. Die ganze Dramatik der letzten Stunde wird mir erst richtig bewusst, als ich mich im ruhigeren Wasser umdrehe und Susanne auf den hereinrauschenden, geschätzt 4m hohen und schaumgekrönten Wellen hereinsurfen sehe… Das Zittern kommt erst jetzt, als der Adrenalinpegel wieder langsam sinkt und sich die Erschöpfung bemerkbar macht. Und die Endorphine machen sich bemerkbar – ich bin froh, die Situation gemeistert zu haben und noch am Leben zu sein.
Die Mittagspause haben wir dann verdientermassen vorgezogen und in der geschützten Bucht auf einigen Klippen verbracht. Der Plan war, noch eine Strecke von 20, 25km zurückzulegen: 8 km bis zum Nagtoralik Fford, diesen queren, die darauffolgende Halbinsel zu umrunden und dann bei Mannes Havn am Eingang des Lindenow Fjordes Camp zu machen. Aber - wir haben lange vorher aufgehört, da die Konzentration nicht mehr da war und auch die Kraft nachliess. Swell weiterhin bei 2,50 – 3,00m, teilweise unregelmässig und unberechenbar, dazu weiterhin auffrischender Wind aus SO.
Ich sitze im Kajak, sehe aus dem Augenwinkel eine Woge nach der anderen heran- und unter mir durchrauschen, von der anderen Seite kommen die Widerwellen von der Steilküste zurück und habe das Gefühl, dass wir nicht vorankommen. Wir treten bzw paddeln auf der Stelle. 35 km vor uns gleissen die Gletscher vom Südufer des Lindenow Fjorde im Licht – ich sehe sie, ich sehe sie nicht, ich sehe sie – aber sie wollen einfach nicht grösser werden…
Die Einfahrt in den Nagtoralik Fjord ist nochmals ein Kraftakt. Aber gleich in der ersten, am Nordufer gelegen Bucht werden wir fündig: hinter mehreren auf Grund liegenden Eisbergen erwarten uns ein flacher Geröllstrand, Frischwasser das von den Bergen kommend einen kleinen See bildet, Heidekraut und dichtes Gras am Standplatz für die Zelte – Luxus pur in unserer kleinen Welt. Was macht es da schon aus, dass die Sonne bereits um 1700 hinter den Bergrücken verschwindet und wir im Schatten sind? Abends wird es windig, Nebel kommt von der See herein , verwischt die Konturen und bringt feuchte Kälte mit sich.






Expeditionstagebuch
03. August2022
45. Reisetag / 23km
Alup tunua, Kangerdluatsiarssuasik
Ein Wort zu unseren Kilometerleistungen.
Kalkuliert habe ich die Tour mit durchschnittlich 20km/Tag, 5 Tage die Woche sowie 2 Tage Schlechtwetter / Ruhetage. In den ersten Tagen haben wir aufgrund der Eislage ca. 10km/Tag zurückgelegt, dann waren es um die 30km/Tag, schliesslich über 40km/Tag – je nach Wind- und Seeverhältnissen. Aber – die Kilometer sind generell nur eine Masseinheit für die zurückgelegt Strecke und sagen – speziell bei dieser Tour – nichts aus über Eissituation, Wind, Swell und Wellen. Dazu kommen natürlich auch die physische und psychische Tagesform. Ob wir auf der offenen See unterwegs sind oder in geschützten Fjorden mit Rückenwind dahingleiten oder uns im unruhigen Kabbelwasser um Kaps und Landzungen herumarbeiten.
Jedenfalls – heute haben wir wieder einen Meilenstein geschafft. Wir haben Kap Ivar Huitfeld, unser letztes Kap in Ostgrönland, passiert. Und es scheint, als hätten wir einmal mehr alles richtig gemacht…
Aufgestanden sind wir heute bereits um 0500, unser Lagerplatz auf den Klippen lag noch im Schlagschatten des Küstengebirges. Als wir um kurz vor 0700 in Kajaks sassen hat die Sonne dann auch für uns geschienen. Gleich auf den ersten Metern in Richtung offene See – es waren nur knapp 3 km – machte sich der hereinkommende Swell nachdrücklich bemerkbar. Am Fjordausgang hatten wir geschätzte 2,00 – 2,50m Wellenhöhe, die allerdings seidenweich und unaufgeregt unter den Kajaks durchzogen, Windstille. Einige Riffe und unterseeische Felsen gischteten weiss/grün im Morgenlicht, die Brecher dort mehrere Meter hoch. Diese umgingen wir in einem grossen Bogen zur offenen See hin. Wegen des hohen Swells und des dadurch resultierendem hohen Widerwassers an der Küste hielten wir weiter Kurs auf die offene See, bis wir eine Distanz von ca. 3km zum Ufer hatten. Hier heraussen war es dank Windstille erstaunlich ruhig., obwohl sich die Wogen mit gut 3m und mehr unter uns durchwälzten. Die tiefe, trichterförmige Bucht unmittelbar vor dem Kap querten wir ebenfalls weit draussen, ein leichter Wind aus Süd kam auf. Vom Kap Farvel her zogen tintige Wolken heran – Eile war geboten.
Das Empfinden - wenn Du weit draussen auf dem Meer bist und die Küste nur noch als Strich siehst - ist, dass die gefahrene, tatsächliche Geschwindigkeit nahezu null ist. Der Horizont, die Küstenlinie, die markanten Punkte wie Berggipfel, Gletscher oder Kaps scheinen ihre Lage nicht zu verändern. Du fühlst Dich wie eine Ameise auf einem Fussballfeld, siehst immer nur die nächste Woge vor Dir. Mit jeder Woge, jeder Wellenbewegung taucht das Land wieder auf – nur um gleich darauf wieder zu verschwinden. Nur die drohenden dunklen Wolken bleiben immer im Blickfeld und treiben Dich zu r Eile an.
Plötzlich – innerhalb von 50, 60m ändert sich die Farbe und Struktur des Wassers, es wird extrem ungemütlich. Der von S/SO kommende Swell bricht sich am Kap (wir sind nach dem Kap im weiten Abstand zu Küste nach Westen abgebogen) und ab hier kommt trotz unserer grossen Distanz zur Küste das Rückwasser wieder ins Spiel. Swell 2,50 – 3,00 m von SO, 1,50 – 2,00m von NO ergeben eine Verschneidung von gut 90°. Interessante Konstellation – Tempo ist hier nicht mehr zu machen, nur kontern, kontrolliert surfen und vor allem – Tempo ‘rausnehmen…
Nach kurzer Pause im Wellenschatten von grossen, auf Grund gelaufenen Eisbergen wieder raus auf die unruhige See und um die letzte Nase herum bevor wir im Kabbelwasser zwischen Schären und Festland in den Alap Tunua (Fjord, in den drei Gletscher kalben) nach Westen eindrehen. Wind von NO, Swell von NO, die tintigen, schwarzen Wolken von S sind schon nahe heran. Aber es passt noch – wir machen eine Diagonalquerung von 6km in nicht einmal 40 Minuten, getrieben vom Rückenwind.
Es ist kurz nach 1200, wir haben 4 1/2h ohne grössere Pause auf der Uhr. Als wir um die Landzunge kommen und in die Bucht einbiegen in der wir Mittag machen wollen, bringt der Wind plötzlich Wärme mit sich und frischt in Böen fast bis Sturmstärke auf. Die tintigen, schwarz-blauen Sturmwolken sind über uns.
Also – keine Mittagspause. Boote aus dem Wasser, entladen, Camp machen, Steine schleppen um die Zelte sturmfest zu machen, Wasser holen, Kajaks / Zelte nochmals sichern – dann in der Windstille der Apsis Kaffee, eine Pfeife.
Es wird stürmisch, die Zelte arbeiten im Wind. Zur Feier des Tages mache ich mir eine Portion Rührei (was würde ich für ein Stück Brot geben…) und mache anschliessend ein Schläfchen während der warme Wind ums Zelt orgelt und Wellenmuster ins aufgewühlte Wasser des Fjordes zaubert.
Abends setzt Regen ein, die grossen Gletscher auf der anderen Seite verschwinden hinter den Wasserschleiern. Ab & an Starkregen. Die Wetteraussichten für die kommenden Tage sind nicht berauschend. Für morgen haben wir eine potentielle Piteraqwarnung, für das Wochenende Sturmwarnung für den Prins-Chrisitian-Sund. Wir werden es sehen – und alles auf uns zukommen lassen. Einfach wie immer.




Expeditionstagebuch
08. August 2022
50. Reisetag / 39km Aappilattoq
Aappilattoq – eine Dusche und eine Einladung zum Abendessen
Im Prins Christian Sund hatten wir bis jetzt mit viel Gegenwind zu kämpfen. Das war bereits vor 3 Tagen an dessen östlicher Einfahrt der Fall, als wir schon mittags nach nur 18km im Windschatten einer felsigen Halbinsel Camp machen mussten.
Vorgestern haben wir nach gut 40 km Sveardfisk Havn erreicht. Dieser ist in den Seekarten als «offizieller Ankerplatz» vermerkt und markiert die halbe Fjordlänge. Der wilde Prins Christian Sund - für unsere Begriffe und an ostgrönländische Wildnis gewohnten Augen eher lieblich wirkend - steht auch auf dem Programm der meisten Kreuzfahrt Veranstalter. Deren Schiffe nutzen oft diese Ost-West Verbindung, um die meist stürmische See um das Kap Farvel zu umgehen. Tja, Kreuzfahrer. Wochenlang haben wir keinen Menschen gesehen, keine menschlichen Geräusche gehört - und dann sehen wir am Tag bis zu zwei Kreuzfahrtschiffe und werden von Ferngläsern und grossen Teleobjektiven beobachtet… Clash of culture. Am Ende müssen wir bei Fjordquerungen noch aufpassen, dass wir nicht von den Schiffen überrannt werden…
Gestern morgen bereits wieder Westwind vom Feinsten. Unten am Wasser mit Sicherheit 20 – 25kn, in Böen deutlich darüber. Grüne Wellenberge auf dem Wasser, fast ausnahmslos mit Schaumkronen. Wir beschliessen, nicht weiterzufahren. Die Gegend ist viel zu schön, um nicht einen oder zwei Tage hier zu verbringen. Letztendlich habe ich den Tag genutzt, um wieder mal ausgiebig zu fotografieren und eine längere Wanderung in den Bergen zu machen. Die ersten Blaubeeren werden schon reif…
Heute Morgen sind die Zelte nach einer klaren Nacht mit dem ersten Herbstreif bedeckt. Es ist ziemlich frisch, da die Sonne unser Camp erst kurz vor 0700 erreicht. Aber – blauer Himmel und windstill. Der blaue Himmel hat sich allerdings nicht lange gehalten, bis wir unterwegs sind ist es bereits wieder fast vollständig bedeckt, leichter Ostwind setzt ein. An der engsten Stelle des Fjordes queren wir bei auffrischendem Ostwind auf die Südseite. Die Kajaks sind am Surfen, die Wellen bekommen erste Schaumkronen, fangen teilweise an zu brechen. Irgendwann muss ich raus um meinen Fleece unter den Trocki anzuziehen – ich war auf Sonne eingestellt, nicht auf Wind und gischtende Wellen. Die Verhältnisse werden allmählich anstrengend, da der Wind auf NO dreht und speziell bei den Gletschertälern direkt von N kommt. Die Wellen laufen jetzt diagonal über den Fjord und wir mehr oder weniger parallel zu den Wellen, um unseren Kurs halten zu können. Eine nasse und kalte Angelegenheit, Kopf & Oberkörper bekommen nach jedem Paddelschlag Spritzwasser ab.
Interessant wird es am westlichen Ende des Fjordes – ein 90° Turn nach Süden um Niaquornaq herum. Was wird der Wind machen? Folgt er dem engen Tal oder geht er über den Höhenzug der Akuliaruseq Halbinsel weiter nach Westen? Bevor wir nach Süden abbiegen können müssen wir nach einer kurzen Pause aber noch eine letzte Landzungen umfahren, die Kajaks nach N ausgerichtet. Wind & Wellen kommen weiterhin aus NO. Kurze, steile Fjordwellen, sämtlich schaumgekrönt, regelmässig brechen sich deren Kämme. Ich bekomme zwei, dreimal eine richtige Dusche ab, als sich unmittelbar neben mir Wogen brechen. Pfui ist das frisch. Und natürlich läuft mir das Wasser über die zerfledderte Halsmanschette schön weiter nach unten.
Nach der Nase sind die Wellen weg, der Wind folgt aber terrainbedingt dem engen Fjordtal, biegt mit uns nach Süden ab und schiebt weiterhin kräftig von hinten. Es folgt also eine weitere flotte Querung von 4 km hinüber zur Akuliaruseq Halbinsel. Von dort bekommen wir leichten Gegenwind aus von SW, was das Wasser einmal mehr unruhig macht. Das mit der Flut hereindrückende Wasser von der offenen See ist dunkelblau, fast schwarz – ein deutlicher Kontrast zur milchig-grünen Farbe des Prins Christian Sundes, der geprägt ist vom Schwemmmaterial der Gletscherabflüsse.
Es folgt ein 180° Turn nach Norden, Wind und Wellen schieben jetzt moderat von SO. Dadurch geht die folgende Querung zur Nordspitze der Angnikitsoq Insel zügig voran. Es folgt die böse Überraschung des Tages: wir drehen an der Nase um 120° auf SSW und haben – Gegenwind. Unerwartet und vom Feinsten. Ähnliche Windgeschwindigkeiten wie heute vormittag, nur eben aus der entgegengesetzten Richtung… Aber wir sehen gleichzeitig kleine, bunte Punkte auf der anderen Seite des Sunds: die Häuser von Aappilattoq. Die erste Siedlung, die ersten Menschen, der erste Laden seit Wochen. Nochmals eine Querung von 4 km.
20 Minuten vor der Schliessung des Dorfladen laufen wir in die perfekt geschützte Hafenbucht von Aappilattoq ein, Themo Benjaminsen erwartet uns schon. Themo, Jäger und Fischer, ist unser persönlicher Held. Wir haben bereits im Juni ein Lebensmittelpaket von Tasiilaq aus zu ihm geschickt – für den Fall, dass es bei uns knapp wird. Vor zwei Tagen, als wir kurz vor Svaerdfisk Havn sind, taucht plötzlich ein Motorboot auf, Themo am Steuer. Über den Blog von Susanne wusste er genau, wann wir dort sein würden. Mit dabei hatte er neben unserem Care Paket auch frisches Obst… Und ebendieser Themo nimmt uns unter seine Fittiche, wir sind heute abend zum Dinner bei ihm eingeladen.
Quartier machen wir im örtlichen Servicehaus. Nach Wochen im Zelt und an der frischen Luft fühle ich mich in geschlossenen Räumen nicht mehr wohl, alles kommt uns überheizt und stickig vor.
Servicehäuser gibt es in jeder Gemeinde in Grönland. Da speziell in den Aussensiedlungen die meisten Häuser über kein fliessend Wasser (und dementsprechend weder Waschmaschine noch Dusche) verfügen, gibt es dort Waschmaschinen, Trockner und Duschen für die Einheimischen. Ausserdem sind sie Nachrichtenbörse, Versammlungs- und Veranstaltungsort und verfügen über Zimmer, die von Reisenden preiswert gemietet werden können.
Dort also die erste Dusche , das erste heisse Wasser seit unserem Start in Tasiilaq – ein Luxus, eine Wohltat, wenn auch nicht wirklich notwendig. Aber der Blick in den Spiegel erschreckt mich dann doch etwas. Dass ich nach 8 Wochen verwildert aussehe ist mir klar. Aber ich habe viel Gewicht verloren, habe kein Gramm Fett mehr am Körper. Jede Rippe sticht heraus, ebenso ein kräftig ausgeformter Sixpack.
Dementsprechend lange ich abends bei Themo zu. Nachmittags habe ich bereits einen Laib Brot, 300g Leberpastete, Käse und Eis verschlungen. Jetzt am Abend verputze ich immer noch gierig Schweinebraten mit Kruste, Kartoffeln, Rotkraut und dunkler Sosse. Zum Schluss hatte ich 4 Scheiben Fleisch. Nachtisch ebenfalls mit Nachschlag, Kaffee. Dann – satt und glücklich.
Aappilattoq ist ein schmuckes Dorf, hingekauert auf einer kleinen Landzunge an einer geschützten Bucht am Fuss von hohen, schroffen Bergen. Der Blick schweift weit über den Fjord zu den schneebedeckten Bergketten Südgrönlands. Die südlichste Gemeinde Grönlands liegt geborgen in den Fjordtälern nahe dem Kap Farvel, eingerahmt von alpinem Panorama. Was sofort auffällt, wenn man Siedlungen in Ostgrönland gewohnt ist: es liegt kein Müll herum. Keine leeren Bierdosen oder zerbrochenen Flaschen, keine Plastik- oder Chipstüten. Respekt. Der Fischverarbeiter Royal Greenland hat eine Niederlassung im Ort, Themo kann seinen Fang hier abliefern. Viel bekommt er allerdings nicht dafür. Das Dorf selber ist schmuck, die meisten Häuser sind frisch gestrichen und gepflegt. Nur wenige Häuser sind verlassen. Wirtschaftlich scheint es den Menschen hier besser zu gehen als in Ostgrönland. Aktuell leben ca. 80 Menschen hier, davon 5 Kinder. Alle 14 Tage kommt der Versorgungskutter aus Nanortalik, um den Laden wieder zu befüllen und sonst bestellte Güter zu liefern. Und der Kutter verkehrt ganzjährig, auch im Winter. Hier im Süden bleiben die Gewässer eisfrei, auch wenn im Winter häufig heftige Stürme den Fischfang unmöglich machen sagt Themo. Das Eis kommt erst im Frühjahr & Frühsommer, wenn mit dem Ostgrönlandstrom das Packeis in den Süden kommt. Dann kommen auch vereinzelte Eisbären.
Wir werden morgen noch einen Tag in Aappilattoq verbringen. Morgen abend kochen wir dann - eben haben wir Themo und seine Familie zum Essen eingeladen.










